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3.4.2009 von Mrs. Tapir.
Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…
Mittwoch Nachmittag, die Seminare für diese Woche liegen hinter mir. Blick auf vier “freie Tage”, wo ich zu Hause am Schreibtisch arbeiten und vielleicht auch ein bisschen Frühling schnuppern kann. Große Feierabendstimmung breitet sich in mir aus und plötzlich ein Riesenhunger auf Frühling.
Ich entschließe mich spontan, noch in der Stadt Shoppen zu gehen. Mir schwebt ein schwingender, heller Sommerrock vor.
Otto-Eckmann, Frühling
Ich sehe mich im Kaufhaus um. Röcke sind dieses Jahr nicht gerade üppig vertreten. ‘Der dort vielleicht, der auch, der nicht, aber der. Sollte ich mal anprobieren…’
Da spricht mich plötzlich jemand mit meinem Namen von hinten an. Vor mir steht eine meiner Studentinnen, die vor ein paar Stunden noch in meinem Seminar gesessen hat. Sie arbeite hier, schon seit 2 Jahren, neben dem Studium, oft 4 Stunden am Tag und mehr. Als sie im letzten Semester ihr großes Praktikum gemacht hat, musste sie täglich nach 8 Stunden Praktikum noch für 4 Stunden im Kaufhaus arbeiten. Das sei die Härte gewesen. Ich kann es mir vorstellen.
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“Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…”, sagt sie. Tatsächlich, ich habe noch immer das neue Shirt an, das farbig leuchtend gestreifte, das ich bei meinem letzten Frühlingshunger vor 14 Tagen aus diesem Laden abgeschleppt habe. Als würde ich ständig nur Klamotten kaufen, denke ich amüsiert. Egal, ich nutze die Gelegenheit und erläutere meiner Studentin meinen neuen Frühlingswunsch: bequem, luftig, fröhlich, fließend, schwingend…. Und sie bringt herbei, was der Laden hergibt, berät in Stil- und Farbfragen und umsorgt mich und mein Shoppingbedürfnis mit höchster Professionalität. Und ich , die eigentlich so ungern Klamotten einkauft wie andere zum Zahnarzt gehen, ich fühle mich aufgehoben wie in Abrahams Schoß und ziehe nach einer guten Stunde mit 2 neuen Röcken und 2 passenden T-Shirts ab.
Und das alles, damit mir auch nächste Woche wieder eine Studentin sagen kann: “Aber Frau S., Sie sehen ja heute aus wie der leibhaftige Frühling!”. Man tut was man kann.
Goethe-Galerie Jena
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Geschrieben in Frauen & andere Menschen, Alter & Leben, Brötchen und Lohn | Keine Kommentare »
3.7.2008 von Mrs. Tapir.
Erzählung
Mechthild Seithe
Er solle schon vorausgehen. Sie müsse noch ihren Eyeliner nachziehen, hatte sie gesagt.
Als er die Tür des Hotelzimmers hinter sich schloss, war sie plötzlich alleine. Ihr war, als tauche sie für kurze Zeit aus einer drückenden Wassertiefe auf, um Atem zu holen.
Die Heftigkeit des Befreiungsgefühls überraschte sie. Sie stand im Bad, als er hinaus ging. Die Spiegel im schneeweiß gekachelten Raum zeigten ihr ein blasses, fragendes Gesicht, das wohl ihres sein musste. Sie schaltete die Badezimmerlampe aus.
Im Hotelzimmer waren die Betten noch nicht gemacht. Auf dem Nachttisch neben ihrem Kopfende lag der Brief ihrer Tochter, wegen dem sie sich vor dem Einschlafen gestritten hatten: Jetzt fiel es ihr wieder ein. Richtig gestritten hatten sie sich natürlich nicht. Eigentlich hatten sie sich noch nie gestritten. Keiner von ihnen wollte das. Sie hatten beide genug gekämpft in ihrem Leben mit anderen und mit sich selber.
Es war auch gar nichts weiter geschehen. Er hatte sich über ihre Sorgen lustig gemacht. Er fand sie überflüssig. Natürlich waren sie überflüssig, ihre Sorgen. Und dennoch hatten sie diese Sorgen auf einmal überfallen, als sie den Brief las. Und sie hatte ihre Sorgen den ganzen Tag nicht wieder loswerden können.
Natürlich würde ihre Tochter auch diese Enttäuschung verkraften, irgendwann. Aber der Gedanke an das verletzte, kindlich hilflose Gesicht von Jana war ihr wie ein toter Vogel mitten ins Herz gefallen und ließ sie nicht mehr los. Mitten im Wienurlaub hatten sie einmal mehr ihre Mutterreflexe in den Griff bekommen.
Aber wieso verstand er das nicht? Sie konnte nun mal nicht einfach abschalten, vergessen, optimistisch sein. Ihre Urlaubslaune hatte einen hässlichen Knick bekommen. Aber er lachte nur darüber! Selbst als sie richtig böse und dann plötzlich tintentraurig wurde, hatte er die Sache immer weiter auf die leichte Schulter genommen.
Trotzdem wurde kein richtiger Streit daraus. Sie küsste ihn flüchtig, als sie ihm Gute Nacht wünschte. Aber es blieb eine kühle Enttäuschung zurück. Grübelnd und fröstelnd war sie eingeschlafen.
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Der eiserne Mann, Park in Melk
Sie warf einen Blick aus dem kleinen Fenster hinunter in die schmale Straße vor dem Hotel. Auto reihte sich an Auto rechts und links der Fahrbahn, auf der nur mit Mühe zwei Wagen an einander vorbei fahren konnten. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite kamen Menschen aus dem türkischen Gemüseladen. Zwei Häuser weiter stellten Straßenarbeiter Sperrschilder auf. Irgendwo noch weiter hinten, eng eingekeilt, musste auch ihr Wagen stehen. Wie froh waren sie vor vier Tagen gewesen, als sie diesen Stellplatz gefunden und es dann auch noch geschafft hatten, das Auto hineinzuparken! Lachend hatten sie sich in den Armen gelegen. Jetzt also konnten sie sorglos mit ihrem Wienurlaub beginnen.
Damals war ihre Freude noch ungetrübt.
Wie lange schien das her zu sein! Was war inzwischen passiert? War es wirklich dieser dumme Streit? Oder war da ein Eis gebrochen, dass unbemerkt ganz dünn geworden war und bei der ersten Belastung nachgab und den Weg in den Abgrund öffnete?
Der Himmel über den Dächern und den schon bräunlich verfärbten, noch mit ihrer grünen, stacheligen Last behangenen Kastanien war blass blau, von dünnen Federwolken überzogen. Es sah nach Regen aus. Das Wetter hatte also umgeschlagen. Es war schon gestern Nachmittag kalt geworden. Sie hatte ziemlich gefroren in ihrer Sommerjacke.
Sie sollte heute unbedingt ihren Schal umlegen, wenn sie zum Prater fahren werden. Sicher wird wieder dieser kühle Wind wehen, sobald man die Innenstadt mit ihren schützenden großen Bürgerhäusern verlassen haben würde.
Der Prater, der war ihr als Erstes eingefallen, als er vor ein paar Monaten vorschlug, mit ihr nach Wien zu fahren, der Prater und das Riesenrad. ‚Wir werden im Riesenrad sitzen, auf die Stadt hinunterschauen und uns küssen. ‚Wien, Stadt der Liebenden’, dachte sie damals.
Die nächste U-Bahnstation war nicht weit. Sie lag vorne beim Westbahnhof. Von dort aus würden sie nachher wieder aufbrechen. Sie konnte ihn von hier oben sogar sehen, wenn sie sich ein wenig zu weit vorbeugte.
Langsam drehte sie sich vom Fenster weg. Sie musste endlich hinunter gehen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie nun schon hier oben gestanden und hinuntergesehen hatte. Er würde beunruhigt sein, wenn sie nicht bald käme.
Auf dem kahlen, langen Hotelflur begegnete ihr kein Mensch. Im spiegelnden Fahrstuhl fuhr mit ihr ein junges Pärchen ins Erdgeschoß, das kichernd mit sich selber beschäftigt war und von ihrer Anwesenheit keinerlei Notiz nahm. Unten im Foyer lümmelte sich eine japanische Reisegruppe auf ihren großen Koffern und wartete auf irgendetwas. Im Frühstückssaal herrschte noch immer Hochbetrieb.
Sie blickte sich suchend um. Fast alle Plätze waren belegt. Ein kleiner Tisch am Fenster fiel ihr ins Auge, an dem noch niemand saß. Am liebsten wäre sie dort hingegangen und hätte von da weiter aus dem Fenster gesehen. Sie riss sich zusammen. Kurt wartete auf sie. Er würde es seltsam finden, wenn sie sich jetzt alleine an irgendeinen Tisch setzen würde. Und nun sah sie auch Kurt, weiter hinten im Raum. Er winkte sie mit einer seiner großen Gesten zu sich heran. Natürlich würde sie jetzt zu ihm gehen. Sie warf einen kurzen, sehnsüchtigen Blick zu dem kleinen Tisch am Fenster. Dann bahnte sie sich zwischen den essenden Menschen und der Schlage am Büffet hindurch den Weg zu ihm.
Er war nicht alleine. Am Tisch hatte noch ein anderes Paar platz genommen. Sie wusste nicht, ob sie das angenehm oder störend finden sollte. Er aber lächelte ihr entgegen, stand auf und rückte ihr den noch freien Stuhl zurecht.
‚Er müsste nicht so viel Theater machen’, dachte sie mit einem kleinen Unbehagen. Es war sicher lieb gemeint. Aber irgendwie kam ihr sein Verhalten vor den anderen albern vor. Sie grüßte etwas steif in die Runde.
„Du hast lange gebraucht, mein Schatz“, stellte er fest. In seiner Stimme klang kein Vorwurf mit, nur ein kleines Erstaunen.
Sie murmelte etwas von verwischter Wimperntusche und goss sich einen Kaffee ein.
Wieso verhält er sich so unbefangen, ganz so, als sei nichts gewesen gestern Abend, dachte sie verwirrt. War es möglich, dass er den kleinen Vorfall völlig vergessen hatte? Wenn sie ehrlich war, hielt sie es sogar für möglich, dass er ihn nicht einmal bemerkt hatte. Vielleicht sollte sie ihn einfach auch vergessen.
Sie stand auf und ging mit ihrem Teller zum Büffet. Sie war froh, noch einmal fort gehen zu können.
„Heute geht es also zum Prater“, plauderte Kurt munter drauflos, kaum dass sie sich wieder gesetzt hatte.
„Da waren wir gestern auch“, bemerkte der Tischnachbar und lachte seine Partnerin an. Die lächelte auch und legte dann liebevoll ihre Hand auf seinen Oberarm.
Wie von ungefähr flog ein kleines, trauriges Neidgefühl durch ihr Herz, als sie das andere Paar betrachtete. Die beiden mochten etwa in ihrem Altern sein. Aber bestimmt waren auch sie ein frisches Liebespaar. So sah man sich nicht mehr an nach 20 Jahren Ehe. Die beiden waren sicher noch nicht allzu lange zusammen, vielleicht erst seit diesem Frühling, oder seit letztem Jahr, so wie sie und Kurt auch.
Konnte man ihnen auch noch ansehen, dass sie ein Liebespaar waren?
Sie musste unwillkürlich den Mann betrachten, mit dem sie nun seit gut einem Jahr zusammen war. Sie sah ihn neben sich sitzen und lachen. Sie schaute in sein Gesicht und wartete auf das gewohnte Gefühl der Rührung, das sie immer ankam beim Anblick seines schmalen aber doch weichen Mundes, seiner starken, leicht nach links gebogenen Nase. Das Gefühl blieb heute aus und außer der Tatsache, dass sein Dreitagebart jetzt doch besser rasiert werden sollte, fiel ihr nichts bei seinem Anblick ein. Er war noch immer derselbe wie vor wenigen Tagen. Aber war sie es auch? Etwas war von ihr abgefallen. Jemand hatte den Strom abgestellt. Das Zaubergespinst aus goldfarbenen Fäden, das sie so eng verbunden hatte, das ihre Gedanken und Gefühle seit Monaten auf wunderbare Weise miteinander verwoben hatte, es schien mit einem Mal zerrissen und zu einem banalen Bindfaden zusammengeschnurrt. Und die Erkenntnis löste in ihr nicht einmal Verzweiflung aus, nur einen kleinen Schreck, ein Erstaunen, ein trauriges Erstaunen. Wann war das passiert, überlegte sie. Erst gestern Abend? Oder vielleicht doch schon eher? Sie schluckte.
„Geht es dir nicht gut?“ Er hatte ihren Blick bemerkt.
„Doch, doch“, versicherte sie und versuchte zu lächeln.
„Du siehst so traurig aus.“
„Tatsächlich? Warum sollte ich denn traurig sein?“
„Sollen wir besser heute nicht zum Prater fahren?“
„Doch, doch. Es ist schon o. k. Lass uns hinfahren!“
Immerhin waren sie in Wien und das Riesenrad auf dem Prater, das durfte man sich einfach nicht entgehen lassen. Trotz allem.
Am Himmel zogen inzwischen dunkel gefärbte Wolken über das blasse Blau. Die Windböen, die durch die breite, menschenleere Allee fegten, klatschten ein paar kalte Tropfen in ihr Gesicht. Am Boden klebten große braune und gelb verfärbte Blätter.
Eine ganze Zeit lang waren sie schon nebeneinander her gelaufen, ohne sich zu berühren. Sie hatte demonstrativ ihre Hände tief in die Jackentasche gesteckt. Sie erwartete, er würde seine Jacke um sie beide wickeln und seinen Arm wärmend um ihre Schulter legen, sobald sie ihren Widerstand aufgäbe. Aber so sehr sie es sich wünschte, sie brachte es nicht fertig, ihn zu berühren. Sie konnte es nicht. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen vor Enttäuschung über ihren eigenen Widerwillen. Am liebsten wäre sie irgendwo hineingekrochen, in irgendein Mauseloch, wo sie geborgen und für sich allein dem kalten Tag hätte trotzen können.
Er lief neben ihr her und sah sie ab und zu von der Seite an, sagte aber nichts.
„Du hast ja ganz kalte Hände“, bemerkte er schließlich doch, als er beim Einbiegen von der Straße in die Parkanlage zum Pratereingang ihre Hand genommen hatte.
„Ich finde es heute ziemlich eisig“, bemerkte sie und fühlte sich ertappt.
Sie ließ ihm ihre Hand, zog sie nicht zurück. Aber sie spürte kaum Wärme zu sich herüber fließen.
„Wir sind ja gleich da“, versuchte er sie zu trösten. „Komm, wir gehen etwas schneller, dann wird dir sicher warm!“
Sie nickte stumm. Ihre kalte Hand lag in seiner wie ein toter Gegenstand, der nicht zu ihr gehörte.
‚Was ist los mit mir?’, dachte sie mit einem Anflug von Panik. Es kam ihr so vor, als hätte jemand während eines Wolkenbruches den Regenschirm über ihr zusammengeklappt. Am liebsten wäre sie umgedreht und mit einen Taxi ins Hotel zurück gefahren.
Nur vereinzelte Menschen wagten sich an diesem windigen, kalten Spätherbsttag in den Prater. Nur wenige Schaubuden hatten geöffnet. Hinter der Theke der Schießbude langweilte sich fröstelnd eine junge Frau. Der kleine Platz um das berühmte Riesenrad war beinahe menschenleer. Die aufgedonnerte, vollbusige Dame im Kassenhäuschen wartete mit müdem Gesicht vergebens auf Besucher. Die Gondeln hingen traurig über ihnen, wie gefangen in der feuchten Luft. Es verspürte offenbar niemand Lust, dort oben in der grauen Regenluft herumzukreisen und einen Blick auf das ungemütliche, graue Bild zu werfen, das die Stadt heute bot. Es fror sie beim Anblick der im kalten Himmel festgehaltenen freien Kabinen. Nein, wahrhaftig, heute wollte sie nicht Riesenrad fahren.
Ganz in ihrer Nähe ertönte ein dünnes, mutwilliges Bimmeln, das die Besucher zu einer Rundfahrt in die Praterbahn aufforderte. Die buntbemalten Wagen erinnerten an Kindertage. Es könnte lustig sein, damit über das Pratergelände zu fahren. Beim näheren Hinsehen, zeigte der Lack auf den Waggons schon die untrüglichen Spuren der zu Ende gehenden Saison. Auch die Sitzpolster in den Waggons waren abgenutzt und schmuddelig.
Dennoch stiegen sie in einen der engen Wagenabteile. Auf jeden Fall war das besser, als eine luftige Fahrt im traurigen Riesenrad. Sie setzten sich einander gegenüber, nicht nebeneinander, so wie sie es sonst immer taten. Mit unterdrückter Ungeduld warteten sie jeder für sich auf die Abfahrt. Außer ihnen saß im Zug ein paar Abteile weiter nur noch eine junge Frau, die einen kleinen Jungen auf ihrem Schoß festhielt. Die anderen Waggons blieben leer. Es dauerte Minuten, bis die Bahn endlich anfuhr und dann los ruckelte, wie eine lange, mit bunten Papiergirlanden geschmückte Geburtstagstafel, an der nur ganz wenige Gratulanten Platz genommen hatten.
Im Schleichtempo bummelten der Zug auf seiner festgelegten Route mit ihnen kreuz und quer über den Prater. Nasse Windböen fegten zwischen den Buden hindurch und jagten ungehindert durch das offene Abteil. Von den Metallwänden der Wagen strahlte Kälte ab. Sie zog ihre Jacke enger um sich. Sofort wechselte er auf ihre Seite und sie zu wärmen. Sie lehnte sich bereitwillig und zitternd an ihn und fror dennoch weiter.
Das kleine Gefährt zuckelte vorbei an überdimensionierten, grell bunten Losbuden. Sie kamen an Verkaufswagen vorbei, die über und über mit Lebkuchenherzen behängt waren, auf denen in verschnörkelter, weißer Schrift zuckersüße Liebesschwüre um die Wette schrieen.
Vor den mit rosafarbenen und neongrünen Riesenteddybären prall gefüllten Regalen traten Losverkäufer frierend von einem Bein auf das andere. Die Bahn patschte durch große Pfützen und fuhr mitten durch Berge zusammengewehter Papierfetzen. Das dünne, scharfe Klingeln der kleinen Bahn scheuchte die wenigen Besucher zur Seite, die zwischen den Schaubuden und Karussellen herumirrten.
Schließlich bog der kleine Zug in die zugige Allee ein, von der sie vorhin gekommen waren und fuhr jetzt eine Zeit lang schnurgerade weiter, zwischen den alten Bäumen mit ihren noch belaubten, brauen Kronen hindurch. Die Blätter, die schon am Boden lagen, trieb der Wind vor sich her, schüttete sie hier und da launisch zu Blätterbergen auf, die gleich darauf wieder aufwirbelten und weitergetrieben wurden. Die Fahrt schien endlos. Sie fror immernoch. Der Mann neben ihr versuchte trotzdem, seine gute Laune zu behalten. Es nützte nichts. Weder ihm noch ihr. Vor dem inzwischen gleichmäßig grauen Himmel sahen die Silhouetten der Bäume aus, als hätte sie jemand aus braunem Packpapier ausgeschnitten und auf graue Pappe aufgeklebt.
Als die Bahn endlich wieder am Riesenrad angekommen war, hatte sie das Gefühl, zu Eis erstarrt zu sein. Es tat gut, die Füße wieder bewegen zu können.
„Wir sollten was Warmes trinken“, sagte er vernünftig. „Oder meinst du, wir können doch noch aufs Riesenrad?“
Sie sah hoch. Inzwischen hatte das Riesenrad eine langsame Fahrt aufgenommen. Ganz oben, wo die höchste Gondel in den Himmel ragte, war jetzt die Wolkendecke ein klein wenig aufgerissen und gab einen schmalen Streifen Oktoberblau preis. Vielleicht wäre es da oben jetzt sogar angenehmer als hier unten, mitten auf dem zugigen Platz?
Sie zögerte. Auf einem großen Holzschild, das neben dem Kassenhaus angebracht war, entdeckte sie eine Aufschrift, ein paar in schwungvollen Buchstaben gemalte Zeilen, ein Gedicht, ein schwebendes Zauber- und Liebesgedicht, eine Ode an das Riesenrad. Sie las es verwundert, dieses Stück mondsüchtiger Poesie. „Ingeborg Bachmann“ stand darunter und ein Datum.
Da war diese Frau also eines Tages hier gewesen, und beim Anblick des Riesenrades hatte sie, tief beeindruckt, die Sterne schauen können und den Atem der Liebe gespürt. Es war schon lange her. Aber sie hatte für alle Besucher des Praters diesen kleinen trunkenen Lichtgedanken hier zurückgelassen.
Sie stand und las. Lange. Immer wieder.
Ja, so in Etwa hatte sie es sich vorgestellt, dieses Wien: Ein Liebestraum und mitten darin sie beide, eingetaucht in die Nähe und Wärme des anderen, schwebend auf einer trudelnden, schimmernden Wolke, ergriffen von der Tiefe und Klarheit des Gefühls für einander.
Aber es war nicht so gekommen, Frau Bachmann! Ganz anders war es gekommen: Sie fand sich hier wieder in einer grauen, nassen Stadt, bei unfreundlichen Herbstwinden und mit kalten Händen und kaltem Herzen.
„Was ist nun, wollen wir? Hast du jetzt Lust bekommen?“ Seine Stimme hatte etwas Gezwungenes.
„Nein“, sagte sie. „Mir ist zu kalt. Lass uns gehen.“
„Du hast doch was! Was ist los mit dir?“
Er sah sie an. Besorgt, Irritiert. Ahnungsvoll.
„Ich glaube, ich habe etwas verloren“, sagte sie langsam und sah an ihm vorbei.
Der Regen war stärker geworden.

die traurige Hase im Emsland
Geschrieben in Frauen & andere Menschen, Texte von mir | Keine Kommentare »
29.6.2008 von Mrs. Tapir.
Vereinigung
Wir liegen eng umschlungen
Haut an Haut und
Mund an Mund und
Fleisch an Fleisch.
Und Stirn an Stirn.
Dein Auge lächelt.
Ich kann mich sehen
dort in deinem Blick.
Ich sehe glücklich aus.
Wenn ich dann deine warme Hand
an meiner Möse spüre,
und wenn ich deine
dicht behaarte Scham berühre,
und deinen Schwanz,
der mich bereits erwartet hat,
dann fühle ich es wie Gesang
in mir, ein Schluchzen
und ein bitter süßes Sehnen,
das immer süßer wird
und immer wilder,
ein Sog, der mich hinwegspült,
keine andre Wahl erlaubt,
als dass ich der Begierde folge und
atemlos und wie von Sinnen
in diese Schlucht hinunterstürze.
Zu dir.
Ich falle schwerelos hinab
in einen weiten, dunklen Grund,
den immer wieder grelle
Blitze überschütten und der
am Ende dann von Lichtern
gänzlich überströmt
für eine kurze Weile
fast dem Himmel gleicht.
Wenn du dann still
in meinem Leibe ruhst,
so spricht dein Schwanz zu mir
so sanft. Gerührt
empfange ich die Botschaft
und sende voller Zärtlichkeit
an dich zurück, was meine Seele
und jede Faser meines Körpers
sagen will.
Dass ich dich liebe.
A. Menke
Viele Jahre meines Lebens, immer wieder in langen Phasen zwischen zwei Liebschaften oder auch nach den ersten zwei, drei Jahren einer festen Beziehung war mir Sexualität so entfernt und fremd, dass ich gar nicht glauben konnte, dass sie für andere Menschen wirklich eine reale Kraft ist, die ihr Leben bestimmt.
Und obwohl ich in meinen aktiven Phasen das selber genau so empfand wie alle anderen und meine Sexualität in mir lebte wie ein kleines, gieriges und gleichzeitig sehnsüchtiges Tier, dass ich pflegen und streicheln, ernähren und beruhigen musste, entfielen mir immer wieder für Jahre das Wissen um diese Realität und die Gewissheit der körperlichen Gefühle und Sehnsüchte. In diesen Zeiten betrachtete ich das turtelnde und aufreizende Treiben um mich herum mit Skepsis und der festen Überzeugung, dass sich die ganze Welt in diesem Punkt selber eins in die Tasche lüge. Sexualität war dann für mich ein nicht wirklich existierendes Phänomen, etwas von den anderen Erdachtes, was sie wie ein Spiel betrieben, ohne wirklich einen Ball zu haben.
Doch irgendwann wurde jedesmal mein Sexualtrieb wieder geweckt, meist ja von irgendeiner neuen Liebesbeziehung. Und dann gehörte das sexuelle Empfinden zu meinem Alltag wie das Essen und das Trinken, wie das Atmen müssen, als immer wiederkehrendes, alltägliches und – wenn unerfüllt – recht heftiges Bedürfnis. Und dann verstand ich meine sexuelle Blindheit der langen Zeit davor nicht mehr.
Warum ist das so gewesen? Mein Mann würde sofort meine katholische Erziehung anführen. Vielleicht hat er nicht ganz Unrecht. Empfindlich für Widersprüche und Scheinheiligkeit habe ich als Kind immer wieder darüber nachgegrübelt, wieso etwas, was Sünde und verboten war, etwas, was die heilige Jungfrau Maria wegen der offensichtlichen “Dreckigkeit” von Sexualität einfach mittels des Engels Gabriel übersprang, um Jesus bekommen zu können, wieso genau das dann in einer Ehe auf einmal gut sein sollte, sogar Pflicht, wie ich hörte und von Gott gesegnet. Da stimmte irgend etwas ganz und gar nicht, fand ich schon als Kind. Entweder war Sexualität so natürlich wie das Essen und Trinken und Atmen oder es war ein Hirngespinst, eine schlechte Angewohnheit, ein Laster. Ich entschied mich mit dem Kopf dafür, Sexualität als natürlich anzusehen und den lieben Gott nach Hause zu schicken samt seiner Kirche und seinen angeblich über jede Sexualität erhabenen Priestern, die heimlich uneheliche Kinder in die Welt setzten. Aber fühlen konnte ich sie lange nicht wirklich.
Dann kam die sogenannte sexuelle Revolution, die uns befreite von Doppelmoral und einem Leben im Verbotenen, die es ermöglichte, als 20jährige die Pille zu bekommen und den alten “Fluch” freier Sexualität, die ungewollte Schwangerschaft, als biografisches Risiko auszuschließen. Der Weg zur Lust war frei.
Aber der Druck, die Pflicht, der Gruppendruck blieben, sie hatten nur andere Gesichter. Befreit waren wohl möglich die Männer. Ich als Frau erlebte diese Befreiung zwiespältig: Ab jetzt war frau einfach out, wenn sie an Sexualität kein Interesse hatte. Ab jetzt galt es als Qualität, viele und aufregende sexuelle Erfahrungen zu machen, obwohl der “gute Sex” noch gar nicht erfunden war.
Wir hatten weder gelernt, dass Sexualität etwas ist, was man lernen muss, noch dass es eine individuelle Ausdrucks- und Erlebnisweise der Sexualität gibt. Wir hatten nicht gelernt, nein zu sagen, wenn wir nicht wollten und ebenfalls nicht, unsere Bedürfnisse zu zeigen und offen auszusprechen. Und ich habe die Zeit in den 68ern verpasst, wo in Frauengruppen die eigene Sexualität in beherzten Entdeckungsreisen zur eigenen Vagina neu begriffen wurde. Damals fand ich das albern und fühlte mich darüber erhaben.
Die sexuelle Welle rollte so dahin. Mir brachte sie leider für etliche Jahre sexuelle Apathie und Angst in meiner ersten Ehe ein, weil ich mich gefangen fühlte im Wissen darum, dass dieses Selbstverständliche verdammt noch mal eben selbstverständlich war und ich mich dem zu beugen hatte. Ich hatte einfach kein Recht dazu, keine Lust zu haben.
Warum ich trotzdem in der Lage war, mit neuen, anderen Lovern sexuelle Lust (wieder-)zu erleben, habe ich lange nicht begriffen.
Meinen ersten Orgasmus erlebte ich erst mit 30, viele Jahre später, als ich endlich gelernt hatte, zu onanieren und zu begreifen, dass es sich um meine Lust handelt und nicht darum, einer anderen Lust zu dienen.
Die Bücher von Shere Hite waren für mich in den späten 70ern wahre Entdeckungen. Endlich sprachen zumindest andere Frauen offen über ihre Sexualität und der Zwang in mir, irgend eine Norm erfüllen zu müssen, ließ deutlich nach. In meiner neuen Frauengruppe befassten wir uns nicht mit unserem Körper aber wir begannen, über Sexualität zu reden und die der Männer zu erforschen. Wir begannen, in der ganzen Angelegenheit eine aktive Position zu beziehen.
Die Unterschiede männlichen sexuellen Begehrens und sexueller Aktivität zu denen der Frauen wurden mit immer klarer: Immer glaubten die Männer, durch Sexualität Beziehungsprobleme lösen zu können, während ich meinte, erst sprechen, mich austauschen, mich meiner und seiner Gefühle vergewissern zu müssen, damit ich wieder Lust haben und mit ihm schlafen konnte. Solange es nicht erforderlich war, Probleme zu kommunizieren, klappte die Sexualität gut. Dann aber versiegte sie, weil mir mein Gefühlstau an Konflikten, Unzufriedenheit und Ärger über den Partner den Weg zu einer unbeschwerten gemeinsamen sexuellen Kommunikation verwehrte.
Das ist bis heute so geblieben.
Inzwischen ist Sexualität in der Gesellschaft zu einer allgegenwärtigen Angelegenheit geworden. Etwas zu verschweigen oder die Intimität zu wahren hält kaum mehr jemand für notwendig. (Die romantische Gegenbewegung ist allerdings auch nicht zu übersehen. Bald wird es wieder etwas gelten, als Jungfrau zu heiraten.)
Kaum ein Roman, der heute geschrieben wird, verzichtet auf ausführliche, möglichst drastische und an die Ekel- oder Schmerzgrenze gehende Schilderungen von Sexualität. Gekratzt und gesucht wird nach Tabus, die man noch brechen kann.
Als ich vor ein paar Jahren die Elementarteilchen und von Michel Houellebecq las, begegnete ich der skurillen Karikatur einer Sexualität, wie ich sie in dieser Gesellschaft immer wieder empfunden habe: eine aus allen menschlichen Zusammenhängen herausgelöste verselbständigte Technik von dauernder und unersättlicher, weil nie wirklicher, auch emotional befriedigter Lust. Und die Lektüre dieser Sex-Szene hatte wenig Anmachendes sondern erzeugte eher Langweile und Ungeduld in mir.
Berührt hat mich aber dabei, dass diese Sexualitätskultur nicht in Gewalt und Unterdrückung mündete, sondern wie ein großes, höfliches Gesellschaftsspiel praktiziert wurde, auf der Basis von Toleranz und Respekt, basierend scheinbar auf einer Vereinbarung, sich gegenseitig instrumentell zur Verfügung zu stellen, um die ständig bestehende Bedürftigkeit zu befriedigen. Gefühle und Empfindlichkeiten hatten dabei keinen Platz, auch keine Eifersucht.
Fast kam es mir so vor, als ließe mich dieser Autor durch einen utopischen Park der Menschheit wandern, in dem die Erfüllung aller Sehnsüchte endlich erlaubt und Scheinheiligkeit und Eitelkeit verbannt schienen. Ein friedliches Bild. Und es irritierte nur ein klein wenig, dass die Menschen sich an jeder Wegbiegung fickten. Eine Art menschliches Paradies, so schien es fast.
Aber immerhin wird bei Michel Houellebecq die ganze Brüchigkeit dieses scheinbaren Paradieses markiert: Als die körperlich ziemlich anstrengenden Praktiken bei der Protagonistin eine körperliche Verletzung auslösten und sie fortan an den Rollstuhl ketteten, konnte ihr Freund aus dem Zirkel seiner Pseudobefriedigung nicht ausbrechen und ließ sie allein. Und sie, die nichts anderes erwartet hatte, nahm sich das Leben.
Ich teile diese implizite Botschaft:
Sexualität kann, so denke ich, sehr wohl auch Selbstzweck sein, für Männer wie für Frauen, aber wenn dieser Selbstzweck sich ablöst und eine zwischenmenschliche Beziehung, die mehr beinhaltet als sexuelle Befriedigung, nicht zulässt, ist dieses Paradies erbärmlich.
Sexualität ist in unserer Gesellschaft längst zur Ware geworden, deren Qualitätsmerkmale allgemein bekannt und bindend sind: Sexualität ist an Attraktivität, an Schönheit, an bestimmte live style-Merkmale gebunden. Sie ist in ihrer vermarkteten Allgegenwart allmählich ziemlich lästig. Und ich frage mich oft, wer da wirklich bedient wird? Die Wirtschaft natürlich. Aber vielleicht auch viele Männer, deren sexuelle Bedürfnisse offenbar an allen Ecken angestachelt werden. Aber die Frauen? Ihnen wird wieder einmal vorgegeben, wie sie zu sein haben, um selber solche Bedürfnisse auszulösen. Und alles, was man dazu braucht, gibt es natürlich zu kaufen. Doch, ich muss es eingestehen, ab und an gibt es auch mal den Versuch, Frauen als sexuell aktive und fordernde Wesen darzustellen. Aber auch das wird für viele Frauen eher einen Leistungsdruck auslösen als so etwas wie Selbstbewusstsein. An die Männer, die unter Druck stehen, weil sie nicht diese Sexprotzen sind oder sein möchten, wie sie von allen Plakaten heruntergrinsen, wage ich gar nicht zu denken. Ich weiß, dass es sie auch gibt. Aber was solls: Die Scham ist wahrhaftig vorbei, im Guten wie im Schlechten. Aktive und “gute” Sexualität gilt als Muss und als ein Zeichen für Vitalität und Attraktivität. Und genau deshalb ist Sexualität keineswegs befreit und hat so auch wenig Befreiendes.
Und dennoch: Viele Jahre meines Lebens habe ich so empfunden und denke, es wäre schön gewesen, es immer zu wissen:
Sexualität ist nicht alles. Und nicht alles ist durch sie bestimmt. Aber sie gehört zum Leben wie das Essen und Trinken und Atmen. Sie dient vordergründig der menschen Fortpflanzung, so wie die anderen natürlichen Bedürfnisse dazu dienen, das Leben zu erhalten. Aber sie ist ebenfalls Quelle von Lust, von lustvoller Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Person und gleichzeitig eine wunderbare Chance, diese Lust mit einem anderen Menschen gemeinsam zu erleben.
Und in diesem Sinne hoffe ich, dass Sexualität, meine ganz eigene, die, die ich als lustvoll und befreiend empfinde, mich auch im Alter weiter beglücken wird.
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Geschrieben in Unterm Strich, Frauen & andere Menschen, Alter & Leben, Leute & Geschichten, Texte von mir | Keine Kommentare »
22.6.2008 von Mrs. Tapir.
vergänglichkeit der schönheit
Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /
Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Christian Hofmann von Hofmanswaldau (1616-79)
Die Schönheit ist die Potenz der Frau.
Um sie wird ein furchtbares Gewese gemacht, auch und gerade von uns selbst. Um ihr langsames Verschwinden noch mehr. Irgendwann fängt frau an, jünger aussehen zu wollen. Attraktivität wird anstrengend, wird zum ständigen Leistungsprogramm. Erfolge sind heute freilich viele Jahre noch durch Mühe und Aufwand möglich. Es gibt Zeiten, wo frau sich sogar attraktiver findet als in jungen Jahren, reifer, ausdrucksvoller, erfahrener, wo sie lacht über die glatten, schönen aber puppenhaften Gesichter der Jugend.
Später geht dann der Kampf darum los, doch wenigstens noch so auszusehen wie vor drei Jahren. Auch den kann man gewinnen. Nur sind es jedes Jahre andere drei Jahre. Irgendwann muss sie es sich eingestehen: Sie wird von den wenigsten Männern überhaupt noch zur Kenntnis genommen, von älteren vielleicht, von solchen, die 10 Jahre älter sind als sie. Die Gleichaltrigen würden sich nie mit so alten Weibern abgeben.
Der Blick in den Spiegel zeigt untrüglich eine ältere Frau. Der Hals und die Hände können am schlechtesten lügen. Auch die Haut, mit 50 vielleicht noch erstaunlich glatt “für dieses Alter”, nimmt sich dann eben mit 60 ihr Recht darauf, zu zeigen, dass sie längst nicht mehr im Dienst ist, im Dienst der gegenseitigen Geschlechteranziehung, der Verpflichtung zur Attraktivität.
Das Auge der Liebe kann all das dennoch mit Freude sehen, kann sehen, was war und das mögen, was ist. Das ist schön und ein Geschenk. Aber ansonsten ist sie so gut wie ausgeschieden aus dem ewigen Reigen. Warum eigentlich auch nicht?
Ich weiß, dass ich nie zu den alten Damen gehören werde, von denen man sagt, dass man noch sieht, dass sie einmal schön waren, auch nicht zu denen, die eine vitale und charmante Ausstrahlung haben. Ich war in meinem Leben viel zu viel traurig, viel zu oft sauer, viel zu sehr enttäuscht. Und nicht die glücklichen Momente finde ich eingegraben in meinen Zügen sondern die anderen. “Warum gucken Sie immer so böse?”, werde ich manchmal gefragt. Ich stelle fest: ich sehe einfach jetzt so aus. Ich bemühe mich zu lächeln, damit man nicht denkt, dass ich böse sei. Aber immer geht das nicht.
Noch vor drei, vier Jahren bin ich jedesmal zusammengezuckt, wenn ich mein Gesicht im Spiegel neben dem meiner Tochter gesehen habe. Diese Glätte, diese ungetrübte Schönheit, dieser Lockruf an das Leben! Und ich daneben, müde, ernst, geschafft, mit unerwünschten Falten um den Mund!
Wenn ich mein Gesicht heute im Schaufenster sehe, schaue ich jetzt manchmal sogar neugierig hin, statt vor meinem Anblick zu erschrecken. So also ist das, alt zu werden.
Dass ich für Männer unter 55 unsichtbar zu sein scheine, empfinde ich nicht mehr verletzend, sondern beinahe angenehm. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, ihnen zu gefallen. Ich muss mich nicht mehr vergleichen mit anderen Frauen, mit attraktiven Frauen, schon gar nicht mit jungen Frauen. Ich versuche möglichst frisch und jung zu sein und zwar für mich selber. Ich versuche es, um meiner Freude am Leben Ausdruck zu verleihen und vielleicht für den, der noch sieht, das ich eine Frau bin.
Die Frage, wie ich aussehe, interessiert mich inzwischen weniger als die Frage, wie die Welt um mich herum aussieht. Ich bin dankbar, dass meine Augen die Welt noch sehen können, dass ich den Wind noch spüren kann, dass ich noch Musik hören und mit meiner Blockflöte himmlische Klänge erzeugen kann, die so jung klingen, als würde eine 15 Jährige sie erzeugen.
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15.6.2008 von Mrs. Tapir.
Gedanken an die Tochter
Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,
sind längst Vergangenheit.
Die Zeiten, wo ich hätte
meine Tochter trösten können,
sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.
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Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,
dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt
und irgendwann die Liebe dir begegnet und auch bleibt
und zart und so, wie Mütter und Geliebte es nur können
mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.
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Mechthild Seithe
Mit sechzehn hatte ich beschlossen, keine Kinder zu kriegen. Mit 30 fing ich an, mich nach einer eigenen Familie zu sehnen. Ich hatte den Wunsch, Kindern diese Welt zu zeigen, die Schönheiten und all das, weshalb es sich lohnt, zu leben. Ich hatte die Vorstellung, sie schützen zu können vor dem, was diese Welt an Hässlichkeiten und Brutalitäten zu bieten hat. Zumindest traute ich mir zu, sie widerstandsfähig und stark zu machen.
Viele Jahre meines Lebens war dann Familienzeit. Das Kinderhaben dominierte mein Denken und die Zeit, die mir neben der Arbeit blieb. Es gab viele wunderbare Erfahrungen und Momente in dieser Zeit. Unsere Fotoalben sind voll mit Bildern der drei Kinder.
Neulich habe ich zur Vorbereitung meines 60. Geburtstages Fotos von mir gesucht und festgestellt, dass in all diesen dicken bunten Alben fast keine Bilder von mir sind.
Die Phase meines Lebens, die ich vor allem Mutter sein sollte, habe ich genossen. Sie hat aber auch an meinen Kräften gezehrt.
Die gesellschaftliche Anerkennung, die ich plötzlich abbekam, seit und weil ich nun auch Mutter war, hat mich irritiert. Ich hatte nie das Gefühl, nun endlich ein Ziel erreicht zu haben, eine Erfüllung zu erleben, die mir gefehlt hatte. Ich identifizierte mich weiterhin mit Frauen, die als Frauen und nicht als Mütter ihr Leben meisterten. Für mich hat das Kinderkriegen nie notwendig zum Leben gehört oder gar zu einem erfüllten Frauenleben.
Dennoch habe ich also drei Kinder bekommen und sie inzwischen auch groß gekriegt. Die Ältesten sehe und spreche in großen Abständen, weiß ein wenig von ihrem Leben, aber das Wichtigste weiß ich wahrscheinlich nicht.
Die Jüngste wird im Herbst anfangen zu studieren. Im Vorfeld braucht sie mich noch sehr. Das Große, Neue vor ihr, macht ihr noch ein wenig Angst, sie möchte wie ein Kind gestützt und getröstet werden. Aber ich denke - und hoffe - dass ihr neues Leben sie mitreißen und auch von mir und meinem Rockzipfel fortreißen wird.
Dann wird es auch für sie gelten: Ich bin für meine Kinder nicht mehr alltäglich nötig und auch nicht mehr wirklich wichtig für ihr Alltagsleben (vielleicht noch wichtig im Hintergrund, das schon) und ich bin darüber - ehrlich gesagt - eher erleichtert.
Als ich 43 war und an einer scheußlichen Migräne litt, tröstete mich eine Ärztin mit der Vermutung, dass diese Migräne aus meinem Leben wieder verschwinden könnte, wenn meine Kinder älter sein würden.
So war es. Weit über 24 Jahre lang war mein Leben von den Kindern bestimmt, beeinträchtigt, natürlich auch beglückt, erfüllt…. Als es nun vorbei ging, fand ich wieder zu mir.
Natürlich mache ich mir auch heute Sorgen um sie, bin bedrückt, wenn es ihnen nicht gut geht, freue mich, wenn sie vorbeikommen oder anrufen, wenn ich sie sehe.
Wenn sie mich brauchen, stehe ich auf der Matte, natürlich. Ich bleibe ja ihre Mutter und stehe auch dazu. Und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass ihr Leben erfüllt sein möge.
Aber auch in meinem Leben spielen sie nicht mehr die Hauptrolle. Ich bin längst wieder nicht mehr nur Mutter sondern eine Frau mit einem eigenen Leben.
Irgendwo in mir steckt die Sehnsucht nach einer anderen Beziehung zu meinen Kindern, einer eher freundschaftlichen, einer, die nicht nur auf der Mutter-Kind-Beziehung basiert sondern darauf, dass wir uns gegenseitig wirklich sympatisch sind und uns was zu sagen haben. Vielleicht gibt es sowas. Vielleicht ist das eine Illusion und all die vielen Familienzusammengehörigkeitseuphorien um mich herum beruhen eben doch nur darauf, das Blut dicker ist als Wasser.
Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber ich stelle fest, dass sie wenig mit mir wirklich teilen.. Sie wissen nicht, was mich bewegt. Und wenn ich es ihnen versuche zu sagen, hören sie weg, so wie sie immer weghörten, wenn Mutter was erzählte. In unserer Verbindung war alles darauf ausgerichtet, dass es ihnen gut ging, nicht mir. Ich spüre nicht, dass sie wirklich Interesse an dem Menschen haben, der ich heute bin, an meiner Arbeit, meinen Gedanken, meinen Befürchtungen, an meinem Glück. Wenn sie sagen, dass sie mich lieben, so gilt das der Mutter, die ich für sie war und irgendwo im Hintergrund immer sein werde. Nicht aber mir als Mensch. Für sie bin ich nichts als ihre Mutter. Ihre Mutter und ich, dass ist nicht ganz und gar die selbe Person.
Ich nehme es ihnen nicht übel. Dennoch macht es mich traurig.
Ich bin in meinem Beruf tagtäglich mit jungen Menschen zusammen. Inzwischen sind meine StudentInnen durchweg im Alter meiner Kinder. Und ich lerne hier junge Menschen kennen, die ich interessant, sympatisch finde, von denen ich mir wünschen würde, dass sie mir vertrauter wären, mit denen ich gerne befreundet sein würde.
Natürlich bin ich Mutter meiner Kinder und würde immer zu ihnen stehen, für sie da sein, wenn sie mich brauchen, aber ob ich wirklich mit ihnen befreundet sein möchte, ich weiß es nicht.
Sicher wären Sie traurig oder eifersüchtig, wenn sie das wüssten.
Vielleicht habe ich da was falsch gemacht. Mag sein. Aber es ist nun so wie es ist und ich bin nicht mehr nur das Muttertier und auch nicht das Korn, dass sterben muss, damit das junge Pflänzchen aufgehen kann, ich bin wieder ich.
Enkel habe ich keine, sind auch keine in Sicht. Ich weiß, dass sich dadurch manches ändern kann und könnte. Ich kenne so viele Menschen in meinem Alter, die durch das Erleben des Heranwachsens der nächsten Generation eine Erfüllung in ihrem Leben finden. Ich vermisse es nicht. Wenn es so käme, ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde.
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1.6.2008 von Mrs. Tapir.
Schneewittchen
Schneewittchen, zerschlag
deinen gläsernen Sarg,
wie liegst du denn da, blass und kalt.
Würg schnell den vergifteten Apfel heraus,
stoß den Sargdeckel auf mit Gewalt.
Drum zerschlag deinen Sarg nicht
so zart, du bist stark,
und der lange Schlaf ist nun vorbei,
und der lange Schlaf ist nun vorbei.
Auf den Prinz warte nicht,
der den Zauber durchbricht,
sieh zu, dass du fort bist, eh er küsst.
Steig nicht auf sein Ross,
folg ihm nicht auf sein Schloss,
wo du wieder eingeschlossen bist.
Gruppe Schneewittchen
Als kleines Mädchen habe ich Bücher gelesen, in denen Jungen Abenteuer bestanden. Alles, was mich in der Welt interessierte und reizte, schien den Männern zu gehören.
Alle meine Helden waren Männer. Und ich wusste dabei sehr genau, dass ich ein Mädchen war. Ein Junge wollte ich nie sein. Aber ich beschloss, all diese Schätze und Chancen den Männern abzujagen, ihnen die Zähne zu zeigen, ihre Privilegien zu brechen, ihnen ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie den Begriff Mensch und Mann gleichsetzten, um die Ohren zu schlagen.
Wenn mir in meiner Jugend jemand weiß machen wollte, dass Mädchen doch ganz andere, ganz besondere Qualitäten hätten und es deshalb dumm sei, alles zu wollen, was den Männern vorbehalten ist, wurde ich böse. “Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad”, stand bei Anja Meulenbelt und ich liebte diesen Spruch. Ich sehe noch das hilflose Gesicht meines Vaters, als ich ihm diesen Spruch entgegen schleuderte. Er konnte es kaum fassen. In seinen Augen stellte ich offenbar damit die Weltordnung auf den Kopf.
Ich bin weder eine geschlagene noch eine unterdrückte Frau, ich konnte mich selbst verwirklichen und mein eigenes Leben leben. Dennoch war für mich die Frauenbewegung jahrelang die wichtigste und intensivste Bewegung und ich fühlte mich ihr mit einer Intensität zugehörig, wie beinah keiner anderen.
Und auch heute, wo vieles zugegebener Maßen anders geworden ist, wo man fast meinen könnte, dass all meine Mädchenforderungen an unsere Welt erfüllt seinen, auch heute bin ich ab und zu noch immer eine glühende Feministin.
In meinem Psychologiestudium gab es genau so viele Männer wie Frauen. Ich musste mich nicht wirklich mühevoll durchsetzen. Das eigentlich angestrebte Physikstudium hatte ich mir allerdings aus dem Kopf geschlagen, weil ich es mir nicht zutraute, alleine unter lauter Männern zu studieren.
Die Männer, mit denen ich im Laufe meines Lebens befreundet war oder mit denen ich eine Liebesbeziehung eingegangen bin, waren alle Frauen freundlich und keiner hat mich je unterdrückt. Die anderen mieden mich wohl. Schade vielleicht! Eigentlich hätte ich an so einem gerne mal meine Krallen gewetzt.
Ich verdiente später in zwei Ehen das Geld. Ich habe Karriere gemacht und meinem Mann die drei Kinder zu Hause überlassen.
Aber ich habe mich trotzdem immer unterdrückt, zurückgestellt, nicht ernst genug genommen gefühlt als Frau. Es steckte so etwas wie eine Grundverletzung und ein Grundmisstrauen in mir drin. Es war, als könnte ich mich nicht wirklich ernst nehmen, weil ich wusste, dass viele Männer Frauen nach wie vor als Menschen 2. Klasse sahen. Ich wurde im Laufe meiner Frauen bewegten Zeit hoch sensibel für die kleinen Sexismen, die Chauvinismen, die virtuellen Ellenbogen, mit denen sie uns weg schoben und weg schieben, die unverschämte Selbstherrlichkeit, mit der sie im Seminar ihren Unsinn verbreiteten, während die Frauen meist schüchtern oder unsicher schwiegen. Und das ist auch heute so in meinen Seminaren und es ärgert mich stets.
Die Frauenbewegung erreichte mich eigentlich erst richtig Ende der 70er, Anfang der 80ger Jahre. In der linken Bewegung hatte ich sie vermisst, da war sie immer an den Rand geschoben worden. Der Bericht über ein neues Waschkombinats in einer DDR-Stadt, erlauscht im DDR-Radio in einem Urlaub an der grünen Grenze, empörte mich zutiefst: “Vor allem unseren Genossinnen wird das Kombinat das Leben sehr erleichtern”, sagte der Reporter ohne mit der Wimper zu zucken. Das hat meiner Sympathie für die DDR damals einen herben Schlag versetzt.
Die Emanzipationsbewegung war für mich die zweite, persönlichere Befreiung nach den 68er Jahren. Auch sie machte mich vor allem lebendig, selbstbewusst und kämpferisch. Und das Solidaritätsgefühl unter Frauen habe ich als wohltuend, als tröstend erlebt. In unseren Gemeinschaften blieben sehr oft auch auf lange Strecken Konkurrenzdruck und heimliche Kämpfe um Posten und Wichtigkeit aus. Im Grunde war die Emanzipationsbewegung für mich eine längst ersehnte Gelegenheit, mich innerlich wirklich nicht nur gleichberechtigt und gleich wichtig zu fühlen, sondern mich auch endlich so verhalten zu können.
“Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand, komm reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand”, dieses und die anderen Lieder der Gruppe Schneewittchen sprachen mir aus der Seele. Wir Frauen stellten die männliche Welt als die richtige und beste und nachahmenswerte in Frage. Wir wurden uns unserer eigenen Stärken bewusst. Nach dem Ablegen der Unterdrückung durch eine autoritäre Gesellschaft war es nun an der Zeit, die Unterdrückung abzulegen die die Gesellschaft, die Männer und wir selber uns antaten. Jetzt war es uns nicht mehr genug, als Frau mitmachen zu dürfen. Jetzt konnten wir selber aktiv sein, nicht nur abgeleitete Macht, Stärke und Kompetenz beweisen, sondern eigene entwickeln, eigene Stärke und Macht, die vielleicht auch gar nicht immer so aus sahen, wie die der Männer. Das war der entscheidende Gedanke, dass nicht das Gleichziehen mit dem Mann uns genau so zu Menschen 1. Klasse machte, sondern dass wir diesen gleichen Wert als Frauen schon in uns trugen.
Unter dem Pflaster liegt der Strand
Komm, lass dich nicht erweichen,
bleib hart an deinem Kern,
rutsch nicht in ihre Weichen,
treib dich nicht selbst dir fern.
Unter dem Pflaster,
ja da liegt der Strand,
komm reiß auch du
ein paar Steine aus dem Sand.
Komm lass dir nicht erzählen,
was du zu lassen hast.
Du kannst doch selber wählen,
nur langsam, keine Hast.
Zieh’ die Schuhe aus,
die schon so lang dich drücken.
Lieber barfuß lauf,
aber nicht auf ihren Krücken.
Gruppe Schneewittchen
Auch diese Bewegung differenzierte sich nach einiger Zeit aus.
Eine Menge Frauen fanden Gefallen daran, auf die Welt der Männer ganz zu verzichten, weil sie als Frauen eine ganz andere Welt für sich erobern könnten. Mit der “neuen Mütterlichkeit” z.B. bewegte sich aus meiner Sicht ein Teil unserer Frauen auf einem Umweg zurück an den Ausgang unseres Marsches. Sie fühlten sich gleich wertvoll wie die Männer, vielleicht sogar wertvoller, aber eben anders - und nicht interessiert daran, mit den Männern die Macht zu teilen. Sie besannen sich auf ihre geheimen und besonderen Kräfte als Frauen, schlossen Männer aus ihren Kreisen aus, machten aus der Weiblichkeit einen Mythos. Und landeten da, wo man mich schon als kleines Mädchen hatte hinkriegen wollen, bei den besonderen und von den Männern angeblich so hoch geachteten Werten und Eigenschaften – und Aufgaben – der Weiblichkeit, und bei der Bereitschaft, den harten und schnöden Kampf in der Welt doch lieber den Männern zu überlassen.
Der andere Teil unserer Bewegung kämpfte sich tapfer hoch, durch die Reihen der Männer, an den Männern vorbei. Und wir wurden durchaus keine Blaustrümpfe dabei. Es krachte in den Balken der Gesellschaft:
Heute haben Frauen Positionen erobert, heute machen sie sehr viel mehr ihren Mund auf, sie verdienen ihr Geld selber, sie pochen auf ihre Gleichberechtigung, sie erlernen sogenannte männliche Berufe und manchmal bleibt sogar ein Vater nach der Geburt des Kindes zu Hause.
Ich will das nicht bestreiten und schmälern, obwohl dieser Prozess natürlich noch nicht abgeschlossen ist: noch heute sind die meisten Schulleiter Männer, noch heute werden Kliniken meistens von Männern geleitet, noch heute verdienen Frauen für gleiche Arbeit oft weniger, noch heute reden in allen Seminaren und in allen Gesprächsrunden Männer mehr und länger als Frauen, noch heute stürzen Männer ihre älter gewordenen Frauen in Lebenskrisen, weil sie meinen, sich mit 50 eine viel jüngere Frau leisten zu können. Und es werden auch heute noch immer Frauen geschlagen, bedroht, für dumm verkauft, sexuell belästigt und angemacht, – von den Männer, mit denen sie es zu tun haben und auch von unserer Gesellschaft selber, die insgeheim natürlich immer noch eine patriarchialische Gesellschaft ist. ….
Einer dritten Variante von Frauenemanzipation bin ich hier in den Neuen Bundesländern begegnet: Dadurch, dass die sozialistische Gesellschaft die Frauen als Werktätige achtete und einplante, ist hier noch immer sehr oft für Frauen klar, dass sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität vor allem auch durch Arbeit erlangen. Gleichzeitig ist dieses weibliche Selbstverständnis ein abgeleitetes: die Frau erhielt ihren Wert, weil sie in der Gesellschaft an dem Teil des Lebens partizipierte, der traditionell den Männern vorbehalten war. Die Familie, der Haushalt, die Kinder, das war dennoch mehr oder weniger allein ihr Ding. Doppel- und Dreifachbelastungen wurden als normal hingenommen. Ein eigenes, auch gegen die Tradition der patriarchalischen Männergesellschaft (auch im Sozialismus) gerichtetes neues Selbstbewusstsein von Frauen fand ich kaum vor. Der Streit um die weibliche Endung z.B. bei Berufen wurde hier als lächerlich abgetan. Die Frauen waren stolz darauf Baggerführer oder Lehrer zu sein.
Heute hat sich auch hier ein anderes weibliches Selbstbewusstsein in Grundzügen durchgesetzt. Und die alte gewohnte Selbstverständlichkeit, auch Arbeit und Beruf für sich haben zu wollen, ist noch immer ausgeprägter als im Westen. Und so mache ich mir um die Frage der Frauen zur Zeit weitaus weniger Sorgen als um die Frage der Menschenwürde, Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in der Welt.
Und dennoch: Nicht nur, weil die Geschlechtergleichberechtigung noch nicht überall und bei allen gegriffen hat, finde ich mich manchmal geradezu leidenschaftlich auf der Seite von Frauen. Es ist einfach das warme Gefühl der Solidarität unter Schwestern, das mich grundsätzlich parteilich auf ihre Seite stellt.
Den Männern bieten wir Kooperation an, aber nicht Solidarität. Und mitunter lieben wir sie.
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25.5.2008 von Mrs. Tapir.
Demonstration 1968 vor dem Münsteraner Schloss (Unihauptgebäude)
Als ich vor Jahren bei einer Internetplattform nach meinem neuen Lebenspartner suchte, habe ich von mir geschrieben, ich sei eine 68erin und hätte diese Zeit weder vergessen noch verdrängt. Dieser Hinweis war wichtig.
Es ist 40 Jahre her. Überall wird davon zur Zeit gesprochen. Die Medien ereifern sich. Die Alt68er werden begütigend belächelt, sie werden als die Generation beschimpft, die mit ihrer angeblichen Gewaltbereitschaft und ihrem antiautoritärem Gehabe die nächste Generation versaut habe und schuldig sei an allen Problemen, die die Gesellschaft heute hat. Die 68er Jahre werden mystifiziert und glorifiziert, sie werden verdächtigt, verurteilt, verzerrt und verleumdet.
Es kommt mir so vor, als würden sich heute die an uns rächen wollen, die damals unter dem allgemeinen Gruppenzwang, links, revolutionär, aufrührerisch zu sein, gelitten haben und sich mit ihren schlichten Wünschen nach einer konservativen, “heilen” und für sie unbeschwerten Welt damals um die nötige gesellschaftliche Anerkennung betrogen sahen.
Die heutige Wahrnehmung der 68er Generation in unseren Medien ärgert mich. Es steckt so viel Unwissen, soviel Unverstand aber auch so viel Hass darin.
Deshalb ist es für mich wichtig, etwas zu den 68ern zu sagen.
Es war natürlich die Zeit, in der ich jung war, in der mein Leben wirklich begann, in der ich anfingt, die Welt zu entdecken und mich und meine Kräfte dazu. Ein besonderes Zusammentreffen: mein erstes Studiensemester lag im Jahr 1968.
Benno Ohnesorge war erschossen worden. In Vietnam wurde noch immer gekämpft. Ich war 20 Jahre alt.
Was mir mit der 68er Bewegung da entgegen schlug, war für mich die ganz große Befreiung: alles stand auf dem Prüfstand, alles schrie danach, besser gemacht zu werden, und wir trauten uns genau das zu. Wir ließen nicht nur unsere Kindheit und behütete Jugend hinter uns, sondern auch die Werte unserer Eltern, die Stimmung der Nachkriegszeit, die festgeschriebenen Regeln dazu, wie man zu leben, zu studieren, zu arbeiten und zu lieben hatte. Und dass man diesen Aufbruch als junge Frau genauso intensiv und genauso beteiligt aufgreifen konnte wie die männlichen Kommilitonen, machte die Freude und die Befreiung doppelt so groß!
Politisch war ich eher skeptisch und vorsichtig. Meine geistigen Ziehväter hatten Sartre, Camus, Borchert, Böll und Musil geheißen. Mich für eine Sache so eindeutig und emotional zu engagieren wie die linken MitstudentInnen, mit denen ich bei den Notstandskundgebungen zusammentraf, das wollte ich eigentlich nicht. Es war noch nicht lange her, dass ich mich in kleinen aber konsequenten Schritten aus einer erzreligiösen Katholikin in eine Existenzialistin verwandet hatte. Und ich war verdammt froh darüber.
Deshalb zögerte ich.
Aber allein in diesen Kreisen fand ich kluge, sympathische, lebendige Leute, die sich wie ich für Dichtung und Kunst interessierten, die nicht einfach nur schnell Karriere machen wollten, die wie ich vom Drang erfüllt waren, alles zu verändern und neu zu ordnen.
Als Christin hatte ich mich für Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden und Toleranz engagiert und war dabei unmerklich zu einer Linken geworden. Genau das aber hat es mir dann sehr leicht gemacht, von der katholischen Riege meinen Abschied zu nehmen. Mit Brecht fragte ich eines Tages “Brauche ich einen Gott?” und verneinte diese Frage verblüfft und war frei.
Mit dieser Vorprägung dockte ich nun an die 68er Bewegung an, fand dort zunehmend meine Heimat, meine Freunde, meine Weltanschauung.
Eine gewisse autoritäre, beinahe religiöse Ausstrahlung der damaligen linken Bewegung, die sich mit meinen Bedürfnissen als frisch geschlüpfte Atheistin eigentlich nicht gerade deckte, spürte ich mit Unbehagen aber nahm sie in Kauf.
In den 68ern war es in, alles zu hinterfragen, alles erst einmal auf den Kopf zu stellen, neue Werte zu entwickeln, sich den alten zu verweigern, andere Dinge zu tun als die Generation davor, neue Musik zu hören und zu machen, über alles aber auch alles zu diskutieren, die verrücktesten Ideen zu entwickeln. Neue Formen des Zusammenlebens entstanden. Noch schüchtern meldeten sich auch die Frauen zu Wort. Kinder überließ man nicht mehr öffentlichen Institutionen, sondern versuchte neue Formen der Gemeinschaftserziehung zu entwickeln.
Natürlich waren wir auch nicht gerade sanftmütig. Unsere Aktionen und Proteste waren gegen die autoritären Kräfte gerichtet. Wir wollten uns wehren. Wir wollten unsere Stärke zeigen. Wir wollten auch den braven Bürgern ein wenig Angst machen. Aber ich sage, die 68er waren ein hoch moralischer Haufen. Es gab keine Gewalt gegen Menschen, schon gar keine sinnlose Gewalt. Es gab Gruppendruck. Das schon.Und wir genossen es, dass irgendwelche Studenten der BWL es nötig hatten, sich als links und fortschrittlich zu outen, weil sie sonst von unserer Menge ausgegrenzt und verlacht worden wären.
Gewalt, das war für uns Vietnam und dieses Beispiel galt uns allen als verhasst und Menschen verachtend.
Wir wollten andere Menschen nicht unterdrücken oder ihnen Gewalt antun. Wir wollten sie überzeugen.
Meine größte Gewalttat in diesen Zeiten war es, mit einer Gruppe von Leute den Zaun zum Vorgarten des Bischöflichen Palais nieder getreten und dort auf dem Rasen ein Lagerfeuer inszeniert zu haben. Vorne an der Straße stand unser Schild: “Wir vergesellschaften den Garten des Bischof. Friede den Hütten”, oder so ähnlich.
Tatsächlich kam dann die Polizei mit Schlagstöcken.

Politische Aktivitäten gab es vor allem im Hochschulpolitischen Bereich und in den Aktivitäten im Zusammenhang mit der Heimkritik. In manchen WGs lebte ein weggelaufener Heimzögling und wartete mehr oder weniger vergeblich auf ernsthafte Lebensunterstützung, bekam dafür die Haschpfeife gereicht und wurde mit Worten und Träumen von einer besseren Welt abgefunden.
In meiner Erinnerung gab es nur eine begrenzte Phase lang eine große, alle verbrüdernde Bewegung. Danach differenzierten sich Interessengruppen heraus. Es entstanden die verschiedenen politischen linken Gruppen, die die Gesellschaft verändern wollten, die in Richtung Sozialismus blickten und alle Varianten utopischer und realer Sozialismusmodelle für sich durchdeklinierten. Die Mitbestimmung in den Hochschulgremien war ein weiterer Schwerpunkt, der viele Komillitonen einband.
Ferner wurden im Rahmen der Studentenbewegung vor allem andere Lebens- und Zusammenlebenskulturen entwickelt und umgesetzt.(Eine WG zu gründen war damals eine revolutionäre Tat, heute ist sie ökonomischer Zwang und Normalstatus eines Studierenden.)
Für den größten Teil der Studentenschaft aber war die 68er Bewegung in erster Linie eine Art großes, befreiendes, belebendes Happening, das sich vor allem in der Musikkultur auslebte, bei Woodstock und bei der Hippy-Bewegung landete und alternative Lebensmodelle förderte.
Dann war das Studium aus und wir versuchten in der Welt Fuß zu fassen.
Für einen Teil folgte der lange Marsch durch die Institutionen, für andere kamen die Berufsverbote. Insgesamt aber, so schien es uns, machte die ganze Gesellschaft durch unsere Bewegung einen leichten Linksruck mit, wir hatten, so schien es uns, Erfolge zu verzeichnen. Wir glaubten, in dieser Welt nun als berufstätiger Erwachsener und als Familie wieder aufrecht leben zu können. Der Protest blieb natürlich trotzdem für Jahre ein Teil der Lebenskultur und war auch bitter nötig. Es folgten die großen Demonstrationen in Bonn, die Friedensbewegung, auf der ich dann schon mit meinen kleinen Kindern teilnahm, die AKW Bewegung, die ich nur noch von ferne mit ansah.
“Es hängt ne alte Klampfe an der Wand!”, sangen meine jugendbewegten Eltern nach dem Krieg. Für uns hingen irgendwann die Platten-Cover der Stones an der Wand und die Marx und Engels Bände, die bei jedem Umzug mitgeschleppt wurden, verschwanden irgendwann im Keller.
Abgesehen davon, dass ich noch keine Enkelkinder habe, es war schon kaum möglich, den eigenen Kindern zu vermitteln was damals los war. Für sie waren es sicher Geschichten von anno dazumal.
Vielleicht werden die Enkel oder die Urenkel wieder da anfangen, wo wir irgendwann aufgehört haben….
Was ist geblieben? Offenbar soviel, dass es den Medien und den Konservativen im Lande noch heute die Mühe wert ist, die 68er Generation zu verunglimpfen und für alles Mögliche, was danach kam, verantwortlich zu machen. Die RAF hatte sicher ihre Wurzeln in der 68Bewegung. Aber beide gleich zu setzen ist grundfalsch und ignorant. Genauso kann man sagen, die Frauenbewegung oder auch die Grünen hatten dort ihre Wurzeln - obwohl man davon mitunter nicht mehr viel merkt.
Aber es muss ganz klar gesagt werden, was dort keine Wurzeln hat:
die rechte Bewegung, die Neonazis, die zunehmende Gewalt in unserer Jugend, die Ziel- und Perspektivlosigkeit in der Jugend, der Niedergang der solidarischen Werte, die Zurücknahme der sozialen Absicherung und der politischen Zielsetzung einer Chancengleichheit…….
Das hat sich die Politik selber eingebrockt, indem sie sich in einem vermeintlichen Fortschrittsglauben an die Fersen der Wirtschaft und ihrer Allmacht geheftet hat.
“Wir brauchen wieder mal neue 68er”, seufzen die wenigen meiner Studenten, die sich nicht mit dem blinden und resignierten Hinterherhecheln hinter der neuen flexiblen und effizienten Lebensphilosophie begnügen wollen.
Ich hoffe, dass das nicht bis 2068 dauern wird.
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7.5.2008 von Mrs. Tapir.
Mechthild Seithe
Kurzgeschichte
Der Nebel hatte sich inzwischen fast vollständig verzogen. Sie waren den Burgberg durch einen lichten, noch ganz kahlen Buchenwald hinaufgefahren. Die Sonne kam gerade vorsichtig heraus und warf schwache Schatten mit weichen Konturen. Plötzlich war vor ihnen die Burg aufgetaucht.
Außer ihnen stand zu dieser Vormittagsstunde nur noch ein einziges Auto verloren auf dem Parkplatz an der Burg. Sie stellte den Motor aus und während sie den Schlüssel abzog, ging es ihr plötzlich durch den Kopf, wie sehr sie sich in den vergangenen Monaten so einen Tag wie heute herbeigewünscht hatte. Und nun war alles so einfach, so selbstverständlich, so als könne es gar nicht anders sein. Sie waren zusammen und besuchten an diesem Aprilsamstag irgendein Schloss, einfach weil es Freude machte und weil sie gerne zusammen waren.
Sie stiegen aus, atmeten beide erfreut die noch kühle, frische Luft ein und reckten sich ein wenig. „Es gibt hier einen hübschen Burggarten“, sagte er. Und sie wandten sich dem Eingang dieses Gartens zu, der gleich neben dem Parkplatz lag. Sie stiegen ein paar verwitterte Treppenstufen hinauf, aus deren Ritzen und Fugen überall aprilfrisches Grün von Moos und kleinen Kräutern hervor drängte und traten durch das schmiedeeiserne, schmale Tor. Er liess ihr den Vortritt. Und da stand sie mit einem Mal in einem verwunschnen Garten, hinter dessen dichten Hecken der Frühling bereits begonnen hatte, seinen Zauber auszuschütten. Zwischen hohen, noch blattlosen Bäumen wandten sich schmale, eingefasste Pfade hindurch. Und wo man nur hinsah standen in kleinen Gruppen an den Wegrändern intensiv blaue, weisse und sonnengelbe Frühlingsblumen und leuchteten auf dem braunen, mit Herbstblättern bedeckten Boden. Die Forsythienbüsche verteilten sich wie helle Frühlingsfeuer über die Berg- und Hügellandschaft, in der der Garten angelegt war.
„Hier ist ja schon Frühling!“, sagte sie entzückt und sah ihn strahlend an. „Ich hatte dir doch angekündigt: Wir machen eine Reise in den Frühling!“ Er lächelte und griff nach ihrer Hand.
Sie wehrte sich nicht.
Und während sie nun Hand in Hand kreuz und quer durch die kleinen, verschlungenen Wege des Burggartens schlenderten, spürte sie die altbekannte und so vermisste Wärme in sich aufsteigen. Sie hatte sich so lange danach gesehnt: nach seiner Hand, nach seinem Körper neben ihr, nach seiner Stimme, seinem Gesicht mit den leicht geröteten Wangen und den hellen Augen unter dem schon ein wenig grauen Haarschopf. Sie hatte sich gesehnt und hatte es sich immer wieder aus dem Kopf geschlagen und hatte sich dennoch gesehnt.
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11.4.2008 von Mrs. Tapir.
Ich kriege sie nicht mehr aus meinem Kopf.

Wer täglich mit der S-Bahn in Berlin herum fährt, wird sich sicher nicht darüber wundern, denn die Arbeitslosen und HartzIV Empfänger, die zwischendurch zusteigen und dann höflich um eine Geldspende bitten, gehören sicher auf allen Strecken zum Alltag. Die meisten Fahrgäste reagieren nicht, selten aber reagieren sie irgendwie ungehalten. Die ständige Konfrontation mit dem Schicksal der vielen, die es sehr viel schlechter getroffen haben in unserem Land, ist offenbar tolerierte Zeiterscheinung.
Als sie herein kam, war ich von ihren Augen fasziniert. Sie waren klug und gütig. Ihre kleine Rede trug sie selbstbewusst vor, keineswegs bettelnd oder devot. Und neben ihrem sicheren Auftreten war sie gleichzeitig,vorsichtig, behutsam fast sanft zu uns. Sie sprach von ihren unerträglichen Schmerzen und freute sich über die Sonne, die gerade für einen Moment herausgekommen war. Und dann trug sie ein Frühlingsgedicht vor, das sie mit den Worten kommentierte: “Ich schreibe ein bisschen, irgendwas muss man ja machen.” Ich war berührt. Ihr Blick hatte etwas Vertrautes, wie der Blick einer Freundin.
Ja, so könnte es auch enden, dachte ich schockiert: alt, alleine, mit Schmerzen, die nicht zu bändigen sind, weil die Medikamente und der Arzt so viel kosten, darauf angewiesen, die Mitmenschen um Hilfe zu bitten. So aber, ohne sich irgendetwas dabei zu vergeben, so würde ich es nie können. Ich bewunderte sie und blieb etwas verwirrt zurück, als sie weiter ging und ich ihre sanfte, deutliche Stimme ein paar Sitzreihen weiter erneut hörte. Ich musste den Drang unterdrücken, sie nach ihrem Namen zu fragen, nach ihrem Leben.
Möglicherweise ist das alles nur ihr Betteltrick gewesen. Vielleicht kennen die Leser meines Blogs sie auch. Vielleicht kennt sie schon jeder in Berlin. Sei’s drum. Ich gönne ihr diese Fähigkeiten, andere zu rühren und wünsche ihr viel Erfolg!
Bevor ich dieses Posting losschicke, habe ich man ein wenig recherchiert nach Bettelei in der U-Bahn und bin dabei auf einen interessanten Disput gestoßen.
Ein schönes Beispiel für Meinungsbildung und dafür, wie wichtig es ist, sein Andersdenken nicht zu verschweigen sondern mitzureden: flugs steht keiner mehr zu seinen vorigen Vorurteilen, zu mindest im Chat.
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10.1.2008 von Mrs. Tapir.
Literatur beschäftigt sich seit der Antike mit der jungen Liebe, dieser beflügelten Zeit, in der all unsere Sehnsüchte und Träume in Erfüllung zu gehen scheinen.
Mich hat schon immer gewundert, dass der Alltag einer Beziehung mit ihren Routinen, der drohenden Langeweile und mit ihren Krisen und Beziehungsproblemen viel seltener Thema von Literatur und Kunst ist.
Paar in Berliner Café
“Beziehungskisten” findet man, wenn man sich nur umsieht: kaputte Ehen, krieselnde Partnerschaften, Seitensprünge, neue Beziehungen, andere Beziehungen, der Wunsch nach neuer Freiheit, der Wunsch nach der besseren Beziehung… Allzu oft signalisieren solche Phänomene das Ende einer Beziehung. Ihre Bewältigung aber wäre unser Glück.
Nach dem Thema “Kinder haben” und dem Herbstthema: “Abschied, Herbst, Trauer” habe ich beschlossen, in meine Literatur-Homepage für die nächsten Monate etwas ganz anderes einzustellen. Etwa ab Mitte Januar sind dort Kurzgeschichten, Gedichte und eine Erzählung zu lesen zum Thema: BEZIEHUNGSKISTEN.
Als Jugendliche habe ich mich über das folgende Gedicht geärgert. So stellte ich mir meine Zukunft nicht vor. Auf eine solche Beziehung wollte ich gerne verzichten.
Heute muss ich schmunzeln und schreibe es mit Vergnügen und natürlich auch zur Ehre des Jubilars hier auf:
Die Liebe war nicht geringe - Wilhelm Busch
Die Liebe war nicht geringe,
sie wurden ordentlich blass;
Sie sagten sich tausend Dinge
und wussten immer noch was.
Sie mussten sich lange quälen,
doch schließlich kam’s dazu,
dass sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.
Bei eines Strumpfes Bereitung
sitzt sie im Morgenhabit;
Er ließt in der Kölnischen Zeitung
und teilt ihr das nötigste mit.
So ist das Leben. Und diese Variante ist vielleicht die beste von allen?
Sehr oft geht es dramatischer zu, heftiger, mit Schmerzen und Hass verbunden, mit Enttäuschung und Unglück.
Hiervon werden meine Texte erzählen …
Geschrieben in meine Lieblingsgedichte, Frauen & andere Menschen, gelesen, Texte von mir | Keine Kommentare »