Ein neues Buch: Soziale Arbeit und Kapitalismus

herausgegeben von Hans-Uwe Otto (der leider vor kurzem gestorben ist.)

Einschätzung:
gute Analysen der neoliberalen Verwerfungen in der Sozialen Arbeit und interessante theoretische Überlegungen zum Verhältnis Soziale Arbeit und Kapitalismus‘
aber:
keine Antworten auf die brennende Frage „was tun“

meine Rezension (s. Amazon vom 30.1.21)
Grundsätzlich ist das Unternehmen, die Themen Kapitalismus und Soziale Arbeit theoretisch zusammenzubringen und daraus eine Analyse der gegebenen Verhältnisse in der Sozialen Arbeit abzuleiten, unbedingt zu begrüßen.
Ein Teil der Autoren legt das Gewicht auf das Verhältnis von Kapitalismus und Politik oder auch Demokratie. Der Großteil der AutorInnen liefert eine genaue und differenzierte Betrachtung der „neuen“, neoliberalisierten Sozialen Arbeit.  Es gibt Stimmen, die diese Veränderungen als eher marginal und nicht durchgreifend betrachten. Aber die meisten von ihnen kommen zu dem Schluss, dass der gegenwärtige Neoliberalismus – als aktuelle Phase des Kapitalismus – seit den 90er Jahren die Soziale Arbeit massiv geprägt hat und sie selbst sowie deren Leistungen und Leistungs-ErbringerInnen einschließlich ihrer KlientInnen hemmungslos in die Warenlogik eingebunden hat.
Manche AutorInnen gehen soweit, einen massiven Widerspruch zwischen den Anforderungen der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer herrschenden Sozialpolitik auf der einen Seite und den (wie Otto und Ziegler es nennen) nicht-kapitalistischen Bereichen, hier der Sozialen Arbeit, auf der anderen Seite festzustellen. Dies hat aus ihrer Sicht die Folge, dass Soziale Arbeit nicht nur entprofessionalisiert wird, sondern dass auch ihre genuinen Aufgaben der Leidensminderung und der Unterstützung in schwierigen Lebenslagen so wie der Schaffung von Autonomie ihrer Klientel (vgl. Ziegler, S. 29) massiv erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird.
Einige wenige der AutorInnen versuchen auf der Basis einer theoretischen Bestimmung des dem Kapitalismus immanenten Widerspruchs (Ziegler spricht von einer „Tragik kapitalistischer Entwicklung“, S. 28) über die Chancen und Möglichkeiten nachdenken, wie sich Soziale Arbeit aus dieser Lage befreien könnte.
Eine solche Aussage ist für WissenschaftlerInnen nicht selbstverständlich. Meist beschränken diese sich auf eine differenzierte Analyse, die sie aber wertneutral präsentieren. Hier gibt es nun erfreulicherweise auch klare Aussagen, dass der gegenwärtige Zustand der Sozialen Arbeit hochgradig problematisch ist und welche Zielperspektive erstrebenswert sei.

Die Vorstellungen allerdings, wie sich eine Verbesserung der Lage für die Soziale Arbeit einstellen könnte, gehen auseinander. Die Vielfältigkeit der theoretischen Ansätze reicht von der Hoffnung, dass Soziale Arbeit eben letztlich doch nicht durch kapitalistische Logiken veränderbar sei und man nur ihre nicht-kapitalistischen Aspekte verstärken müsse (z.B. Scherr, Kessl) bis hin zur Aufforderung, den neoliberalen Anforderungen und Herausforderungen aktiv entgegen zu treten (vgl. z.B. die Texte von Schaarschuch, Rock, Scherr). Die Wege dahin und die konkreten erforderlichen Schritte werden aber grundsätzlich nur vage angedeutet.
Die Einschätzung Anhorns (S. 87ff), dass die praktizierenden SozialarbeiterInnen die politische und gesellschaftliche Situation, in der sie sich befinden, wenig reflektieren und durchschauen, ist unbedingt zu teilen. Der Optimismus des Kollegen Scheider, dass wir uns derzeit in einer Phase der zunehmenden Repolitisierung Sozialer Arbeit befinden (Schneider S. 290ff), kann dagegen aus meiner Sicht nicht zugestimmt werden.
Insofern ist das im Band vorgelegte Angebot klarer und differenzierter Analysen der Veränderungen der Sozialen Arbeit durch den Neoliberalismus wichtig und für die Berufsgruppe ein großer Gewinn.

Dennoch hatte ich beim Lesen den Eindruck, den alle theoretischen Texte aus der Ecke der Disziplin der Sozialen Arbeit machen: Man scheint zu glauben, dass die Analyse der Verhältnisse ausreiche und sich damit die politische Funktion der Disziplin erschöpfe.
Auf die praktische, konkreten Ebene der Sozialen Arbeit vor Ort wird die Frage, was man tun sollte und was man tun kann, in keinem der Texte heruntergebrochen.

Einmal mehr also ein theoretisch hochinteressantes Werk, das gute Analysen bietet, aber den Nöten und Bedürfnissen vieler kritisch denkenden und unter den neoliberalen Bedingungen ihrer Arbeit leidenden SozialarbeiterInnen vorbei geht und sie damit im Stich lässt.

Und es gibt in diesem Zusammenhang noch ein ganz privates Hühnchen für mich zu rupfen.
Als ich bei Amazon den dort lesbaren Textteil zu diesem Band aufmachte, sah ich meinen Namen und eine interessante, aber völlig danebengegangene Einschätzung des Kollegen Kessl zu meinem Schwarzbuch Soziale Arbeit und meiner Einschätzung der Lage:
Weil ich dort am Ende etwas flapsig bemerkt habe, dass eine Demokratie ohne Kapitalismus denkbar und erstrebenswert sei, ordnet er meine Vorstellungen als idealistische Soll-Vorstellung ein und interpretiert mich so, als würde ich empfehlen, die neoliberalen Verwerfungen in der Soziale Arbeit einfach wegzuschieben und zu ignorieren und stattdessen zu versuchen, ohne Blick auf die politischen und ökonomischen Zusammenhänge, eine bessere Soziale Arbeit zu praktizieren.

Gegen diese Einschätzung meiner politischen Vorstellungen, die ich in Artikeln, Vorträgen und Büchern jahrelang vertreten habe, möchte ich mich entschieden verwahren. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Versuch, die destruktiven neoliberalen Bedingungen in der Sozialen Arbeit loszuwerden, nur im Widerspruch und in der aktiven, auch kämpferischen Auseinandersetzung mit den politischen und ökonomischen Hintergründen dieser Okkupation möglich ist und sinnvoll wird.
Auf die Idee, dass ich der Meinung sein könnte, dass Demokratie denkbar ist in einer Gesellschaft, die eben nicht kapitalistisch ist, das heißt, die die ökonomischen und politischen Setzungen des Kapitalismus überwunden hat, kommt Kessl offenbar erst gar nicht. Der Gedanke liegt ihm offenbar fern. Und da er selbst in seinem Text Demokratie und Politik gleichsetzt, verstehe ich auch, warum. Für ihn ist Demokratie offenbar nichts anderes, als unser öffentliches, politisches, parlamentarisches System – wie es scheint, ganz egal, wie demokratisch es wirklich ist.

Veröffentlicht unter Allgemein, ewiges Wachstum, Kapitalismus, Soziale Arbeit, System | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Gedanken zur Rolle der Linken in der Coronakrise

Es war schon vor Corona nicht ganz einfach, Menschen zu treffen, die wirklich eine Veränderung der Welt anstrebten. Ich denke nicht an Veränderungen im Bezug auf das, was uns der progressive Neoliberalismus an Fortschrittlichkeiten (das konsequente Gendern, die Multigesellschaft, Emanzipation, Frauen in Vorständen von Konzernen usw.) verspricht (vgl. hierzu z.B. Häring), sondern an ökonomische Veränderung und eine reale Veränderung der Machtverhältnisse. Jetzt, in Corona-Zeiten, ist es beinah unmöglich, einen Menschen anzutreffen, der sich als links denkend definiert, aber nicht gleichzeitig in die allgemeine, alternativlose Gläubigkeit einstimmt, was die Haltung der Regierung zu der Corona-Pandemie betrifft. Nein, nicht nur die Partei, die sich so nennt, auch wirklich sozialistisch und marxistisch denkenden Menschen treffe ich kaum bei denen an, die die bestehenden Corona-Maßnahmen kritisch betrachten. Im Gegenteil.
Sicher gibt es inzwischen einige Leute, die merken, dass bei den angeordneten Corona-Maßnahmen Schieflagen vorkommen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind, und uns infolge der Corona-Lockdowns eine schlimme Finanzkrise droht. Auch die Einsicht, dass manche Maßnahme wirkt, als hätte sie sich ein Schulkind ausgedacht, wird inzwischen von vielen Menschen geteilt. Allerdings bleiben sie trotzdem alle treu bei ihrer Solidarität mit den Verantwortlichen der Regierung und ihrer Institutionen und fühlen sich generell gut geschützt.
Mich erinnert das an Katholiken, die trotz des erlebten Missbrauchs des eigenen Kindes durch einen Internatspriester, der Kirche die Treue halten. Wie das? Ja warum eigentlich? Weil die eben von oben eingesetzt ist und unfehlbar – und unsere einzige Rettung in der schrecklichen Welt von Corona sozusagen?

Aber immerhin, ich freue mich auch über solche Leute, die wenigstens die Gefahren der Kollateralschäden sehen und sich eine besser durchdachte, und sozialwissenschaftlich durchgearbeitete Maßnahmenstruktur wünschen.
Dennoch, von linken Menschen würde ich mehr erwarten! Die Tatsache, dass fast alle Linken, auch die, die es ehrlich meinen, Corona einfach als Naturkatastrophe hinnehmen aber als politisches Thema ignorieren, diese Tatsache macht mich schwindelig in meinem alten linken Kopf.
Natürlich haben sie Recht, wenn sie feststellen, dass Corona und die Maßnahmen der Regierung in Bezug auf soziale Fragen nicht ausgleichend, sondern vielmehr massiv verstärkend wirken. Aber sich darauf zu beschränken, einen gerechten Ausgleich der Kollateralschäden anzustreben, das finde ich angepasst und bestenfalls sozialdemokratisch. Wäre es nicht für jemanden, der dem bürgerlichen, dem neoliberalen Staat bisher nicht so einfach über den Weg getraut hat, angemessen, auch hier, in Sachen Corona, der herrschenden Politik auf die Finger zu sehen?

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Allgemein, Corona, Deutschland, Frauen & andere Menschen, Gesundheitswesen, Kapitalismus, Krankheit, Menschenwürde, Menschenwürde -Menschenrechte, System | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Die Bedeutung der Berührung für den Menschen und Folgen ihrer Entbehrung

Gedanken zu Corona-Zeiten (3)

Social distancing bedeutet für die Menschen neben der Reduktion sozialer Kontakte und der Distanzierung zu anderen Menschen noch eine weitere gravierende Einschränkung ihres Lebens und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Es verhindert, ja untersagt die Berührung zwischen Menschen, indem es grundsätzlich eine räumliche Distanz zwischen Menschen er- zwingt.

Was bedeutet Berührung

Für eine Berührung ist schon rein technisch räumliche Nähe notwendig. Eine Berührungswahrnehmung ist immer angewiesen auf räumliche Nähe, auf einen leiblichen Kontakt. „Berührung ist an die körperliche Existenz gebunden und deshalb unter Umständen sogar Kristallisationspunkt der Vorstellungen vom Körper“[1].

Zwischen Berührung und Nähe besteht ein notwendiger logischer Zusammenhang. Nur wer im intimen Nahraum einer Person akzeptiert ist, darf diese Person berühren.
Körperliche und emotionale Nähe bedingen sich zum Teil gegenseitig. Ich kann eine Person körperlich berühren, weil sie mir emotional nah ist, und durch diese Berührung kann eine noch größere Nähe wachsen.

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Soziale Distanz – der neue Lebenstil

Gedanken in Corona-Zeiten (2)

Social distancing ist zur neuen Pflicht geworden. Man könnte die Situation so beschreiben:
Wir halten Abstand und vermeiden jegliche Berührung aus Respekt und gegenseitiger Fürsorge. Obwohl wir gerade jetzt, um gemeinsam diese Krise leichter bewältigen zu können, dringend Nähe und Berührungen bräuchten, hilft uns nur soziale Distanz.“

 Was bedeutet Social Distancing
Die räumliche Distanzierung, auch räumliche Trennung oder physische Distanzierung  beinhaltet eine Reihe von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen zur Infektionskontrolle, die die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit stoppen oder verlangsamen sollen. Die Maßnahmen bezwecken, den Kontakt zwischen Menschen zu verringern und durch den Sicherheitsabstand die Anzahl von Infektionen, etwa durch Tröpfcheninfektionen, zu verringern.
Dazu zählen die Reduktion der räumlichen Nähe zu anderen Personen auf ein notwendiges Minimum, Mindestabstand in öffentlichen Räumen zu anderen von mindestens 1,50 Meter und der Aufenthalt im öffentlichen Raum nur allein oder mit einer weiteren Person oder im Kreis der Personen des eigenen Hausstands. Darüber hinaus erließen einige Bundesländer Ausgangsbeschränkungen, die das Verlassen der eigenen Wohnung und das Betreten des öffentlichen Raums nur unter Vorliegen eines „triftigen“ Grunds erlauben. Ziel der bevölkerungsweiten Quarantänemaßnahmen ist die Verlangsamung der Ausbreitung von COVID-19. Eine Reduktion sozialer Kontakte, räumliche Distanzierung von anderen Menschen, die Vermeidung von Nähe und damit die Unmöglichkeit von Berührungen sind die praktischen und konkreten Aspekte der geforderten Social Distancing.


Betont wird immer wieder, dass der englische Begriff social distancing wörtlich ins Deutsche übersetzt als „soziale Distanzierung“ (Soziale Distanz) falsch, d.h. missverständlich ist, da dies impliziert, dass Personen gesellschaftlichen Abstand zueinander halten sollen. Es ginge keineswegs um eine soziale Isolation der Individuen, sondern um die räumliche Distanzierung von (möglicherweise) infizierten zu nicht infizierten Personen.
Vereinzelung und Isolierung wird also neuer Lebensstil gefordert, soziale Beziehungen sind möglichst nur noch virtuell zu pflegen oder im kleinen Familienkreis unter Quarantäne.

Aber was bedeutet social distancing konkret?

Die sozialen Fachkräfte sind sich weitgehend einig: Die Corona-Krise mit den staatlichen Regulierungen – zum einen die Schließung der Kindertagesstätten, Schulen und Freizeitzentren und zum anderen die massive Einschränkung des sozialen Kontaktes und Austausches (soziale Distanz, Vereinzelung, Maskenpflicht) – hat in hohem Maße vorhandene psychosoziale Probleme von Kindern, Familien, Jugendlichen verschärft und neue bedrohliche Krisen und benachteiligende Lebenslagen entstehen lassen. Klundt berichtet in seiner Text „Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lebensbedingungen junger Menschen, dass Kinder über Einsamkeitserleben und Verluste der sozialen Netzwerkkontakte klagen. Soziale Kontakte sind speziell auch für ältere Menschen von ganz besonderer Bedeutung.

Warum brauchen Menschen soziale Kontakte?

Je länger die soziale Isolierung andauert, umso mehr sind Verkümmerungen von sozialen Fähigkeiten in direkten Begegnungen zu erwarten. Dieses Phänomen der Auswirkungen des Rückzugs ins virtuelle Leben war ja schon vor COVID-19 ein Thema. Ein Teil der Menschen kann der Isolierung Positives abgewinnen und sie teils auch als stressfreiere Zeit genießen, teils sogar als eine Art «Ferien». Viele aber werden vereinsamen, andere verzweifeln, in Familien oder Paaren kann sich die Spannung so aufladen, sodass häusliche Gewalt zunimmt oder auch der Alkoholismus. Internetsucht und exzessives Gamen werden vermutlich ebenfalls Folgen der durch die Regierung verordnete Isolierung sein. Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen direkte Kontakte mit anderen, sie brauchen auch «Auslauf» in Städten und Natur. Nimmt man ihnen das auf längere Zeit weg, wird das psychische Folgen haben.

Dass Soziale Kontakte für das psychsiche und körperliche Wohl von Menschen eine entscheidende Rolle spielen, kann man sogar in den Daten des Statistischen Bundesamtes nachlesen. Wissenschaftler stellten in verschiedenen empirischen Untersuchungen fest: Einsamkeit und ein Mangel an Freundschaften und sozialen Beziehungen haben einen stärkeren negativen Effekt auf die Gesundheit als klassische Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen oder Alkohol. Die positive Wirkung von Sozialkontakten ist sogar stärker als die negativen Folgen gesundheitlicher Risikofaktoren. Einsamkeit und soziale Isolation sind weit unterschätzte Risikofaktoren für Gesundheit und Lebenserwartung, die dem des Rauchens ebenbürtig ist.

Die WHO zeigte auf, dass psychische Probleme als Folgen einer Katastrophe von leichter Belastung bis zu sehr schweren psychischen Gesundheitsproblemen reichen. Auch bei Corvid-19 wird von einer deutlichen Zunahme der psychischen Störungen ausgegangen. Die Pan American Health Organization geht auf Grund bisheriger Erfahrungen bei der gegenwärtigen Corona-Krise von einer Verdoppelung sowohl der schweren als auch der mittelschweren psychischen Störungen (Psychosen, Depression, Angststörungen) aus. Die häufigsten Störungen sind: Anpassungsstörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Angststörungen, emotionale Instabilitäten, unspezifische somatische Symptome, chronische Trauer, Drogenmissbrauch. Forscher gehen von 2153 bis 9570 zusätzlichen Suiziden weltweit im Rahmen der COVID-19-Pandemie aus[1]

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Allgemein, älter werden, Armut, Beziehungen, Bildung, Corona, Gesundheitswesen, Jugend, Krankheit, Menschenwürde -Menschenrechte, Schule, seelische Krankheit | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Was die Sivesterkracher mit dem Great Reset zu tun haben

Gedanken in Corona-Zeiten (1)

Einen Tag nach Silvester…
Als ich am Tag nach Silvester mit dem Hund durch unser Dorf ging, kam ich mit einem Mann ist Gespräch. „Also wirklich, ich bin so froh gewesen! Die Knallerei war dieses Jahr endlich erträglich. Man hatte seine Freude an der einen oder anderen farbenfrohen Rakete, 10 Minuten hat es geknallt – dann war Ruhe und das neue Jahr fing in Frieden an. So habe ich mir das schon seit Jahren gewünscht.“

Ich sah ihn an und wartete auf die Fortsetzung dieser Geschichte. Und sie kam:
„Traurig ist nur, dass sowas erst mit Corona geht. Wir müssen offensichtlich dazu gezwungen werden, vernünftig zu sein!“
Ich lächelte und bemerkte, dass ich mich auch über die besänftigte Silvesterknallerei gefreut hätte – nicht zuletzt auch mein Hund.
Was hätte ich erwidern sollen? Er hat ja recht. Viele Menschen erleben die Corona Zeit als Entspannung, Entschleunigung und als Wiedergewinnung alter Werte. Diese Menschen blicken nach vorne in der Hoffnung, dass nach Corona alles besser sein wird, ja, dass Corona dazu beitragen könnte, das alte ungeliebte „Höher, Schneller, Weiter“ des Neoliberalismus zu überwinden …..
Der Glaube, dass Corona Schluss mache mit dem Irrsinn des „Höher, Schneller, Weiter“, wird auch medial stark unterstützt. Die Medien sind voll von Jubelberichten über solidarische Aktionen, Nachbarschaftshilfe und ein neues, wiedererwachtes Gemeinschaftsgefühl. Die durch die Corona-Maßnahmen aktuell bestehenden Chancen auf Entschleunigung, auf die Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu kommen, die Solidarität wiederzuentdecken, sich wieder alten, aber inzwischen durch den Stress verdrängten Tätigkeiten und Hobbys zuzuwenden usf.  werden jedoch gegen die massiven Kollateralschäden ausgespielt.
Die aber sind beträchtlich: Ein anderer Teil der Bevölkerung, der medial allerdings mehr in den Hintergrund gedrängt wird, sind diejenigen, die durch Corona tief gefallen sind, deren Existenz bedroht ist, deren Psyche belastet ist, deren Bildung in Gefahr ist, die soziale, kulturelle Verluste erleben, die sich einsam und verlassen fühlen und an der Rauheit der sogenannten Schutzmaßnahmen leiden – und zwar gegen Achtsamkeit und Menschenwürde. Und dies Menschen sind nicht wenige.
Neulich hörte ich den 17jährigen Sohn einer Freundin stöhnen: „Corona raubt mir meine Jugend.“ Er sitzt den ganzen Tag am PC und vermisst die wirklichen Treffen und Gespräche mit seinen Freunden. Das sei doch etwas völlig anders, etwas Lebendiges, wo man spürt, dass die anderen da sind.
Laut Untersuchungen sind etwa die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen zurzeit mit ihrem Leben unzufrieden. Vor Corona waren 96 % mit ihrem Leben zufrieden.

Dennoch. Corona hat auch Positives gebracht: Weniger Verkehrsunfälle, sauberere Luft, mehr Zeit für die Familie, Stop der umweltzerstörenden Tourismusströme usw. Und wie der Mann, der sich über das besänftige Silvestergeknalle gfreut hat, müssen feststellen, dass es scheinbar nötig ist, die Menschen mit Verordnungen und Strafandrohung zu zwingen, vom „Höher, Schneller, Weiter“ abzulassen, sie also zu ihrem Glück zu zwingen. Alleine kriegen sie es offenbar ja nicht hin.

Bedeutet progressiver Neoliberalismus Humanismus?

Mich erinnert das an die schon vor Corona erlebte Tendenz des progressiven Neoliberalismus und grünen Kapitalismus. Laut Nany Fraser stehen im seit etwa 30 Jahren existierenden progressiven Neoliberalismus „progressive Kräfte faktisch im Bündnis mit den Kräften des kognitiven Kapitals, insbesondere der Finanzialisierung. Erstere borgen dabei, ob unbewusst oder auch nicht, den Letzteren ihr Charisma… Somit verbindet der progressive Neoliberalismus verkürzte Emanzipationsideale mit gefährlichen Formen der Finanzialisierung.“
In der Zeit vor Corona konnten wir zum Beispiel erleben, wie sich die Mächtigen und ein Teil der Wirtschaftskräfte mit einem Mal auf die unbedingte Förderung des Umweltschutzes orientierten.  War Greta in Davos nicht genau das, was Nacy Fraser beschreibt? Im Sommer wird es in diesem Sinne in Davos weitergehen.
Ich aber bin verwundert und frage mich, warum sie das tun. Sind sie nicht mehr an ihrem Profit, sondern neuerdings am Glück der Menschheit interessiert? Oder wollen sie an dieser Entwicklung doch nur schlicht Geld verdienen? Tatsächlich gibt es doch weiterhin bei denen, die das große Geld haben, Interesse an Profit, an Warenabsatz, an endlosen Neuproduktionen, an ständigem Wachstum, an der immer weiter getriebenen Steigerung von Entwicklung und Leistung. Man denke an den Versuch von Politik und Industrie,mit aller Macht die E-Mobilität durchzusetzen. Man kann kaum glauben, dass es hier nur um Umweltschutz geht. Hier soll ein neuer Markt für die Autoindustrie eröffnet werden.
Und doch ist die Tendenz gerade der herrschenden Kreise, das „Höher, Schneller, Weiter“, tatsächlich zu bremsen, unüberhörbar. Ich denke nur an die Geschichte vom Great Reset.
Gibt es also vielleicht noch einen anderen, elementareren Grund dafür, dass sich plötzlich die herrschenden Kräfte im Kapitalismus (zumindest ein Teil von ihnen) die Verantwortung für die Ressourcen der Welt selbst auf die Fahnen schreiben?

Dass es mit dem grenzenlosen Wachstum nicht ewig gut gehen würde, ist für denkende Menschen schon lange klar. Der Glaube an „Höher, Schneller, Weiter“ liegt keineswegs in der Natur der Menschen. Er wurde ihnen durch die neoliberale Wirtschaft und Ideologie seit Jahrzehnten eingebläut und ihnen als die große Freiheit verkauft.
Und jetzt zieht also plötzlich die Seite, die bis dato die Menschheit zu dieser neoliberalen Ideologie und Lebenspraxis gezwungen hat, selbst die Reißleine? Wollen sie ihrerseits nun selbst verhindern, dass unsere schöne Welt vor die Hunde geht?
Inzwischen singen die Spatzen das Lied vom „Great Reset“ von den Dächern. Manche werfen dem Vater des Great Rest, Herrn Schwab, sogar vor, einen sozialisitischen Kapitalismus“ einführen zu wollen. Handelt es sich hier etwa um eine Verschwörungstheorie? Keineswegs, denn sie wird offen vorgestellt und diskutiert. Und viele sehen darin eine große Chance. Die kapitalistische Welt soll umgebaut werden: ressourcenfreundlicher, umweltfreundlicher, sozialer, … und vor allem digitaler….
Was also ist da los? Sollen wir froh darüber sein?
Ist der Kapitalismus auf einmal humanistisch geworden? Jedenfalls wäre das doch eine erfreuliche Interessengleichheit zwischen Kapital und Menschen (genau, wie sie der progressive Neoliberalismus verspricht).

Die Ankündigungen der Tagesordnung in Davos im Sommer, machen klar, dass sie sich tatsächlich als die treibenden Kräfte einer solchen Erneuerung betrachten. Es sieht so aus, als wollten sie die Verantwortung für die Weltbevölkerung und die Welt übernehmen, d.h., die Menschen dazu zwingen, wieder Haus zu halten mit ihren Ressourcen etc.
Aber warum? Trauen die Herrschenden jetzt, nachdem selbst sie offenbar sehen, wohin dieser Neoliberalismus die Menschheit führt, der Bevölkerung, den Menschen, der Demokratie nicht zu, vernünftig zu sein? Und streben sie deshalb etwas an wie einen „Reset von oben“ an, eine Diktatur der herrschenden wirtschaftlichen Kräfte, aber eben gleichzeitig eine von oben gesteuerte Diktatur der Vernunft, eine Diktatur des wie auch immer aussehenden Humanismus? Meinen sie also, die Menschen in ihrem eigenen Interesse zwingen zu müssen zu ihrem Glück?
Und daran schließt sich für mich die Frage an: Ist das alles, was wir in dieser Richtung erleben, also nur ein Erziehungsprogramm?

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Allgemein, Deutschland, Erziehung, ewiges Wachstum, Kapitalismus, Leute & Geschichten, Menschenwürde -Menschenrechte, Schöne neue Welt | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Bin wieder zurück – Corona machte es möglich.

Corona hält uns nun schon fast ein ganzes Jahr im Griff.

Als Rentnerin, die mit Garten, Schreiben,Töpfern und Zeichnen ziemlich ausgelastet ist, bin ich persönlich nicht sehr stark betroffen. Dennoch holt mich dieses Thema immerwieder, täglich, oft stündlich ein. Ich muss nur das Radio anschalten, und das 2. Wort spätestens heißt „Corona“. Tatsächlich hat Corona mein soziales Leben verändert. Um meine Enkeltochter anders als über Video zu sehen, muss ich nach Hamburg reisen, kann da aber nicht ins Hotel und müsste der kleinen Familie in ihrer 2-Zimmer-Wohung bei Homeoffice-Bedingungen auf die Füße treten… Aber noch mehr beeinträchtigt mich die Tatsache, dass mich plötzlich Menschen schief und schiefer ansehen, mit denen ich seit vielen Jahren, manchmal Jahrzehnten befreundet war.

Am 13. März habe ich für mich selbst eine Art Corona-Tagebuch begonnen und es bis Mitte April geführt. Dann habe ich damit aufgehört, einen Buchbeitrag geschrieben zum Thema Corona und Soziale Arbeit, die öffentlichen Medienbeiträge verfolgt, mich häufig geärgert und mit einigen meiner engsten Freunden zerstritten, weil wir die Lage sehr unterschiedlich sehen. Ich habe wochenlang die „inneren“ Seiten beim Robert Koch Institut studiert und mich bei anderen Statistik-Autoritäten umgesehen. Darüber hinaus habe ich versucht, mich über die Argumente der Kritiker der Corona-Maßnahmen genauer zu informieren, weil ich den ständigen medialen Dreckschleuder-Berichten über diese Leute einfach nicht traute. Schließlich, nun schon während des 2. Lockdowns, bin über einen Artikel in der von mir eigentlich sehr geschätzten Sozialarbeiter-Zeitschrift „Forum Sozial“ gestolpert, bei der ich in der Vergangenheit zum engen Kreis der AutorInnen gehört habe. Bei der Lektüre dieses Textes standen mir die Haare zu Berge standen (Forum Sozial, Heft 3/20, Soziale Arbeit und die Ideologien der Ungleichwertigkeit in Zeiten der Corona-Krise). Mein Artikel mit einer Gegendarstellung (Titel: „Wenn professionelle Diskriminierungsgegner selbst diskriminieren“) wurde vom Redakteur abgelehnt.

All das hat mich dazu bewogen, hier im Blog wieder die Chance zu nutzen, meine Meinung frei zu sagen. Denn das zu tun, ist inzwischen schwierig geworden.

Veröffentlicht unter Deutschland | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Altwerden

M. Seithe
Ton, 2017

Eine Sendung im Rundfunk zum Thema Alt sein: Dazugeschaltete Menschen ab 70 werden befragt, wie sie das Alter meistern.
Voller Stauen höre ich Frauen wie Männer die Vorzüge des Alters preisen und sich rühmen, trotz ihres Alters noch die Welt auf den Kopf zu stellen. Die eine macht Reisen rund um den Globus, der andere hat sich an der Universität eingeschrieben, um Biologie zu studieren, die nächste schwärmt von der Lebens weckenden Kraft, die das Großeltern-Dasein mit sich bringe. Alle finden es wunderbar, endlich tun und lassen zu können, was sie wollen. Untersuchungen hätten gezeigt, so die Moderatorin, dass 70% aller alten Menschen ihr Leben positiv sehen und es genießen.
Empfehlungen für ein glückliches Alter werden den Hörern und Hörerinnen ans Herz gelegt: Tanzen, im Chor singen, etwa ganz Neues lernen, ein Ehrenamt übernehmen …
Nur einmal meint einer der am Tisch Diskutierenden schüchtern, es gäbe ja wohl auch sowas wie Altersarmut, und Krankheiten, Einsamkeit, … Ja, sicher, ein wenig Geld bräuchte man schon. Aber wer einsam sei, der wäre selbst schuld, antworten die zugeschalteten Personen unisono.

Ich glaube, meine Ärzte lächeln insgeheim über mich. Wieso die Alte noch immer glaubt, sie könnte wieder so jung und gesund werden, wie sie früher war. Ab 70 kann man keinen Arzt mehr dazu bringen, ernsthaft darüber nachzudenken, was einem fehlt. Man ist halt alt. „Rückenschmerzen haben wir doch alle“ , sagte neulich meine Orthopädin.
An meinem 70. Geburtstag kam ein Brief von der Mammografie-Stelle. Man machte mich auf mein Recht aufmerksam, jährlich an einer Mammografie-Untersuchung teilzunehmen. Diese Recht stehe mir zu bis zum 70. Geburtstag.

Veröffentlicht unter älter werden, Armut, Frauen & andere Menschen, Krankheit | Schreib einen Kommentar

Skulpturen in Kleinformat

aus Ton, aus Pappmachéé und anderen Werkstoffen
symbolische Szenen, Alltagsszenen

Seit einigen Jahren arbeite ich mit Ton. Angangs habe ich alles gemacht, was mir einfiel: Köpfe, Gartenfiguren, Tiere, …

Seit einiger Zeit schaffe ich aus Ton kleine Szenen, also bewegte Bilder, die etwas über Menschen und Menschliches erzählen. Es sind oft Momentaufnahmen von Erlebnissen, die ich hatte. Manchmal sind es Phantasien, besonders dann, wenn die kleine Szene etwas Symbolische ausdrücken will.

Hier ein Beispiel:
Gestresste Mutter mit Handy in der Hand, Baby auf dem Arm, mit Einkaufstasche und Kind, dass hinter ihr läuft… wie soll sie das alles gleichzeitig bewältigen? Sie rennt außer Atem, aber ihre Beine sind bleischwer.
Eigentlich wollte ich ihr drei Arme machen, das ist aber aus technischen Gründen nicht gelungen.

Stress
Mechthild Seithe
Ton auf Beton, Juli 2019

mehr Arbeiten von mir.

Inzwischen bin ich auf Ausstellungen und im Netz auf andere Künstler gestoßen, die ebenfalls kleine, bewegte Skulpturen gestalten. Zum Beispiel die Skulptur von Ronald Lindner aus dem Jahre 2015 mit dem Titel: „Das ist mein Stuhl“:

Veröffentlicht unter Allgemein, Schönheit | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Gedanken zur anti-rechten Bewegung „unteilbar“

27.10.18

Die starke bürgerliche und linksorientierte Bewegung gegen Rechts (z.B. „unteilbar“), die parallel zur Erstarkung rechter Positionen aufgekommen ist, wird in der Diskussion um die Flüchtlings- und Migranten-Frage von den Herrschenden instrumentalisiert, um von der eigenen fatalen Flüchtlings- und Migrations-Politik  abzulenken und um ganze Gruppen der Bevölkerung, nämlich die Unzufriedenen, ins rechte Lager zu drängen und sie für die anderen zu Feinden zu stempeln. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Exklusion - Inklusion, Kapitalismus, Rechte, Schöne neue Welt, System | Verschlagwortet mit | Schreib einen Kommentar

Das Land der Menschenrechte und Menschenwürde?

     aus: Eulenspiegel

Ein Freund von mir sprach in seinem Uni-Seminar das Thema Menschenwürde an.
Da waren die Studierenden sofort dabei: „China“, sagten sie und „die Türkei“,  und sie nannten so allerhand andere Länder, in denen unser Deutschland unterwegs ist, um den dort Lebenden die Menschenrechte beizubringen.
„Wie sieht es denn bei uns aus mit Menschenrechten und Menschenwürde?“
Den Studierenden fiel dazu nicht viel ein.

Mein Freund erzählte Beispiele aus den Jobcentern. Die Studierenden staunten. Einige beschlossen, sich einmal dort umzusehen.

„Und was ist mit Ausländern, Flüchtlingen, Obdachlosen, Hartz IV Empfängerinnen? Wie sieht es denn da aus mit ihrer Menschenwürde?“, fragte mein Freund. „Vorgestern stand es in der Zeitung“, erzählte er, „In einer Berliner Bank bricht ein Rentner, nachdem er sein Geld geholt hat, im Vorraum der Bank zusammen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Allgemein, Deutschland, Kapitalismus, Menschenwürde -Menschenrechte, Schöne neue Welt | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar