Systemrelvante Soziale Arbeit?

Seit Beginn der Corina-Krise wird innerhalb der Profession Soziale um die Anerkennung ihrer Systemrelevanz gekämpft.
Offiziell wurden, was die Jugendhilfe betrifft, nur die Kindertagesstätten und die stationären Jugendhilfeeinrichtungen als systemrelevant anerkannt (BMAS 2020 1). Böllert (2020 2) stellt fest, dass die Bildungs- und Freizeitangebote der Jugendhilfe dagegen nicht als systemrelevant eingeschätzt und folglich auch nicht weitergeführt wurden.

Problematisch ist für mich, dass dieser Begriff „Systemrelevanz“ von vielen KollegInnen in diesem Kontext unreflektiert benutzt wird. Die Betonung der Systemrelevant legt die Vorstellung nahe, das Soziale Arbeit nur ein Mandat hätte, nämlich die Ausführung staatlicher Sorge- aber auch Kontrollmaßnahmen.
Ist Soziale Arbeit nicht mehr?
Anja Eichhorn hat zu dieser Thematik einen lesenswerten und nachdenkenswerten Artikel verfasst.

„Die Tatsache, dass Soziale Arbeit bzw. hier die Jugendhilfe nicht bzw. nur in wenigen Teilen als „systemrelevant“ eingestuft wurde, war von Beginn der Krise an für berufspolitische Verbände der Sozialen Arbeit, die Gewerkschaft ver.di, verschiedenen Hochschulen und z. B. für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Anlass zu heftigen Protesten. Gefordert wurde, Soziale Arbeit und damit die Jugendhilfe in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Systemrelevanz anzuerkennen. Sie sei generell für die Gesellschaft unverzichtbar und würde gerade in der Krise dringend gebraucht. Ihre Beschäftigten hätten also die gleiche ideelle und materielle Anerkennung verdient wie z. B. die Pflege-MitarbeiterInnen. Auch dieser gesellschaftliche Bereich müsse deswegen finanziell so ausgestattet werden, dass die hier anstehenden Aufgaben trotz der Krise erfüllt werden können.
Auch das Deutsche Jugendinstitut kritisiert in diesem Zusammenhang das Verhalten der Regierung gegenüber der Sozialen Arbeit: „Die flächendeckende Anerkennung von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe als „systemrelevante“ Berufsgruppe und damit auch der Zugang zu Angeboten der Notbetreuung für die Kinder von Fachkräften wäre eine Maßnahme, die die Funktionsfähigkeit des Systems der Kinder- und Jugendhilfe stärken würde. Zudem wäre dies auch eine längst überfällige Geste der Anerkennung für Mitarbeitende der Kinder- und Jugendhilfe“ (DJI 2020, S. 72 4) 3.

Bis heute geht das Bestreben weiter, Soziale Arbeit als systemimmanat anzuerkennen (vgl. den Aufruf „dauerhaft systemrelevant“ vom 17.2.21, der sich an die ständige Impfkommission der RKI wendet.
Dies ist verständlich mit Blick auf die „Vorteile“, z.B. die Möglichkeit von MitarbeiterInnen, ihre Kinder im Kindergarten im Rahmen der Notbetreuung unterzubringen oder im Kontext der Impfstrategie bevorzugt zu werden.

Ich meine aber, „der verzweifelte Ruf vieler KollegInnen in der Corona-Krise, dass Soziale Arbeit und Jugendhilfe doch ebenso systemrelevant sein müssten wie z.B. das Gesundheitswesen und die Pflege, sollte uns nachdenklich stimmen.


Die Politik macht keinerlei Anzeichen dafür, dass sie uns schätzt. Vielmehr entkernt sie unsere Profession, erlaubt sich Eingriffe in unsere Fachlichkeit, definiert die Aufgaben der Sozialen Arbeit einseitig und fachlich unangemessen und deckelt das Budget für unsere Aufgabenbereiche immer weiter.
Dass wir sehr wohl relevant sind, wenn es darum geht, Menschen in dieser Gesellschaft in Krisen und im Alltag zu unterstützen, sie zu begleiten und uns für ihre Belange einzusetzen, das ist absolut richtig.
Wieso müssen wir dann darum betteln, wahrgenommen zu werden? Wieso müssen wir den Staat darum anflehen, endlich zur Kenntnis genommen zu werden? Eine Gesellschaft und vor allem eine Regierung, die das einfach ignoriert, ist blind oder verhält sich bewusst vernachlässigend, wenn nicht sogar ablehnend gegenüber unserer Profession und ihren Leistungen, die für von Krisen betroffene Menschen unverzichtbar sind.
Für eine humanistisch und fachlich orientierte Soziale Arbeit und Jugendhilfe scheint es mir deshalb angemessen, gerade gegenüber der herrschenden neoliberalen Sozialpolitik, kritisch zu sein. Statt um Anerkennung zu betteln, wäre es sinnvoll, öffentlich Forderungen zu stellen. Statt – wie am Beginn der Pandemie geschehen – für jede doch endlich gelieferte Maske dankbar zu sein, gälte es, die Rigidität der Maßnahmen angesichts der entstehenden Kollateralschäden laut zu hinterfragen. Das heißt: Anstatt das Heil unter den Fittichen der Regierung zu suchen, wäre es angebrachter, ihr die Zähne zu zeigen.“3

…….

1BMAS: Liste der systemrelevanten Bereiche. Beitrag vom 30.3.2020
www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Informationen-Corona/Kurzarbeit/liste-systemrelevante-bereiche.html   (Abruf 4.10.20)

2Böllert, K. (2020): Herausforderungen von und Perspektiven nach Covid-19: Corona geht uns alle an – nur manche ganz besonders! In: neue praxis 2/20, S. 181–187

3Diese Absätze sind meinem Artikel „Jugendhilfe und CoronaSchicksalsschlag, Kollateralschäden oder Strategie?“ aus dem Buch „Corona Gesellschaft und Soziale Arbeit“, entnommen, das im März 21 bei Juventa erscheinen wird.

4 DJI (Deutsches Jugendinstitut): Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten der Corona-Pandemie. DJI-Jugendhilfeb@rometer bei Jugendämtern. Juni 2020.  München: Deutsches Jugendinstitut

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1 Antwort zu Systemrelvante Soziale Arbeit?

  1. Mrs. Tapir sagt:

    Hallo liebe Susanne,
    wie schön, von Ihnen zu hören! Es freut mich sehr, dass Sie eine berufliche Tätigkeit gefunden haben, in der Sie sich offenbar verwirklichen können und glücklich sind.
    Ja, die Sorgen wegen der Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen treiben mich um. Täglich höre ich von neuen schlimmen Entwicklungen und Schicksalen. Und man muss sich fragen, wie diese schlimmen Folgen aufgefangen werden sollen, wenn in unserem Land das Geld an Ecken und Enden fehlen wird, das jetzt für Großunternehmen im großen und für die anderen im eher kleineren Rahmen zur Überbrückung zur Verfügung gestellt wird. Der Bereich der Sozialen Arbeit und seine Klientel waren schon immer ein sehr beliebtes Sparpotential.
    Ich hoffe, es wird Ihnen dennoch gut gehen und wünsche Ihnen für die weitere Zukunft alles Gute!
    Ihre Mechthild Seithe

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