Ein neues Buch: Soziale Arbeit und Kapitalismus

herausgegeben von Hans-Uwe Otto (der leider vor kurzem gestorben ist.)

Einschätzung:
gute Analysen der neoliberalen Verwerfungen in der Sozialen Arbeit und interessante theoretische Überlegungen zum Verhältnis Soziale Arbeit und Kapitalismus‘
aber:
keine Antworten auf die brennende Frage „was tun“

meine Rezension (s. Amazon vom 30.1.21)
Grundsätzlich ist das Unternehmen, die Themen Kapitalismus und Soziale Arbeit theoretisch zusammenzubringen und daraus eine Analyse der gegebenen Verhältnisse in der Sozialen Arbeit abzuleiten, unbedingt zu begrüßen.
Ein Teil der Autoren legt das Gewicht auf das Verhältnis von Kapitalismus und Politik oder auch Demokratie. Der Großteil der AutorInnen liefert eine genaue und differenzierte Betrachtung der „neuen“, neoliberalisierten Sozialen Arbeit.  Es gibt Stimmen, die diese Veränderungen als eher marginal und nicht durchgreifend betrachten. Aber die meisten von ihnen kommen zu dem Schluss, dass der gegenwärtige Neoliberalismus – als aktuelle Phase des Kapitalismus – seit den 90er Jahren die Soziale Arbeit massiv geprägt hat und sie selbst sowie deren Leistungen und Leistungs-ErbringerInnen einschließlich ihrer KlientInnen hemmungslos in die Warenlogik eingebunden hat.
Manche AutorInnen gehen soweit, einen massiven Widerspruch zwischen den Anforderungen der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer herrschenden Sozialpolitik auf der einen Seite und den (wie Otto und Ziegler es nennen) nicht-kapitalistischen Bereichen, hier der Sozialen Arbeit, auf der anderen Seite festzustellen. Dies hat aus ihrer Sicht die Folge, dass Soziale Arbeit nicht nur entprofessionalisiert wird, sondern dass auch ihre genuinen Aufgaben der Leidensminderung und der Unterstützung in schwierigen Lebenslagen so wie der Schaffung von Autonomie ihrer Klientel (vgl. Ziegler, S. 29) massiv erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird.
Einige wenige der AutorInnen versuchen auf der Basis einer theoretischen Bestimmung des dem Kapitalismus immanenten Widerspruchs (Ziegler spricht von einer „Tragik kapitalistischer Entwicklung“, S. 28) über die Chancen und Möglichkeiten nachdenken, wie sich Soziale Arbeit aus dieser Lage befreien könnte.
Eine solche Aussage ist für WissenschaftlerInnen nicht selbstverständlich. Meist beschränken diese sich auf eine differenzierte Analyse, die sie aber wertneutral präsentieren. Hier gibt es nun erfreulicherweise auch klare Aussagen, dass der gegenwärtige Zustand der Sozialen Arbeit hochgradig problematisch ist und welche Zielperspektive erstrebenswert sei.

Die Vorstellungen allerdings, wie sich eine Verbesserung der Lage für die Soziale Arbeit einstellen könnte, gehen auseinander. Die Vielfältigkeit der theoretischen Ansätze reicht von der Hoffnung, dass Soziale Arbeit eben letztlich doch nicht durch kapitalistische Logiken veränderbar sei und man nur ihre nicht-kapitalistischen Aspekte verstärken müsse (z.B. Scherr, Kessl) bis hin zur Aufforderung, den neoliberalen Anforderungen und Herausforderungen aktiv entgegen zu treten (vgl. z.B. die Texte von Schaarschuch, Rock, Scherr). Die Wege dahin und die konkreten erforderlichen Schritte werden aber grundsätzlich nur vage angedeutet.
Die Einschätzung Anhorns (S. 87ff), dass die praktizierenden SozialarbeiterInnen die politische und gesellschaftliche Situation, in der sie sich befinden, wenig reflektieren und durchschauen, ist unbedingt zu teilen. Der Optimismus des Kollegen Scheider, dass wir uns derzeit in einer Phase der zunehmenden Repolitisierung Sozialer Arbeit befinden (Schneider S. 290ff), kann dagegen aus meiner Sicht nicht zugestimmt werden.
Insofern ist das im Band vorgelegte Angebot klarer und differenzierter Analysen der Veränderungen der Sozialen Arbeit durch den Neoliberalismus wichtig und für die Berufsgruppe ein großer Gewinn.

Dennoch hatte ich beim Lesen den Eindruck, den alle theoretischen Texte aus der Ecke der Disziplin der Sozialen Arbeit machen: Man scheint zu glauben, dass die Analyse der Verhältnisse ausreiche und sich damit die politische Funktion der Disziplin erschöpfe.
Auf die praktische, konkreten Ebene der Sozialen Arbeit vor Ort wird die Frage, was man tun sollte und was man tun kann, in keinem der Texte heruntergebrochen.

Einmal mehr also ein theoretisch hochinteressantes Werk, das gute Analysen bietet, aber den Nöten und Bedürfnissen vieler kritisch denkenden und unter den neoliberalen Bedingungen ihrer Arbeit leidenden SozialarbeiterInnen vorbei geht und sie damit im Stich lässt.

Und es gibt in diesem Zusammenhang noch ein ganz privates Hühnchen für mich zu rupfen.
Als ich bei Amazon den dort lesbaren Textteil zu diesem Band aufmachte, sah ich meinen Namen und eine interessante, aber völlig danebengegangene Einschätzung des Kollegen Kessl zu meinem Schwarzbuch Soziale Arbeit und meiner Einschätzung der Lage:
Weil ich dort am Ende etwas flapsig bemerkt habe, dass eine Demokratie ohne Kapitalismus denkbar und erstrebenswert sei, ordnet er meine Vorstellungen als idealistische Soll-Vorstellung ein und interpretiert mich so, als würde ich empfehlen, die neoliberalen Verwerfungen in der Soziale Arbeit einfach wegzuschieben und zu ignorieren und stattdessen zu versuchen, ohne Blick auf die politischen und ökonomischen Zusammenhänge, eine bessere Soziale Arbeit zu praktizieren.

Gegen diese Einschätzung meiner politischen Vorstellungen, die ich in Artikeln, Vorträgen und Büchern jahrelang vertreten habe, möchte ich mich entschieden verwahren. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Versuch, die destruktiven neoliberalen Bedingungen in der Sozialen Arbeit loszuwerden, nur im Widerspruch und in der aktiven, auch kämpferischen Auseinandersetzung mit den politischen und ökonomischen Hintergründen dieser Okkupation möglich ist und sinnvoll wird.
Auf die Idee, dass ich der Meinung sein könnte, dass Demokratie denkbar ist in einer Gesellschaft, die eben nicht kapitalistisch ist, das heißt, die die ökonomischen und politischen Setzungen des Kapitalismus überwunden hat, kommt Kessl offenbar erst gar nicht. Der Gedanke liegt ihm offenbar fern. Und da er selbst in seinem Text Demokratie und Politik gleichsetzt, verstehe ich auch, warum. Für ihn ist Demokratie offenbar nichts anderes, als unser öffentliches, politisches, parlamentarisches System – wie es scheint, ganz egal, wie demokratisch es wirklich ist.

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