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September 2010
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Erziehungscamp

Die landesweiten Reaktionen auf den Überfall, der auf den Münchner Rentner verübt wurde, sind nur die Spitze eines Eisberges. Es geht nicht nur um Wahlkampf dabei oder vielmehr: zum Wahlkampfthema eignet sich diese Geschichte, weil sie Volkes Seele an- und ausspricht: Man ist empört, dass junge Gewalttäter deutsche Menschen überfallen. Dass sollten wir uns nicht bieten lassen, was haben die überhaupt hier zu suchen? Raus mit ihnen oder aber hart bestraft und weggesperrt!

Die zunehmende Tendenz, auf soziale Abweichung mit Sanktionen und hartem Durchgreifen zu reagieren, ist in der Politik und ebenso in der Bevölkerung nicht zu übersehen.
Die Strategien einer wissenschaftlich orientierten Resozialisierung, die den Erziehungsprozess vor die Strafe stellt und die z.B. Hilfe zur Erziehung anstelle von U-Haft fordert, erscheint nicht mehr akzeptabel, wird als weich und der Realität nicht angemessen angesehen. Die Bereitschaft, sich mit Menschen abzugeben und sie zu “alimentieren” , die nicht bereit sind, sich unseren Sitten und Normen anzupassen, ist ohnehin dünn geworden. Wenn es sich auch noch um Straftäter handelt ist die Toleranz endgültig vorbei und ein Gedanke an die Würde und den Anspruch dieser jungen Menschen auf eine ihrem Wohl entsprechende Entwicklung ist einfach nicht mehr drin.

SozialarbeiterInnen wird Kuschelpädagogik vorgeworfen und Erfolglosigkeit. Man setzt jetzt (wieder) auf Strafe, Umerziehen, Einsperren und Abschieben. Und das ganze nennt man liebevoll “Camp”. Der Barras hat ja bekanntlich noch nie jemandem geschadet und ein bisschen Pfadfinderei wird hier sicher was Gutes bewirken….
Warum aber junge Migranten möglicherweise besonders leicht aggressiv sind, wird dabei nicht hinterfragt. Geht man davon aus, dass Ausländer von Natur aus brutaler sind als wir oder dass ihre Kultur Brutalität eher zulässt? Fast sieht es so aus. Schmeckt das nicht ein bisschen nach Rassismus?
An die gesellschaftlichen Ursachen, die in unserem Land, in unserer Gesellschaft liegen, an die Bedingungen und die Perspektiven, unter denen hier Migranten aufwachsen, scheint niemand zu denken. Keiner fühlt sich schuldig oder auch nur zuständig - am besten abschieben, einsperren!

Nicht nur Frau Merkel liebäugelt vermutlich mit amerikanischen Verhältnissen, wenn sie vom Erziehungs-Camp spricht. Schließlich ist der Strafvollzufg in den USA in den letzten Jahrzehnten wesentlich drastischer gewachsen und ausgebaut worden als bei uns.
Der Spiegel stellt ein Video zur Verfügung, das den, wie es dort heißt, “Kinder-Gulag” von Texas vorstellt, eine supermoderne Erziehungsanstalt, die offenbar gleichzeitig Gefängnis und gnadenlose Umerziehungsanstalt ist.

Bei Anschauen dieses Videos ist mir - trotz einiger kritischer Andeutungen des Reporters - nicht wirklich klar, ob es sich nicht doch um einen Propagandafilm für dieses Modell des Jugendstrafvollzuges handelt. Alles ist clean, die aggressiven Täter sind zu bezähmten, beherrschten, zu ungefährlichen Gestalten geworden.
Man kann also aufatmen: Sie sind sicher weggesteckt und sie werden kaum rückfällig werden; Denen wird ihr Wille so weit ausgetrieben, dass sie das gar nicht mehr können.
In dieser Anstalt findet tatsächlich ein ungeheuerer Umerziehungsprozess. Mit Sprechverbot und Berührungsverbot, mit Drill und Denkverbot, dem Zwangsabsingen von Kirchenchorälen und mit der Zwangsverabreichung nicht benannter Medikamente übertrifft dieses “Camp” alles, was je von Goffmann seinerzeit (1961) als “Totale Institution” gegeiselt wurde. Ich werde an die Geschichte bei Aitmatow (Der Tag zieht den Jahrhundertweg) erinnert, wo ein kirgisischer Stamm bei den jungen Gefangenen eines anderen Stammes mit einer nassen, sich dann beim Trocknen zusammenziehenden Rinderhaut das Weiterwachsen des Gehirns verhinderte und sich so hilflose, bereitwillige Idioten für die schwere Feldarbeit heranzog.
Wofür werden die 11 - 17 jährigen Menschen benutzbar sein, wenn sie diese Mischung aus Isolationsfolter und militärischem Drill lebend überstehen?

Vor vielen Jahren hat René Spitz (1976) die Ursachen für das aufgedeckt, was wir als “Hospitalismus” bezeichnen: die für Kinder tödlichen oder psychisch vernichtenden Folgen von Kommunikations- und Beziehungslosigkeit in damaligen Heimeinrichtungen.
Hier werden diese Methoden nun produktiv und gezielt eingesetzt, um die Gesellschaft von Tätern zu befreien, für deren Entwicklung zu Tätern sie zumindest mitschuldig ist.

Natürlich haben wir ausreichende Gesetze. Und wir haben auch die sozialpädagogische Professionalität, die - wenn sie angemessen ausgestattet und konsequent angewendet wird - solchen jungen Straftätern die Chance für eine andere Entwicklung geben kann.
Aber soviel Mühe und Kosten scheut man für Leute, die man als gefährliche Schmarotzer unserer Gesellschaft sieht.
Dann lieber solche Camps! Die kosten zwar vermutlich mehr, aber das ist dann doch eher eine Investition, die lohnt und an die man glauben kann. Stimmt’s!?

ansehen:
http://www.spiegel.de/video/video-25548.html

Praxisschock

Der alte Laden hat wieder angefangen … Gestern und heute 14 Studierende geprüft. Alle gehörten zu einer Gruppe von StudentInnen, die schon seit Jahren in der Sozialen Arbeit beruflich tätig sind. Prüfungsgegenstand war, ob sie in der Lage sind ihre Praxiserfahrungen wissenschaftlich und kritisch zu reflektieren.

Ich arbeite mit dieser Gruppe von Studierenden sehr gerne. Es sind schon erwachsene Menschen mit Lebenserfahrungen, oft mit Familien im Hintergrund und sie kommen in das Studium mit Ideen, Fragen und Problemen, die sie für sich klären möchten.

Unsere Prüfungsgespräche brachten auch für mich wieder neue Einblicke und erstaunliche Erkenntnisse in die real existierende Praxis der Sozialen Arbeit zu Zeiten der postschröderschen Ära…

 

  • 60% der Jugendlichen, die in U-Haft genommen werden, machen dort die Erfahrung sexueller Vergewaltigung …. Die meisten Jugendrichter halten dieU-Haft für jugendliche Straftäter trotzdem für ein Mittel zur Abschreckung und Belehrung….
  • MitarbeiterInnen eines Jugendamtes haben ihrer studierenden Kollegin unmissverständlich gesagt, sie solle und könne all das, was sie hier bei uns über den partizipativen Umgang mit unseren KlientInnen lerne, gleich vergessen. Das seien alte Kamellen aus den 90er Jahren und die Uhren würden inzwischen längst anders ticken…..
  • Eine Mitarbeiterin, die in einem Projekt arbeitet, in dem krebskranke Menschen psychologisch beraten und betreut werden, ist gekündigt worden, weil das Projekt nicht weiter finanziert wird,
  • Eine Mitarbeiterin in einem Heim für Jugendliche bedauert, dass die magersüchtigen Jugendlichen, die bei ihnen untergebracht werden, nicht intensiv genug betreut werden können bei dem bestehenden knappen Personalschlüssel und regelmäßig auf den Heimaufenthalt nicht die Entlassung ins Elternhaus oder in die Selbständigkeit sondern eine erneute Klinikeinweisung erfolgen muss …

Kein schöner Land zu unserer Zeit….. Da wäre eigentlich mal der nächste Streik fällig …

 

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Aber keine Angst, SozialpädagogInnen sind ja viel zu verantwortungsbewußt. Sie arbeiten auch noch unter Bedingungen, unter denen ihr Bemühen sich ins Gegenteil umkehrt. Denn schlecht ausgestattete Soziale Arbeit beweist nur ihre scheinbare Wirkungslosigkeit und trägt dazu bei, dass hier weiterhin rücksichtslos gestrichen wird.