Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie mein Campus-Report.
| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Apr | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 |
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 |
| 27 | 28 | 29 | 30 | |||
17.11.2009 von Mrs. Tapir.
Mit großem Vergnügen verfolge ich den aktuellen Bildungsstreik und stelle fest, dass die Studentenschaft doch nicht so bewegungs-, kritik- und einfallslos ist, wie es in den vergangenen Jahren oft erschien.
Gleichzeitig sehe ich derzeit die große Gefahr, dass der Protest dazu genutzt werden könnte, die neoliberalen Ziele von Bologna nun endlich erst richtig durchzusetzen.
Seit dem Einstieg in den Bologna-Prozess, d.h. seitdem studiert werden muss im Kontext der neuen, den Bedürfnissen nach Schaffung von mehr, schnell sowie kostengünstig ausgebildetem Humankapitel an unseren Hochschulen, ist der Druck für die Studierenden immer unerträglicher geworden. Verschulung und Reglementierung, Eingespanntsein in ein enges, genau vorgeschriebenes Prozedere von Leistungserbringung und ständigem Zeitdruck macht das Studieren immer schwieriger und oft einfach unmöglich. Die Regelstudienzeiten sind kaum erreichbar, die Studierenden leiden unter einer unübersichtlichen Fülle an Stoff, dessen Kenntnis von ihnen in kleinschrittigen Prüfungen permanent abverlangt wird. Keiner hat mehr Zeit für Seminare, die interessieren, die aber gerade nicht im Plan stehen. Keiner hat mehr Zeit für Projekte und dafür, sich mit Themen eingehend und diskursiv zu befassen. Es wird studiert von der Hand in den Mund, ausschließlich zur Reproduktion für den Schein. Man studiert nur noch, damit man seine Creditpoints abhaken kann usw.
Für viele fehlt nun außerdem die erforderliche Zeit dafür, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen. Das Bachelorstudium geht von einem wöchentlichen Zeitaufwand von ca. 60 Stunden aus. Wer kann das? Wie soll das jemand schaffen, der sich seine Brötchen verdienen muss?
Und wozu das Ganze? Weil eine europäische Vergleichbarkeit und Mobilität für die Studierenden angestrebt wird? Fakt ist, dass die Auslandsstudienzeiten zurückgegangen sind und die Studienabbrüche deutlich zugenommen haben.
“Education is NOT for $AF€ ” ist ein Motto der Studierenden. Sie scheinen allmählich zu begreifen, dass hinter den Hochschulreformen etwas anderes steckt als der Wunsch, mehr Vergleichbarkeit und mehr Internationalität herzustellen. Hier geht es um das alte Lied “billiger aber besser”, “mehr, aber bitte bei gleich bleibenden Kosten”. Es geht darum , soviel Wissen zu generieren, wie unsere Wirtschaft sie verlangt, aber keine überflüssigen Theorien zu thematisieren und schon nicht, kritische und selbständig denkenden Köpfe auszubilden!
Wenn nun den streikenden Studierenden von Seiten der Politik und der Kultusministerkonferenz Zustimmung und Sympathie erklärt wird, so sollten sie genau hinhören:
Seit Tagen höre ich von der politischen Seite den Vorwurf an die Hochschulen, zu der Misere selber beigetragen zu haben, indem sie die Bachelor-Studiengänge mit dem gesamten Inhalt der ehemaligen Diplom-Studiengänge überfrachtet hätten. Und tatsächlich, so ist der Reformprozess verlaufen: Die Hochschulen haben versucht, ihren guten alten Wein in die neuen Schläuche reinzupressen, damit ihr Fach, ihre Wissenschaft nicht in einer verkürzten Billigvariante gelehrt werden muss. Das hat - genau so auch bei uns - zu einer hoffnungslosen Überfrachtung des Studiums und zu einer Überforderung der Studierenden geführt. Die Hochschulen, die ja klaglos und brav den angeordneten, oder besser verordneten, Reformprozess à la Bologna in die Praxis umgesetzt haben, waren alle bereit, an das vorgepredigte Effizienzcredo der neoliberalen Gesellschaft “kürzer aber dennoch gut” zu glauben.
Jetzt kriegen sie dafür eins auf die Finger. Sie haben offenbar nicht kapiert, worum es bei Bologna geht: Wir, d. h. diese Gesellschaft braucht viele und mehr AkademikerInnen, aber es reicht völlig aus, wenn diese auf einem reinen Wissensniveau ausgebildet werden. Menschen, die denken können, die die Grundlagen ihres Handelns und die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Handelns kritisch hinterfragen können, sind eher unerwünscht und in größerem Umfang einfach überflüssig. Studierte Menschen sollen einen Beruf ausüben können, der qualifizierte Kenntnisse erfordert, und nicht daran herumdeuteln, ob das, was die Gesellschaft ihnen in diesem Beruf abverlangt, aus ihrer Sicht auch fachlich korrekt sowie ethisch vertretbar ist. Hochschulbildung für jedermann soll und muss nichts mehr zu tun haben mit Denken, Bildung, Kritik und Selbständigkeit in der Anwendung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Eliten soll es natürlich geben. Aber dafür ist nicht jeder geeignet und nicht jeder hat die Knete dafür.![]()
Wenn wir nicht aufpassen wird der gegenwärtige Studentenprotest auf perfide Weise instrumentalisiert: Wenn die Studenten sich über Überfrachtung, Unstudierbarkeit und Zeitnot beklagen, so kommt das den herrschenden Bildungsvorstellungen vieler Politiker sehr entgegen. Der Protest könnte ihnen den Vorwand bieten, die eigentliche Zielsetzung des Bachelors endlich durchzusetzen nach dem Motto: “Die Entschlackung der Bachelorstudiengänge ist angebracht. Die Studierenden sollen entlastet werden, damit sie wieder studieren können”.
Und was könnte das Fazit sein: Die Billigausgabe der Diplom-Studiengänge wird nun doch durchgesetzt, gegen die Absichten und Hoffnungen der Hochschulen und vielleicht mit dem erschöpften Segen der gebeutelten Studenten.
Entscheidend ist, ob die grundsätzliche Kritik am (Hochschul)-Bildungssystem sich in der Studentenschaft verankert: Bildung ist mehr als die Abrichtung für die Märkte eines Exportweltmeisters. Bildung ist ein Menschenrecht und die Voraussetzung für eine aufgeklärte, demokratische und selbstkritische Gesellschaft.
Geschrieben in Politik, Turbokapitalismus, mein Campus-Report | 1 Kommentar »
19.5.2009 von Mrs. Tapir.
Eben komme ich von einer “Trauerfeier” auf dem Campus unserer Hochschule: Der bisherige StuRa hatte alle 5000 StudentInnen aufgerufen, mit Ihnen gemeinsam den StuRa zu Grabe zu tragen. Es haben sie für die anstehende Wahl nicht mehr genügend Kandidaten gefunden, die bereit gewesen wären, die Arbeit fortzusetzen. Nun muss die Arbeit eingestellt werden. Die Fachschaftsräte sterben gleich mit. Eine Wiederbelebung ist nicht ausgeschlossen. Aber auch nicht so ohne Weiteres möglich.
Die Hochschulleitung hatte verlauten lassen, dass sie es sehr bedauern würden wenn nur 10 Hanseln kommen sollten , denn dafür hätte sich dann die ganze Mühe doch nicht gelohnt.
Dieses Vorschussmitleid war überflüssig. Es kamen einige Hundert StudentInnen, bei strahlendem Wetter, aber immerhin. Und nach der guten Rede der StuRa-Vorsitzenden gab es auch wirklich eine angeregte Fragerunde zum Thema.
Wer nicht kam, war die Hochschulleitung. Sie waren nicht explizit (ein)geladen worden, aber auch an ihren Türen hatte überall das große, beeindruckende schwarze Plakat mit der Todesanzeige gehangen.
Die Fragen der StudentInnen an den scheidenden StuRa drehten sich vor allem um eins: “Wie soll ich neben meinem vollgepackten Bachalor-Studium eine solche Arbeit bewältigen??” Und es tauchten die unglaublichsten Vorschläge und Ideen auf, wie angesichts der angespannten Zeitschine eine solche ehrenamtliche Arbeit irgendwie vergütet, aufgewogen, belohnt, entschädigt werden könnte: von der Möglichkeit, dafür einen Schein zu bekommen oder als StuRa-Mitglied nicht nur 3 sondern 4 Möglichkeiten zur Prüfungswiederholung zu haben, über die Idee, StuRa-Mitgliedern wie Studierenden mit Kindern ein Teilzeitstudium zu ermöglichen bis hin zu der Idee: “Wenn wir alle keine Zeit mehr haben, können wir uns nicht jemanden kaufen, der dafür unsere Interessen vertritt?”
Für eine Alt68erin war das alles ganz schön harter Tobak. Aber die Bedingungen sind wirklich völlig anders als zu jenen Zeiten Was deutlich wurde: Das Studium und auch das ganze gegenwärtige und zukünftige Leben unserer Studierenden sind so gestrickt, dass einfach keine Zeit bleibt, keine Zeit, um sich um seine und die Interessen aller zu kümmern, keine Zeit, um die Gelegenheit zu nutzen, sich in demokratischen Gremien zu erproblem und dort Erfahrungen zu sammeln, keine Zeit, um mit anderen zusammen kulturelle oder auch politische Veranstaltungen und Angebote zu organisieren. Alle sind sie - genau so, wie unsere feine Gesellschaft sich das neoliberaler Weise so vorstellt - auf einen Zug aufgesprungen oder laufen gerade noch hinter ihm her, der ihnen droht zu entwischen. Alle haben es furchtbar eilig und wollen so schnell wie möglich so weit wie möglich nach vorne und nach oben kommen.
Es gibt an unserer Hochschule kaum so etwas wie Studentenleben, keine Räume, wo Studierende sich treffen können, keine Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Fachbereiche oder gar Fachbereich übergreifend. Dass es überhaupt möglich ist, dass sich 400, 500 Studierende tatsächlich aus solch einem Anlass gemeinsam auf dem Campus versammeln, hat schon verwundert. Da war sogar eine kleine halbe Stunde, in der man für einen winzigen Moment davon träumen konnte, dass es noch einmal soetwas wie Studierende geben könnte, die sich gemeinsam für ihre politischen Interessen einsetzen. Da gab es sogar wirklich ein paar Minuten, wo die kollektive Erkenntnis in der Luft lag, dass es grundsätzlich an der Studierbarkeit in unserer Hochschule fehlt. Von 40% Studienabbrechern bei uns in Sachen Bachelor war die Rede. An dieser Stelle der Verantstaltung hätte vielleicht sogar die Forderung nach einer Studentenvollversammlung gezündet, einer Vollversammlung mit Einladung an die Hochschulleitung und mit dem Hauptthema: “Können wir hier eigentlich noch “studentenwürdig” studieren?” Und wenn nein, was muss sich ändern? Wer kann was dafür tun? Was die Hochschulleitung? Was die Studierenden? ” Aber diese Forderung blieb ungestellt.
Eine kleiner Trupp von Insidern begleitete danach den StuRa-Sarg in die Stadt, der Rest blieb achselzuckend zurück. Was soll man tun. Keine Zeit. Keine Zeit.
Sie haben nicht einmal mehr die Zeit, sich darum zu kümmern , warum sie eigentlich keine Zeit haben.
Geschrieben in Politik, Soziale Arbeit, Turbokapitalismus, mein Campus-Report | Keine Kommentare »
11.5.2009 von Mrs. Tapir.
Damit meine drei Bandscheibenvorfälle nicht ständig damit drohen können, angesichts meiner Tragelasten in Richtung Ischias zu löcken und mich und meine Arbeitskraft im wahrsten Sinne des Wortes lahm zu legen, bezahlt mir das Amt für Integration eine “Hilfe zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben”, eine tolle Sache! Ich bin den Mitarbeiterinnen in Gera sehr dankbar. Ein großes Stück Lebensqualität ist wieder gewonnen: Da ist jemand, der mir als Assistenzkraft meine schweren Büchertaschen samt Notebook morgens die Treppen herunter ins Auto schleppt und am Arbeitsplatz dann wieder rauf bis auf meinen Büroschreibtisch. Und abends dann das gleiche umgekehrt…Ich stehe dann abends in meinen Räumen, überrascht, wie wenig erledigt ich bin, weil mir das allabendliche Geschleppe erspart blieb und tauche gerade zu rüstig in den verdienten und herbeigesehnten Feierabend ein.
In diesem Sommersemester sah es erst ganz so aus, als wäre keiner der über 700 Studierenden unseres Fachbereiches bereit oder in der Lage, diesen Job zu übernehmen, da dieses Mal meine Arbeitszeiten ziemlich unfreundlich gestaltet sind. Aber siehe da, es fand sich doch einer. Seit Montag habe ich endlich jemanden gefunden, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Es ist ein niederländischer Student, der dieses Semester bei uns studiert und im Unterschied zu all den anderen am Ende des Sommersemsters keine großen Prüfungen abzuleisten hat, weil er seinen Bachelor in Holland schon absolviert hat. Deshalb hat er mehr Zeit…
Er trägt also meine schweren Taschen, läuft leichtfüßig Treppen und ansteigende Bürgersteige hinauf, sitzt dann neben mir in meinem kleinen Auto und versucht, dort seine langen Beine einigermaßen unterzubringen und wir unterhalten uns.
Und so habe ich erfahren, dass es im Niederländischen kein Wort für “Feierabend” gibt. Ist das möglich? Für eine so wichtige und wunderbare Sache kein eigener Begriff? Ob es in anderen Sprachen dafür auch keine eigene Bezeichnung gibt? Ich muss direkt mal nachschlagen! Vielleicht haben die Deutschen ja zu diesem Ereignis ein ganz besonders gutes Verhältnis? Aber eigentlich sieht das den Deutschen doch gar nicht so besonders ähnlich, ich hätte da eher auf andere getippt. So kann man sich irren im eigenen Volk und in der eigenen Sprache.
Geschrieben in Alter & Leben, Leute & Geschichten, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn | Keine Kommentare »
15.10.2008 von Mrs. Tapir.

In der FAZ, der man nun wirklich nicht gerade Anti-Neoliberalismus vorwerfen kann, stand am 9. September ein Artikel mit dem Titel “Bologna-Prozess gescheitert”, auf den ich erst jetzt gestoßen bin.
Es wird berichtet, dass der Deutsche Hochschulverband zu dem Ergebnis gekommen ist, dass die Ziele, die mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge angestrebt wurden, nicht nur nicht erreicht worden sind, sondern dass die “Reform” genau das Gegenteil bewirkt hat!
z.B.
Der Hochschulverband fordert den Stop des Reformprozesses, soweit er noch zu stoppen ist.
Die Punkte oben lassen sich noch ergänzen:
Zu der Zeit, als ich am 17.10.2006 hier im Blog von der Umsetzung des Bologna-Prozess in unserem Fachbereich berichtete, galt man als Ewiggestriger und Reformunfreudiger, wenn man die neue “Studienreform” auch nur kritisch sah. Auf den Vorzügen des alten Diploms zu bestehen galt als unerwünscht, beinah als Kapitalverbrechen.
Aber “menschliche Irrtümer” der Politik und der Wirtschaft scheinen ja zur Zeit in Mode zu kommen. Und keiner schlägt sich an die Brust und geht in sich. Sondern das Geld der Steuerzahler wird hergenommen, um die durch Fehlplanung, ungeprüfte Schnellschüsse und Gier nach großen Einsparungen oder großen Profiten entstandenen Folgeschäden, aufzufangen.
Geschrieben in Politik, Soziale Arbeit, Turbokapitalismus, mein Campus-Report | Keine Kommentare »
3.6.2008 von Mrs. Tapir.

Neuerscheinung - für SozialarbeiterInnen und alle Menschen, die andere beraten ……
.
… unter anderem, weil die Leute, die hier, im Rahmen Sozialer Arbeit, in die Situation gelangen, beraten zu werden, oft gar nicht so scharf darauf sind.
all diese Menschen sind mit Sicherheit erst einmal nicht motiviert, beraten zu werden bzw. in ein Beratungsgespräch mit dem Sozialarbeiter einzusteigen.
Ganz anders ist das in der Psychotherapie, wo in der Regel ein “Leidensdruck” vorliegt, eine Bereitschaft, die Beratung oder Therapie auf sich zu nehmen, über sich zu reflektieren, sich ggf. auch zu verändern.
Nun kann ja nicht die Konsequenz sein, dass all diese “Unwilligen” kurzer Hand per Druck oder Überredung zu ihrem Glück gezwungen werden, mit fertigen Lösungen, Verhaltensanweisungen oder Rezepten weitergeschickt werden, ohne dass man sich die Mühe macht, auch diesen Menschen die Chance zu geben, aktiv und im eigenen Interesse an der Lösung ihres Problems beteiligt zu werden.
Was also tun?
Vor ein paar Tagen ist ein Buch von mir erschienen, dass für diese Problematik einen Weg weist. Ich habe den Ansatz der klientenzentrierten Beratung (im Sinne Rogers) für diese Bedingungen der Sozialen Arbeit weiterentwickelt.
Szene aus einer Rollenspielübung im Rahmen der Übung “Engaging” an unserer FH: eine Sozialarbeitrin versucht einen Vater zu beraten, der empört ist, dass er sein Kind nicht betreuen darf, obwohl die Mutter es nicht mehr haben will ….
“Engaging” heißt dieses beraterische Vorgehen, das vor allem eins bezweckt: den Klinenten, also unsere Mutter, den straffälligen Jugendlichen oder den alten Menschen aus den Beispielen oben, an der Lösung ihrer Problemlage aktiv zu beteiligen, sie zu motivieren, sich für sich selber wieder zu engagieren und den Lösungsweg für ihre Probleme mitzuentwickeln.
Leicht ist das übrigens nicht. Aber es lohnt sich. Soziale Arbeit, die Menschen nicht zu bestimmten Schritten zwingt, sie nicht anweist, sie nicht mit Rezepten abspeist oder mit Druck durchsetzt, was sie von demjenigen erwartet, diese Soziale Arbeit ist wesentlich humaner, effektiver, nachhaltiger und damit sogar effizienter.
Wen’ s interessiert:
Hier die Seite bei Amanzon
Geschrieben in Soziale Arbeit, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn, Allgemein | Keine Kommentare »
14.4.2008 von Mrs. Tapir.
Im Allgemeinen habe ich es nicht besonders gerne, wenn meine StudentInnen mitten im Seminar in heftige Dispute zu zweit verfallen. Ich nehme realistischer Weise an, dass das Thema nicht viel mit meinem Seminar zu tun haben wird. Aber dem ist nicht immer so. In dieser Seminareinheit ging es um die veränderte Kindheit heute, im Vergleich zu früheren Zeiten. Nostalgie brach unter den Studierenden aus, Kopfschütteln über die Bedingungen, die Kinder heute vorfinden. Andere fanden, dass die Kinder heute genau so Kinder sind und glücklich sein können wie früher.
Nach dem Seminar kommt Anja zu mir und man merkt ihr ihre innere Aufregung noch richtig an. Sie habe sich mit ihrer Nachbarin Nadja gestritten: Die hätte die Meinung vertreten, dass in unserer Zeit so vieles wegbrechen würde, was früher gut war, was die Menschen glücklicher machte und ihnen bessere Bedingungen bot, im Leben zurecht zu kommen. Sie aber vertrete den Standpunkt, dass es dumm und albern sei, immer nur dem Gestrigen hinterher zu jammern. Natürlich bringe die neue Zeit neue Herausforderungen mit sich, aber die müsse man eben offensiv und aktiv angehen, statt sich gegen jede Veränderung zu wehren und abzuschotten….
Ein spannendes Thema. Und die Posititionen spalten die ganze Gruppe. Diejenigen, die Verluste konstatieren im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten gelten bei den anderen als Dinosaurier, als konservativ, als Träumer, als lebensuntüchtig und von gestern.
Die anderen haben die Begriffe Zukunft und Moderne auf ihrer Seite und die Realität. Und ich denke, es ist die Mehrheit.
Junge Leute kommen sich albern und simperlich vor, wenn sie die Zukunft und die Gegenwart nicht mit offenen Armen begrüssen und annehmen, sich ihr stellen. Sie trauen sich immer zu, mit ihr klar zu kommen und das Beste daraus machen zu können. Der Blick zurück erscheint ihnen feige und lahm.
Aber ist alles, was die Moderne mit sich bringt, besser? Bedeutet modern automatisch fortschrittlich?
Da hatten wir es früher einfacher.
Als ich studierte war das so und es war klar und eindeutig: Diejenigen, die das Bestehende oder Vergangene erhalten wollten, hielten den gesellschaftlichen Fortschritt auf. Veränderung bedeutete damals immer - davon waren wir überzeugt - eine Veränderung zum Besseren, zu mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit.
Heute ist das ganz sicher so einfach nicht mehr. Wenn mir einer sagt, früher gab es einen besseren Kündigungsschutz und ich bedauere, dass der so nicht mehr besteht, dann stemmt er sich gegen moderne Entwicklungen, die keineswegs, einfach weil sie modern sind und scheinbar der Zukunft geschuldet, fortschrittlich sein müssen.
Wenn mir jemand sagt, heute gibt man sich halt nicht mehr ab mit der Frage, ob alle die gleichen Bildungschancen haben, weil Ungleichheit einfach gesellschaftlicher Normalzustand ist, dann kann ich nur sagen: diesen Verlust gesellschaftlicher Verantwortung empfinde ich als Rückschritt der Menschheit.
Vielleicht ist es unter den heutigen Bedingungen besonders für junge Leute sehr schwer, nicht mit zu schwimmen, mit zu stürmen nach vorne zu den unbegrenzten globalen Chancen einer Gesellschaft, einer Gesellschaft freilich, die mit hohen Risiken droht. Aber wenn man jung ist, dann denkt man stets, ich doch nicht. Risiken treffen höchstens die anderen. Und so schlimm wird’s wohl nicht werden.
Und so kommt es wohl, dass man auch als Professor leicht in den Dinosaurier-Sack gesteckt wird, weil man es sich leisten kann, darauf hinzuweisen, dass nicht alles, was die Moderne mit sich bringt, für die Menschheit bekömmlich ist und sein wird.
Geschrieben in Alter & Leben, Turbokapitalismus, mein Campus-Report | Keine Kommentare »
26.1.2008 von Mrs. Tapir.
Hier erwartete mich hinter und um unser Haus etwas, das wie ein japanischer Wassergarten aussieht, alles ist nur noch mit hohen Gummistiefeln zu erreichen, dafür blühen bereits die Haselnüsse.
Na denn ahoi!
Geschrieben in unsere Streusandbüchse, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn | 2 Kommentare »
24.1.2008 von Mrs. Tapir.
Ich arbeite in Jena und wohne in O. Das ist eine anstrengende Geschichte. Und eine teure dazu. Man nennt sowas Doppelhaushalt, aber er bringt mir nichts für die Steuer, weil ich erst die Arbeit und dann den Mann in O hatte und nicht umgedreht. Pech.
Man nennt sowas ja Wochenendehe, in unserem Fall Semesterferienehe… Ob sowas beziehungsfördernd ist oder eher nicht, ich kann es nicht entscheiden. Jedenfalls ist es abwechslungsreich und mit ständiger Packerei verbunden. Sobald das Semester seinem Ende entgegen geht, fange ich an zu packen, damit ich in meiner Streusandbüchse alles parat habe, was ich vielleicht brauchen könnte.
Dieses Mal habe ich soviel Arbeitsunterlagen zusammengekramt, dass ich mich frage, ob ich vorhabe, hier die nächsten Jahre nicht wieder wegzugehen.
seit Tagen sah mein Arbeitszimmer so aus, überall Buchstapel, Papiere, Ordner…
Es wird halt viel zu tuen sein: die neuen Seminare vorbereiten, ein Buch verlagsfertig machen, die Dokumentationsfilme meiner Übungen (Beratungsmethoden) schneiden und auswerten, das neue Buchprojekt ins offene Wasser kriegen, das neue Kuscheltierforschungsprojekt richtig durchplanen…..Und dazu einen hohen Stapel an Hausarbeiten, Vordiplomarbeiten und Diplomarbeiten.
An Arbeit wird es mir also nicht mangeln.
Geschrieben in unsere Streusandbüchse, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn | Keine Kommentare »
28.11.2007 von Mrs. Tapir.
Immer wieder das Gleiche:
Ich stelle den Studierenden Methoden und Konzepte einer Sozialen Arbeit vor, die von hoher Fachlichkeit und von einer deutlichen Achtung für den anderen Menschen, den Klienten, geprägt ist. In Fachkreisen nennt man diese Konzeption Sozialer Arbeit Lebensweltorientierung. Sie entstand in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und bildet z.B. die theoretische Grundlage des erst 1990 verabschiedeten Kinder- und Jugendhilfegesetzes.
Dieses Gesetz geht zum Beispiel von der Notwendigkeit aus, gegenüber den Klienten und ihrer Sicht der Situation Respekt zu haben, sie nicht zu ihrem Glück zwingen zu wollen, sondern sie ins Boot zu holen und zu aktiven Kooperationspartnern der Sozialen Arbeit zu machen. Das Gesetz versteht sich als Dienstleistung: Eltern und Minderjährige sollen Hilfe und Unterstützung bekommen, wo sie sie brauchen.
Ein Student berichtet von einem Fall, den er letzte Woche erst erlebt hat: Eine Mutter, die massive Erziehungsprobleme hat, die um ihren Rechtsanspruch auf Hilfe weiß, wendet sich um Hilfe ans Jugendamt - und wird wieder weggeschickt! Die Probleme waren dem Jugendamt nicht schwerwiegend genug. Geld ist nur noch da, wenn es eigentlich schon zu spät ist.
Heute ist dieses Gesetz oft nicht mehr das Papier wert, auf dem es steht. Formal wird es meistens beachtet, aber der Geist dieses Gesetzes wird ausgehebelt, umgangen, konterkariert. Natürlich steckt das liebe Geld dahinter, das Geld, das angeblich fehlt und das in diese Bereiche eben nicht investiert werden soll, das Prinzip der Ökonomisierung, das inzwischen alle gesellschaftlichen Bereiche dominiert und das allen vorschreibt, möglichst effizient, kostengünstig, rationell zu zu sein.
Freilich, das ist schließlich in allen Bereichen des Lebens so und trifft die Soziale Arbeit wie - fast - jeden anderen gesellschaftlichen Bereich auch. Nur, hier ist das folgenschwerer, als wenn es darum geht, Straßen zu bauhen oder Kaffeemaschinen zu produzieren.
Eine Soziale Arbeit, die einem humanen Menschenbild verpflichtet ist, braucht Zeit für diese Menschen, braucht Zeit für Kommunikationsprozesse, die nötig sind, um Probleme mit dem Betroffenen und nicht ohne oder gegen ihn zu lösen.
“Aber, Frau Professorin, Sie wissen doch auch, wie es in der Praxis heute aussieht, was wirklich geschieht, dass Entscheidungen nicht nach Fachlichkeit sondern nach Kostengünstigkeit gefällt werden, Sie wissen doch, wie oft keine Zeit bleibt, um auf die Menschen einzugehen, wie oft zu spät reagiert wird, weil Prävention keiner bezahlten will….”
Ja natürlich weiß ich das! Aber soll ich meine Studenten so ausbilden, dass sie in eine solche Praxis ohne anzuecken hineinpassen?
“Aber wenn wir uns wehren oder nur den Mund aufmachen, dann müssen wir Angst haben um unsere Arbeitsplätze. Und wir haben Familie oder wollen eine haben. …”
Natürlich kann ich das verstehen.
Es ist eine Schande, dass es so weit gekommen ist in unserem Land: Gesellschaftskritik und sei es die geringste, wird einem heute regelrecht übelgenommen, man macht sich verdächtig, nicht auf der demokratischen Grundordnung zu stehen- wobei hier die demokratische Grundordnung verwechselt wird mit der gesellschaftlichen “Ordnung” eines globalen Kapitalismus.
Nicht zufällig überschlagen sich die Medien anlässlich der “40 Jahre APO” in dem Versuch, in jenen Leuten, die die damalige Lebensordnung nicht akzeptieren wollten, die Zerstörer unserer Gesellschaft zu sehen: Die Gewalt in unserer Zeit hätte ihren Ausgang, so konnte ich vor ein paar Tagen im Radio hören, in den 68ern gehabt, denn denen war nichts heilig. Das schreit zum Himmel! Wem in unserem Land ist die Menschenwürde der Menschen heilig, die kein Geld haben, keinen Einfluss, die nicht zu den Machern und Gewinnern der Gesellschaft gehören?
Geschrieben in Soziale Arbeit, gehört, Turbokapitalismus, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn | Keine Kommentare »
22.10.2007 von Mrs. Tapir.
Das neue Semester hat angefangen. Wie immer haben wir 120 neue StudentInnen aufgenommen. Über 1400 hatten sich an unserer FH beworben. Ich weiß, das ist nichts ungewöhnliches: Studenten bewerben sich heute an 5, an 8 Hochschulen. Aber dennoch! Ich frage mich, warum immer noch und immer wieder so viele junge Leute, dieses Studium ergreifen!
Reich kann man damit wirklich nicht werden. Das ist natürlich auch der Hauptgrund, warum dieses Studium vor allem von Frauen gewählt wird. Aber selbst dann, wenn die Anstellungsträger sich noch an irgendwelche tariflichen Vereinbarungen halten, verdient eine Sozialarbeiterin deutlich weniger als z.B. ein Ingenieur, der auch an einer FH sein Studium abgeschlossen hat. Aber heute sind prekäre Arbeitsplätze aller Couleur in der Sozialen Arbeit ohnehin Gang und Gebe.
Warum also möchten so viele diesen Beruf ergreifen?
Die Arbeitsbedingungen für fachlich gute, die Menschen stärkende und unterstützende Soziale Arbeit werden seit Jahren zunehmend schlechter: Überall fehlt das Geld, Projekte werden eingestellt, MitarbeiterInnen müssen in der gleichen Zeit wie früher, mehr Klienten betreuen, mehr Aufgaben erledigen, mehr leisten. Das geht auf Kosten der MitarbeiterInnen und genauso auf Kosten der Arbeitsqualität und damit auf Kosten der Menschen, mit denen sie zu tun haben.
Traditionell ist der Sozialarbeiter ein Mensch, der sich für die Rechte und Bedürfnisse sozial Benachteiligter einsetzt. In den 68ern, als die berühmte Heimkampagne die Studentenbewegung begleitete und die Sozialarbeiterausbildung auf Fachhochschulebene angehoben wurde, verstanden sich viele SozialarbeiterInnen als parteilich für ihre Klientel und Soziale Arbeit war eine Fachdisziplin, die ganz deutlich und offen versuchte, sich in politische Angelegenheiten einzumischen und auch Politik zu machen.
Davon ist heute schon lange nichts mehr übrig. Und in den neuen, neoliberalen Zeiten fällt einem der alte Satz wieder ein, dass die Sozialarbeit immer ihrer Klientel aber ebenso dem System verpflichtet und verbunden ist. 1968 hat das dazu geführt, dass dieses Sytem kritisch gewertet wurde. Heute muss die Soziale Arbeit aufpassen, dass das System sie nicht auf die Straße setzt, wenn sie nicht brav effizient dem System zuarbeitet.
Politische Ambitionen haben die allerwenigsten Studenten der Sozialen Arbeit. Sie wollen helfen, wollen “irgendwas mit Menschen machen”…. Da kann man nur hoffen, dass man sie auch läßt oder besser, dass sie merken, was sie mit Menschen machen und noch rechtzeitig die Notbremse ziehen. Ein bisschen mehr politischer Wind würde der Sozialen Arbeit wirklich gut tun.
Geschrieben in Soziale Arbeit, Frauen & andere Menschen, Turbokapitalismus, mein Campus-Report, Brötchen und Lohn | Keine Kommentare »