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6.2.2008 von Mrs. Tapir.
Man weiß ja, was gespielt wird und wo man lebt… aber irgendwann kommt die Erkenntnis wirklich bei einem an.
Das war für mich heute.
Esel kennen sich aus
Als letzte Woche meine Freundin erwähnte, sie hätte für ihre Lesebrille 1000 Euro ausgegeben, habe ich still bei mir gedacht: Typisch, mal wieder das teuerste Disigner-Modell gekauft….
Heute wurde ich im Brillenladen aufgeklärt: Brillen sind rund herum Luxusartikel. Die Kasse zahlt seit 2004 keinen Zuschlag zum Gestell und inzwischen auch Null zu den Gläsern.
Zugegeben, meine letzte Brille ist schon ein paar Jährchen alt. Immerhin gabs da noch eine Kleinigkeit dazu und die Gläser wurden - bis auf Entspiegelung und ähnliche Sonderwünsche - von der Kasse übernommen…
Die Brillenverkäuferin eben sah mich dezent mitleidig an. Wieder eine, die noch nicht in der Moderne angekommen ist!
Ich aber stand richtig schockiert herum zwischen den teuren und meistens auch noch ziemlich hässlichen Brillengestellen und dachte entsetzt: “Was macht ein 20 jähriger arbeitsloser Mensch, wenn er eine Brille braucht?” Meine Kinder brauchen alle keine Brille, schoss es mir durch den Kopf! Ein Glück! Was machen Hartz IV-Empfänger?
Ich habe mich ernsthaft geschockt aus dem Laden entfernt und überlege seit dem, wieso es das eigene Risiko eines Menschen sein kann, dass er eine Brille braucht. Kann ein Mensch mit Kurzsichtigkeit ohne Sehhilfe überhaupt durchs Leben kommen? Er wäre zumindest eine ernsthafte Verkehrsgefährdung. Von Schulbesuch, Führerschein, Teilnahme am kulturellen Leben mal ganz abgesehen. Und wieso zahlt dann seine Kasse nichts? Wieso ist eine Brille neuerdings ein Luxus, den ich mir eben leisten muss? Trage ich meine Brille etwa, weil sie mir so gut steht? Ich denke eher nicht.
Ach so, ich begreife, es ist schon notwendig, dass ich die Brille habe, aber es ist trotzdem mein persönliches Risiko. Denn das heißt eben noch lange nicht, dass die Kasse was dazu gibt. So wie die Spritzen gegen meineArthrose, die seit 3 Jahren wie ein Wunder wirken, deren Bezahlung die Kasse aber abgelehnt hat, weil dieses Medikament nicht wirklich heilt. Wirklich fürsorglich gedacht, liebe Kasse.
Klar, und eine Brille heilt eben auch nicht den Sehfehler. Das muss es sein. Da heißt es jetzt einfach, Pech gehabt. Wenn nächstens wieder ich auf die Welt komme und habe vielleicht nur ein Bein, zahlt mir dann noch jemand was für eine Gehhilfe? Habe ich dann auch nur Pech gehabt? Schlechte Aussichten!
“Ach, das ist doch schon lange so!”, sagt mir meine kleine Brillenverkäuferin und glaubt, damit eine hinreichende Erklärung abgegeben zu haben. (Manchmal wundere ich mich, dass die Leute hier im Osten noch viel williger und bereiter der Marktwirtschaft ihre Dankesopfer bringen. Sie kennen den Kapitalismus nicht mehr anders, könnte man sagen. Stimmt. Aber immerhin gabs hier früher mal was ganz anderes.)
Ich gehöre einfach zu denen, die es nicht begreifen, die es vor allem nicht einsehen wollen, was da passiert, die immer noch davon sprechen, dass ein neu backenes Brötchen in ihrer Kindheit 6 und ein altbackenes 5 Pfennig kostete. Und in der Apotheke habe ich vor 25 Jahren noch 50 Pfennig pro Rezept dazugezahlt.
So was heute laut zu sagen, kommt immer schlecht an, so als würde man ein schamloses Schuldbekenntnis ablegen, dass man in seinem früheren Leben die Wirtschaft brutal um ihre Profite betrogen habe. Dafür sollte man sich lieber schämen.
Niemand scheint in diesem Lande etwas dabei zu finden, dass wir zunehmend freigesetzt werden von allen Sicherungen, allen Rechtsansprüchen, allen tariflichen Bezahlungen. Alle tun so, als würden sie zu den Gewinnern der Gesellschaft gehören, als würde gerade sie diese Entwicklung nicht treffen. Geiz ist eine Modetrend, keine Notwendigkeit. So auch meine kleine Brillenverkäuferin.
Das Schlimme ist, dass all das den Leuten so vorkommt wie ein gewaltiges Naturgesetz, das uns überfällt, das wir nicht beeinflussen und stoppen und schon gar nicht verhindern können. Und wenn wir den Göttern fleißig Opfer bringen, werden sie uns vielleicht nicht so schlimm heimsuchen. Auf alle Fälle hat es keinen Sinn, sich gegen das Unvermeidliche aufzulehnen. So ähnlich wie bei der Klimaveränderung.
Hoppla, die ist ja auch selbst gemacht.
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7.8.2007 von Mrs. Tapir.
“Ich glaube”, sagt meine Älteste, die heute zum Mittagessen eingeflogen ist bevor sie wieder nach Nepal abreist, über den Landweg diesmal, um dort ihre letzten Interviews für ihre Examensarbeit zu machen, “ich glaube”, sagt sie also mit größtmöglicher Nachsicht in der Stimme, ” ihr könnt sowas einfach nicht hinnehmen und so sein lassen wie es eben ist, ihr wollt inmmer die Welt verändern!”
Ich stelle fest: Sie hat Recht. Und hätte diese unsere Welt es nicht verdammt nötig? Erst in den letzten Jahren ist mir aufgegangen, dass die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die weiß der Himmel auch nicht unbedingt die beste Welt war, die man sich denken kann, dass diese Welt sich vollständig verändert hat. Ich weiß mitunter nicht, ob ich noch so große Lust habe, in dieser Welt zu leben.
Zumindest habe ich keine so große Lust, mich an diese Welt zu gewöhnen, so wie sie ist.
Vor ein paar Jahren, aufgefordert in Analogie zu Brechts “An die Nachgeborenen” ein Gedicht zu schreiben, habe ich Folgendes verfasst.
Und auch heute könnte ich nicht viel hinzufügen:
An die, denen die Zukunft gehört 
I
Ja sicher, uns geht es gut.
Sogar unsere Armen sind meistens satt.
Die auf der anderen Seite stehen,
sehen uns mit Neid und Hass.
Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,
was euer ist. Und warum?
Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,
die Einlass begehren.
Ich kann nicht sagen: Dies hier gehört uns.
Es gehört den Menschen.
Ich kann auch nicht sagen:
unsere Götter sind die besseren,
unsere Sitten sind die richtigen,
unsere Gedanken sind wahrer als ihre.
Rom bleckt mal wieder die Zähne.
Es hat die besseren Waffen
und einen großen Hunger.
Recht hat, wie immer, wer stärker ist:
Im Namen Gottes, der Demokratie und
was sonst noch so einfällt.
Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.
An seinem Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Gerassel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.
Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.
II
Damals, zwischen Kuckucksnelken
und zerbrochenen Bodenfliesen in Ruinen,
haben wir gelernt zu überleben
und zu träumen.
Die Kletterpartien über die Trümmer der Welt
unserer Vorfahren und über die
Eisenträger des Wirtschaftswunderlandes
konnten seelische Schieflagen
nicht verhindern. Dennoch:
Das Gute schien machbar.
Wir wollten, wie viele vor uns,
die Welt wieder auf die Beine stellen, wir,
die Kinder von Lenin und Brecht,
(von Marx und Coca Cola. Wer kennt den noch?).
Damals hätte ich sofort gewusst,
was es zu sagen gäbe an die Adresse der
Nachgeborenen: Menschenwürde
und Gerechtigkeit hätte ich besungen, und
gesprochen hätten wir voll Klugheit
über die dornigen Wege bis dahin.
Die sich als unbegehbar erwiesen. Wenig später.
Als ihr dann kamt, Hoffnungsträger, Schreihälse,
waren mir die Argumente
schon aus den Händen gefallen.
Ich fand mich auf einmal wieder
in der besten aller derzeit möglichen Welten.
Alle Leuchttürme waren erloschen. Es wurde kalt.
Euch sah ich heranwachsen. Ich brachte euch
das Überleben bei, aber ich wagte es nicht mehr,
eurem Werden eine Richtung zu geben.
Ich hatte die meine verloren.
III
Heute gehe ich angewidert und tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint. Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich sehr traurig.
Ich sehe euch andere Wege beschreiten,
zu anderen Zielen.
Was soll ich euch also sagen?
Unsere alten Träume
entlocken den Heutigen
doch höchstens ein Lächeln.
Was ich euch mitgeben konnte,
trägt nicht weit.
In dieser Welt, die die eure ist,
braucht man ganz andere Schuhe.
Ihr aber fürchtet euch nicht.
Ihr geht einfach nach vorne.
Der Hof des Wolfes ist euer zu Hause.
Ihr habt gelernt,
nach seiner Pfeife zu tanzen und
hinter seinem Rücken euer Ding zu drehn.
Das ist eure einzige Chance.
Denn ihr werdet leben,
wo ich nicht mehr leben muß.
Ich denke an euch mit Nachsicht.
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31.7.2007 von Mrs. Tapir.
Hallo ihr da draußen,
Nun schreibe ich - eine von ich weiß nicht wievielen - seit Monaten fast jeden Tag hier ins blog und sende meine Gedanken und Erlebnisse ins www aus.
Manchmal macht es mir Spaß, einfach so eine kleine bunte Duftmarke abzusetzen. Manchmal schaue ich mir meine bisherigen Ergüsse an und finde sie auch ganz schön, schön amüsant und meistens auch eigentlich gar nicht so blöd.
Ich sehe, dass mein Blog täglich eine Gruppe von 100 Leuten oder etwas mehr ansieht. Wenn ich sie mir vorstelle als reale Gruppe, scheint das eine ganze Menge zu sein. Wenn ich mir dabei das www vorstelle, fürchte ich, dass das aber vielmehr genau die Anzahl von Menschen ist, die per Zufall auf meine Seite stoßen, wenn sie rumgoogeln oder per blind durch die Gegend surfen.

Keine Ahnung, ob es so ist. Jedenfalls meldet sich keiner und sagt: “Behalt mal deine blöden Gedanken für dich!” oder “Was geht mich deine Streusandbüchse an oder ob du im Fitness-Center deine Kondition verbesserst?” oder “Dazu haben schon ganz andere Leute Schlaueres gesagt!”. Von Zuspruch ganz zu schweigen oder von Nachfragen. Geschenkt!
kranich sagt, das ist wie im Leben. Wirklich zuhören tut dir kaum einer. Und wirklich ausrichten tust du auch nichts. Aber man kann es ja mal versuchen, es mal anbieten.
Vielleicht ist es doch ganz anders. Vielleicht werde ich ja auch genau beobachtet, habe ja allen freiwillig die Möglichkeit angeboten. Inventur! Alle herein spaziert! Schließlich lebe ich in der Gesellschaft, wo alle (fast)alles laut sagen dürfen und wo keiner es hört.
Aber vielleicht stehe ich ja auf der Liste eines Diplomanden der Kommunikationswissenschaft, der eine langweilige Arbeit über Frauenblogs schreibt? Vielleicht bin ich sogar dem Verfassungsschutz eine Nebennotiz wert? Vielleicht verhallt mein Blog aber auch ohne Echo und ohne Widerhall im www.
Letzeres scheint mir immer wahrscheinlicher.
Jedenfalls ist es ein heimeliges Gefühl zu wissen, alle, alle hätten jetzt die Möglichkeit, an meinen Gedanken und den neusten Ereignissen meines unbedeutenden Lebens teilzuhaben. Und es ist gleichzeitig die anonymste Sache der Welt, so als flöge ein bisschen Weltraumschrott seit Jahrzehnten einsam und ungesehen immer links am Sonnensystem vorbei. Es ist wie eine große Verbrüderung ohne Brüder.
Ich werde dabei übermütig. Das muss ich von meiner Mutter haben. Die sagte immer, “ich gehe mal nackt durch die Bahnhofstraße und du wirst sehen, keiner nimmt davon Notiz”. Vielleicht hätte sie ja doch einer weggeschnappt oder in die Klapsmühle gebracht. Manchmal kommen dann doch unerwartete Reaktionen, um nicht zu sagen Sanktionen.
Mal abwarten. Die Inventur geht weiter.
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22.6.2007 von Mrs. Tapir.
Gestern hat der Sommer angefangen. Zum 59. Mal in meinem Leben. Dann wird wieder ein Winter kommen…… Da geht mir durch den Kopf: Es gibt mich nur einmal. Mit mir wird meine Welt untergehen. Werde ich Spuren hinterlassen? Und wenn ich den Weg verfehle, der meiner gewesen wäre?
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13.6.2007 von Mrs. Tapir.
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11.6.2007 von Mrs. Tapir.
Venus
von Willenberg
In vier Wochen verlässt mein drittes Kind die Stadt, in der es aufgewachsen ist, um seine Zukunft und sein Glück irgendwo in der Ferne zu suchen. Ich trete in eine ganz neue Phase meiner Mutterschaft. Da geht mir manches wieder mal durch den Kopf… Viele sagen, es sei das reine Glück, Kinder zu bekommen und sie groß werden zu sehen.
Ja, es stimmt: Es ist Glück.
Aber Muttersein bedeutet auch Schmerz, Verzicht, Verzweiflung, Angst, Wut, Resignation und Trauer.
Mutter sein tut weh.
Und Kindsein tut manchmal noch weher.
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8.6.2007 von Mrs. Tapir.

Während die Jugend sich ans Ende aller Dornröschen-Träume heran träumt und keine Angst hat vor Drachen und vor der Gicht, sind meine Tage gezählt.
Ich versuche, sie zu nutzen.
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