Schöne, neue fremde Welt III

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3. Und dann kam Corona.

Und Corona hat es nun fertiggebracht, uns zu zeigen, wie es doch ohne „Höher, Schneller, Weiter“ auch und besser geht. Trotz der massiven Kollateralschäden werden die Veränderungen gepriesen und begrüßt, die ganz so aussehen, als hätte die Gesellschaft endlich Vernunft angenommen, würde nicht mehr über ihre Möglichkeiten leben, würde die Umwelt schonen, den überflüssigen Stress ablegen, wieder zu sich kommen, wieder an Werte denken, wieder auf den Nächsten achten……
Die Wünsche vieler alternativ denkender Liberaler und auch Linker scheinen sich plötzlich zu erfüllen.
Dass auch Wünsche nach einer Führung, nach strengeren Regeln, nach einer Macht, die durchgreift und einem das Denken abnimmt, dabei in Erfüllung gehen, sehen sie weniger. Tatsächlich aber spricht die Bereitschaft der Massen, auch der intellektuellen Schichten, den immer willkürlicheren und irrationalen „Schutzmaßnahmen“ der Regierung gehorsam und bereitwillig zu folgen, klar dafür, dass eine starke Führung, die uns das Denken und die Verantwortung erspart, bereits angenommen und begrüßt wird.

Viele Menschen, zum Beispiel auch SozialarbeiterInnen, denken, dass nun endlich, nach der Corona-Krise, die Welt und speziell die Soziale Arbeit wieder anders, menschlicher gestaltet werden kann. Sie glauben, dass eine Veränderung eingetreten sei, die auf Dauer den Menschen wieder die Herrschaft über das Leben und die Welt geben könnte.
Ich fürchte, diese Idealisten werden unsanft aufwachen, wenn sich zeigt, dass die Machtverhältnisse geblieben sind und ihre Macht eine andere Sprache spricht als die einer humanistischen Erneuerung. Der alte politische und ökonomische Hintergrund ist bei und nach Corona genauso vorhanden. In vieler Hinsicht ist er sogar seinen Zielen durch Corona nähergekommen: Nicht nur, dass natürlich und bis auf weiteres keinerlei Geld mehr da sein wird – schon gar nicht für Soziales im eigentlichen Sinne. Es setzen sich sehr wohl auch jetzt schon – während Corona – Verschärfungen einer neoliberalen Entwicklung fort:
Die unaufhaltsame, unkontrollierte und unkontrollierbare Digitalisierung und Überwachung, die Distanzierung in der Gesellschaft und z.B. auch in der Sozialen Arbeit, der Bruch in der Gesellschaft zwischen den Reichen und dem Rest und der Bruch zwischen den Abgehängten und den MacherInnen…
Neulich schrieb mir jemand: „Dass Geschäftsleute in allem sofort ein Geschäft wittern und sich darauf stürzen, bedeutet für mich nicht, dass die Maßnahmen in der Pandemiebekämpfung unredlich sind, also zweckgebunden manipuliert werden. Gewinner dieser Art gibt es in jedem “Krieg“. So ist das.“
Die „Geschäftsleute“, die an Corona verdienen und ihre Macht ausbauen, das  sind aber leider keine redlichen Mitbürger und Kaufleute, sondern Milliarden schwere Konzerne, die ihren Profit nicht nur wittern, sondern voraussehend steuern und denen die Folgen ihrer „Geschäfte“ einen Dreck interessieren.

Doch da schimmert Hoffnung am ausgerechnet am kapitalistischen Horizont?
Die immer deutlicher proklamierte Chance eines „Great Reset“ scheint da für so manchen die erwünschte Wende weg vom neoliberalen System zu sein:
Wenn sich Regierungen und große Teile der Wirtschaft plötzlich für Umweltschutz, Bekämpfung von Hunger und Arbeitslosigkeit einsetzen, dann, so glauben viele, sei der Kapitalismus endlich „zur Vernunft“ gekommen.
Aber auch das ist nichts anderes, als eine neue der Strategie des progressiven Neoliberalismus: er verzichtet auf den grenzenlosen Wachstums-Wahn und macht sich selbst zum Vorreiter sogenannter progressiver Bewegungen wie den Umweltschutz, erklärt sich zum Durchsetzer einer Verbesserung unserer Schulen im internationalen Ansehen (durch die Digitalisierung), zum guten Menschenfreund. Er verdient nicht schlecht daran. Man tue nur einen Blick auf die Börsenlage und schaue sich an, wer in der Corona-Krise sein Vermögen vergrößert, ja verdoppelt hat. Aber das ist vermutlich nur ein Nebeneffekt. Der große Reset ist die Strategie, die Weltbevölkerung von dem abzubringen, was man ihr selbst seit Jahrzehnten eingehämmert hat: Dass es immer besser wird, immer schneller wird, immer höher hinausgeht. Genau wie man bisher diese profitfördernde Manipulation hinbekommen hat, genauso glaubt man jetzt, ihrer wieder Herr zu werden und sie aus den Köpfen der Menschen herausschlagen zu können.
Der Kapitalismus sorgt sich um seine Zukunft und schafft sich ein neue, weniger verwöhnte und anspruchsvolle Bevölkerung, mit der er gut weiter existieren kann.
Viele Menschen im Westen sind bereit, ihren verwöhnten und was vor allem die Umwelt betrifft rücksichtslosen Lebensstil zu ändern. Viele Menschen haben längst das Höher, Schneller, Weiter satt. Aber nicht sie selbst sollen die Konsequenzen ziehen und Veränderungen durchsetzen. Das macht man sicherheitshalber lieber von oben und mit gelindem Druck.
Und warum macht er das? Die Antwort ist nicht neu: Weil er Profite braucht und an der Macht bleiben will. Weil er sieht, dass die Welt durch die gegenwärtige neoliberale Strategie vor die Wand gefahren wird und damit auch seine eigene Existenz damit in Gefahr bringt.

Und die Kehrseite dieser Medaille?
Man muss nicht Kassandra heißen, um die folgende Entwicklung klar vorauszusehen:
Der neue Kapitalismus und seine Lobby werden den erzwungenen Wohlstandsverzicht, den die zu erwartende Wirtschaftskrise nach Corona erzwingen wird, im Interesse aller durchstellen. Es wird an allen Enden an Geld fehlen. Aber das vorhandene Geld wird weiter und wahrscheinlich zunehmend ungleich und ungerecht verteilt werden. Und die Menschen werden bereit sein, zu verzichten und dankbar dafür, dass sie überhaupt noch was abkriegen von ihren eingezahlten Steuern. Der Great Reset wird alle Menschen gleich machen, nämlich zu lauter SelbstunternehmerInnen in einer angeblich klassenfreien Welt, in der es keine Arbeitnehmerrechte und keine Arbeitgeberpflichten mehr geben wird. Er wird sich als Saubermann entpuppen, der Andersdenkende mit seinen Todschlag-Argumenten unterdrückt, d.h. sie in die Schranken weist, weil diese Menschen alle anderen anscheinend bedrohen und gefährden. So ist zu befürchten, dass das eigene Denken, das Verlangen der Menschheit, selbst über das eigene Leben und über die Geschicke der Mehrheit der Menschen entscheiden zu können, dass demokratische Rechte und Vorstellungen mit dem Verweis auf die klugen und selbstlos Herrschenden verweigert und mit Fußtritten versehen werden. Der neue Kapitalismus wird Trost spenden und Zuversicht vermitteln mit den alten Mitteln des Konsums und gleichzeitig eine diffuse permanente Angst unter den Menschen aufrechterhalten. Und schließlich erleichtert er die Gewissen durch die Schaffung eines Feindbildes, das von den eigenen Schweinereien so wunderbar ablenkt.

Und das Feindbild ist gefunden. Die Rechten haben dafür doch nicht so gut getaugt. Schließlich sind sie super-system-treu. Es sind die, die da nicht mitmachen wollen, die auf ihrer menschlichen Souveränität bestehen, die den Laden durchschauen. Sie sind nicht einmal links, was ich sehr bedauere. Aber sie sind erst einmal grundsätzlich Vertreter eines Anspruchs der Menschheit auf eine unversklavte und nicht manipulierte Existenz – auch im Kopf.

Ich mag in der Welt, die da auf uns wahrscheinlich zukommt, nicht mehr leben. Muss ich ja auch nicht mehr.
Aber ich mache mir große Sorgen um die Zukunft. Wegen meiner Kinder und meiner Enkelin.
Und wegen all denen, die nicht demnächst aus diesem Irrenhaus verschwinden dürfen.

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