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11.5.2009 von Mrs. Tapir.
Damit meine drei Bandscheibenvorfälle nicht ständig damit drohen können, angesichts meiner Tragelasten in Richtung Ischias zu löcken und mich und meine Arbeitskraft im wahrsten Sinne des Wortes lahm zu legen, bezahlt mir das Amt für Integration eine “Hilfe zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben”, eine tolle Sache! Ich bin den Mitarbeiterinnen in Gera sehr dankbar. Ein großes Stück Lebensqualität ist wieder gewonnen: Da ist jemand, der mir als Assistenzkraft meine schweren Büchertaschen samt Notebook morgens die Treppen herunter ins Auto schleppt und am Arbeitsplatz dann wieder rauf bis auf meinen Büroschreibtisch. Und abends dann das gleiche umgekehrt…Ich stehe dann abends in meinen Räumen, überrascht, wie wenig erledigt ich bin, weil mir das allabendliche Geschleppe erspart blieb und tauche gerade zu rüstig in den verdienten und herbeigesehnten Feierabend ein.
In diesem Sommersemester sah es erst ganz so aus, als wäre keiner der über 700 Studierenden unseres Fachbereiches bereit oder in der Lage, diesen Job zu übernehmen, da dieses Mal meine Arbeitszeiten ziemlich unfreundlich gestaltet sind. Aber siehe da, es fand sich doch einer. Seit Montag habe ich endlich jemanden gefunden, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Es ist ein niederländischer Student, der dieses Semester bei uns studiert und im Unterschied zu all den anderen am Ende des Sommersemsters keine großen Prüfungen abzuleisten hat, weil er seinen Bachelor in Holland schon absolviert hat. Deshalb hat er mehr Zeit…
Er trägt also meine schweren Taschen, läuft leichtfüßig Treppen und ansteigende Bürgersteige hinauf, sitzt dann neben mir in meinem kleinen Auto und versucht, dort seine langen Beine einigermaßen unterzubringen und wir unterhalten uns.
Und so habe ich erfahren, dass es im Niederländischen kein Wort für “Feierabend” gibt. Ist das möglich? Für eine so wichtige und wunderbare Sache kein eigener Begriff? Ob es in anderen Sprachen dafür auch keine eigene Bezeichnung gibt? Ich muss direkt mal nachschlagen! Vielleicht haben die Deutschen ja zu diesem Ereignis ein ganz besonders gutes Verhältnis? Aber eigentlich sieht das den Deutschen doch gar nicht so besonders ähnlich, ich hätte da eher auf andere getippt. So kann man sich irren im eigenen Volk und in der eigenen Sprache.
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7.5.2009 von Mrs. Tapir.
So heißt nicht mein neuer Gedichtband und es ist auch nicht der Name einer Frauengestalt in einem romantischen Roman - es ist mein neues Medikament.
Ich staune über diesen Namen und wüßte ganz gerne, wie ein Medikament zu so einem Namen kommt. Drin ist vor allem ein Stoff namens Pregabalin, was ja nicht besonders lyrisch klingt.
Es ist gegen Epilepsie und Neuralgien und anders mehr. Unter anderem gegen Restless legs, diese unglaubliche Krankheit, die einen mit ihren quälenden Mißempfindungen in die Hölle schicken kann. Da ich außer an restless legs auch unter Neuralgien leide, seit ich monatelang nur am PC gesessen habe, fand meine Neurologin es ein gute Idee, bei mir nun gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich war einverstanden. Auch noch, als sie mir offenbarte, dass dieses schöne Medikament bei mehr als 1 von 10 Patienten zu Gewichtszunahme und gesteigertem Appetit sowie zu anfallsartigen Müdigkeitsattacken führt. Letztere würden sich mit der Zeit geben. Alkohol ist streng verboten!
Etwas ängstlich geworden, sah ich mir die Beipackung genauer an und gab danach Lyrica in Googel ein - und fiel voller Schreck unter eine chattende Gruppe Lyrica geschädigter ZeitgenossInnen: Die eine hatte schon 6 Kilo in einem halben Jahr zugenommen, ein anderer konnte vor Müdigkeit nicht mehr Autofahren, andere überlegten, ob sie ihrem Beruf noch weiter nachgehen konnten….
Mir wurde es unheimlich. Dennoch begann ich mit der Einnahme, lauschte in mich hinein, ob mich die Hungerattacke erreichte oder mich eine Müdigkeitswelle wegspülte…
Ich merkte von all dem nichts. Bis heute bekommt mir das Zeug bestens. Nur die Restless legs sind noch nicht so gut kontrolliert wie vorher unter Sifrol.
Als ich jetzt noch einmal in den Beipackzettel hineinsah, fand ich unter den Indikationen auch noch “chronische Besorgniszustände” und unter den Nebenwirkungen “Euphorie”. Deshalb also geht es mir seit 4 Wochen so locker gut und deshalb also habe ich derzeit durchgehend beste Laune. Nicht schlecht her Specht. Ist das jetzt die Nebenwirkung “Euphorie” oder die Wirkung bei der Indikation “chronische Besorgniszustände”?
Jedenfalls habe ich endlich auch einmal richtig Glück im Leben : Ich gehöre zu den 7 oder 8 von 10 Leuten, denen, die die Nebenwirkungsschrecken des lyrischen Pulvers nicht abbekommen haben.
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6.4.2009 von Mrs. Tapir.
Seit ich die Jahre bis zu meiner Rente an einer Hand abzählen kann, sammele ich Rentner-Geschichten. Wie ergeht es älteren Menschen, wenn sie - erwünscht oder unerwünscht - in Rente gehen müssen.
Es gibt so viele Ratschläge und Tipps zu dieser Frage: mache einfach alles weiter, wie vorher! Gönne Dir erst mal Ferien, bis Du sie satt hast! Suche dir eine neue Aufgabe, damit du dir nicht überflüssig vorkommst! Mach jetzt endlich all das, was du nie hast machen können!…
Wahrscheinlich gilt für jeden Menschen ein anderes Rezept. Auf alle Fälle gibt es RentengewinnerInnen und RentenverliererInnen, stelle ich immer wieder fest.
Da war mein erster Schwiegervater, der Lokführer, der 1 Woche vor seiner Pensionierung an Herzinfarkt starb.
Da war die frühere Sekretärin unseres Jugendamtes, die durch eine glückliche Verfügung in ein Frührentenprogramm geschlüpft war, und die ich ein dreiviertel Jahr nach Rentenbeginn auf der Straße traf: braun, lebendig, jünger als ich sie je gesehen hatte und voller Lebenslust.
Da ist meine Schwägerin, die sich seit Jahren auf die Rente freute, weil ihr Beruf ihr so große Beschwerden in den Beinen bereitet hat und die dann aber Monte lang aus dem Gleichgewicht geriet, erst mittags aus dem Bett kam, ihren Beruf und die KollegInnen vermisste und einfach kraft- und lustlos mitten in ihrer leeren Wohnung herumsaß.
Da ist Marianne, die ich neulich etwa ein Jahr nach ihrer unfreiwilligen Frühverentung wiedersah: Nie war sie so glücklich und so lebendig gewesen! Eine Freundin hatte sie gefragt, ob sie bei einer Laien-Theatertruppe mitmachen wolle, die ihre Stücke in Altersheimenaufführe. Marianne, die selten in ihrem Leben im Theater gewesen war und sich auch nie besonders für Dichtung und Sprache interessiert hatte, sagte promt zu und ist nun glücklich mit ihrer kleinen Truppe interessanter Menschen und ihren spannenden neuen Aufgaben.
Da kann man neidisch werden, denke ich. Aber allmählich dämmert mir, dass die Sehnsucht danach, endlich nicht mehr regelmäßig zur Arbeit gehen zu müssen, endlich seine eigene Herrin sein zu können, endlich ausruhen zu können, den Alltag genießen, alte Pläne verwirklichen zu können, dass diese Sehnsucht allein nicht trägt, um diese neue Herausforderung glücklich zu bewältigen.
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31.3.2009 von Mrs. Tapir.
Auszug aus meiner Trilogie:
Friedhofsgespräche - Teil II - Denkmal für meine Mutter
Du lebtest wieder in Dresden, als das erste Schuljahr langsam zu Ende ging. An einem blauen Märztag des Jahres 1927 hattest auf deinem Schulweg durch den Blüherpark die ersten Schneeglöckchen entdeckt. Der Lehrer kam an diesem Morgen in den Klassenraum, grüßte die Kinder stumm, schrieb mit großen, klaren Buchstaben an die Tafel: „Er kommt….“ und wandte sich dann mit fragendem Gesicht an die Klasse. Die Kinder schwiegen erst verwirrt, bis sie begriffen, was der Lehrer von ihnen wollte. Dann schnellten die Finger hoch. „Der Lehrer kommt“, posaunte stolz ein Junge heraus. „Nein“, der Lehrer schüttelte den Kopf. Diese Antworte wollte er nicht. „Der Vater kommt“, „die Mutter kommt“, „das Kind kommt“, „der Mann kommt“, „die Frau kommt“… Immer wieder schüttelte der Lehrer bestimmt und geheimnisvoll seinen Kopf und nahm das nächste Kind dran. Schließlich kamst du an die Reihe, die du vom ersten Moment die richtige Antwort gewusst hast. „Der Frühling kommt!“ jubeltest du in die Klasse. „Du“, sagte der Lehrer, „du kannst dich auf der Vogelwiese sehen lassen“.
P.S. Die Vogelwiese ist der Jahrmarkt in Dresden , vermutlich heute noch?
Apfelbäume warten auf den Frühling
Vorfrühling am Bach
Der Frühling zieht in Jena ein
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28.3.2009 von Mrs. Tapir.
Wie ich danach dann im Netz nachlesen konnte, bin ich weder die erste noch die einzige, die mit dieser “Firma Spielfox” Ärger bekommen hat. Im Nachhinein kann ich nur staunen über solch eine unverfrorene, gemeine Abzocke! Es hat mich noch bestimmt eine Stunde richtig aufgeregt und ich musste mir anschließend den Escher ansehen, damit ich wieder an das Gute im Menschen glauben konnte
Ich sitze am PC, ins Arbeiten vertieft. Als das Telefon klingelt, denke ich: “Na, wieder die Tochter? Oder ein Kollege? Es meldet sich nach einer kleinen mir sehr bekannten typischen Pause eine junge Männerstimme, die sofort auf mich einredet, ob ich Frau Soundso sei. Den Namen und seine “Firma” hat er so dahin geschnoddert, dass ich nichts wirklich verstanden habe. Dennoch bin ich sicher, dass es irgend eine Werbeattacke ist, habe noch die Nachrichten im Ohr, das sowas für die Werbebelästiger in Zukunft bis zu 50 000Euro kosten kann. Fast überkommt mich Mitleid mit dem armen Schlucker, der dafür bezahlt wird, dass er andere Menschen überfahren und über den Tisch ziehen soll.
Vielleicht habe ich deshalb nicht sofort aufgelegt. Vielleicht aber auch, weil er es schaffte, mich mit wenigen Worten irgendwie zu beunruhigen. Er fragt, ob ich ein Spiele-Abo weiter verlängern will oder ob ich es kündigen möchte. Welches Abo?
Ja, erklärt er mir ohne zu Zögern, da hätte ich wohl unbewusst (Junge, was weißt du von meinem Unterbewusstsein?) irgendwas angeklickt oder eine 09er Nummer gewählt oder so. Jedenfalls läge ihm meine Beitrittserklärung vor. Die ersten 3 Monate sei meine Mitgliedschaft umsonst gewesen, ich sei also kostenlos in den Genuss irgendwelcher Spielaktionen gekommen. Nun hätte ich die Kündigungsfrist versäumt und sie müssten mir ab sofort im Monat 55 Euro von meinem Konto abbuchen. Wenn ich jetzt kündigen wolle, könne er mir -falls ich in diesem Zeitraum nichts gewinnen würde - eine Rückgabegarantie der eingezahlten Gelder versprechen, als kleines Dankeschön so zu sagen.
Es erscheint mir unmöglich, sowas “aus Versehen” veranlasst zu haben. Es scheint mir unmöglich, dass auf eine solche Weise Verträge zustande gekommen sein können. Sein selbstverständlicher, routinemäßiger, halb genuschelter Tonfall macht es mir dennoch schwer, auf die Alarmglocken in mir zu hören.
Ich frage nach der Firma, die nennt mir er. Einen Vertrag kann er mir nicht zuschicken. Er kann auch nicht mehr recherchieren, wie dieser angebliche Vertrage zustande gekommen sein soll. Aber er hat ja meinen richtigen Namen, meine Adresse. Das irritiert, macht seine Aussagen im ersten Moment glaubwürdig. Um zu sehen, ob ich auch wirklich die Richtige bin, und damit er die Kündigung dann richtig weiter leiten kann, muss er die Daten abgleichen. Mein Geburtsdatum bekommt er auf diese Weise noch aus mir heraus. Aber ich erkläre ihm, dass ich nichts kündigen werde, wo ich nicht einmal einen Vertrag vorgelegt bekomme, den ich angeblich unterschrieben habe. Dann müssen wir eben weitere 12 Monate bei Ihnen abbuchen, es sei meine eigene Schuld, erklärt er mir dreist.
Ich werde allmählich wach, frage nach seinem Namen, verlange eine Telefonnummer seines direkten Vorgesetzten, eines Geschäftsführers. Er verweigert und wird immer pampiger. Ich spreche von Erpressung. Er sagt, dass er nicht so viel Zeit habe und schließlich schon 11 Minuten mit mir reden würde und er es auch nicht zum Spaß mache.
Dann verlangt er meine Bankleitzahl, fordert sie richtig, als sei ich ihm was schuldig. Ich begreife endlich, dass er nichts vergleicht, sondern schlicht Informationen aus mir herausholen will. Ich drohe mit dem Anwalt, ärgere mich gleichzeitig, dass ich ja nichts Direktes in der Hand habe. Mitten im Satz legt er auf.
Der Blick in Google beruhigt mich. Es ist unglaublich, wie geschickt die es schaffen, einen doch beinah über den Tisch zu ziehen. Es ist empörend, anderen ausgesetzt zu sein, die so skrupelos vorgehen. Ich habe gerade noch so die Kurve gekriegt. Und ich frage mich, was unbedarfte junge Leute tun würden, alte Menschen, Hartz IV Empfänger?
Das Schärfste dabei war, er gab sich ja keineswegs seriös. Er outete sich als Abzocker, auf den ich leider nun mal hereingefallen sei und rechnete damit, dass ich von den unsäglichen Geschichten weiß, wo Anwälte aus Menschen Geld erpressen für die irrsten Sachen, die sie nicht haben machen wollen. Er gab zu, dass getrixst worden sei, dass dieser angebliche Vertrag wohl nicht auf ganz saubere Weise zustande gekommen sein wird. Aber das sei mein Pech und das hätte ich nun auszulöffeln.
Erst jetzt wird mir klar, dass ich, auch wenn ich ausversehen was angeklickt hätte oder irgendwo mit meinem Namen Werbematerial angefordert hätte oder so etwas, ich mit absoluter Sicherheit dabei nicht auch noch meine Bankverbindung dazu geschrieben hätte. Ich hätte also doch gleich, schon nach der bekannten kleinen Pause am Anfang desGespräche, wo vermutlich irgendetwas erst durchgeschaltet wird, auflegen sollen. Hätte mir viel Ärger und Aufregung aber auch eine neue Erfahrung erspart.
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24.9.2008 von Mrs. Tapir.
Wir wohnten so nah, dass wir dieses Ziel locker in 10 Minuten zu Fuß0 erreichen konnten. Auf diese Weise kamen wir aber durch ein Seitentor auf den Friedhof und bekamen - wie am Haupteingang - keinen Plan der berühmten Gräber.
Die Stimmung des Friedhofs auf der Seite, von der wir ihn betraten war zunächst eher bedrückend. Nur steinerne Gräber, Moos, verwelkte Blumen…
Zunächst suchten und fanden wir die Mauer, an denen die Communarden erschossen worden sind. Hier über habe ich schon vor ein paar Tagen berichtet.
Ohne Plan war das Suchen nach prominenten Gräbern gar nicht so einfach. Wir versuchten uns an der Menge der um eine Grabstätte stehendn Menschen und der Fülle niedergelegter Blumen zu orientieren.
Das am meisten mit Blumen geschmückte und von einer Menschentraube umstellte Grab gehörte einem uns völlig unbekannten Franzosen - wie uns Google dann später zu Hause verriet dem “Erfinder” des Spiritismus.
Das Grab von Balsac erkannte ich nur an seiner Büste. Keiner war hier und niemand hatte ihm Blumen gebracht.
Dann: das Grab von Yves Montant. Hier gab es Blumen und nicht nur das: Auf dem Nachbargrab räkelte sich ein schwarzes Kätzchen, dass sich hier offensichtlich wohlfühlte und das sich auch von den entzückten Touristen nicht stören ließ.
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30.7.2008 von Mrs. Tapir.
Erzählung
Mechthild Seithe

the last rose
Irene beobachtet ihre ältere Mitpatientin, die wegen Brustkrebs nun schon zum dritten Mal eingeliefert wurde. Während sie noch über die Gemeinheit und Sinnlosigkeit des Lebens philosophiert, das ein so trauriges und hartes Schicksal zulässt, erlebt sie, wie für ihre Bettnachbarin - sozusagen im Angesichte ihres Todes - eine Liebesgeschichte beginnt. Hin und her gerissen zwischen Neid, Angewidertheit und Ärger ergreift sie schließlich für die Liebenden Partei und damit auch für sich selber..
22. September
Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.
Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.
Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.
Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.
Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.
Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.
Ich gehöre inzwischen zum fast Inventar. Ich kenne den Dienstplan der Schwestern vermutlich besser als der Oberarzt und weiß auch von dem Kummer der Stationshilfe mit ihrer alten Mutter. Weniger bleibend sind die Eindrücke, die die anderen Patientinnen bei mir hinterlassen, die nacheinander das andere Bett in diesem Zimmer bewohnt, belegen, bekleckert, besabbert, beweint haben.
Die anderen waren fast alle älter als ich. Ja, ich weiß, es gibt manchmal auch Jüngere. Aber ich selber bin , weiß der Himmel, auch noch zu jung, für diese Scheiß Diagnose. Es ist ungerecht. Es ist zum Kotzen ungerecht.
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16.7.2008 von Mrs. Tapir.
Mechthild Seithe
Erzählung
Sie ist froh, dass er wirklich gekommen ist. Jetzt ist sie doch froh darüber.
Zuerst sind ihr die heftigen Auseinandersetzungen eingefallen, die es jahrelang zwischen Heinrich und Wolfgang gegeben hat. Aber das ist nun schon lange her. Sie hat Wolfgang angerufen, als es mit Heinrich anfing, kritisch zu werden.
Sie hat ihn zwischen zwei Konferenzen erreicht. Er war auf der Stelle bereit, her zu kommen.
Bestimmt wird Heinrich auch in seinem Zustand noch begreifen, dass sein Sohn da ist. Und er wird sich freuen.
Der Mann ist zögernd in der Tür stehen geblieben. Sie versucht, in seinen Zügen zu lesen. Er steht da und schaut ins Zimmer. Über seine Gestalt fällt ein Streifen Sonnenlicht, das durch die heruntergelassenen Jalousien fällt. Der Mann blinzelt. Die ins Dämmer hinein gestreute Helligkeit in diesem Krankenzimmer scheint ihn zu überraschen. Was hat er erwartet von dem Ort, an dem er seinen sterbenden Vater besucht?
Es gibt keinen Grund, Trübsal zu blasen. Ingrid ist froh, dass der helle Tag bis in dieses Zimmer und bis an sein Bett dringt und ihn vielleicht noch einmal die Wärme der Sonne ahnen lässt. Es war den ganzen Tag düster und unfreundlich draußen. Seit ein paar Stunden aber hat es aufgehört zu regnen und nun steht der Himmel klar und blau über der Stadt. Und über die Krankenzimmerwände laufen nun blendende Sonnenbänder und überschütten die kahlen Flächen und die kühlen Gegenstände dieses dämmrigen Raumes streifenweise mit flirrendem Licht. Heinrich hat seit Tagen die Augen geschlossen.
Ingrid wirft einen sorgenden Blick auf den Mann, neben dem sie seit Tagen sitzt und dessen Hand sie die ganze Zeit hält. Sie spürt, wie Rührung in ihr aufsteigt beim Anblick des Gesichtes, das ihr so sehr vertraut ist. Sie kennt es wütend und zornig, sie hat es lustig erlebt, betrunken. Aber auch zärtlich hat sie dieses Gesicht gesehen, zerfließend und weich in der Lust. Jetzt ist es einfach nur ganz still und gefasst. Aber es ist nicht leer. Oh nein, leer ist es nicht.
Ingrid ist so froh, dass sie seinen Ärzten nicht geglaubt hat. Es ist sehr wohl wichtig für ihn, dass sie hier bei ihm sitzt. Auch wenn er fast immer die Augen geschlossen hat, auch wenn er nicht mehr spricht: Sie ist sich ganz sicher, dass Heinrich alles mitbekommt, was um ihn herum geschieht. Die Ärzte sprechen seit Tagen vom Wachkoma. Aber sie weiß es besser. Sie ist schließlich seine Frau. Seit 15 Jahren ist sie seine Frau, eine ziemlich lange Zeit immerhin! Wenn sie seine Stirn mit dem kühlen Tuch vorsichtig abtupft, spürt sie seine Dankbarkeit, sieht sie, wie seine Augenlieder zur Ruhe kommen wie besänftigte Kinder.
So intensiv wie jetzt waren sie in all den Jahren fast nie beieinander. Meist hat er sich gewehrt, wenn sie ihn mit Zärtlichkeiten bedrängte. Aber jetzt lässt er sie ganz nah an sich heran. Jetzt, wo es bald vorbei sein wird, jetzt ist sie ihm so nah wie nie vorher. Er ist anders geworden, weicher. Er wird sich auch über Wolfgang freuen. Sie ist froh, dass Wolfgang so schnell gekommen ist.
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29.6.2008 von Mrs. Tapir.
Vereinigung
Wir liegen eng umschlungen
Haut an Haut und
Mund an Mund und
Fleisch an Fleisch.
Und Stirn an Stirn.
Dein Auge lächelt.
Ich kann mich sehen
dort in deinem Blick.
Ich sehe glücklich aus.
Wenn ich dann deine warme Hand
an meiner Möse spüre,
und wenn ich deine
dicht behaarte Scham berühre,
und deinen Schwanz,
der mich bereits erwartet hat,
dann fühle ich es wie Gesang
in mir, ein Schluchzen
und ein bitter süßes Sehnen,
das immer süßer wird
und immer wilder,
ein Sog, der mich hinwegspült,
keine andre Wahl erlaubt,
als dass ich der Begierde folge und
atemlos und wie von Sinnen
in diese Schlucht hinunterstürze.
Zu dir.
Ich falle schwerelos hinab
in einen weiten, dunklen Grund,
den immer wieder grelle
Blitze überschütten und der
am Ende dann von Lichtern
gänzlich überströmt
für eine kurze Weile
fast dem Himmel gleicht.
Wenn du dann still
in meinem Leibe ruhst,
so spricht dein Schwanz zu mir
so sanft. Gerührt
empfange ich die Botschaft
und sende voller Zärtlichkeit
an dich zurück, was meine Seele
und jede Faser meines Körpers
sagen will.
Dass ich dich liebe.
A. Menke
Viele Jahre meines Lebens, immer wieder in langen Phasen zwischen zwei Liebschaften oder auch nach den ersten zwei, drei Jahren einer festen Beziehung war mir Sexualität so entfernt und fremd, dass ich gar nicht glauben konnte, dass sie für andere Menschen wirklich eine reale Kraft ist, die ihr Leben bestimmt.
Und obwohl ich in meinen aktiven Phasen das selber genau so empfand wie alle anderen und meine Sexualität in mir lebte wie ein kleines, gieriges und gleichzeitig sehnsüchtiges Tier, dass ich pflegen und streicheln, ernähren und beruhigen musste, entfielen mir immer wieder für Jahre das Wissen um diese Realität und die Gewissheit der körperlichen Gefühle und Sehnsüchte. In diesen Zeiten betrachtete ich das turtelnde und aufreizende Treiben um mich herum mit Skepsis und der festen Überzeugung, dass sich die ganze Welt in diesem Punkt selber eins in die Tasche lüge. Sexualität war dann für mich ein nicht wirklich existierendes Phänomen, etwas von den anderen Erdachtes, was sie wie ein Spiel betrieben, ohne wirklich einen Ball zu haben.
Doch irgendwann wurde jedesmal mein Sexualtrieb wieder geweckt, meist ja von irgendeiner neuen Liebesbeziehung. Und dann gehörte das sexuelle Empfinden zu meinem Alltag wie das Essen und das Trinken, wie das Atmen müssen, als immer wiederkehrendes, alltägliches und – wenn unerfüllt – recht heftiges Bedürfnis. Und dann verstand ich meine sexuelle Blindheit der langen Zeit davor nicht mehr.
Warum ist das so gewesen? Mein Mann würde sofort meine katholische Erziehung anführen. Vielleicht hat er nicht ganz Unrecht. Empfindlich für Widersprüche und Scheinheiligkeit habe ich als Kind immer wieder darüber nachgegrübelt, wieso etwas, was Sünde und verboten war, etwas, was die heilige Jungfrau Maria wegen der offensichtlichen “Dreckigkeit” von Sexualität einfach mittels des Engels Gabriel übersprang, um Jesus bekommen zu können, wieso genau das dann in einer Ehe auf einmal gut sein sollte, sogar Pflicht, wie ich hörte und von Gott gesegnet. Da stimmte irgend etwas ganz und gar nicht, fand ich schon als Kind. Entweder war Sexualität so natürlich wie das Essen und Trinken und Atmen oder es war ein Hirngespinst, eine schlechte Angewohnheit, ein Laster. Ich entschied mich mit dem Kopf dafür, Sexualität als natürlich anzusehen und den lieben Gott nach Hause zu schicken samt seiner Kirche und seinen angeblich über jede Sexualität erhabenen Priestern, die heimlich uneheliche Kinder in die Welt setzten. Aber fühlen konnte ich sie lange nicht wirklich.
Dann kam die sogenannte sexuelle Revolution, die uns befreite von Doppelmoral und einem Leben im Verbotenen, die es ermöglichte, als 20jährige die Pille zu bekommen und den alten “Fluch” freier Sexualität, die ungewollte Schwangerschaft, als biografisches Risiko auszuschließen. Der Weg zur Lust war frei.
Aber der Druck, die Pflicht, der Gruppendruck blieben, sie hatten nur andere Gesichter. Befreit waren wohl möglich die Männer. Ich als Frau erlebte diese Befreiung zwiespältig: Ab jetzt war frau einfach out, wenn sie an Sexualität kein Interesse hatte. Ab jetzt galt es als Qualität, viele und aufregende sexuelle Erfahrungen zu machen, obwohl der “gute Sex” noch gar nicht erfunden war.
Wir hatten weder gelernt, dass Sexualität etwas ist, was man lernen muss, noch dass es eine individuelle Ausdrucks- und Erlebnisweise der Sexualität gibt. Wir hatten nicht gelernt, nein zu sagen, wenn wir nicht wollten und ebenfalls nicht, unsere Bedürfnisse zu zeigen und offen auszusprechen. Und ich habe die Zeit in den 68ern verpasst, wo in Frauengruppen die eigene Sexualität in beherzten Entdeckungsreisen zur eigenen Vagina neu begriffen wurde. Damals fand ich das albern und fühlte mich darüber erhaben.
Die sexuelle Welle rollte so dahin. Mir brachte sie leider für etliche Jahre sexuelle Apathie und Angst in meiner ersten Ehe ein, weil ich mich gefangen fühlte im Wissen darum, dass dieses Selbstverständliche verdammt noch mal eben selbstverständlich war und ich mich dem zu beugen hatte. Ich hatte einfach kein Recht dazu, keine Lust zu haben.
Warum ich trotzdem in der Lage war, mit neuen, anderen Lovern sexuelle Lust (wieder-)zu erleben, habe ich lange nicht begriffen.
Meinen ersten Orgasmus erlebte ich erst mit 30, viele Jahre später, als ich endlich gelernt hatte, zu onanieren und zu begreifen, dass es sich um meine Lust handelt und nicht darum, einer anderen Lust zu dienen.
Die Bücher von Shere Hite waren für mich in den späten 70ern wahre Entdeckungen. Endlich sprachen zumindest andere Frauen offen über ihre Sexualität und der Zwang in mir, irgend eine Norm erfüllen zu müssen, ließ deutlich nach. In meiner neuen Frauengruppe befassten wir uns nicht mit unserem Körper aber wir begannen, über Sexualität zu reden und die der Männer zu erforschen. Wir begannen, in der ganzen Angelegenheit eine aktive Position zu beziehen.
Die Unterschiede männlichen sexuellen Begehrens und sexueller Aktivität zu denen der Frauen wurden mit immer klarer: Immer glaubten die Männer, durch Sexualität Beziehungsprobleme lösen zu können, während ich meinte, erst sprechen, mich austauschen, mich meiner und seiner Gefühle vergewissern zu müssen, damit ich wieder Lust haben und mit ihm schlafen konnte. Solange es nicht erforderlich war, Probleme zu kommunizieren, klappte die Sexualität gut. Dann aber versiegte sie, weil mir mein Gefühlstau an Konflikten, Unzufriedenheit und Ärger über den Partner den Weg zu einer unbeschwerten gemeinsamen sexuellen Kommunikation verwehrte.
Das ist bis heute so geblieben.
Inzwischen ist Sexualität in der Gesellschaft zu einer allgegenwärtigen Angelegenheit geworden. Etwas zu verschweigen oder die Intimität zu wahren hält kaum mehr jemand für notwendig. (Die romantische Gegenbewegung ist allerdings auch nicht zu übersehen. Bald wird es wieder etwas gelten, als Jungfrau zu heiraten.)
Kaum ein Roman, der heute geschrieben wird, verzichtet auf ausführliche, möglichst drastische und an die Ekel- oder Schmerzgrenze gehende Schilderungen von Sexualität. Gekratzt und gesucht wird nach Tabus, die man noch brechen kann.
Als ich vor ein paar Jahren die Elementarteilchen und von Michel Houellebecq las, begegnete ich der skurillen Karikatur einer Sexualität, wie ich sie in dieser Gesellschaft immer wieder empfunden habe: eine aus allen menschlichen Zusammenhängen herausgelöste verselbständigte Technik von dauernder und unersättlicher, weil nie wirklicher, auch emotional befriedigter Lust. Und die Lektüre dieser Sex-Szene hatte wenig Anmachendes sondern erzeugte eher Langweile und Ungeduld in mir.
Berührt hat mich aber dabei, dass diese Sexualitätskultur nicht in Gewalt und Unterdrückung mündete, sondern wie ein großes, höfliches Gesellschaftsspiel praktiziert wurde, auf der Basis von Toleranz und Respekt, basierend scheinbar auf einer Vereinbarung, sich gegenseitig instrumentell zur Verfügung zu stellen, um die ständig bestehende Bedürftigkeit zu befriedigen. Gefühle und Empfindlichkeiten hatten dabei keinen Platz, auch keine Eifersucht.
Fast kam es mir so vor, als ließe mich dieser Autor durch einen utopischen Park der Menschheit wandern, in dem die Erfüllung aller Sehnsüchte endlich erlaubt und Scheinheiligkeit und Eitelkeit verbannt schienen. Ein friedliches Bild. Und es irritierte nur ein klein wenig, dass die Menschen sich an jeder Wegbiegung fickten. Eine Art menschliches Paradies, so schien es fast.
Aber immerhin wird bei Michel Houellebecq die ganze Brüchigkeit dieses scheinbaren Paradieses markiert: Als die körperlich ziemlich anstrengenden Praktiken bei der Protagonistin eine körperliche Verletzung auslösten und sie fortan an den Rollstuhl ketteten, konnte ihr Freund aus dem Zirkel seiner Pseudobefriedigung nicht ausbrechen und ließ sie allein. Und sie, die nichts anderes erwartet hatte, nahm sich das Leben.
Ich teile diese implizite Botschaft:
Sexualität kann, so denke ich, sehr wohl auch Selbstzweck sein, für Männer wie für Frauen, aber wenn dieser Selbstzweck sich ablöst und eine zwischenmenschliche Beziehung, die mehr beinhaltet als sexuelle Befriedigung, nicht zulässt, ist dieses Paradies erbärmlich.
Sexualität ist in unserer Gesellschaft längst zur Ware geworden, deren Qualitätsmerkmale allgemein bekannt und bindend sind: Sexualität ist an Attraktivität, an Schönheit, an bestimmte live style-Merkmale gebunden. Sie ist in ihrer vermarkteten Allgegenwart allmählich ziemlich lästig. Und ich frage mich oft, wer da wirklich bedient wird? Die Wirtschaft natürlich. Aber vielleicht auch viele Männer, deren sexuelle Bedürfnisse offenbar an allen Ecken angestachelt werden. Aber die Frauen? Ihnen wird wieder einmal vorgegeben, wie sie zu sein haben, um selber solche Bedürfnisse auszulösen. Und alles, was man dazu braucht, gibt es natürlich zu kaufen. Doch, ich muss es eingestehen, ab und an gibt es auch mal den Versuch, Frauen als sexuell aktive und fordernde Wesen darzustellen. Aber auch das wird für viele Frauen eher einen Leistungsdruck auslösen als so etwas wie Selbstbewusstsein. An die Männer, die unter Druck stehen, weil sie nicht diese Sexprotzen sind oder sein möchten, wie sie von allen Plakaten heruntergrinsen, wage ich gar nicht zu denken. Ich weiß, dass es sie auch gibt. Aber was solls: Die Scham ist wahrhaftig vorbei, im Guten wie im Schlechten. Aktive und “gute” Sexualität gilt als Muss und als ein Zeichen für Vitalität und Attraktivität. Und genau deshalb ist Sexualität keineswegs befreit und hat so auch wenig Befreiendes.
Und dennoch: Viele Jahre meines Lebens habe ich so empfunden und denke, es wäre schön gewesen, es immer zu wissen:
Sexualität ist nicht alles. Und nicht alles ist durch sie bestimmt. Aber sie gehört zum Leben wie das Essen und Trinken und Atmen. Sie dient vordergründig der menschen Fortpflanzung, so wie die anderen natürlichen Bedürfnisse dazu dienen, das Leben zu erhalten. Aber sie ist ebenfalls Quelle von Lust, von lustvoller Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Person und gleichzeitig eine wunderbare Chance, diese Lust mit einem anderen Menschen gemeinsam zu erleben.
Und in diesem Sinne hoffe ich, dass Sexualität, meine ganz eigene, die, die ich als lustvoll und befreiend empfinde, mich auch im Alter weiter beglücken wird.
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Geschrieben in Unterm Strich, Frauen & andere Menschen, Alter & Leben, Leute & Geschichten, Texte von mir | Keine Kommentare »
22.5.2008 von Mrs. Tapir.
Kurzgeschichte
Mechthild Seithe
Alltag: Gewalt in den Schulen
Von der anderen Seite der Kreuzung her kann jeden Moment ihr Bus auftauchen.
Sie sind ihr sofort aufgefallen. Ein ganzes Stück weiter vorne liefen sie quer über die stark befahrene Straße.
Im Gehen knüpft sie den Mantel zu. Es ist doch kühl geworden heute Nachmittag, kühler als sie gedacht hat. Die blasse Bläue des aufgerissenen Oktoberhimmels, der durch die Doppelglasscheiben des Büros so freundlich aussah, hat sie getäuscht. Im Bus wird es wieder warm sein, warm und eng. Sie hat es eilig, die Haltestelle zu erreichen.
Dennoch sind sie ihr gleich aufgefallen. Und jetzt, auf der anderen Straßenseite, stößt sie fast mit ihnen zusammen. Der Kleinste der Drei rempelt sie an. Er schwankt auf sie zu, stößt sie fast um, ohne, dass sie den Grund für sein Verhalten erkennen kann. Für eine Sekunde, länger, als es nötig wäre, sieht sie in seine Augen, sieht in etwas Dunkles und bleibt daran hängen. Sie sieht ein Gespenst. Jemand stürzt auf sie zu, die geöffneten Arme greifen nach ihr. So sieht kein Mensch entgegenkommende Passanten an. Solchen Blicken begegnet man nur in Albträumen! Trotzdem geht sie einfach weiter. Es ist besser, jetzt weiter zu gehen.
Jemand lacht.
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