Soziale Arbeit

aus: Wanderausstellung: Der Mensch ist keine Ware

Wenn ich von Sozialpolitik spreche, ist auch die Soziale Arbeit gemeint.

Das liegt einfach daran, dass ich in diesem Feld 36 Jahre gearbeitet habe.
Soziale Arbeit ist jeweils die im Handlung umgesetzte Sozialpolitik eines konkreten Staates. Sie ist nicht nur deshalb interessant, weil sie nicht nur bestimmte Aspekte der menschlichen Lebens thematisiert, sondern vor allem auch, weil sie unmittelbar das jeweilige  das Menschenbild und Gesellschaftsbild der entsprechenden dieser Sozialpolitik vermittelt.
Es sind der offiziellen Sozialarbeit allerdings dadurch Grenzen gesetzt, dass sich Soziale Arbeit seit vielen Jahrzehnten zu einer wissenschaftlich begründeten Profession entwickelt hat, die sich nicht einfach als Handlanger der jeweiligen Politik versteht, bzw. verstehen sollte.
Hier liegen Widersprüche, die in der Sozialen Arbeit unvermeidbar sind. Aber genau das gerät zusehends in Vergessenheit.

 

Gedanken zur kritischen Sozialarbeitsbewegung
(2011 bis heute)

Widersprüchliche Antwort auf die Soziale Frage

Soziale Arbeit ist immer eine gesellschaftliche Antwort auf die Soziale Frage, in ihren Anfängen in der Zeit der Industrialisierung bis heute.
Soziale Arbeit ist schon deshalb  keine revolutionäre Antwort auf diese Frage. Soziale Arbeit ist schließlich historisch ein Kind der Sozialdemokratie und bildete sozusagen den Gegenpol zur damaligen politischen und sozialistischen (auf die Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft orientierten) Arbeiterbewegung.

Ihr Bemühen, die sozialen Probleme der Bevölkerung zu lösen, entwickelte sich  immer im Spannungsfeld und im Widerspruch zwischen Anpassen und Wachrütteln, zwischen Helfen und stark Machen, zwischen dem Versuch, die Menschen mit der Gesellschaft zu versöhnen und dem Wunsch, sie mit den Betroffenen zusammen zu verändern.
Dies zeigt sich an sehr vielen Praxis -Beispielen der Vergangenheit und Gegenwart:

Sie hat

  • den Armen dazu verholfen, wieder arbeiten zu gehen und hat sie gleichzeitig an Geschäftsleute verraten, die sie noch mehr ausbeuteten (z.B. schon im Elberfelder System),
  • Kinder und Jugendliche in Heimen aufgenommen. Aber in diesen Einrichtungen gab es nicht gerade selten Gewalt und Missbrauch.
  • allein erziehende Mütter unterstützt, aber ihnen auch beigebracht, sich noch besser zu verkaufen, um endlich wieder arbeiten zu können,
  • sich um  um schwache Schüler bemüht, sie bringt diese Schüler dazu, sich den  einengenden Strukturen der Schule zu beugen.

Kurz und gut:

Soziale Arbeit ist nicht generell menschenfreundlich oder humanistisch. Sie kann es sein, wenn sich die Professionellen darum bemühen, zumindest so weit, wie es durch die Arbeitgeberseite und damit durch die Sozialpolitik zugelassen wird.
Im Faschismus stand sie auf der Seite des Faschismus, beziehungsweise bediente ihn.

Soziale Arbeit im Sozialstaat der Bundesrepublik Deutschland

Im Rahmen des Sozialstaates der 70er und 80er Jahre emanzipierte sich die Soziale Arbeit in doppelter Weise:

  • Sie entwickelte sich zu einer wissenschaftlich begründeten Profession mit einer eigenen, humanistischen Ethik.
  • Sie definierte sich als lebensweltorientiert und sie verstand ihre Aufgabe als eine, die den Menschen dient, nicht vorrangig dem Staat.

Das in diesen Jahren in einem ca. 30 jährigen Prozess entstandene und diskutierte Kinder- und Jugendhilfegesetz, das 1990 verabschiedet wurde, war ein explizit sozialpädagogisches, demokratisches und menschliches Gesetz.

In dieser Zeit machte sie sich enorme Fortschritte was den Professionalitätsgrad der MitarbeiterInnen im Feld betrifft, was ihre Vielfalt der Themen und Arbeitsanlässe sowie die Zahl der MitarbeiterInnen betrifft.

Prozess der Neoliberalisierung der Sozialen Arbeit

Seit Ende der 80er Jahre bahnt sich eine grundlegende und aus meiner Sicht hoch problematische Veränderung an:
Nicht nur die Soziale Arbeit, auch alle anderen bisher als Nonprofitbereiche definierten Felder der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik wurden nach und nach, aber in konsequenter Weise zu neoliberalen Geschäftsmodellen umgebaut. Zuerst wurden die Folgen bei der Pflege und im Gesundheitssystem deutlich. Inzwischen ist auch die Soziale Arbeit nicht mehr wieder zu erkennen. Es geht nicht um die Menschen sondern um Geschäfte und Gewinne.Damit verließ die Soziale Arbeit ihr in den Jahren um 1968 herum entwickeltes humanistisches Selbstverständnis und ihre Orientierung an Menschenrechten und Ethik.

Heute kostet die Jugendhilfe uns Steuerzahler    Milliarden pro Jahr. Auch das wird nie erwähnt. Man schleppt dieses demokratische Erbe eines Sozialstaates einfach hinter sich her. Aber vielen ist die Jugendhilfe schon lange zu teuer. Sie malen Szenerien einer explodierenden Kostenlawine durch die Jugendhilfe an die Wand. Sie schielen schon lange nach Wegen, diese für sie fette, gierige Kröte abzuspecken, die ja ohnehin nur den Mitessern sind am großen Tisch dieser Gesellschaft dient.
Die Neoliberalisierung scheint ein willkommenes Tor zu sein, durch das das Abspecken gelingen könnte – und das ganz offensichtlich sogar, ohne Aufsehen zu erregen.

Der Neoliberalismus kam nicht als Kampfansage gegen ethisch abgeneigte Träger und Wohlfahrtsverbände ins Land. Eine große Mehrheit war den neuen Regeln  und Menschenbildern durchaus zugetan. Man versprach sich den Anschluss an die sehr viel geachtetere Geschäfts- und Produktionswelt. Man wollte mitmischen mit dem großen Geldverdienen. Man glaubte, diese Modernisierung würde Schwung in den Sozialbereich bringen und dazu führen, alte überholte Gewohnheiten hinwegzufegen – aber vielleicht auch alte, teure Verfahren und Regeln loszuwerden.

Profession ohne Lobby und ohne Selbstbewusstsein

Soziale Arbeit hat kaum eine Lobby. Sie spielt in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle. Es gelingt nur marginal, Missstände und problematische Tatsachen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit öffentlich zu machen. Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit  scheint man nur über die Skandalisierung von konkreten einzelnen Fällen zu bekommen, die das Gemüt erregen und meistens Jugendhilfe an den Prager stellen.
Heute liegen gerade die Bundestagswahl und der Wahlkampf davor hinter uns.  Die Soziale Arbeit war hier kein Thema, obwohl es intern im letzen Jahr wegen der drohenden „Reform“ des Kinder- und Jugendgesetzes eigentlich hochhergegangen war..
Selbst bei den Linken wurde im gesamten Wahlkampf das Thema Jugendhilfe nicht erwähnt.

  • Charakterisierung der neoliberalen Soziale Arbeit
  • Die Einbindung der Sozialarbeiter in die

Eine Basisbewegung der SozialarbeiterInnen selbst konnte nur in Ansätzen erreicht werden. Im System gefangen. Alle.
Aber da kommt meines Erachtens noch etwas hinzu:
Ganz unabhängig (aber ihm in die Hände spielen) leidet diese Profession chronisch an Minderwertigkeitsgefühlen, an mangelndem Selbstbewusstsein und unzureichender professioneller Sicherheit.
Die KollegInnen sind nicht für eine aktive Widerstandsbewegung zu gewinnen. Viele Faktoren spielen hier mit: Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder auch nur der Beliebtheit im Team, Individualisierung der Sozialarbeiter, die es gewohnt sind, Probleme eher individuell zu lösen, die Hoffnung, durch diese sog. Modernisierung den Anschluss an gesellschaftliche Achtung, bessere Bezahlung und Anerkennung zu bekommen. Viele stehen aber auch vor dem Burn Out und sind unfähig, sich weiter zu wehren. Noch mehr dürften sich einfach damit abgefunden haben und trennen ihren Job sogar von ihrem sonstigen eher kritisch eingestellten politischen Leben.
Aber wenn man genau hinsieht: So richtig vermisst wird eine starke politische Bewegung der praktizierenden KollegInnen auch von den Wissenschaftlern, Politikern und Meinungsführer nicht, die ernsthaft für eine andere Soziale Arbeit kämpfen.
So etwas wird den praktizierenden SozialarbeiterInnen oft gar nicht zugetraut. Sie sollen ihre Arbeit machen. Politik machen die , die den Überblick haben usw.
Aus neoliberaler Sicht ist ein denkender Sozialarbeiter gewissermaßen gefährlich. Aber auch in kritischen Kreisen von WissenschaftlerInnen und Menschen aus der höheren Leitungsebene scheinen von den Kollegen, um deren Arbeit es ja eigentlich geht, nicht viel zu halten. Für ihre Meinung interessieren sich nicht viele von ihnen.

Bewegung gegen eine neoliberale Soziale Arbeit

Die ersten wissenschaftlichen, kritischen Texte zur sich entwicklenden Neoliberalisiserung entstanden schon in den 80er Jahren. Ich persönlich  brauchte etwas länger, um die Zeichen der Zeit zu verstehen und die Hintergründe zu begreifen. Aber gegen Ende meiner Berufstätigkeit als Lehrende an der Fachhochschule Jena gingen bei mir die Lampen an. Damals schrieb ich das inzwischen relativ bekannte „Schwarzbuch Soziale Arbeit“, das 2011 in der ersten Auflage erschien.
Endlich pensioniert, gelang es mir nicht, den Blick von diesen fortschreitenden Entwicklungen oder besser Fehlentwicklungen abzuwenden. Aus Solidarität und weil es mich regelrecht anfraß, engagierte ich mich seitdem in der kritischen Sozialen Arbeit, als Wissenschaftlerin, als Berufspolitikerin, als politisch denkender Mensch und als Ex-Kollegin.
Und ich war durchaus nicht alleine. Wenn auch die überwiegende Mehrheit stumm blieb und sich nicht wehrte.

Beispiel:
Der Kampf gegen die Neoliberale Reform des KInder- und Jugendhilfegesetzes:
U. a. im Rahmen des 2012 gegründeten Bündnis Kinder- und Jugendhilfe für Professionalität und Parteilichkeit haben wir mit Mahnwachen, Veröffentlichungen, Diskussionen, Blogbeiträgen und vielen öffentlich wirksame Aktionen die politischen Pläne der Regierung zu einer neoliberalen „Reform“ der Kinder- und Jugendhilfe begleitet und versucht, darüber aufzuklären. Wir haben versucht, die eigentlichen Aufgaben und das ethische Verständnis einer humanistische orientierten Sozialen Arbeit, insbesondere Jugendhilfe, gegen diese Pläne zu stellen.

Der vorläufige Erfolg ist erfreulich. Der Bundesrat hat im September 2017 schließlich die Vorlage zurückgewiesen. Was in der nächsten Legislaturperiode auf die Jugendhilfe zukommt, wird sich erweisen. Die Zielstellung einer Neoliberalisierung wurde zumindest von CDU und  SPD  auf dem letzten Jugendhilfetag in Düsseldorf (Mai 2017) klar formuliert.
Der gemeinsame Kampf im Rahmen der kritischen Bewegung der Sozialen Arbeit hat auch mich persönlich durch Höhen und Tiefen geführt.  Lange Zeit standen wir ziemlich alleine da und keiner wollte uns glauben, dass längst geplant war, das KJHG, bzw. das SGB VIII neoliberal auf den Kopf zu stellen.Letztendlich gelang es doch, große Teile die Profession samt ihrer Verbände, Träger und Teilen der Wissenschaft zu einer kritischen Haltung der Gesetzesvorlage gegenüber zu bewegen.

Klar ist allerdings, dass der Kampf weitergehen muss.

Und weiter?

Und dennoch kann ich mich über diesen Teilerfolg nicht vorbehaltlos freuen.

Zum anderen fühlte ich mich mit meiner Kritik an der Gesetzesvorlage am Ende doch wieder allein: Die Kritik fast aller Gegner der Vorlage richtete sich am Ende nur auf bestimmte, ihre jeweiligen direkten Interessen berührenden Aspekte. Wir vom Bündnis waren in dem gesamten Prozess beinah die Einzigen, die es wagten, systemkritisch an das Problem heranzugehen. Genau an diesem Punkt aber zogen sich die Mitkämpfer zurück, drängten uns ins Aus und distanzierten sich.

Alle, die zuletzt noch an der kritischen Gegenbewegung beteiligt waren, akzeptieren  letztlich mehr oder weniger begeistert und offen die Neoliberalisierung der Jugendhilfe, der Sozialen Arbeit und damit auch aller anderen gesellschaftlichen Bereiche. Sie können sich offenbar eine andere, nicht gewinnorientierte und eben nicht nach dem Modell unserer neoliberalen Wirtschaft aufgebaute Soziale Arbeit weder vorstellen noch mögen sie an diesen Grundmauern rütteln.

Es ist zu beobachten, dass traditionell Kritiker und Bekämpfer der neoliberalen Sozialen Arbeit, peu a peu versuchen, dennoch wieder im Schße der Gesellschaft zu landen und einen Weg zu finden, die gegebenen Verhältnisse zu beschönigen und trotz aller Kritik, sie auf den kritischen Leuten schmackhaft zu machen.
Sie versuchen auch dieses Mal wieder, „das Beste daraus zu machen“. Aber das reicht nicht.
Freilich, was sonst könnten sie tun?

Wie kann man in diesen Verhältnissen leben und arbeiten und dennoch kritisch, widerständig, systemkritisch sein?

Der AKS (Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit) formuliert folgende Fragen, deren Beantwortung bei der Bewältigung der gegenwärtigen Lage helfen kann und den Betroffenen trotz ihrer unvermeidbaren Einbindung in das System dennoch dabei helfen dürfte, kritisch und widerständig zu bleiben und im gegebenen Arbeitsleben zu überleben:

  • „Wie können wir uns als Akteur_innen Sozialer Arbeit in und zu diesen
    Verhältnissen positionieren?
  • Was können wir Ein- und Ausgrenzungen entgegensetzen?
  • Wie kann Soziale Arbeit so gestaltet werden, dass sie nicht so sehr Teil
    dieser Prozesse von Ein- und Ausgrenzung wird?
  • Welche professionellen Strategien oder Haltungen sind hierfür
    erforderlich bzw. hilfreich?“ (Einladung zum Bundeskongress 2017).

Sicherlich: Der Blick der  in der Sozialen Arbeit Tätigen muss sich auf die Bewältigung des beruflichen Alltags richten. Schließlich macht es keinen Sinn, wenn auf einmal die heute tätigen   Tausend Sozialarbeiter dieses Feld frustriert verlassen.

Gleichzeitig halte ich es aber für genauso wichtig, weiterhin die politische Lage zu analysieren, einschließlich der eigenen Eingebundenheit natürlich, aber sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Soziale Arbeit innerhalb dieses Systems nie wirklich und vorbehaltlos  humanistisch und menschenfreundlich sein kann.

Ich glaube nicht, dass in einer nicht-kapitalistischen Welt eine Soziale Arbeit überflüssig wäre. Aber sie wäre anders und könnte sich auf die Probleme der Menschen konzentrieren und auf die sie tragende Gesellschaft- ohne Kollateralschäden einer  auf Gewinne und nicht auf Menschen orientierten Welt möglichst kostenneutral beseitigen oder verschleiern zu müssen.