Soziale Arbeit

aus: Wanderausstellung: Der Mensch ist keine Ware

Wenn ich von Sozialpolitik spreche, ist auch die Soziale Arbeit gemeint.

Das liegt einfach daran, dass ich in diesem Feld 36 Jahre gearbeitet habe.
Soziale Arbeit ist jeweils die im Handlung umgesetzte Sozialpolitik eines konkreten Staates. Sie ist nicht nur deshalb interessant, weil sie nicht nur bestimmte Aspekte der menschlichen Lebens thematisiert, sondern vor allem auch, weil sie unmittelbar das jeweilige  das Menschenbild und Gesellschaftsbild der entsprechenden dieser Sozialpolitik vermittelt.
Es sind der offiziellen Sozialarbeit allerdings dadurch Grenzen gesetzt, dass sich Soziale Arbeit seit vielen Jahrzehnten zu einer wissenschaftlich begründeten Profession entwickelt hat, die sich nicht einfach als Handlanger der jeweiligen Politik versteht, bzw. verstehen sollte.
Hier liegen Widersprüche, die in der Sozialen Arbeit unvermeidbar sind. Aber genau das gerät zusehends in Vergessenheit.

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Gedanken zur kritischen Sozialarbeitsbewegung

(2011 bis heute)

Widersprüchliche Antwort auf die Soziale Frage

Soziale Arbeit ist immer eine gesellschaftliche Antwort auf die Soziale Frage, in ihren Anfängen in der Zeit der Industrialisierung bis heute.
Soziale Arbeit ist schon deshalb  keine revolutionäre Antwort auf diese Frage. Soziale Arbeit ist schließlich historisch ein Kind der Sozialdemokratie und bildete sozusagen den Gegenpol zur damaligen politischen und sozialistischen (auf die Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft orientierten) Arbeiterbewegung.

Ihr Bemühen, die sozialen Probleme der Bevölkerung zu lösen, entwickelte sich  immer im Spannungsfeld und im Widerspruch zwischen Anpassen und Wachrütteln, zwischen Helfen und stark Machen, zwischen dem Versuch, die Menschen mit der Gesellschaft zu versöhnen und dem Wunsch, sie mit den Betroffenen zusammen zu verändern.
Dies zeigt sich an sehr vielen Praxis -Beispielen der Vergangenheit und Gegenwart:

Sie hat

  • den Armen dazu verholfen, wieder arbeiten zu gehen und hat sie gleichzeitig an Geschäftsleute verraten, die sie noch mehr ausbeuteten (z.B. schon im Elberfelder System),
  • Kinder und Jugendliche in Heimen aufgenommen. Aber in diesen Einrichtungen gab es nicht gerade selten Gewalt und Missbrauch.
  • allein erziehende Mütter unterstützt, aber ihnen auch beigebracht, sich noch besser zu verkaufen, um endlich wieder arbeiten zu können,
  • sich um  um schwache Schüler bemüht, sie bringt diese Schüler dazu, sich den  einengenden Strukturen der Schule zu beugen.

Kurz und gut:

Soziale Arbeit ist nicht generell menschenfreundlich oder humanistisch. Sie kann es sein, wenn sich die Professionellen darum bemühen, zumindest so weit, wie es durch die Arbeitgeberseite und damit durch die Sozialpolitik zugelassen wird.
Im Faschismus stand sie auf der Seite des Faschismus, beziehungsweise bediente ihn.

Soziale Arbeit im Sozialstaat der Bundesrepublik Deutschland

Im Rahmen des Sozialstaates der 70er und 80er Jahre emanzipierte sich die Soziale Arbeit in doppelter Weise:

  • Sie entwickelte sich zu einer wissenschaftlich begründeten Profession mit einer eigenen, humanistischen Ethik.
  • Sie definierte sich als lebensweltorientiert und sie verstand ihre Aufgabe als eine, die den Menschen dient, nicht vorrangig dem Staat.

Das in diesen Jahren in einem ca. 30 jährigen Prozess entstandene und diskutierte Kinder- und Jugendhilfegesetz, das 1990 verabschiedet wurde, war ein explizit sozialpädagogisches, demokratisches und menschliches Gesetz.

In dieser Zeit machte sie sich enorme Fortschritte was den Professionalitätsgrad der MitarbeiterInnen im Feld betrifft, was ihre Vielfalt der Themen und Arbeitsanlässe sowie die Zahl der MitarbeiterInnen betrifft.

Prozess der Neoliberalisierung der Sozialen Arbeit

Seit Ende der 80er Jahre bahnt sich eine grundlegende und aus meiner Sicht hoch problematische Veränderung an:
Nicht nur die Soziale Arbeit, auch alle anderen bisher als Nonprofitbereiche definierten Felder der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik wurden nach und nach, aber in konsequenter Weise zu neoliberalen Geschäftsmodellen umgebaut. Zuerst wurden die Folgen bei der Pflege und im Gesundheitssystem deutlich. Inzwischen ist auch die Soziale Arbeit nicht mehr wieder zu erkennen. Es geht nicht um die Menschen sondern um Geschäfte und Gewinne.Damit verließ die Soziale Arbeit ihr in den Jahren um 1968 herum entwickeltes humanistisches Selbstverständnis und ihre Orientierung an Menschenrechten und Ethik.

Heute kostet die Jugendhilfe uns Steuerzahler    Milliarden pro Jahr. Auch das wird nie erwähnt. Man schleppt dieses demokratische Erbe eines Sozialstaates einfach hinter sich her. Aber vielen ist die Jugendhilfe schon lange zu teuer. Sie malen Szenerien einer explodierenden Kostenlawine durch die Jugendhilfe an die Wand. Sie schielen schon lange nach Wegen, diese für sie fette, gierige Kröte abzuspecken, die ja ohnehin nur den Mitessern sind am großen Tisch dieser Gesellschaft dient.
Die Neoliberalisierung scheint ein willkommenes Tor zu sein, durch das das Abspecken gelingen könnte – und das ganz offensichtlich sogar, ohne Aufsehen zu erregen.

Der Neoliberalismus kam nicht als Kampfansage gegen ethisch abgeneigte Träger und Wohlfahrtsverbände ins Land. Eine große Mehrheit war den neuen Regeln  und Menschenbildern durchaus zugetan. Man versprach sich den Anschluss an die sehr viel geachtetere Geschäfts- und Produktionswelt. Man wollte mitmischen mit dem großen Geldverdienen. Man glaubte, diese Modernisierung würde Schwung in den Sozialbereich bringen und dazu führen, alte überholte Gewohnheiten hinwegzufegen – aber vielleicht auch alte, teure Verfahren und Regeln loszuwerden.

Profession ohne Lobby und ohne Selbstbewusstsein

Soziale Arbeit hat kaum eine Lobby. Sie spielt in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle. Es gelingt nur marginal, Missstände und problematische Tatsachen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit öffentlich zu machen. Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit  scheint man nur über die Skandalisierung von konkreten einzelnen Fällen zu bekommen, die das Gemüt erregen und meistens Jugendhilfe an den Prager stellen.
Heute liegen gerade die Bundestagswahl und der Wahlkampf davor hinter uns.  Die Soziale Arbeit war hier kein Thema, obwohl es intern im letzen Jahr wegen der drohenden „Reform“ des Kinder- und Jugendgesetzes eigentlich hochhergegangen war..
Selbst bei den Linken wurde im gesamten Wahlkampf das Thema Jugendhilfe nicht erwähnt.

  • Charakterisierung der neoliberalen Soziale Arbeit
  • Die Einbindung der Sozialarbeiter in die

Eine Basisbewegung der SozialarbeiterInnen selbst konnte nur in Ansätzen erreicht werden. Im System gefangen. Alle.
Aber da kommt meines Erachtens noch etwas hinzu:
Ganz unabhängig (aber ihm in die Hände spielen) leidet diese Profession chronisch an Minderwertigkeitsgefühlen, an mangelndem Selbstbewusstsein und unzureichender professioneller Sicherheit.
Die KollegInnen sind nicht für eine aktive Widerstandsbewegung zu gewinnen. Viele Faktoren spielen hier mit: Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder auch nur der Beliebtheit im Team, Individualisierung der Sozialarbeiter, die es gewohnt sind, Probleme eher individuell zu lösen, die Hoffnung, durch diese sog. Modernisierung den Anschluss an gesellschaftliche Achtung, bessere Bezahlung und Anerkennung zu bekommen. Viele stehen aber auch vor dem Burn Out und sind unfähig, sich weiter zu wehren. Noch mehr dürften sich einfach damit abgefunden haben und trennen ihren Job sogar von ihrem sonstigen eher kritisch eingestellten politischen Leben.
Aber wenn man genau hinsieht: So richtig vermisst wird eine starke politische Bewegung der praktizierenden KollegInnen auch von den Wissenschaftlern, Politikern und Meinungsführer nicht, die ernsthaft für eine andere Soziale Arbeit kämpfen.
So etwas wird den praktizierenden SozialarbeiterInnen oft gar nicht zugetraut. Sie sollen ihre Arbeit machen. Politik machen die , die den Überblick haben usw.
Aus neoliberaler Sicht ist ein denkender Sozialarbeiter gewissermaßen gefährlich. Aber auch in kritischen Kreisen von WissenschaftlerInnen und Menschen aus der höheren Leitungsebene scheinen von den Kollegen, um deren Arbeit es ja eigentlich geht, nicht viel zu halten. Für ihre Meinung interessieren sich nicht viele von ihnen.

Bewegung gegen eine neoliberale Soziale Arbeit

Die ersten wissenschaftlichen, kritischen Texte zur sich entwicklenden Neoliberalisiserung entstanden schon in den 80er Jahren. Ich persönlich  brauchte etwas länger, um die Zeichen der Zeit zu verstehen und die Hintergründe zu begreifen. Aber gegen Ende meiner Berufstätigkeit als Lehrende an der Fachhochschule Jena gingen bei mir die Lampen an. Damals schrieb ich das inzwischen relativ bekannte „Schwarzbuch Soziale Arbeit“, das 2011 in der ersten Auflage erschien.
Endlich pensioniert, gelang es mir nicht, den Blick von diesen fortschreitenden Entwicklungen oder besser Fehlentwicklungen abzuwenden. Aus Solidarität und weil es mich regelrecht anfraß, engagierte ich mich seitdem in der kritischen Sozialen Arbeit, als Wissenschaftlerin, als Berufspolitikerin, als politisch denkender Mensch und als Ex-Kollegin.
Und ich war durchaus nicht alleine. Wenn auch die überwiegende Mehrheit stumm blieb und sich nicht wehrte.

Beispiel:
Der Kampf gegen die Neoliberale Reform des KInder- und Jugendhilfegesetzes:
U. a. im Rahmen des 2012 gegründeten Bündnis Kinder- und Jugendhilfe für Professionalität und Parteilichkeit haben wir mit Mahnwachen, Veröffentlichungen, Diskussionen, Blogbeiträgen und vielen öffentlich wirksame Aktionen die politischen Pläne der Regierung zu einer neoliberalen „Reform“ der Kinder- und Jugendhilfe begleitet und versucht, darüber aufzuklären. Wir haben versucht, die eigentlichen Aufgaben und das ethische Verständnis einer humanistische orientierten Sozialen Arbeit, insbesondere Jugendhilfe, gegen diese Pläne zu stellen.

Der vorläufige Erfolg ist erfreulich. Der Bundesrat hat im September 2017 schließlich die Vorlage zurückgewiesen. Was in der nächsten Legislaturperiode auf die Jugendhilfe zukommt, wird sich erweisen. Die Zielstellung einer Neoliberalisierung wurde zumindest von CDU und  SPD  auf dem letzten Jugendhilfetag in Düsseldorf (Mai 2017) klar formuliert.
Der gemeinsame Kampf im Rahmen der kritischen Bewegung der Sozialen Arbeit hat auch mich persönlich durch Höhen und Tiefen geführt.  Lange Zeit standen wir ziemlich alleine da und keiner wollte uns glauben, dass längst geplant war, das KJHG, bzw. das SGB VIII neoliberal auf den Kopf zu stellen.Letztendlich gelang es doch, große Teile die Profession samt ihrer Verbände, Träger und Teilen der Wissenschaft zu einer kritischen Haltung der Gesetzesvorlage gegenüber zu bewegen.

Klar ist allerdings, dass der Kampf weitergehen muss.

Und weiter?

Und dennoch kann ich mich über diesen Teilerfolg nicht vorbehaltlos freuen.

Zum anderen fühlte ich mich mit meiner Kritik an der Gesetzesvorlage am Ende doch wieder allein: Die Kritik fast aller Gegner der Vorlage richtete sich am Ende nur auf bestimmte, ihre jeweiligen direkten Interessen berührenden Aspekte. Wir vom Bündnis waren in dem gesamten Prozess beinah die Einzigen, die es wagten, systemkritisch an das Problem heranzugehen. Genau an diesem Punkt aber zogen sich die Mitkämpfer zurück, drängten uns ins Aus und distanzierten sich.

Alle, die zuletzt noch an der kritischen Gegenbewegung beteiligt waren, akzeptieren  letztlich mehr oder weniger begeistert und offen die Neoliberalisierung der Jugendhilfe, der Sozialen Arbeit und damit auch aller anderen gesellschaftlichen Bereiche. Sie können sich offenbar eine andere, nicht gewinnorientierte und eben nicht nach dem Modell unserer neoliberalen Wirtschaft aufgebaute Soziale Arbeit weder vorstellen noch mögen sie an diesen Grundmauern rütteln.

Es ist zu beobachten, dass traditionell Kritiker und Bekämpfer der neoliberalen Sozialen Arbeit, peu a peu versuchen, dennoch wieder im Schoße der Gesellschaft zu landen und einen Weg zu finden, die gegebenen Verhältnisse zu beschönigen und trotz aller Kritik, sie auf den kritischen Leuten schmackhaft zu machen.
Sie versuchen auch dieses Mal wieder, „das Beste daraus zu machen“. Aber das reicht nicht.
Freilich, was sonst könnten sie tun?

Wie kann man in diesen Verhältnissen leben und arbeiten und dennoch kritisch, widerständig, systemkritisch sein?

Der AKS (Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit) formuliert folgende Fragen, deren Beantwortung bei der Bewältigung der gegenwärtigen Lage helfen kann und den Betroffenen trotz ihrer unvermeidbaren Einbindung in das System dennoch dabei helfen dürfte, kritisch und widerständig zu bleiben und im gegebenen Arbeitsleben zu überleben:

  • „Wie können wir uns als Akteur_innen Sozialer Arbeit in und zu diesen
    Verhältnissen positionieren?
  • Was können wir Ein- und Ausgrenzungen entgegensetzen?
  • Wie kann Soziale Arbeit so gestaltet werden, dass sie nicht so sehr Teil
    dieser Prozesse von Ein- und Ausgrenzung wird?
  • Welche professionellen Strategien oder Haltungen sind hierfür
    erforderlich bzw. hilfreich?“ (Einladung zum Bundeskongress 2017).

Sicherlich: Der Blick der  in der Sozialen Arbeit Tätigen muss sich auf die Bewältigung des beruflichen Alltags richten. Schließlich macht es keinen Sinn, wenn auf einmal die heute tätigen   Tausend Sozialarbeiter dieses Feld frustriert verlassen.

Gleichzeitig halte ich es aber für genauso wichtig, weiterhin die politische Lage zu analysieren, einschließlich der eigenen Eingebundenheit natürlich, aber sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Soziale Arbeit innerhalb dieses Systems nie wirklich und vorbehaltlos  humanistisch und menschenfreundlich sein kann.

Ich glaube nicht, dass in einer nicht-kapitalistischen Welt eine Soziale Arbeit überflüssig wäre. Aber sie wäre anders und könnte sich auf die Probleme der Menschen konzentrieren und auf die sie tragende Gesellschaft- ohne Kollateralschäden einer  auf Gewinne und nicht auf Menschen orientierten Welt möglichst kostenneutral beseitigen oder verschleiern zu müssen.

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70 Jahre – eine lange Reise
Soziale Arbeit in der sich verändernden Gesellschaft – vom Sozialstaat bis zum Neoliberalismus

Vortrag anlässlich des 70. Geburtstages des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Schleswig-Holstein Mechthild Seithe 15.8.2019

 70 Jahre – eine lange Reise
Soziale Arbeit in der sich verändernden Gesellschaft – vom Sozialstaat bis zum Neoliberalismus

Als ich eingeladen wurde, hier n einen Festvortrag zum 70. Geburtstag ihres Verbandes in Schleswig-Holstein zu halten, habe ich gedacht. „70? Das bist du auch.! Eine interessante Konstellation.

Gleich habe ich nachgeschaut, was Google zum einem 70. Geburtstag zu sagen hat:

„Mit 70 Jahren bist du wie ein wertvoller Oldtimer. Reich an Kilometern, leichte Gebrauchsspuren doch noch immer gut in Schuss.“ Die Frage ist nun, auf wen von uns beiden das passt?

Wenn ein Mensch 70 wird, dann hat er viele Erfahrungen gemacht, wird aber allmählich alt. Wenn ein Verband 70 wird, hat auch er viele Erfahrung gemacht und ist noch lange nicht am Ende, im Gegenteil.

Was uns als 70jährige verbindet: Wir haben den gleichen Zeitraum in der Sozialen Arbeit in diesem Lande durchlebt. Natürlich, in den Nachkriegsjahren habe ich diese Reise noch nicht bewusst mitbekommen.  Aber ab 1968 war ich dann voll dabei.

Dieser Paradigmenwechsel war für viele eine sehr schmerzliche Erfahrung und hat so manchen in der Sozialen Arbeit dazu gebracht, gegen diese Tendenzen anzukämpfen.
Auf diesem Weg ist mir nicht selten der Paritätische Wohlfahrtsverband begegnet als ein verlässlicher Partner in dieser Auseinandersetzung.

Und heute nun begegnen wir uns ganz nah direkt …

Auch wenn für mich die 70 eher bedeuten „Altenteil“ und für Sie: „Mit voller Energie voraus“…<

Es mag einen guten Sinn machen, wenn eine 70jährige Sozialarbeiterin einem ebenfalls 70jährigen Verband der Sozialen Arbeit ihre Erkenntnisse und Erfahrungen mitteilt und für das weitere Wirken ein paar Ratschläge mit auf den Weg gibt.

1.     An den Beginn meiner Ausführungen stelle ich die Frage:
Was ist mir am Paritätischen eigentlich sympathisch?

Da gibt eine Reihe von Aspekten.
Zum Ersten
Der Paritätische forciert keine religiöse oder sonstige Ideologie, die sich dann unweigerlich an einer Lobby verpflichtet fühlt. Was die weltanschaulich festgelegten Wohlfahrtsverbände übrigens meistens nicht davon abhält, dem Mainstream des Neoliberalismus und der ökonomistischen Prägung Sozialer Arbeit treu und wie selbstverständlich zu folgen.
Darüber hinaus zeigt er die Bereitschaft zur Transparenz, zu der ja wohl nur diejenigen bereit sind, die nichts zu verbergen haben.

Zum Zweiten
Er vertritt offensiv die Werte der Gleichheit und des Respektes – zum einen gegenüber den unterschiedlichen Ansätzen seiner Mitglieder –  und insbesondere gegenüber der Klientel.
Besonders der Respekt gegenüber der Klientel steht zwar auf vielen Fahnen, ist aber in der heutigen Sozialen Arbeit keinesfalls selbstverständlich.

Zum Dritten
finde ich es großartig, wie deutlich sich der Paritätische Wohlfahrtsverband absetzt von der durchökonomisierten und an einem Gewinn orientierten Sozialen Arbeit, wie sie seit Jahren, fast seit Jahrzehnten immer mehr propagiert und Schritt für Schritt als alternativlos umgesetzt wird.
Das ist eine ganz und gar wichtige Grundhaltung. Warum?
Nach Michael Galuske geht es beim Prozess der Ökonomisierung insgesamt um eine „Verschiebung des Kräfte- und Machtverhältnisses von Markt, Staat und privaten Haushalten zugunsten des Marktes“ (Galuske 2002, 144).
Ökonomisierung heißt, dass alles und alle – und das heißt auch das Soziale, die Bildung, das Gesundheitswesen – in dieser Gesellschaft unter die ökonomischen Gesetze von Effizienz und Konkurrenz gestellt werden.
Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit bedeutet ja nicht, wie so mancher glaubt, die angemessene Berücksichtigung der Tatsache, dass z.B. Soziale Arbeit auch Geld kostet.

Dabei ist besonders wichtig:
Aus der neoliberalen Transformation folgt für die Soziale Arbeit neben einer neuen Struktur vor allem auch ein völlig auf den Kopf gestelltes Menschenbild: Es gibt keine gesellschaftlich verursachten Probleme, sondern nur individuelle. Der Mensch ist selbst verantwortlich für sein Geschick und seine Fehler und Probleme. In den Augen des Neoliberalismus sind die Menschen nicht mehr die Souveräne der Gesellschaft, sondern die DienerInnen der Wirtschaft. Es geht nicht um Menschen mit Persönlichkeit und Würde, sondern allein nur noch um ihre Funktion als Humankapital. Menschen sind zudem verpflichtet, ihren Teil eigenverantwortlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen beizutragen.

Der erklärte Versuch, des Paritätischen Wohlfahrtverbandes,  an den humanistischen  Werten und Zielen festzuhalten und zwar trotz der realen Bedrängnis durch die Ökonomisierung daran festzuhalten, hat meine volle Sympathie. Es geht ihm also darum, die humanistischen Werte und Ziele der Wohlfahrt und der Sozialen Arbeit nicht nur zu behaupten, sondern sie in der Praxis auch gegen Widerstände umzusetzen.

Das alles ist schon sehr viel.

Zum Vierten und Letzten Punkt:
In besonderem Maße aber überzeugt und beeindruckt mich am Paritätischen sein  politisches Engagement.
In seiner Rede zum 100.Gründungstag des Paritätischen insgesamt, hat Rolf Rosenbrock vom „Wächteramt“ der Sozialen Arbeit gesprochen. Und er meinte damit nicht die derzeitige einseitige Betonung des Wächteramtes im Kontext Kindeswohl.
(Zum Verständnis: Nichts gegen dieses Wächteramt, aber mir scheint mitunter, dass sich die Jugendhilfe immer mehr auf diese Aufgabe reduziert. Ich habe die Aufgabe der Jugendhilfe immer schon in der Schaffung und Durchsetzung von dem Kindeswohl entsprechenden Lebensbedingungen gesehen, und nicht bloß im Schutz vor Kindeswohlgefährdung.)
In den Augen von Rosenbrock bedeutet das Wächteramt,  ich zitiere:
„Soziale Arbeit ist auch befugt und meines Erachtens auch verpflichtet, zu benennen, wie diese Schere wirkt und durch welche Maßnahmen dieses Dilemma zumindest verkleinert werden könnte. Mit diesem Selbstverständnis und mit dieser Selbstverpflichtung geht der Paritätische  weit über die ethische Zielsetzung hinaus, in einer Gesellschaft tatsächlich die Schwächsten zu unterstützen, Respekt vor den Menschen zu verwirklichen und sich für eine echte Chancengleichheit einzusetzen.“
Hier zeigt der Paritätische politische Verantwortung dafür, dass diese Ziele in der Gesellschaft und vor allem in der Politik geteilt werden. Und wo dies nicht der Fall ist – und das trifft ja leider häufig zu – ist er bereit, sie einzuklagen und über die politischen und ökonomischen Ursachen der sozialen Probleme aufzuklären.

Das aber macht Ihren Verband zu einer aktiven politischen und systemkritischen gesellschaftlichen Kraft.
Sie zeigen als renommierter und anerkannter Wohlfahrtsverband deutlich, dass man die Herausforderungen des Neoliberalismus nicht hilflos schlucken muss. Solche Vorbilder sind bitter nötig. Und was Sie sagen, wird auch gehört. Immerhin.

Und dennoch….damit komme ich zum nächsten Punkt meiner Ausführungen

2.     Wer bedroht die Menschlichkeit und den Frieden auf diesem Planeten?

Ich rate, die immer noch fortschreitenden neoliberalen Veränderungen in der Sozialen Arbeit und natürlich in der menschlichen Gesellschaft generell, nicht zu leicht zu nehmen und zu unterschätzen.

Ich werde Ihnen nichts Neues sagen, wenn ich feststelle:

Der Neoliberalismus schafft ganz allgemein innerhalb unserer Gesellschafft ungleiche und einen Teil der Menschen ausschließende Verhältnisse. Er beutet fremde Völker aus, zettelt Kriege an, zerstört die Lebensgrundlage ganzer Landstriche und missbraucht allerorten Menschen zugunsten unternehmerischer Gewinne.

In der Sozialen Arbeit nun spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Rahmen des Neoliberalismus deutlich wider. Sorg stellte fest:
„Im Teilbereich der Sozialen Arbeit sind die allgemeinen ökonomischen Prozesse der Durchkapitalisierung wie durch ein Brennglas zu studieren“ (2006, 115).
So gesehen ist die Auseinandersetzung mit dem sie dominierenden Neoliberalismus innerhalb der Sozialen Arbeit nicht einfach eine Auseinandersetzung mit dem Einzug der Technologie in die Soziale Arbeit und auch nicht einfach nur eine Auseinandersetzung mit neuen Finanzierungsmodellen oder Konzepten.
Es geht vielmehr um ganz grundlegende, prinzipielle Fragen der Sicht auf die Gesellschaft und ihre Menschen.

Die Lage ist ernster, als viele vielleicht denken mögen:

Nachdem ich selbst hautnah und unter Aufbietung aller politischen und emotionalen Kräfte mit vielen gleichdenkenden SozialarbeiterInnen zusammen jahrelang versucht habe, die Umgestaltung des KJHG von einem emanzipatorischen, man könnte fast sagen sozialpädagogisch orientierten, Gesetz in ein neoliberales Regelwerk zu verhindern, bin ich heute nicht mehr allzu sehr optimistisch gestimmt.

Fakt ist nämlich:
Selbst wenn inzwischen einige Zugeständnisse gemacht werden und man diesen Gesetzentwurf beim 2. Anlauf nicht mehr hinter verschlossenen Türen vorbereitet, selbst wenn nun viele kritische Anmerkungen eingearbeitet werden sollen – Niemand rührt mehr daran, dass die größten Problem für die ethisch und fachlich fundierte Soziale Arbeit die Neoliberalisierung und Ökonomisierung sind. Die Systemfrage wird nicht gestellt, ja es scheint, als sei das ganz und gar unmöglich, als hätte man den Schluss gezogen, es bliebe der Menschheit und erst Recht der Sozialen Arbeit  nichts anderes mehr übrig, als sich mit den Regeln und Machenschaften eines entfesselten Kapitalismus zu arrangieren und sich darauf zu beschränken, das Beste daraus zu machen.

Aber dieses Beste ist nicht gut genug und sogar manchmal schlimmer als nichts, wenn wir genau hinsehen.  

Nun haben viele kritische Menschen neuerdings die Befürchtung, dass die Gesellschaft über kurz oder lang von rechten Kräften übernommen werden könnte.

Die Bekämpfung einer fortschreitenden, rechtsorientierten Entwicklung in unserem Land ist ohne Frage wichtig. Der kritische Blick allein in diese Richtung aber übersieht die Realität.
Mir ist wichtig, zu betonen: Der Feind einer menschlichen Sozialen Arbeit steht nicht nur rechts, oder rechts außen. Die heutige Entwicklung hat sehr viel früher angefangen, lange, bevor es z. B. die AfD gab, lange bevor jemand davon sprach, dass von rechts eine Gefahr drohe.

Der Neoliberalismus ist natürlich immer noch ein kapitalistisches System bzw. ,  –  wie Galuske es nennt – sogar der „entfesselten Kapitalismus“, ER  wurde etwa ab 1990,  also nach dem Zusammenbruch des Real-Sozialismus und im Kontext der Globalisierung in den westlichen Ländern dieser Welt und ebenso in den ehemaligen realsozialistischen Ländern alternativlos etabliert. Er stellt und alles unter die Maxime, dass das Wohlergehen der Menschen einzig davon abhängt, wie gut es der Wirtschaft geht.

Der Neoliberalismus ist es,
der Menschen nur noch nach ihrem Gebrauchswert beurteilt,
der soziales Handeln nur nach ihrem möglichen Gewinn wertschätzt,
der Menschen ausgrenzt und der die Ungleichheit und auch die Armut zum Existieren braucht.

Man sollte sich an dieser Stelle auch klarmachen:  Dieser Neoliberalismus ist heute offizielle Staatsdoktrin und wird von unserer Regierung, aber auch von den meisten anderen Parteien widerstandlos und überzeugt vertreten. Man streitet sich bestenfalls über kleine Schönheitsreparaturen.
Hier liegen m. E. die Wurzeln für die menschenfeindlichen Tendenzen in der gegenwärtigen Sozialen Arbeit, der wir zunehmend ausgeliefert sind und der wir – und ich weiß, auch Sie – letztlich oft entsetzt und oft auch hilflos gegenüberstehen.
Ein wenig habe ich den Eindruck, dass viele kritische Köpfe, nachdem deutlich wurde, dass am Neoliberalismus grundsätzlich nichts infrage gestellt werden darf, seine Gefährlichkeit verdrängten und nun in der rechten Bewegung eine angeblich neue, größere Gefahr sahen. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

3.     Gewandelte Soziale Arbeit

Werfen wir kurz einen Blick auf die Zeit, bevor der Neoliberalismus sich zunehmend hemmungslos auch in der Sozialen Arbeit etablierte!
Über die Anfänge der Sozialen Arbeit und die Zeit der Weimarer Republik, oder auch über die Lage der Sozialen Arbeit in der Nazizeit, werde ich hier nicht sprechen. Das würde unseren Zeitrahmen sprengen. Die 70 Jahre, über die wir heute reden, fangen ja erst nach dem 2. Weltkrieg an. Die 50er und die Anfangsphase der 60er Jahre waren eine Epoche, wo in Zeiten von Not und Wiederaufbau die alte Fürsorge noch weitgehend erhalten blieb. Sie wurde höchstens ab und zu infrage gestellt durch neue Gedanken und Konzepte, die die Amerikaner mitbrachten:  Ansätze des Empowerments, die Gemeinwesenarbeit, soziologische Ansätze, Beratungskonzepte und die Vorstellung empathischer Methoden. Aber erst in den 68er Jahren stand die alte Fürsorge dann wirklich auf dem Prüfstand. Mit der autoritären alten Fürsorge und Heimerziehung hat man damals allerdings das Bad gleich mit dem Kinde ausgeschüttet: Soziale Arbeit galt vielen kritischen Vertreterinnen als systemerhaltend und unpolitisch und wurde von ihnen abgelehnt.

Es folgte die Zeit des sogenannten Sozialstaates.    
Diese Zeit gerät, meinen Beobachtungen nach, heute, gerade bei den jungen KollegInnen, immer mehr ins Dunkel und wird mit falschen Vorstellungen beladen. Es besteht oft die Meinung, damals sei Soziale Arbeit eine willkürliche, von Emotionen getragene und völlig unwissenschaftliche Praxis gewesen, der es an Professionalität und Fachlichkeit durch und durch mangelte und die außerdem verantwortungslos mit dem zur Verfügung gestellten Geld umgegangen sei und sich um eine mögliche Wirkung ihrer Arbeit nicht gekümmert habe.

Tatsächlich bedeutete diese Epoche ganz im Gegenteil für die Soziale Arbeit eine riesige Chance für eine Verwissenschaftlichung und fachliche Ausrichtung, die sie auch genutzt hat:
Im Zeitraum etwa von 1967 bis ca. 1990 fanden wichtige Erneuerungen der Sozialen Arbeit  statt: Die Entwicklung von Professionalität, eine Vielzahl von Innovationen, eine Theorie und Praxis, die Soziale Arbeit als ganzheitlich verstand und die gesellschaftliche Einbindung der Menschen als eines ihrer wichtigsten Themen vertrat, die auf Wissenschaftlichkeit und ebenso auf Beziehungsarbeit und  Partnerschaftlichkeit setzte. Partizipation, Empowerment, Prävention, Aktivierung, Hilfe zur Selbsthilfe, all das sind wichtige Begriffe aus sozialpädagogischen Kontexten in dieser Zeit, – die aber später im neoliberalen Sinne umgedeutet und pervertiert wurden.

Was damals in Fachkreisen und im fachpolitischen Diskurs als Ziele und Werte Sozialer Arbeit definiert wurde, richtete sich an den Bedürfnissen der Betroffenen aus. Es wurde zudem ein neues, nicht mehr autoritäres und ordnungspolitisches Verhältnis zur Klientel herausgearbeitet und tatsächlich – keineswegs nur in Modellprojekten – umgesetzt. In vielen Städten und Gemeinden war in dieser Zeit die sozialpädagogische Praxis menschenfreundlicher, am Menschen orientierter und zeit- wie Personal intensiver.

Natürlich hatte diese neue sozialarbeiterische Konzeption noch reichlich Kämpfe mit Resten der alten autoritären Fürsorgepraxis auszufechten und es gab ein großes Stadt-Land-Gefälle im Westen Deutschlands. Aber die Innovation und der Paradigmenwechsel Sozialer Arbeit veränderte die Landschaft deutlich. Der 8. Jugendbericht von 1990, die verschiedenen Referentenentwürfe für das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz sowie auch die dann schließlich verabschiedete Variante dieses neuen Gesetzes, waren alle von neuen, partizipativen, emanzipatorischen Vorstellungen und einer fachlich wissenschaftlichen Orientierungen geprägt.

Das klingt jetzt vielleicht, besonders für deutlich jüngere Ohren als meine, danach, als wollte ich den damaligen Sozialstaat zu einem Paradies hochstilisieren. An diesem Sozialstaat gab es zu Recht auch reichlich Kritik. Und man sollte nicht übersehen, dass auch der Sozialstaat eine Variante des modernen Kapitalismus war. Mit Böhnisch gesagt: Mit dem „Ausbau und der Konsolidierung des Sozialstaates in den 50er und 60 Jahren entstanden für die Soziale Arbeit günstige Entwicklungsbedingungen, die für sie viele Spielräume zur Verfügung stellten und es ihr  möglich machten, ihr Aufgabeprofil auch explizit auf die Interessenseite der Menschen und ihre Lebenswelten auszurichten und sich somit auch als eine pädagogische Instanz zu profilieren (vgl. z.B. Böhnisch et al. 2005).
Die heutige verdrehte Wahrnehmung von der damaligen Zeit, die auch manchmal sogar in Fachkreisen vorgetragen wird, erweckt den Eindruck, als solle die Erinnerung daran, was Soziale Arbeit im besten Falle sein kann, ausgelöscht werden.

So ist es  gerade mit Blick auf die heutigen Auseinandersetzungen sehr wichtig, festzustellen, dass z.B. die Wirkungsfrage keine Erfindung des Neoliberalismus ist, sondern dass sich die Soziale Arbeit in Theorie und Praxis gerade und bereits ab den 68er Jahren viele Gedanken um die Wirkung der Soziale  Arbeit auf ihre Klientel gemacht hat. Es entstanden Debatten über die emanzipatorischen Wirkungen der Sozialen  Arbeit, es wurden, z.B. mit der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch, Theorien entwickelt, die die Soziale Arbeit als humanistischen emanzipatorische Kraft herleitete und ihre Umsetzung unterstützte.

Die Frage nach der Wirkung lag und liegt im ureigensten Interesse der Profession.
Allerdings, das, was erreicht werden soll, woran Wirkung gemessen wird, und andererseits,  was als Erfolg z. B. einer sozialpädagogischen Intervention definiert wird, das unterscheidet sich deutlich voneinander.
In der Zeit des Sozialstaats ging es um die Frage, ob die pädagogischen Ziele erreicht würden, ob Menschen wirklich Unterstützung erlebten und Hilfe bekamen, ob die Arbeit der MitarbeiterInnen sich zumindest in Schritten dem pädagogischen Ziel näherte.

Heute –  und damit mache ich den Sprung zurück in die Gegenwart –  bedeutet Wirkung  der Sozialen Arbeit, dass sie nachweisen muss, ob sie das Geld wert ist, das sie kostet. Ohne nachweisliche Wirkung, ohne „Erfolg“ ist sie in den Augen der Finanzgeber nicht unterstützungswürdig. Was aber Erfolg ist, definieren nicht die SozialpädagogInnen und auch nicht die KlientInnen, sondern Betriebswirte, Verwaltungskräfte und Menschen, die außerhalb der fachlichen und ethischen Strukturen der Profession Soziale Arbeit denken und agieren. Das hat tiefgreifende Folgen für die Qualität der Arbeit und für die betroffenen MitarbeiterInnen und natürlich erst recht für die Klientel.

Die Effizienzforderung und die damit verknüpften Folgen für die Qualität der Arbeit ist nur einer der problematischen Aspekte des neuen Marktverständnisses Sozialer Arbeit. Die Aufforderung z.B., alles und jedes zu quantifizieren, zu zählen, und damit als Formalismus zu behandeln, wirkt mindestens ebenso tiefgreifend.

Viele der von mir aufgezählte Aspekte  – und es gäbe noch viel mehr, die aufzuführen mir hier der Raum und die Zeit fehlen – aber kommen dem größten Teil der SozialarbeiterInnen heute schon fast als selbstverständlich vor. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Betriebswirtschaft die Soziale Arbeit dirigiert und dass Soziale Arbeit sich grundsätzlich rechnen muss.
Warum eigentlich?

Verbetriebswirtschaftlichung, Ökonomisierung, Quantifizierung, sie alle sind nur deshalb unabdingbar erforderlich, weil seit Einzug des Neoliberalismus und der Umdefinition der Nonprofit-Bereiche in Wirtschaftsunternehmen grundsätzlich mit einem gedeckelten Budget gearbeitet werden soll. Qualitativ gute Soziale Arbeit und Wohlfahrt gelten als teuer. Als zu teuer. Man kann sie sich kaum leisten. Ich sage, man will sie sich nicht leisten.

Meine lieben ZuhörerInnen, die Kritik am Bestehenden beginnt damit, angeblich Selbstverständliches infrage zu stellen.
Alles Gesagte gilt nämlich nur da, wo man nicht bereit ist, Soziale Arbeit und Wohlfahrt überhaupt nach den bestehenden Notwendigkeiten und das heißt, nach den Bedarfen der Menschen, zu finanzieren. Man deckelt das für sie bereitgestellte Finanzvolumen einfach, und zwar da, wo die Bereitschaft des Neoliberalismus und der neoliberale Staaten aufhört, diese für sie unprofitablen gesellschaftlichen Bereiche zu finanzieren.

Wir sollten nicht warten, bis es noch schlimmer wird. Wenn das Umsichgreifen des Neoliberalismus so weiter geht, wird es in Zukunft noch schwerer sein, Soziale Arbeit zu leisten, die den Schwachen und den vielen Verlierern dieser Gesellschaft auch nur annähernd ein Leben in Würde ermöglicht.

4.     Zum Ende meiner Gedanken stelle ich mir und Ihnen folgende Fragen:

Welche konkreten Möglichkeiten sehe ich für den Verband, seine oben geschilderten Werte und Einstellungen gegen diese aktuelle Entwicklung durchzusetzen bzw. noch besser und konsequenter als bisher durchzusetzen?
Ich gehe davon aus, dass der Verband selbst aber auch die im Verband organisierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in ihrer konkreten Praxis heute und tagtäglich versuchen, sich gegen die beschriebenen Tendenzen zu wehren und ihre Arbeit trotz der Einschränkungen so wertschätzend und klientenorientiert zu gestalten, wie es eben möglich ist.

Trotzdem formuliere ich hier einige Empfehlungen, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte:
Empfehlung 1
Ebenso wichtig wie ein konkretes menschliches, partizipatives  Verhalten in der Praxis  ist es meiner Meinung nach, dass vor Ort, also direkt am Arbeitsplatz des Sozialarbeiters,  auch der Widerspruch zwischen dem neoliberalen Anspruch und den erklärten humanistischen Zielen und Werten der fachlich und ethisch verstandenen Sozialen Arbeit deutlich wird. Er darf nicht verschleiert oder negiert werden. Er müsste benannt, also endlich ausgesprochen werden,  im Rahmen einer Auseinandersetzung z. B. zwischen MitarbeiterInnen und Leitung wie auch zwischen Mitarbeitern und anderen Auftraggebern wie dem ASD.
 Hierzu ein kleines Beispiel:Ein Sozialpädagoge erhält den Auftrag, bei einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern im Vorschul-bzw. Grundschulalter als Familienhelfer tätig zu sein. Zu seinen Aufgaben gehören nach Hilfeplan die Bearbeitung der Mutter-Kind-Beziehungen, die Unterstützung der Mutter bei der Organisation ihres Haushaltes, die Stärkung der Mutter gegenüber ihrem Freund, der die Kinder schlägt und den sie trotzdem immer wieder herein lässt, sowie die Förderung des Schulkindes, damit es den Stoff der 3. Klasse beherrscht bzw. die Förderung der Mutter, dass sie lernt ihre Kinder im kognitiven Bereich zu fördern und ihnen Hilfestellungen zu geben.
Dafür soll der Sozialarbeiter lt. Auftraggeber (das könnten sein: Chef, ASD, Wirtschaftliche Jugendhilfe …) 4 Stunden pro Woche erhalten.

Es gibt einige typische Verhaltensweisen, wie ein Sozialarbeiter mit dem offensichtlichen Widerspruch umgeht.
1. Er sagt nichts, gibt sein Bestes und lässt einfach den großen Teil der Aufgaben weg und beschränkt sich auf eine oder zwei Aufgaben,
2. Er versucht, alle Aufgabenfelder zu bearbeiten, was bei der Fülle der Felder bestenfalls zu einer oberflächlichen Beratung, nicht aber zu einer interaktiven Familienhilfe führt,
3. Er nimmt unter der Hand von einer auslaufenden Hilfe zwei der dort genehmigten Stunden fort, um bei der neuen Familie mehr Zeit zu haben.

Alle drei Verhaltensweisen sind verständlich. Aber wenn man genauer hinsieht, bringen  sie Resignation und Anpassung zum Ausdruck. Sie zeugen nicht von professionellem  Selbstbewusstsein und führen vermutlich  dazu, dass der Chef in seinen Vorstellungen bestätigt wird und beim nächsten Mal noch abenteuerlichere Bedingen zu setzten versucht.

Was aber hieße hier nun Widerstand gegen die Zumutungen des Neoliberalismus (denn der mit allen seinen Facetten  verbirgt sich schließlich hinter der Widersprüchlichkeit seiner Aufgabenstellung)?

Mein Vorschlag wäre, dass der Kollege dem Auftraggeber sofort deutlich macht, dass fachlich gesehen vier Stunden in der Woche nicht ansatzweise reichen, um all diese Aufgaben auch nur anzugehen, schon gar nicht sie zum Erfolg zu führen. Er sollte den Chef vor folgende Alternativen stellen:
   *“Entweder bekomme ich 8 Stunden die Woche (was immer noch zu wenig wäre angesichts der Komplexität des Falles)“ oder
   *“Ich kann mich ganz offiziell auf eine oder zwei der Aufgaben beschränken. Dies wird im Hilfeplan festgehalten mit dem Hinweis, dass unter diesen Umständen nicht erwartet werden kann, dass die Probleme dieser Familie grundlegend gelöst werden. Der der Chef oder sonstige Auftraggeber muss sich darüber im Klaren sein, dass er bei dem zu erwartenden Misserfolg die Verantwortung trägt und nicht der Mitarbeiter, der ja aus Verantwortung heraus diese Aufgabe abgelehnt hat.  

Wichtig ist, dass der Kollege oder die Kollegin ihre  oder seine Meinung fachlich und ethisch klar und tiefgreifend begründet, die möglichen Folgen einer Fehlentscheidung benennt und sie fachlich herleiten kann.
Vielleicht wird der Chef sauer, aber er wird der Mitarbeiterin keine Unfähigkeit und keine mangelnde Bereitschaft nachweisen können. Und gar nicht so selten passiert etwas, was vielen wie ein Wunder erscheinen mag: Der Chef ist beeindruckt von seiner Mitarbeiterin. Endlich merkt er, dass er es hier mit selbstständig denkenden und mit fachlichem Wissen ausgestatteten Mitarbeitern zu tun hat und nimmt ihre Argumentation ernst.

Dieser tagtäglich praktizierte Widerstand ist mühsam und kostet viel Kraft.
Aber er ist zum Einem die Voraussetzung dafür, dass die Kolleginnen sich weiterhin nicht mehr als ohnmächtige Handlanger des neoliberalen Systems, sondern als Unterstützerinnen der lebendigen Menschen verstehen und fühlen können.

Des Weiteren bewirkt er angesichts eines dominierenden und die Ethik tendenziell unterdrückenden Verhaltens die Aufrechterhaltung der ethischen und fachlichen Forderungen.

Zum Dritten kann sie tatsächlich auch erfolgreich sein und eine Arbeit in fachlich angemessener Weise durchsetzen.
Unter den gegebenen Verhältnissen ist m.E. nämlich trotz allem dann noch eine in unserem Sinne qualitativ gute Soziale Arbeit möglich, wenn sie eingefordert, wenn sie mit Selbstbewusstsein und mit fachlich qualifizierten Argumenten verteidigt und eingeklagt wird.
Diesen alltäglichen Widerstand zu leisten ist eine hohe Anforderung an die Kollegen und Kolleginnen und setzt das Verstehen der Zusammenhänge zwischen Neoliberalisierung und Sozialer Arbeit voraus. Aus meiner langjährigen Praxis weiß ich, wie schwer es KollegInnen fällt, in solchen Situationen nicht nachzugeben oder sich eben nicht auf subversiven Widerstand zu beschränken. Aber genau hierin, in der Fähigkeit zu einer offensiven und fachlich wie ethisch klaren Argumentation gegenüber neoliberalen Herausforderungen und Zumutungen zeigt sich die wirkliche Qualität sozialarbeiterischer Professionalität.

Bei der fachlichen und sozialpolitischen Aufklärung über diese Zusammenhänge sowie bei der Einlösung dieser Anforderung –  und damit komme ich endlich zu meiner ersten Empfehlung – könnte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Mitgliedern sehr gut helfen, indem er Fortbildungskurse  zum Thema „Widerstand gegen fachliche und ethische neoliberale Herausforderungen in der konkreten Praxis“ anbietet.
So etwas halte ich tatsächlich für notwendig, will man die neoliberalen Tendenzen wirklich bekämpfen und sich nicht nur dagegen aussprechen.

Empfehlung 2
Meine zweite Empfehlung an einen Wohlfahrtsverband, der sich berufen und verantwortlich fühlt, die politischen Hintergründe und Entwicklungen kritisch zu beleuchten und gegen menschenfeindliche Tendenzen, gegen eine Abwendung von fachlichen Prinzipien zugunsten  der Gewinnorientierung zu polemisieren, wäre es, in seinen politischen Stellungnahmen, sowie durch die Wahl seiner Bündnisorganisationen noch deutlicher als schon bisher die Finger in die Wunde zulegen und explizit die Folgen und Hintergründe des Neoliberalismus zu entlarven.

Der Verband selbst und alle Kolleginnen sind angesichts der beschriebenen Entwicklungen und Tendenzen aufgerufen, sich gemeinsam zu einer aktiven und systemkritischen gesellschaftlichen Kraft zu entwickeln

Ich zitiere an dieser Stelle Butterwegge: 2015
 „Eine systemkritische Sozialarbeit muss den falschen Behauptungen und irreführenden Standardargumenten der Neoliberalen entgegentreten, vor allem jedoch die Kardinalfrage aufwerfen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. …
SozialarbeiterInnen müssen sich bemühen, bei sich verschlechternden Handlungsbedingungen in die politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse vor Ort einzugreifen. Um wirtschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Weichenstellungen beeinflussen zu können, darf sich Soziale Arbeit nicht scheuen, engagiert Partei für die Opfer neoliberaler Modernisierung zu ergreifen.“

Schlusswort
Und dass genau das Ihrem Verband und allen KollegInnen und Kollegen in Ihrem Verband gelingt, meine lieben Kolleginnen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Schleswig-Holstein, das wäre heute an Ihrem großen 70jährigen Jubiläum mein Herzenswunsch für Sie.