Gedanken zum Bildungsstreik

Mit großem Vergnügen verfolge ich den aktuellen Bildungsstreik und stelle fest, dass die Studentenschaft doch nicht so bewegungs-, kritik- und einfallslos ist, wie es in den vergangenen Jahren oft erschien.
Gleichzeitig sehe ich derzeit die große Gefahr, dass der Protest dazu genutzt werden könnte, die neoliberalen Ziele von Bologna nun endlich erst richtig durchzusetzen.

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Seit dem Einstieg in den Bologna-Prozess, d.h. seitdem studiert werden muss im Kontext der neuen, den Bedürfnissen nach Schaffung von mehr, schnell sowie kostengünstig ausgebildetem Humankapitel an unseren Hochschulen, ist der Druck für die Studierenden immer unerträglicher geworden. Verschulung und Reglementierung, Eingespanntsein in ein enges, genau vorgeschriebenes Prozedere von Leistungserbringung und ständigem Zeitdruck macht das Studieren immer schwieriger und oft einfach unmöglich. Die Regelstudienzeiten sind kaum erreichbar,  die Studierenden leiden unter einer unübersichtlichen Fülle an Stoff,  dessen Kenntnis  von ihnen in kleinschrittigen Prüfungen permanent abverlangt wird. Keiner hat mehr Zeit für Seminare, die interessieren, die aber gerade nicht im Plan stehen. Keiner hat mehr Zeit für Projekte und dafür, sich mit Themen eingehend und diskursiv zu befassen. Es wird studiert von der Hand in den Mund, ausschließlich zur Reproduktion für den Schein. Man studiert nur noch, damit man seine Creditpoints abhaken kann usw.
Für viele fehlt nun außerdem die erforderliche Zeit dafür, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen. Das Bachelorstudium geht von einem wöchentlichen Zeitaufwand von ca. 60 Stunden aus. Wer kann das? Wie soll das jemand schaffen, der sich seine Brötchen verdienen muss?

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Und wozu das Ganze? Weil eine europäische Vergleichbarkeit und Mobilität für die Studierenden  angestrebt wird? Fakt ist, dass die Auslandsstudienzeiten zurückgegangen sind und die Studienabbrüche deutlich zugenommen haben.

Education is NOT for $AF€ “ ist ein Motto der Studierenden. Sie scheinen allmählich zu begreifen, dass hinter den Hochschulreformen etwas anderes steckt als der Wunsch, mehr Vergleichbarkeit und mehr Internationalität herzustellen. Hier geht es um das alte Lied „billiger aber besser“, „mehr, aber bitte bei gleich bleibenden Kosten“. Es geht darum , soviel Wissen zu generieren, wie unsere Wirtschaft sie verlangt, aber keine überflüssigen Theorien zu thematisieren und schon nicht, kritische und selbständig denkenden Köpfe auszubilden!

Wenn nun den streikenden Studierenden von Seiten der Politik und der Kultusministerkonferenz Zustimmung und Sympathie erklärt wird, so sollten sie genau hinhören:
Seit Tagen höre ich von der politischen Seite den Vorwurf an die Hochschulen, zu der Misere selber beigetragen zu haben, indem sie die Bachelor-Studiengänge mit dem gesamten Inhalt der ehemaligen Diplom-Studiengänge überfrachtet hätten. Und tatsächlich, so ist der Reformprozess verlaufen: Die Hochschulen haben versucht, ihren guten alten Wein in die neuen Schläuche reinzupressen, damit ihr Fach, ihre Wissenschaft nicht in einer verkürzten  Billigvariante gelehrt werden muss. Das hat – genau so auch bei uns – zu einer hoffnungslosen Überfrachtung des Studiums und zu einer Überforderung der Studierenden geführt. Die Hochschulen, die ja klaglos und brav den angeordneten, oder besser verordneten, Reformprozess à la Bologna in die Praxis umgesetzt haben, waren alle bereit, an das vorgepredigte Effizienzcredo  der neoliberalen Gesellschaft „kürzer aber dennoch gut“ zu glauben.
Jetzt kriegen sie dafür eins auf die Finger. Sie haben offenbar nicht kapiert, worum es bei Bologna geht: Wir, d. h. diese Gesellschaft braucht viele und mehr AkademikerInnen, aber es reicht völlig aus, wenn diese auf einem reinen Wissensniveau ausgebildet werden. Menschen, die denken können, die die Grundlagen ihres Handelns und die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Handelns kritisch hinterfragen können, sind eher unerwünscht und in größerem Umfang einfach überflüssig. Studierte Menschen sollen  einen  Beruf ausüben können, der qualifizierte Kenntnisse erfordert,  und nicht daran herumdeuteln, ob das, was die Gesellschaft ihnen in diesem Beruf abverlangt, aus ihrer Sicht auch fachlich korrekt sowie ethisch vertretbar ist. Hochschulbildung für jedermann  soll und muss nichts mehr zu tun haben mit Denken, Bildung, Kritik und Selbständigkeit in der Anwendung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Eliten soll es natürlich geben. Aber dafür ist nicht jeder geeignet und nicht jeder hat die Knete dafür.eur-studiengebuehren_c_meyhome_pixelio_small.jpg

Wenn wir nicht aufpassen wird der gegenwärtige Studentenprotest auf perfide Weise instrumentalisiert: Wenn die Studenten sich über Überfrachtung, Unstudierbarkeit und Zeitnot beklagen, so kommt das den herrschenden Bildungsvorstellungen vieler Politiker sehr entgegen. Der Protest könnte ihnen den Vorwand bieten, die eigentliche Zielsetzung des Bachelors endlich durchzusetzen nach dem Motto: „Die Entschlackung der Bachelorstudiengänge ist angebracht. Die Studierenden sollen entlastet werden, damit sie wieder studieren können“.
Und was könnte das Fazit sein: Die Billigausgabe der Diplom-Studiengänge wird nun doch durchgesetzt, gegen die Absichten und Hoffnungen der Hochschulen und vielleicht mit dem erschöpften Segen der gebeutelten Studenten.

Entscheidend ist, ob die grundsätzliche Kritik am (Hochschul)-Bildungssystem  sich in der Studentenschaft verankert: Bildung ist mehr als die Abrichtung für die Märkte eines Exportweltmeisters. Bildung ist ein Menschenrecht und die Voraussetzung für eine aufgeklärte, demokratische und selbstkritische Gesellschaft.

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unseren täglichen Sarrazin gib uns heute….

Ich saß im Auto, als im Radio seine Äußerungen  zitiert wurden. Da war alles noch ganz frisch und der berichtende Journalist war herzerfrischend aufgebracht über die hetzerische und beleidigende Aussage eines unserer ziemlich weit oben stehenden Leistungsträger …

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Die Aufregung insgesamt hielt sich in den nächsten Tagen allerdings in Grenzen. Am Wochenende sah ich dann eine Reportage – weiß leider nicht mehr genau wann und wo – in der sich Berliner Bevölkerung zur Sache äußerte. Seit dem ist mir klar, wieso Herr Sarrazin so etwas ohne wirkliche Folgen  sagen konnte: Er spricht einem großen Teil unserer Bevölkerung aus dem Herzen. Eine Frau kam in dieser Reportage auf den Punkt: „Der hat endlich mal laut gesagt, was Sache ist. Man traut sich ja gar nicht mehr, wirklich seine Meinung zu sagen!“  Herr Sarrazin hat hier einfach nur dem Volke seine Stimme geliehen: ‚Endlich kann man mal wieder laut sagen, was man eigentlich von diesem Gesocks denkt! Am besten gehen sie eben dahin, wo sie herkommen!‘
Da ist also ein Damm eingerissen worden, der ohnehin schon ziemlich löcherig war: die Toleranz gegenüber Mitmenschen anderer Kulturen, anderer Glaubensgemeinschaften, anderer Rassen und Nationen.

Ein paar Gedanken:

  • Die beleidigende Schelte des Herrn Sarrazin wird interessanter Weise nur  als Kritik an mangelnder Integration der MigrantInnen diskutiert. Die eigentlichen diskriminierenden und volksverhetzenden, antimuslimischen  und ausländerfeindlichen Aussagen werden dabei nicht weiter erwähnt. Ich halte die gesamte Aussage Sarrazin’s tatsächlich für faschistoid. Letztlich muss man seine Aussage so verstehen: ‚Wir Deutschen sind  besser, leistungsfähiger, wertvoller, sowieso fleißiger. Die anderen taugen nichts, führen ein parasitäres Leben in unserem Land und auf Kosten unserer sozialen Netze. Sie haben hier nichts zu suchen.‘
  • Ganz abgesehen davon, dass Integration in der öffentlichen Diskussion um Sarrazin’s Äußerung als reine Anpassung und Assimilisation verstanden wird und die Versuche der Erhaltung der eigenen kulturellen Identität beargwöhnt, diskriminiert und torpediert werden, handelt es sich bei dieser ganzen Blase von Haltungen und zustimmenden Reaktionen, bei dem mit ausgestrecktem Finger auf die „unmöglichen Verhältnisse“ z.B. in Neukölln gezeigt wird und man sich entsetzt über die Lebensverhältnisse der ausländischen Familien, um eine Fortsetzung der bekannten Unterschichten-Schelte, die den Menschen am Rande der Gesellschaft ihre Lebenssituation als selber verschuldet und als schmarotzerhaft und als tadelnswert anlastet.
  • Nur: Die Schelte der Migranten-Unterschichten unserer Gesellschaft hat einen feinen Vorteil: Die Menschen, denen es dank Finanz- und Wirtschaftskrise jetzt schon und bald noch mehr an den eigenen Kragen geht, haben nun ein Negativ-Modell, an dem sie sich abarbeiten können. Sie können sich von denen da absetzen und sich daran hochziehen, dass es eben Menschen gibt, die noch verachtenswerter sind und sie haben endlich auch jemanden, den sie schuldig  sprechen können.
  • So aber werden nicht nur Feindbilder aufgebaut. So wird nicht nur von den wirklichen Verursachern gesellschaftlicher Krisen abgelenkt, so werden nicht nur einmal mehr, menschliche Problemlagen ihrer gesellschaftlichen Hintergründe beraubt und den Betroffenen einfach selber angelastet:
  •  So baut man außerdem ganz offen am Stoff für die nächsten Pogrome.
  • Wenn man den deutschen Michel danach fragt, was denn eigentlich Faschismus sei, wird er was von Judenverfolgung sagen. Und während in unserem Lande die große Mehrheit  darum bemüht ist, sich auf keinen Fall eines Antisemitismus verdächtig zu machen und sich deshalb politisch auf der richtigen, der toleranten und demokratischen  Seite wähnt, wächst auch bei ganz ’normalen Leuten‘, die  sicher nicht mit neofaschistischen Organisationen in Verbindung gebracht werden können, die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Muslimen hemmungslos und offenbar aus tiefster Seele heran. Und ein Herr Sarrazin spricht eben nur aus, was so viele denken.
  • Da entsteht unter unser aller Augen ein neuer, alltäglicher Rassismus und Faschismus.
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Bundestagswahl: mein Kommentar

Überrascht hat mich das Ergebnis ja nicht.  Nachdem ich viele ganz einfache und auch ziemlich mittellose Leute getroffen hatte, die meinten: „Wir müssen jetzt die FDP wählen, die verstehen was von der Wirtschaft. Das ist ja wichtig in so einer Krise,“ war mir klar, dass aberwitzigerweise die FDP die Gewinnerin der Stunde sein würde. Und als ich zum Wahllokal fuhr und mir über Autoradio noch versichert wurde, dass unsere Kanzlerin für ihre leckeren Rinderrouladen bei ihren Freunden berühmt sei, war mir klar was die Stunde geschlagen hatte. Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient.

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Eine kleine Fabel gefällig?

Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.

Ein Wolf trottete durchs Land und kam an einem Kälberstall vorbei. Die Kälber darin blökten aufgeregt und der Wolf lugte neugierig durchs Fenster.

„Was ist bei euch denn los?“, fragte er und überlegte, ob er es wagen könnte einzusteigen und ein kleines Kalb mit sich fortzureißen.

„Wir diskutieren. Morgen ist nämlich Wahl!“, verkündigte ein Kalb stolz.

„Was für eine Wahl?“, fragte der Wolf erstaunt.

„Schlächterwahl!“, sagte das Kalb altklug. „Der Fuchs war hier und hat uns mitgeteilt, dass wir in diesem Jahr den besten Schlächter wählen dürfen. Und der, den wir auswählen, der darf uns dann schlachten.“

„Der Bruder Fuchs ist ein Scherzbold“, grinste der Wolf. Aber als er merkte, dass es die Kälber ernst meinten, fragte er: „Und was muss er können, euer Kandidat?“

„Stark muß er sein und schön“, schwärmte das erste Kalb.

„Viele von uns sind auch dafür, dass es vor allem ein Schlächter mit Tradition sein sollte, einer, der schon unsere Eltern und Großeltern geschlachtet hat. Da weiß man doch, was man hat“, ergänzte ein anderes Kalb. „Und natürlich muss er sein Handwerk verstehen, da vor alalem!“, blökten andere Schafe energisch.

Der Wolf entschloss sich spontan, zu kandidieren, weil er sich große Chancen ausrechnete.

Aber die Kälber entschieden sich für den Schlächter vom Schlachthof am Dorfanger. Denn dort waren ihre Eltern schon hingegangen, wenn es so weit war. Außerdem blinkte dort neben dem Eingang eine silberne Tafel in der Sonne, auf der stand: „Schlachthof Weißenhagen“. Die gefiel den Kälbern ausnehmend gut. Sie erinnerte an die Zinnen eines Schlosses.

Der Wolf ärgerte sich und verfluchte den Fuchs, der diesen dummen Tieren so viel Entscheidungsfreiheit zugestanden hatte. Der Fuchs aber kannte einen Durchschlupf zum Schlachthof und fraß sich dort an den ausgeweideten Gedärmen nach Herzenslust satt.

M. S.

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Kurzurlaub im Hainich

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Endlich frei! Nach der letzten von 36 Prüfungen steht kranich da mit einem wunderbaren Sommerblumenstrauss, so wie ich ihn liebe!

Der Kurzurlaub kann sofort beginnen! Wir fahren 2 Stunden und sind in einer anderen Welt.

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Unser Dorf im Abendlicht: Kammerforst im Hainich

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Am ersten Abend scheint sogar die Sonne. Wir machen einen ersten Spaziergang durch die Felder.

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Rechts und links dieses Weges stehen alte Kirschbäume, über und über voll. Keiner erntet mehr hier. Außer uns.

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Die Werbesendung im Radio hatte mich auf den Baumkronenpfad hier im Hainich aufmerksam gemacht.

Ein Blick aus den Baumkronen auf den Waldboden . Der Baumkronenweg ist als Touristenmagnet geplant, ganz interessant, aber viel zu laut und zu voll. Vom Wald bekommt man hier nicht viel mit. Aber trotzdem, ein schönes Gefühl hier oben.

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Im Japanischen Garten in Bad Langensalza sind die Kieswege geharkt. Es sieht aus wie zu Stein gewordenes Wasser.

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Im Rosengarten blüht es noch über und über.

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Auf unserer Wanderung durch den Hainich ist unser Schirm unentbehrlich.

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Über 1000 Jahre alt: die Betteleiche.

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Am dem Heimweg fahren wir durch einen Wolkenbruch.

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Das älteste Musikinstrument der Menschheit

Archäologen haben eine 35000 Jahre alte Flöte gefunden.

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Die Flöte gehört also zur Entstehung der modernen Menschheit dazu. Sie stammt aus dem Aurignacien, der ältesten mit dem modernen Menschen in Verbindung gebrachten Kultur in Europa. Das freut mich ungemein, dass mein Instrument eine solche Tradition hat.

„Ach sie machen Musik? Was spielen Sie denn?“, so werde ich oft gefragt. Aber wenn ich dann :“Flöte“ antworte, spüre ich das Interesse und die Hochachtung sinken. Dann kommt vielleicht noch ein freundliches „Querflöte?“  Aber wenn ich dann antworten muss: “ nein Altblockflöte,“  sehe ich bei meinem Gesprächspartner  meist einen Anflug von mitleidigem Lächeln.
Blockflöte, das ist doch so ein Kinderinstrument. Oder höchstens was für Frauen.

Die Blockflöte hat schon ganz andere Zeiten gesehen, nicht nur im Aurignacien. Im Barock galt sie als Symbol der Männlichkeit und wurde vor allem von Männern gespielt. Sie war ein ausgesprochenes Modeinstrument für das auch viele namhafte Komponisten komponiert haben wie z.B. Händel. mehr zur Geschichte 

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Wattenmeer Weltkulturerbe

Es freut mich ungemein, dass das Wattenmeer als  Weltkulturerbe anerkannt ist.
Ich weiß, dass viele, auch viele Deutsche, das Watt nicht wirklich kennen und es höchstens mal als enttäuschende Schlammzone erlebt haben, die bei Ebbe die Nordsee weit hinaus getrieben hatte und einen um den Anblick einer blauen, endlosen Meeresfläche betrog…

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Blick auf das Watt bei Morsum

Vor Jahren schrieb ich eine Erzählung, in der das Watt die Hauptrolle spielt: Die Bank am Watt

Plötzlich war vor ihnen das Watt aufgetaucht, eine endlose Weite, so weit, dass es unmöglich schien, alles mit einem Blick zu erfassen. Sie musste den Kopf nach beiden Seiten wenden, um das Panorama ganz einfangen und in sich aufnehmen zu können. Das Auge glitt über glitzernde, mit kleinen Wasserpfützen besprenkelte, dunkle Schlammfelder hinweg über helle Wasserstreifen, über schimmernde, sich dehnende, glatte oder auch vom Wind gekräuselte Wasserflächen bis an den Horizont. Hier verdichtete sich das Wasser zu einem dunkelblauen, breiten Strich, der sich über die ganze Breite des Horizontes hinzog und das scheinbar endlose Watt gegen den noch um ein Vielfaches größeren Himmel abschloss. Der war überall, hinter dem Watt, über dem Watt und auch an den Seiten, wo das Wattenmeer an Land grenzte und Dünen den Horizont markierten. Der Himmel schien allgegenwärtig und hatte von der Welt nur dieses eine, kleine Stückchen festen Boden übrig gelassen, genau die Stelle am Ufer, auf der sie stand und schaute.

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Strandläufer im Watt

Wer Lust hat, weiter zu lesen…

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trotzalledem: der Mai bleibt so schön wie er immer war

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frisches Maigrün am Lehnitzsee

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Ruhebank im Kurpark Bad Sassendorf

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Mai im botanische Garten in Jena

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Mai in der Uckermark

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Maiwiese an der Horizontale über Jena


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Studentenversammlung zu Bachalor-Zeiten

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Eben komme ich von einer „Trauerfeier“ auf dem Campus unserer Hochschule: Der bisherige StuRa hatte alle 5000 StudentInnen aufgerufen, mit Ihnen gemeinsam den StuRa zu Grabe zu tragen. Es haben sie für die anstehende Wahl nicht mehr genügend Kandidaten gefunden, die bereit gewesen wären, die Arbeit fortzusetzen. Nun muss die Arbeit eingestellt werden. Die Fachschaftsräte sterben gleich mit. Eine Wiederbelebung ist nicht ausgeschlossen. Aber auch nicht so ohne Weiteres möglich.
Die Hochschulleitung hatte verlauten lassen, dass sie es sehr bedauern würden wenn nur 10 Hanseln kommen sollten , denn dafür hätte sich dann die ganze Mühe doch nicht gelohnt.
Dieses Vorschussmitleid war überflüssig. Es kamen einige Hundert StudentInnen, bei strahlendem Wetter, aber immerhin. Und nach der guten Rede der StuRa-Vorsitzenden gab es auch wirklich eine angeregte Fragerunde zum Thema.
Wer nicht kam, war die Hochschulleitung. Sie waren nicht explizit (ein)geladen worden, aber auch an ihren Türen hatte überall das große, beeindruckende schwarze Plakat mit der Todesanzeige gehangen.
Die Fragen der StudentInnen an den scheidenden StuRa drehten sich vor allem um eins: „Wie soll ich neben meinem vollgepackten Bachalor-Studium eine solche Arbeit bewältigen??“  Und es tauchten die unglaublichsten Vorschläge und Ideen auf, wie angesichts der angespannten Zeitschine eine solche ehrenamtliche Arbeit irgendwie vergütet, aufgewogen, belohnt, entschädigt werden könnte: von der Möglichkeit, dafür einen Schein zu bekommen oder als StuRa-Mitglied nicht nur 3 sondern 4 Möglichkeiten zur Prüfungswiederholung zu haben, über die Idee, StuRa-Mitgliedern wie Studierenden mit Kindern ein Teilzeitstudium zu ermöglichen bis hin zu der Idee: „Wenn wir alle keine Zeit mehr haben, können wir uns nicht jemanden kaufen, der dafür unsere Interessen vertritt?“
Für eine Alt68erin war das alles ganz schön harter Tobak. Aber die Bedingungen sind wirklich völlig anders als zu jenen Zeiten Was deutlich wurde: Das Studium und auch das ganze gegenwärtige und zukünftige Leben unserer Studierenden sind so gestrickt, dass einfach keine Zeit bleibt, keine Zeit, um sich um seine und die Interessen aller zu kümmern, keine Zeit, um die Gelegenheit zu nutzen, sich in demokratischen Gremien zu erproblem und dort Erfahrungen zu sammeln, keine Zeit, um mit anderen zusammen kulturelle oder auch politische Veranstaltungen und Angebote zu organisieren.  Alle sind sie –  genau so, wie unsere feine Gesellschaft sich das neoliberaler Weise so vorstellt –  auf einen Zug aufgesprungen oder laufen gerade noch hinter ihm her, der ihnen droht zu entwischen. Alle haben es furchtbar eilig und wollen so schnell wie möglich so weit wie möglich nach vorne und nach oben kommen.

Es gibt an unserer Hochschule kaum so etwas wie Studentenleben, keine Räume, wo Studierende sich treffen können, keine Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Fachbereiche oder gar Fachbereich  übergreifend. Dass es überhaupt möglich ist, dass sich 400, 500 Studierende tatsächlich aus solch einem Anlass gemeinsam auf dem Campus versammeln, hat schon verwundert. Da war sogar eine kleine halbe Stunde, in der man für einen winzigen Moment davon träumen konnte, dass es noch einmal soetwas wie Studierende geben könnte, die sich gemeinsam für ihre politischen Interessen einsetzen. Da gab es sogar wirklich ein paar Minuten, wo die kollektive Erkenntnis in der Luft lag, dass es grundsätzlich an der Studierbarkeit in unserer Hochschule fehlt. Von 40% Studienabbrechern bei uns in Sachen Bachelor war die Rede. An dieser Stelle der Verantstaltung hätte vielleicht sogar die Forderung nach einer Studentenvollversammlung gezündet, einer Vollversammlung mit Einladung an die Hochschulleitung und mit dem Hauptthema: „Können wir hier eigentlich noch „studentenwürdig“ studieren?“ Und wenn nein, was muss sich ändern? Wer kann was dafür tun? Was die Hochschulleitung? Was die Studierenden? “ Aber diese Forderung blieb ungestellt.
Eine kleiner Trupp von Insidern begleitete danach den StuRa-Sarg in die Stadt, der Rest blieb achselzuckend zurück. Was soll man tun. Keine Zeit. Keine Zeit.
Sie haben nicht einmal mehr die Zeit, sich darum zu kümmern , warum sie eigentlich keine Zeit haben.

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Feierabend

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Damit meine drei Bandscheibenvorfälle nicht ständig damit drohen können, angesichts meiner Tragelasten in Richtung Ischias zu löcken und mich und meine Arbeitskraft im wahrsten Sinne des Wortes lahm zu legen, bezahlt mir das Amt für Integration  eine „Hilfe zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben“, eine tolle Sache! Ich bin den Mitarbeiterinnen in Gera sehr dankbar. Ein großes Stück Lebensqualität ist wieder gewonnen: Da ist jemand, der mir als Assistenzkraft meine schweren Büchertaschen samt Notebook morgens die Treppen herunter ins Auto schleppt und am Arbeitsplatz dann wieder rauf  bis auf meinen Büroschreibtisch. Und abends dann das gleiche umgekehrt…Ich stehe dann abends in meinen Räumen, überrascht, wie wenig erledigt ich bin, weil mir das allabendliche Geschleppe erspart blieb und tauche gerade zu rüstig in den verdienten und herbeigesehnten Feierabend ein.

In diesem Sommersemester sah es erst ganz so aus, als wäre keiner der über 700 Studierenden unseres Fachbereiches bereit oder in der Lage, diesen Job zu übernehmen, da dieses Mal meine Arbeitszeiten ziemlich unfreundlich gestaltet sind. Aber siehe da, es fand sich doch einer. Seit Montag habe ich endlich jemanden gefunden, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Es ist ein niederländischer Student, der dieses Semester bei uns studiert und im Unterschied zu all den anderen am Ende des Sommersemsters keine großen Prüfungen abzuleisten hat, weil er seinen Bachelor in Holland schon absolviert hat. Deshalb hat er mehr Zeit…
Er trägt also meine schweren Taschen, läuft leichtfüßig Treppen und ansteigende Bürgersteige hinauf, sitzt dann neben mir in meinem kleinen Auto und versucht, dort seine langen Beine einigermaßen unterzubringen und wir unterhalten uns.
Und so habe ich erfahren, dass es im Niederländischen kein Wort für „Feierabend“ gibt. Ist das möglich? Für eine so wichtige und wunderbare Sache kein eigener Begriff? Ob es in anderen Sprachen dafür auch keine eigene Bezeichnung gibt? Ich muss direkt mal nachschlagen! Vielleicht haben die Deutschen ja zu diesem Ereignis ein ganz besonders gutes  Verhältnis? Aber eigentlich sieht das den Deutschen doch gar nicht so besonders ähnlich, ich hätte da eher auf andere getippt. So kann man sich irren im eigenen Volk und in der eigenen Sprache.


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Lyrica

So heißt nicht mein neuer Gedichtband und es ist auch nicht der Name einer Frauengestalt in einem romantischen Roman – es ist mein neues Medikament.
Ich staune über diesen Namen und wüßte ganz gerne, wie ein Medikament zu so einem Namen kommt. Drin ist vor allem ein Stoff namens Pregabalin, was ja nicht besonders lyrisch klingt.

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Es ist gegen Epilepsie und Neuralgien und anders mehr. Unter anderem gegen Restless legs, diese unglaubliche Krankheit, die einen mit ihren quälenden Mißempfindungen in die Hölle schicken kann. Da ich außer an restless legs auch unter Neuralgien leide, seit ich monatelang nur am PC gesessen habe, fand meine Neurologin es ein gute Idee, bei mir nun gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich war einverstanden. Auch noch, als sie mir offenbarte, dass dieses schöne Medikament bei mehr als 1  von 10 Patienten zu Gewichtszunahme und gesteigertem Appetit sowie zu anfallsartigen Müdigkeitsattacken führt. Letztere würden sich mit der Zeit geben. Alkohol ist streng verboten!
Etwas ängstlich geworden, sah ich mir die Beipackung genauer an und gab danach Lyrica in Googel ein – und fiel voller Schreck unter eine chattende Gruppe Lyrica geschädigter ZeitgenossInnen: Die eine hatte schon 6 Kilo in einem halben Jahr zugenommen, ein anderer konnte vor Müdigkeit nicht mehr Autofahren, andere überlegten, ob sie ihrem Beruf noch weiter nachgehen konnten….
Mir wurde es unheimlich. Dennoch begann ich mit der Einnahme, lauschte in mich hinein, ob mich die Hungerattacke erreichte oder mich eine Müdigkeitswelle wegspülte…
Ich merkte von all dem nichts. Bis heute bekommt mir das Zeug bestens. Nur die Restless legs sind noch nicht so gut kontrolliert wie vorher unter Sifrol.
Als ich jetzt noch einmal in den Beipackzettel hineinsah, fand ich unter den Indikationen auch noch „chronische Besorgniszustände“ und unter den Nebenwirkungen „Euphorie“. Deshalb also geht es mir seit 4 Wochen so locker gut und deshalb also habe ich derzeit durchgehend beste Laune. Nicht schlecht her Specht. Ist das jetzt die Nebenwirkung „Euphorie“ oder die Wirkung bei der Indikation „chronische Besorgniszustände“?

Jedenfalls habe ich endlich auch einmal richtig  Glück im Leben : Ich gehöre zu den 7 oder 8 von 10 Leuten, denen, die die Nebenwirkungsschrecken des lyrischen Pulvers nicht abbekommen haben.

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