meine Texte

An die Nachkommen

Gedanken von 20o3 – die heute noch immer zutreffen)
I
Ja, sicher, uns geht es gut.
Sogar unsere Armen sind meistens satt.
Die auf der anderen Seite stehen,
sehen uns mit Neid und Hass.

Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,
was euer ist. Und warum?
Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,
die Einlass begehren.
Ich kann nicht sagen: Dies hier gehört uns.
Es gehört den Menschen.

Ich kann auch nicht sagen:
unsere Götter sind die besseren,
unsere Sitten sind die richtigen,
unsere Gedanken sind wahrer als ihre.

Rom bleckt mal wieder die Zähne.
Es hat die besseren Waffen
und einen großen Hunger.
Recht hat, wie immer, wer stärker ist:
Im Namen Gottes, der Demokratie und
was sonst noch so einfällt.

Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich der Wölfe im globalen Pelz.
Am Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Geklingel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.

II

Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.

Damals, zwischen Kukuksnelken
und zerbrochenen Bodenfliesen in Ruinen,
haben wir gelernt, zu überleben
und zu träumen.

Die Kletterpartien über die Trümmer der Welt
unserer Vorfahren und über die
Eisenträger des Wirtschaftswunderlandes
konnten seelische Schieflagen
nicht verhindern. Dennoch:
Das Gute schien machbar.

Wir wollten, wie viele vor uns,
die Welt wieder auf die Beine stellen, wir,
die Kinder von  Brecht und Bertelsmann
(von Marx und Coca Cola. Wer kennt den noch?).

Damals hätte ich sofort gewusst,
was es zu sagen gäbe an die Adresse unserer
Nachgeborenen:
Menschenwürde
und Gerechtigkeit hätte ich besungen, und
gesprochen hätten wir voll Klugheit
über die dornigen Wege bis dahin.

Die sich als unbegehbar erwiesen. Wenig später.

Als ihr dann kamt, Hoffnungsträger, Schreihälse,
waren mir die Argumente
schon aus den Händen gefallen.
Ich fand mich auf einmal wieder
Im Herzen des Kapitalismus,
in der besten aller derzeit möglichen Welten.
Alle Leuchttürme waren erloschen. Es wurde kalt.

Euch sah ich heranwachsen. Ich brachte euch
das Überleben bei, aber ich wagte es nicht mehr,
eurem Werden eine Richtung zu geben.
Ich hatte die meine verloren.

III

Heute gehe ich angewidert und nicht selten tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint.

Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich traurig.
Ich sehe euch andere Wege beschreiten,
zu anderen Zielen.
Was ich euch mitgeben konnte,
trägt nicht weit.
In dieser Welt, die die eure ist,
braucht man ganz andere Schuhe.

Ihr aber fürchtet euch nicht.

Was soll ich euch also sagen?
Unsere alten Träume
entlocken den Heutigen
höchstens ein Lächeln.
Ihr geht einfach nach vorne.
Der Hof des Wolfes ist euer zu Hause.
Ihr habt gelernt,
nach seiner Pfeife zu tanzen und
hinter seinem Rücken euer Ding zu drehn.
Das ist eure einzige Chance.
Denn ihr werdet leben,
wo ich nicht mehr leben muss.

Ich denke an euch mit Nachsicht.

M. Seithe