Gedanken zum Altwerden

Gedanken einer 72-Jährigen

März 21

Meistens denke ich, wenn ich auf der Straße ältere Frauen oder Männer sehe: Ach, was sind die alt – und fühle mich selbst noch wie 50, oder 45 oder manchmal auch noch wie 20.
Aber mitunter fühle ich mich auch genauso alt, wie ich bin.
Und dann kommen mir solche Gedanken:

Seit einigen Jahren kenne mich nicht mehr aus. Die Welt, die mich umgibt, wird mir immer fremder.
Der unerbittliche Konsumzwang, die Energie und innere Beteiligung, die von dem verlangt wird, der konsumiert, sind mir zuwider. Ich fühle mich versklavt. Diese Zeitverschwendung, wenn ich mich zwischen 73 Varianten entscheiden muss, wenn ich etwas Einfaches, für mich nicht weiter Wichtiges brauche. Die Leute nennen das: Freiheit. Ich habe das Gefühl, dass man mir meine Zeit, meine Lebenszeit stiehlt.
Gestern hörte ich im Radio von einer Brille, die man aufsetzen kann, damit man die Werbung überall nicht mehr sehen muss. Die Bildschirme um einen sind dadurch dann plötzlich leer. Was für eine Welt, wo aus den Verwerfungen des Geldmachens wieder neue Chancen fürs Geld machen entwickelt werden!
Konsum als Alltagsereignis. „Wir gehen mal shoppen“. Ein Lebensbedürfnis wie Essen und Trinken, wie es scheint.
Und was kaputtgeht, wird nicht repariert. Neukauf ist billiger. Was schon 2 Jahre auf dem Buckel hat ist out und nicht mehr tragbar.

Dazu fühle ich mich ausspioniert. Wenn ich mir bei Ebay etwas angesehen habe, überfällt mich nach wenigen Minuten von allen Seiten Werbung zu dem Produkt, was ich mir ansah. Ich will nicht ständig umzingelt werden von virtuellen Leuten, die mich duzen und mir was verkaufen wollen. Ich ziehe eine übersichtliche, halb leere Webseite diesem Wirrwarr und dieser totalen Distanzlosigkeit vor. 

Es gibt noch viele andere Fremdheiten in dieser schönen, neuen Welt, viele davon hängen mit der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung zusammen:
Die Bedienung meines ersten Handys war für mich auch mit 40 damals schon eine große Herausforderung. Die Verschickung meiner ersten Mail erschien mir wie eine Heldentat. Der intuitive Umgang mit der medialen Elektronik blieb und bleibt mir bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. Was ich kann, versuche ich immer noch spontan auf der kognitiven Ebene zu lösen, auf der ich früher technische Aufgaben lösen konnte: Schalter an, Schalter aus.
Anfangs lernte ich noch sehr bereitwillig und glaubte auch, Schritt halten zu können. Mit dem PC kann ich inzwischen durchaus eine Menge anfangen. Aber sobald nicht das passiert, was ich erwarte, stehe ich im Wald. Meine Kinder fummeln ein wenig herum, sagen, sie hätten auch keine Ahnung, probieren dies und das, und dann ist es gut, dann ist es da. Ich kann verdammt noch mal nicht auf diese Weise kommunizieren, nicht mit Menschen und gar nicht mit Maschinen. 
Die Digitalisierung, die inzwischen erbarmungslos und allgegenwärtig in allen Lebensbereichen um sich greift, bringt mich zur Weißglut und setzt mir zu. Heute kann ich das alles auch nicht mehr umlernen. Ich frage mich, wie die anderen alten Leute es schaffen, die nicht wie ich seit 20 Jahren mit dem PC auf du und du leben. Jeder Fahrkartenkauf, der Versuch, im Hotel an eine Tasse Kaffee aus den Automaten zu kommen, der Besuch der Sauna mit ihrer Eingangselektronik, all das wird für mich zu einer bedrohlichen Herausforderung. Sobald ich dann Stress empfinde, bin ich nicht mehr in der Lage, die Aufgaben zu lösen.
„Aber schauen Sie, das erklärt sich doch von selbst, das steht doch da, das ist doch ganz leicht“, sagt die Frau in der Stadtbücherei, als es mir nicht gelungen war, meine geliehenen Bücher ordnungsgemäß selbst und digital wieder abzugeben. Immer öfter stehe ich vor solchen Aufgaben. Ich verlaufe mich in der Stadt oder verfahre mich und bin dann vor Stress nicht mehr in der Lage, mein Smartphone oder das Navi zu bedienen.

Und ich spüre, ich will das auch nicht mehr können müssen. Und ich habe auch keine Lust, meine Kraft darein zu setzen. Zumal ich Digitalisierung immer als unpersönlich, formal, menschenfeindlich und kalt empfand und auch heute empfinde. Und Coroan hat diese Entwicklung auf eine für mich unerträgliche Weise gesteigert. Aus onlin-Konferenzen steige ich aus, weil ich gar nicht wirklich hineinkomme und das System mich anmahnt, ich hätte mich schon viermal angemeldet.  Besprechungen per Skype mit mehr als zwei anderen Personen empfinde ich als leichten Psychoterror. Alle Welt versucht, als der Not eine Tugend zu machen und die Lobpreisungen der digitalen Möglichkeiten fliegen mir um die Ohren. Nicht mit mir.
Dieses hier scheint nicht mehr meine Welt.

Die anderen, gerade auch Menschen meiner Generation, reisen wie die Wahnsinnigen um und in die Welt. Die große Freiheit, reisen zu können, wohin man nur will –  ich habe keine Lust dazu. Ich erwarte auch gar nicht, ein Land und seine Leute wirklich kennen zu lernen, wenn ich eine Woche dort im Hotel lebe. Und es strengt mich zu sehr an. Ich habe Angst vor den vielen fremden Eindrücken, den fremden Menschen, den fremden Regeln. Als ich meine Tochter in Oslo besuchte und auf dem Flughafen den Ausgang nicht fand, wunderten sich die Freunde, die mich begleiteten. „Aber da steht es doch!“ Da stand so viel. Ich kann oft nicht mehr unterscheiden, was Werbung und was Information ist. Ich fühle mich ausgeliefert und verlassen in einer solchen Welt. Und überfordert, hoffnungslos überfordert. Und wütend.

Andere bemühen sich um Anschluss an die heutigen Erscheinungsformen gesellschaftlichen Lebens. Sie wissen, dass sie auf diese Weise eher jung bleiben bzw. für jung gehalten werden, wie man sagt. Ich merke, dass ich aufgebe, das ich solche Dinge meide, dass ich sie zu hassen beginne und mich abschotten möchte. Das ist wohl wirklich das Alter. Es hat mich also eingeholt.

Und es ist nicht nur das:
Zu dieser Fremdheit führen zugegebener maßen auch meine eigenen, ganz persönlichen Alterungserscheinungen und Erkrankungen. Ich meide Menschenansammlungen, Veranstaltungen, Märkte, Kaufhäuser… und es gibt Gründe dafür: Ich leide zum Beispiel unter Restlesslegs, ich kann nicht mehr schnell und nicht mehr lange laufen, ich habe überall in den Gelenken Arthrose, ich fürchte mich wegen meiner Osteoporose, zu stürzen, ich verliere ständig die Orientierung, ich erkenne Gesichter schlecht wieder bzw. kann sie im Gedächtnis nicht unterscheiden. Ich sehe nicht mehr so gut, wie die andern, höre im Gelärm keine einzelnen Töne mehr heraus, kann Gesprächen in lauten Kneipen nicht mehr folgen….

Nein, die heutige Welt ist nicht für mich gemacht und ich bin nicht mehr für sie geeignet.
Heißt es nicht, gerade in der letzten Zeit, die Alten würden von unserer Gesellschaft besonders geschützt. Rücksicht wird jedenfallls auf sie keine genommen.

Vielleicht war das ja schon immer so. Aber wenn man es dann selbst erlebt, ist es schon ziemlich entwürdigend.

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