Die Corona-Pandemie als Erziehungsproblem?

Im Blog „Soz Päd Corona. Der sozialpädagogische Blog um Corona“ (hrsg. von Anselm Böhmer und anderen) setzt sich Arnd-Michael Nohl mit dem Phänomen der, wie er sie nennt , „Massenerziehung“ der Bevölkerung auseinander, die durch die herrschende Politik zum Zwecke der Durchsetzung der von ihr festgelegten Corona-Maßnahmen eingeleitet und bis heute und auf nicht absehbare Zeit aufrechterhalten wird.

Nohl zeigt auf, wie diese „Massenerziehung“ von oben – tatkräftig unterstützt von der Presse und den öffentlichen Medien – umschlägt in eine Erziehung der Menschen untereinander. Ziel sei es bei dieser Methode, die erforderlichen Maßnahmen nicht durch Zwang, sondern durch eine Gewöhnung der Menschen zu erreichen. Dabei wird dem Individuum nicht nur die Einhaltung der Regeln zugemutet, sondern die persönliche Verantwortung für den weiteren Verlauf der Pandemie zugeschoben.Das bedeutet, so Nohl, dass nun jeder, „, der die Corona-Regeln übertritt und insbesondere die Quarantäneauflagen nicht beachtet, fürchten müssen, an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden.“
Außerdem werden inzwischen nicht nur die Einzelnen verantwortlich gemacht, sondern es werden ganze Gruppe, Stadtteile, Einrichtungen, Schulklassen in Sanktionen einbezogen. „Dass nicht mehr nur derdie Einzelne, sondern die ganze Gruppe (oder gar alle Bewohnerinnen eines Kreises) Nachteile erfahren, weil Einzelne sich nicht an die AHA-Regeln halten, lässt aus allen Mitmenschen potentielle Ko-Erziehende werden.“ Indem Menschen sich durch die „Unvorsichtigkeit“ anderer in ihren ureigensten Interessen bedroht sehen, übernehmen sie nun freiwillig selbst die vermeintliche Erziehungsaufgabe der Politik.

Leider bleibt es bei der Feststellung und diffenzierten Darlegung der Phänomene selbst. Nohl drückt sich – wie fast alle WissnschaftlerInnen es zu tun pflegen – um eine wirklich klare Stellungnahme und politische Einschätzungen, sowie um Forderungen herum. Er wählt mit dem Ausdruck „Massenerziehung“ einen vorsichtigen, fast pädagogisch wirkenden Begriff für das, was er sehr treffend beschreibt. So entsteht allerdings der Eindruck, dass es sich hier tatsächlich um eine Form pädagogischen Wirkens handeln könnte. Er spricht nicht aus, dass diese Form einer Massenerziehung nichts mit den pädagigischen Vorstellungen humanistischer Pädagogik zu tun hat, sondern schlicht ein Beispiel von autoritärer Politik ist. Er spricht nicht von autoritärer Erziehung, von Manipulation, von Mißachtung der Eigenverantwortung der Menschen, nicht von Aufforderung zur Denunziation und auch nur sehr indirekt von Panikmache. Diese Begriffe überlässt er offenbar lieber den KritikerInnen der Maßnahmen.

Immerhin fragt sich Nohl am Ende seiner Ausführungen, ob diese Massenerziehung ein Dauerzustand sein darf. „Dass alle alle potentiell erziehen dürfen und die Politik dies unterstützt, muss man nicht gutheißen … Erziehung wird zum Gebot der Stunde. Die zentrale Frage aber ist: Wird sich die Bevölkerung daran gewöhnen, (politisch) erzogen zu werden und sogar selbst zu erziehen, und lässt sie dies auch nach dem Abebben der Pandemie zu? Oder bleibt die „gesellschaftsweite Erziehung“ ein Phänomen des Ausnahmezustandes, dessen Ende von allen herbeigesehnt wird?“
Nohl warnt davor, dass durch das Verhalten der Regierung den KritikerInnen der Maßnahmen, die hier von Bevormundung der Bevölkerung sprechen, Argumente geliefert werden. Und er schlägt eine öffentliche Diskussion zu Grenzen und Notwendigkeiten von Massenerziehung vor.

Es ist zu befürchten, dass es diese öffentliche Diskussion nicht geben wird. Schließlich diskutiert ein autoritärer Erzieher seine Methode nicht zunächst mit seinen Zöglingen, und er wird auch keine Rechenschaft vor ihnen ablegen. In einer Demokratie hat eine solche „Massenerziehung“ überhaupt keinen Platz. Hier wird über die Bürger eines demokratischen Staates von oben beschieden wie über unmündige Kleinkinder, statt sie in die Entscheidungen einzubeziehen und ihre Mitbestimmung zu sichern.

Schließlich gibt es ja auch keine offene Diskussion über die Notwendigkeit der gesetzten Maßnahmen, die von anfang an als alternativlose Wahrheit hingestellt wurde, begründet mit dem Verweis auf regierungsnahe wissenschaftliche Berater. Dabei zeigen die Regierung und deren WissenschaftlerInnen nicht die geringste Bereitschaft, diese „Wahrheit“, wie es in der Wissenschaft selbstverständlich sein sollte, mit den anders lautenden Erkenntnissen zahlreicher profilierten WissenschaftlerInnen über die Größenordnung der Gefahr des Corona-Virus zu konfrontieren und im Dialog mit ihnen zu gemeinsamen Einschätzungen zu kommen.

Das zurzeit praktizierte autoritäre, demokratie-ferne Verhalten der Regierung wäre allerhöchstens durch eine existentielle Notlage der gesamten Gesellschaft gerechtfertigt, wie sie früher etwa mit der Pest über die Menschen hereingebrochen ist, die drohte, mehr als die Hälfte der Bevökerung umzubringen.
Es drängt sich die Frage auf, warum die Regierung diese „Pestszenerie“ hervorgerufen hat und unbedingt aufrechterhalten will. Ist der Massenerziehungsversuch vielleicht nicht nur der Pandemie eines besonders für alte Menschen gefährlichen Virus geschuldet, sondern eine Einübung in nicht-demokratische Zukunftsperspektiven?

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