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März 2010
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Archiv der Kategorie Alter & Leben

Feierabend

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Damit meine drei Bandscheibenvorfälle nicht ständig damit drohen können, angesichts meiner Tragelasten in Richtung Ischias zu löcken und mich und meine Arbeitskraft im wahrsten Sinne des Wortes lahm zu legen, bezahlt mir das Amt für Integration  eine “Hilfe zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben”, eine tolle Sache! Ich bin den Mitarbeiterinnen in Gera sehr dankbar. Ein großes Stück Lebensqualität ist wieder gewonnen: Da ist jemand, der mir als Assistenzkraft meine schweren Büchertaschen samt Notebook morgens die Treppen herunter ins Auto schleppt und am Arbeitsplatz dann wieder rauf  bis auf meinen Büroschreibtisch. Und abends dann das gleiche umgekehrt…Ich stehe dann abends in meinen Räumen, überrascht, wie wenig erledigt ich bin, weil mir das allabendliche Geschleppe erspart blieb und tauche gerade zu rüstig in den verdienten und herbeigesehnten Feierabend ein.

In diesem Sommersemester sah es erst ganz so aus, als wäre keiner der über 700 Studierenden unseres Fachbereiches bereit oder in der Lage, diesen Job zu übernehmen, da dieses Mal meine Arbeitszeiten ziemlich unfreundlich gestaltet sind. Aber siehe da, es fand sich doch einer. Seit Montag habe ich endlich jemanden gefunden, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Es ist ein niederländischer Student, der dieses Semester bei uns studiert und im Unterschied zu all den anderen am Ende des Sommersemsters keine großen Prüfungen abzuleisten hat, weil er seinen Bachelor in Holland schon absolviert hat. Deshalb hat er mehr Zeit…
Er trägt also meine schweren Taschen, läuft leichtfüßig Treppen und ansteigende Bürgersteige hinauf, sitzt dann neben mir in meinem kleinen Auto und versucht, dort seine langen Beine einigermaßen unterzubringen und wir unterhalten uns.
Und so habe ich erfahren, dass es im Niederländischen kein Wort für “Feierabend” gibt. Ist das möglich? Für eine so wichtige und wunderbare Sache kein eigener Begriff? Ob es in anderen Sprachen dafür auch keine eigene Bezeichnung gibt? Ich muss direkt mal nachschlagen! Vielleicht haben die Deutschen ja zu diesem Ereignis ein ganz besonders gutes  Verhältnis? Aber eigentlich sieht das den Deutschen doch gar nicht so besonders ähnlich, ich hätte da eher auf andere getippt. So kann man sich irren im eigenen Volk und in der eigenen Sprache.


Lyrica

So heißt nicht mein neuer Gedichtband und es ist auch nicht der Name einer Frauengestalt in einem romantischen Roman - es ist mein neues Medikament.
Ich staune über diesen Namen und wüßte ganz gerne, wie ein Medikament zu so einem Namen kommt. Drin ist vor allem ein Stoff namens Pregabalin, was ja nicht besonders lyrisch klingt.

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Es ist gegen Epilepsie und Neuralgien und anders mehr. Unter anderem gegen Restless legs, diese unglaubliche Krankheit, die einen mit ihren quälenden Mißempfindungen in die Hölle schicken kann. Da ich außer an restless legs auch unter Neuralgien leide, seit ich monatelang nur am PC gesessen habe, fand meine Neurologin es ein gute Idee, bei mir nun gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich war einverstanden. Auch noch, als sie mir offenbarte, dass dieses schöne Medikament bei mehr als 1  von 10 Patienten zu Gewichtszunahme und gesteigertem Appetit sowie zu anfallsartigen Müdigkeitsattacken führt. Letztere würden sich mit der Zeit geben. Alkohol ist streng verboten!
Etwas ängstlich geworden, sah ich mir die Beipackung genauer an und gab danach Lyrica in Googel ein - und fiel voller Schreck unter eine chattende Gruppe Lyrica geschädigter ZeitgenossInnen: Die eine hatte schon 6 Kilo in einem halben Jahr zugenommen, ein anderer konnte vor Müdigkeit nicht mehr Autofahren, andere überlegten, ob sie ihrem Beruf noch weiter nachgehen konnten….
Mir wurde es unheimlich. Dennoch begann ich mit der Einnahme, lauschte in mich hinein, ob mich die Hungerattacke erreichte oder mich eine Müdigkeitswelle wegspülte…
Ich merkte von all dem nichts. Bis heute bekommt mir das Zeug bestens. Nur die Restless legs sind noch nicht so gut kontrolliert wie vorher unter Sifrol.
Als ich jetzt noch einmal in den Beipackzettel hineinsah, fand ich unter den Indikationen auch noch “chronische Besorgniszustände” und unter den Nebenwirkungen “Euphorie”. Deshalb also geht es mir seit 4 Wochen so locker gut und deshalb also habe ich derzeit durchgehend beste Laune. Nicht schlecht her Specht. Ist das jetzt die Nebenwirkung “Euphorie” oder die Wirkung bei der Indikation “chronische Besorgniszustände”?

Jedenfalls habe ich endlich auch einmal richtig  Glück im Leben : Ich gehöre zu den 7 oder 8 von 10 Leuten, denen, die die Nebenwirkungsschrecken des lyrischen Pulvers nicht abbekommen haben.

endlich wieder Gartenleben!

Er hat so furchtbar lang gedauert, dieser Winter. Doch jetzt ist der Frühling also wirklich da. Ein unglaubliches Osterwetter!

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Meine ganze wunderbare Feiertagsfreude bestand darin, in der warmen Sonne im Garten herumzulaufen, zu sähen, zu wässern, meine neuen Flaschentropf-Einrichtungen auszuprobieren, zu schneiden und zu pikieren, zu setzen und einzupflanzen. Besonders aufregend war es, mit bloßen Händen in der weichen, vorher umgegrabenen Erde zu wühlen, um  Daumen dicke Wurzeln eines Hopfen ähnlichen Unkrautes aus dem Boden heraus zu ziehen, die wie unterirdische Wasserleitungen in zwei “Etagen” ein Stück unseres Gartens durchzogen. Ich werde sie in einem Karton trocknen und dann verbrennen. Alles andere ist mir zu riskant.

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eine riesige Kiste voll Wurzeln dieser unglaublich vitalen aber unerwünschten Pflanze…

Endlich kann wieder draußen gegessen, geruht, geplaudert, gelesen werden. Der Pool zum Wassertreten ist auch wieder bereit, überall stehen unsere großen Wasserbottiche, randvoll mit Brunnenwasser gefüllt - das Regenfass ist schon lange leer.

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 die Teichrose entwickelt jeden Tag eine neues Blatt

Noch ist der Garten eigentlich kahl. Aber ich freue mich - wie wohl jeder Gärtner - über jedes neue Blatt, jede grüne Spitze, die aus der Erde kommt, auch über die bestimmt tausend Sämlinge unserer Wunderpflanze, dem Springkraut, die grüne Teppiche bilden und stehen bleiben dürfen, bis der Garten selber und ohne ihren Beitrag grün geworden ist.
In 4 Wochen wird es gar nicht mehr möglich sein, einzelne Pflanzen oder gar Blätter zu beobachten. Und in zwei Monaten besteht der Garten nicht mehr aus einzelnen Beeten und Pflanzen, sondern aus einer Fülle von grünen Flächen und Durchblicken und aus bunten Tupfen, die über all das Grün ausgegossen wurden. Aber bis dahin begrüße ich noch jedes Blatt und jede Blüte einzeln.
Die letzten Blütenstengel aus dem Vorjahr, die uns im kahlen Winter und Vorfrühling wenigstens eine kleine Ahnung vom Sommer vermittelt haben, sind bald nicht mehr nötig.

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Gruß aus dem letzten Sommer - bald brauchen wir ihn nicht mehr…

Und in meinem Gartenhaus stehen die pikierten Pflänzchen aufgereiht und werden hoffentlich wachsen und gedeihen, bis sie nach den Eisheiligen raus dürfen: Levkojen, Landnelken, Astern, Strohblumen, Standflieder, Fuchsschwänze, Bechermalven und Löwenmäulchen…..

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lauter kleine, frisch pikierte Blütenpflanzen - jetzt müssen sie nur noch wachsen

Andere haben sich größere Projekte vorgenommen. Kranich macht endlich seinen Traum vom Spargelbeet wahr.
Unsere Garten-Arbeitsteilung (Kranich kümmert sich um alles alles was man essen kann, also Gemüse und Obst. Ich sorge für Blumen, Stauden und Sträucher) klappt hervorragend.Ab und zu gibt es kleine Grenzstreitigkeiten um die Frage, ob irgend eein Quadratmeter unseres brandenburgischen Sandbodens zum Gemüsebeet oder schon zum Blumenbeet gehört. Aber letztlich sind unsere Reviere gleich groß und ausgewogen. Mir schmecken die Tomaten under freut sich doch über die Blumen, deren Namen er sich nicht merken kann…

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hier entsteht ein Spargelbeet

Mir gelingt es über dem Garten alles zu vergessen: meine Arbeit und was ich alles noch vorbereiten müsste, die Krise und andere Sorgen, sogar manchmal meine Flöte …


Rentnergeschichten

Seit ich die Jahre bis zu meiner Rente an einer Hand abzählen kann, sammele ich Rentner-Geschichten. Wie ergeht es älteren Menschen, wenn sie - erwünscht oder unerwünscht - in Rente gehen müssen.

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Es gibt so viele Ratschläge und Tipps zu dieser Frage: mache einfach alles weiter, wie vorher! Gönne Dir erst mal Ferien, bis Du sie satt hast! Suche dir eine neue Aufgabe, damit du dir nicht überflüssig vorkommst! Mach jetzt endlich all das, was du nie hast machen können!…

Wahrscheinlich gilt für jeden Menschen ein anderes Rezept. Auf alle Fälle gibt es RentengewinnerInnen und RentenverliererInnen, stelle ich immer wieder fest.

Da war mein erster Schwiegervater, der Lokführer, der 1 Woche vor seiner Pensionierung an Herzinfarkt starb.

Da war die frühere Sekretärin unseres Jugendamtes, die durch eine glückliche Verfügung in ein Frührentenprogramm geschlüpft war, und die ich ein dreiviertel Jahr nach Rentenbeginn auf der Straße traf: braun, lebendig, jünger als ich sie je gesehen hatte und voller Lebenslust.

Da ist meine Schwägerin, die sich seit Jahren auf die Rente freute, weil ihr Beruf ihr so große Beschwerden in den Beinen bereitet hat und die dann aber Monte lang aus dem Gleichgewicht geriet, erst mittags aus dem Bett kam, ihren Beruf und die KollegInnen vermisste und einfach kraft- und lustlos mitten in ihrer leeren Wohnung herumsaß.

Da ist Marianne, die ich neulich etwa ein Jahr nach ihrer unfreiwilligen Frühverentung wiedersah: Nie war sie so glücklich und so lebendig gewesen! Eine Freundin hatte sie gefragt, ob sie bei einer Laien-Theatertruppe mitmachen wolle, die ihre Stücke in Altersheimenaufführe. Marianne, die selten in ihrem Leben im Theater gewesen war und sich auch nie besonders für Dichtung und Sprache interessiert hatte, sagte promt zu und ist nun glücklich mit ihrer kleinen Truppe interessanter Menschen und ihren spannenden neuen Aufgaben.

Da kann man neidisch werden, denke ich.  Aber allmählich dämmert mir, dass die Sehnsucht danach, endlich nicht mehr regelmäßig zur Arbeit gehen zu müssen, endlich seine eigene Herrin sein zu können, endlich ausruhen zu können, den Alltag genießen, alte Pläne verwirklichen zu können, dass diese Sehnsucht allein nicht trägt, um diese neue Herausforderung glücklich zu bewältigen.

Frühlingseinkauf mit Überraschung

Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…

Mittwoch Nachmittag, die Seminare für diese Woche liegen hinter mir. Blick auf vier “freie Tage”, wo ich zu Hause am Schreibtisch arbeiten und vielleicht auch ein bisschen Frühling schnuppern kann. Große Feierabendstimmung breitet sich in mir aus und plötzlich ein Riesenhunger auf Frühling.
Ich entschließe mich spontan, noch in der Stadt Shoppen zu gehen. Mir schwebt ein schwingender, heller Sommerrock vor.

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Otto-Eckmann, Frühling

Ich sehe mich im Kaufhaus um. Röcke sind dieses Jahr nicht gerade üppig vertreten. ‘Der dort vielleicht, der auch, der nicht, aber der. Sollte ich mal anprobieren…’
Da spricht mich plötzlich jemand mit meinem Namen von hinten an. Vor mir steht eine meiner Studentinnen, die vor ein paar Stunden noch in meinem Seminar gesessen hat. Sie arbeite hier, schon seit 2 Jahren, neben dem Studium, oft 4 Stunden am Tag und mehr. Als sie im letzten Semester ihr großes Praktikum gemacht hat, musste sie täglich nach 8 Stunden Praktikum noch für 4 Stunden im Kaufhaus arbeiten. Das sei die Härte gewesen. Ich kann es mir vorstellen.
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“Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…”, sagt sie. Tatsächlich, ich habe noch immer das neue Shirt an, das farbig leuchtend gestreifte, das ich bei meinem letzten Frühlingshunger vor 14 Tagen  aus diesem Laden abgeschleppt habe. Als würde ich ständig nur Klamotten kaufen, denke ich amüsiert. Egal, ich nutze die Gelegenheit und erläutere meiner Studentin meinen neuen Frühlingswunsch: bequem, luftig, fröhlich, fließend, schwingend…. Und sie bringt herbei, was der Laden hergibt, berät in Stil- und Farbfragen und umsorgt mich und mein Shoppingbedürfnis mit höchster Professionalität. Und ich , die eigentlich so ungern Klamotten einkauft wie andere zum Zahnarzt gehen, ich fühle mich aufgehoben wie in Abrahams Schoß und ziehe nach einer guten Stunde mit 2 neuen Röcken und 2 passenden T-Shirts ab.

Und das alles, damit mir auch nächste Woche wieder eine Studentin sagen kann: “Aber Frau S., Sie sehen ja heute aus wie der leibhaftige Frühling!”. Man tut was man kann.

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Goethe-Galerie Jena

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er kommt …


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Auszug aus meiner Trilogie:

Friedhofsgespräche - Teil II - Denkmal für meine Mutter

Du lebtest wieder in Dresden, als das erste Schuljahr langsam zu Ende ging. An einem blauen Märztag des Jahres 1927 hattest auf deinem Schulweg durch den Blüherpark die ersten Schneeglöckchen entdeckt. Der Lehrer kam an diesem Morgen in den Klassenraum, grüßte die Kinder stumm, schrieb mit großen, klaren Buchstaben an die Tafel: „Er kommt….“ und wandte sich dann mit fragendem Gesicht an die Klasse. Die Kinder schwiegen erst verwirrt, bis sie begriffen, was der Lehrer von ihnen wollte. Dann schnellten die Finger hoch. „Der Lehrer kommt“, posaunte stolz ein Junge heraus. „Nein“, der Lehrer schüttelte den Kopf. Diese Antworte wollte er nicht. „Der Vater kommt“, „die Mutter kommt“, „das Kind kommt“, „der Mann kommt“, „die Frau kommt“… Immer wieder schüttelte der Lehrer bestimmt und geheimnisvoll seinen Kopf und nahm das nächste Kind dran. Schließlich kamst du an die Reihe, die du vom ersten Moment die richtige Antwort gewusst hast. „Der Frühling kommt!“ jubeltest du in die Klasse. „Du“, sagte der Lehrer, „du kannst dich auf der Vogelwiese sehen lassen“.

 

P.S. Die Vogelwiese ist der  Jahrmarkt in Dresden , vermutlich heute noch?

 

 


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  Apfelbäume warten auf den Frühling

 

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 Vorfrühling am Bach

 

 

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 Der Frühling zieht in Jena ein

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Vorsicht Abzocke!

Wie ich danach dann im Netz nachlesen konnte, bin ich weder die erste noch die einzige, die mit dieser “Firma Spielfox” Ärger bekommen hat.  Im Nachhinein kann ich nur staunen über solch eine unverfrorene, gemeine Abzocke! Es hat mich noch bestimmt eine Stunde richtig aufgeregt und ich musste mir anschließend den Escher ansehen, damit ich wieder an das Gute im Menschen glauben konnte :)

Ich sitze am PC, ins Arbeiten vertieft. Als das Telefon klingelt, denke ich: “Na, wieder die Tochter? Oder ein Kollege? Es meldet sich nach einer kleinen mir sehr bekannten typischen Pause eine junge Männerstimme, die sofort auf mich einredet, ob ich Frau Soundso sei. Den Namen und seine “Firma” hat er so dahin geschnoddert, dass ich nichts wirklich verstanden habe. Dennoch bin ich sicher, dass es irgend eine Werbeattacke ist, habe noch die Nachrichten im Ohr, das sowas für die Werbebelästiger in Zukunft bis zu 50 000Euro kosten kann. Fast überkommt mich Mitleid mit dem armen Schlucker, der dafür bezahlt wird, dass er andere Menschen überfahren und über den Tisch ziehen soll.
Vielleicht habe ich deshalb nicht sofort aufgelegt. Vielleicht aber auch, weil er es schaffte, mich mit wenigen Worten irgendwie zu beunruhigen. Er fragt, ob ich ein Spiele-Abo weiter verlängern will oder ob ich es kündigen möchte. Welches Abo?
Ja, erklärt er mir ohne zu Zögern, da hätte ich wohl unbewusst (Junge, was weißt du von meinem Unterbewusstsein?) irgendwas angeklickt oder eine 09er Nummer gewählt oder so. Jedenfalls läge ihm meine Beitrittserklärung vor. Die ersten 3 Monate sei meine Mitgliedschaft umsonst gewesen, ich sei also kostenlos in den Genuss irgendwelcher Spielaktionen gekommen. Nun hätte ich die Kündigungsfrist versäumt und sie müssten mir ab sofort im Monat 55 Euro von meinem Konto abbuchen. Wenn ich jetzt kündigen wolle, könne er mir -falls ich in diesem Zeitraum nichts gewinnen würde - eine Rückgabegarantie der eingezahlten Gelder versprechen, als kleines Dankeschön so zu sagen.

Es erscheint mir unmöglich, sowas “aus Versehen” veranlasst zu haben. Es scheint mir unmöglich, dass auf eine solche Weise Verträge zustande gekommen sein können. Sein selbstverständlicher, routinemäßiger, halb genuschelter Tonfall macht es mir dennoch schwer, auf die Alarmglocken in mir zu hören.
Ich frage nach der Firma, die nennt mir er. Einen Vertrag kann er mir nicht zuschicken. Er kann auch nicht mehr recherchieren, wie dieser angebliche Vertrage zustande gekommen sein soll. Aber er hat ja meinen richtigen Namen, meine Adresse. Das irritiert, macht seine Aussagen im ersten Moment glaubwürdig. Um zu sehen, ob ich auch wirklich die Richtige bin, und damit er die Kündigung dann richtig weiter leiten kann, muss er die Daten abgleichen. Mein Geburtsdatum bekommt er auf diese Weise noch aus mir heraus.  Aber ich erkläre ihm, dass ich nichts kündigen werde, wo ich nicht einmal einen Vertrag vorgelegt bekomme, den ich angeblich unterschrieben habe. Dann müssen wir eben weitere 12 Monate bei Ihnen abbuchen, es sei meine eigene Schuld, erklärt er mir dreist.
Ich werde allmählich wach, frage nach seinem Namen, verlange eine Telefonnummer seines direkten Vorgesetzten,  eines Geschäftsführers. Er verweigert und wird immer pampiger. Ich spreche von Erpressung. Er sagt, dass er nicht so viel Zeit habe und schließlich schon 11 Minuten mit mir reden würde und er es auch nicht zum Spaß mache.
Dann verlangt er meine Bankleitzahl, fordert sie richtig, als sei ich ihm was schuldig. Ich begreife endlich, dass er nichts vergleicht, sondern schlicht Informationen aus mir herausholen will.  Ich drohe mit dem Anwalt, ärgere mich gleichzeitig, dass ich ja nichts Direktes in der Hand habe. Mitten im Satz legt er auf.

Der Blick in Google beruhigt mich. Es ist unglaublich, wie geschickt die es schaffen, einen doch beinah über den Tisch zu ziehen. Es ist empörend,  anderen ausgesetzt zu sein, die so skrupelos vorgehen. Ich habe gerade noch so die Kurve gekriegt. Und ich frage mich, was unbedarfte junge Leute tun würden, alte Menschen, Hartz IV Empfänger?
Das Schärfste dabei war, er gab sich ja keineswegs seriös. Er outete sich als Abzocker, auf den ich leider nun mal hereingefallen sei und rechnete damit, dass ich von den unsäglichen Geschichten weiß, wo Anwälte aus Menschen Geld erpressen für die irrsten Sachen, die sie nicht haben machen wollen. Er gab zu, dass getrixst worden sei, dass dieser angebliche Vertrag  wohl nicht auf  ganz saubere Weise zustande gekommen sein wird. Aber das sei mein Pech und das hätte ich nun auszulöffeln.

Erst jetzt wird mir klar, dass ich, auch wenn ich ausversehen was angeklickt hätte oder irgendwo mit meinem Namen Werbematerial angefordert hätte oder so etwas, ich mit absoluter Sicherheit dabei nicht auch noch meine Bankverbindung dazu geschrieben hätte.  Ich hätte also doch gleich, schon nach der bekannten kleinen Pause am Anfang desGespräche, wo vermutlich irgendetwas erst durchgeschaltet wird, auflegen sollen. Hätte mir viel Ärger und Aufregung aber auch eine neue Erfahrung erspart.

zwei oder drei Dinge

Jetzt mit 60 frage ich mich erneut, warum ich das hier eigentlich mache. Ich habe einige Monate gezögert, ob ich nicht jetzt aufhören soll. Aber es gibt noch immer ‘zwei oder drei Dinge, die ich von mir weiß’, und die ich auch anderen zur Kenntnis geben möchte. 

z.B. meinen Eindruck vom diesjährigen Frühlingsbeginn

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Usedom o9


frühlingsanfang

dass die kälte nicht weichen will!

tags täuscht die sonne frühling vor.

in der nacht aber schleicht der frost

über den kahlen boden.

was sich am tage an licht wagt,

erstarrt am abend wie wintertot.

 

60mal schon ist auf den winter der frühling gefolgt.

warum also sollte er es dieses mal nicht auch tun?

 

März 09


Das Leben geht weiter

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So eine persönlich Trauerphase im Leben nimmt einem erst mal alle Kraft und Lust.

Die ersten Tage nach dem Tod unserer geliebten Anka war mir eigentlich alles egal, selbst die derzeitige Bank- und Wirtschaftskrise, mein Kuscheltierforschungsprojekt, der leuchtende Herbst, das Buch über die Folgen von neoliberaler Ideologie und Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit, das ich schreibe… alles war weit weg und ließ mich völlig kalt.

Die Gegenwart ist weiter beeinträchtigt von den immer wieder aufflammenden traurigen Gedanken an Anka und den Gefühlen des Verlustes.
Vor meinem Fenster läuft eine Frau durch den Regen an unserem Haus vorbei, einen kleinen Hund an er Leine, der klatschnass wird, daran aber offenbar keinen Anstoß nimmt. Wenn Anka noch wäre, würde sich jetzt am Zaun eine heftige Revierverteidigungs-Szene abspielen. So aber geht alles lautlos vorüber.

Aber es geht weiter.
Allmählich tauche ich wieder auf und richte mich auf die Zukunft aus.
Ich habe die Empfindungen und Sitten von Menschen, die nach einer Beerdigung und einer tiefen Trauerphase plötzlich anfangen, zu tanzen und ihr Leben zu feiern, immer bewundert. Heute fällt mir eine solche Haltung schwer. Aber sie kann einen retten und wäre sicher immer auch im Sinne derer, die wir betrauern.

meine Anka ist tot

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hier ist meine Anka noch vor

wenigen Tagen herumgestromert….

 

 für Anka

 

Die Sommerastern sind verblasst wie alte Bilder.
Oktober müde liegt das Feld.
In diesem Herbst kann ich
die Müdigkeit der Bäume fühlen
mit jedem Blatt,
das fällt.
Sanft kommt das Sterben,
still und blass.

 

Ich habe so oft über sie geschrieben. Ihr Tod kam erschütternd plötzlich. Unser Garten, unser Haus sind auf einmal leer. Meine Anka ist fort: ein lebendiges Wesen, dass sich immer wie verrückt gefreut hat, wenn ich kam, auch wenn ich nur kurz am Auto gewesen war, ein Wesen, dass uns mit ihrer Freundlichkeit und Zuversicht, mit ihrer intensiven Gegenwart und ihrer Fähigkeit, Glück zu finden in den winzigsten Kleinigkeiten ihres Lebens.

Wir werden lange brauchen, um nicht mehr mit Schmerz an sie zu denken. Vergessen werden wir sie wohl nie.