Soziale Distanz – der neue Lebenstil

Körperliche Nähe wird zu einem Tabu

Social distancing ist zur neuen Pflicht geworden. Man könnte die Situation so beschreiben:
Wir halten Abstand und vermeiden jegliche Berührung aus Respekt und gegenseitiger Fürsorge. Obwohl wir gerade jetzt, um gemeinsam diese Krise leichter bewältigen zu können, dringend Nähe und Berührungen bräuchten, hilft uns nur soziale Distanz.“

 Was bedeutet Social Distancing
Die räumliche Distanzierung, auch räumliche Trennung oder physische Distanzierung  beinhaltet eine Reihe von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen zur Infektionskontrolle, die die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit stoppen oder verlangsamen sollen. Die Maßnahmen bezwecken, den Kontakt zwischen Menschen zu verringern und durch den Sicherheitsabstand die Anzahl von Infektionen, etwa durch Tröpfcheninfektionen, zu verringern.
Dazu zählen die Reduktion der räumlichen Nähe zu anderen Personen auf ein notwendiges Minimum, Mindestabstand in öffentlichen Räumen zu anderen von mindestens 1,50 Meter und der Aufenthalt im öffentlichen Raum nur allein oder mit einer weiteren Person oder im Kreis der Personen des eigenen Hausstands. Darüber hinaus erließen einige Bundesländer Ausgangsbeschränkungen, die das Verlassen der eigenen Wohnung und das Betreten des öffentlichen Raums nur unter Vorliegen eines „triftigen“ Grunds erlauben. Ziel der bevölkerungsweiten Quarantänemaßnahmen ist die Verlangsamung der Ausbreitung von COVID-19. Eine Reduktion sozialer Kontakte, räumliche Distanzierung von anderen Menschen, die Vermeidung von Nähe und damit die Unmöglichkeit von Berührungen sind die praktischen und konkreten Aspekte der geforderten Social Distancing.


Betont wird immer wieder, dass der englische Begriff social distancing wörtlich ins Deutsche übersetzt als „soziale Distanzierung“ (Soziale Distanz) falsch, d.h. missverständlich ist, da dies impliziert, dass Personen gesellschaftlichen Abstand zueinander halten sollen. Es ginge keineswegs um eine soziale Isolation der Individuen, sondern um die räumliche Distanzierung von (möglicherweise) infizierten zu nicht infizierten Personen.
Vereinzelung und Isolierung wird also neuer Lebensstil gefordert, soziale Beziehungen sind möglichst nur noch virtuell zu pflegen oder im kleinen Familienkreis unter Quarantäne.

Aber was bedeutet social distancing konkret?

Die sozialen Fachkräfte sind sich weitgehend einig: Die Corona-Krise mit den staatlichen Regulierungen – zum einen die Schließung der Kindertagesstätten, Schulen und Freizeitzentren und zum anderen die massive Einschränkung des sozialen Kontaktes und Austausches (soziale Distanz, Vereinzelung, Maskenpflicht) – hat in hohem Maße vorhandene psychosoziale Probleme von Kindern, Familien, Jugendlichen verschärft und neue bedrohliche Krisen und benachteiligende Lebenslagen entstehen lassen. Klundt berichtet in seiner Text „Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lebensbedingungen junger Menschen, dass Kinder über Einsamkeitserleben und Verluste der sozialen Netzwerkkontakte klagen. Soziale Kontakte sind speziell auch für ältere Menschen von ganz besonderer Bedeutung.

Warum brauchen Menschen soziale Kontakte?

Je länger die soziale Isolierung andauert, umso mehr sind Verkümmerungen von sozialen Fähigkeiten in direkten Begegnungen zu erwarten. Dieses Phänomen der Auswirkungen des Rückzugs ins virtuelle Leben war ja schon vor COVID-19 ein Thema. Ein Teil der Menschen kann der Isolierung Positives abgewinnen und sie teils auch als stressfreiere Zeit genießen, teils sogar als eine Art «Ferien». Viele aber werden vereinsamen, andere verzweifeln, in Familien oder Paaren kann sich die Spannung so aufladen, sodass häusliche Gewalt zunimmt oder auch der Alkoholismus. Internetsucht und exzessives Gamen werden vermutlich ebenfalls Folgen der durch die Regierung verordnete Isolierung sein. Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen direkte Kontakte mit anderen, sie brauchen auch «Auslauf» in Städten und Natur. Nimmt man ihnen das auf längere Zeit weg, wird das psychische Folgen haben.

Dass Soziale Kontakte für das psychsiche und körperliche Wohl von Menschen eine entscheidende Rolle spielen, kann man sogar in den Daten des Statistischen Bundesamtes nachlesen. Wissenschaftler stellten in verschiedenen empirischen Untersuchungen fest: Einsamkeit und ein Mangel an Freundschaften und sozialen Beziehungen haben einen stärkeren negativen Effekt auf die Gesundheit als klassische Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen oder Alkohol. Die positive Wirkung von Sozialkontakten ist sogar stärker als die negativen Folgen gesundheitlicher Risikofaktoren. Einsamkeit und soziale Isolation sind weit unterschätzte Risikofaktoren für Gesundheit und Lebenserwartung, die dem des Rauchens ebenbürtig ist.

Die WHO zeigte auf, dass psychische Probleme als Folgen einer Katastrophe von leichter Belastung bis zu sehr schweren psychischen Gesundheitsproblemen reichen. Auch bei Corvid-19 wird von einer deutlichen Zunahme der psychischen Störungen ausgegangen. Die Pan American Health Organization geht auf Grund bisheriger Erfahrungen bei der gegenwärtigen Corona-Krise von einer Verdoppelung sowohl der schweren als auch der mittelschweren psychischen Störungen (Psychosen, Depression, Angststörungen) aus. Die häufigsten Störungen sind: Anpassungsstörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Angststörungen, emotionale Instabilitäten, unspezifische somatische Symptome, chronische Trauer, Drogenmissbrauch. Forscher gehen von 2153 bis 9570 zusätzlichen Suiziden weltweit im Rahmen der COVID-19-Pandemie aus[1]

Soziale Isolation verstärkt psychische Erkrankungen weltweit. In vielen Länder wird von Psychologen und Psychiatern beobachtet, dass Menschen, die bereits unter einer psychischen Krankheit leiden, diese durch die soziale Isolation noch mehr verstärkt wird. Je länger die Maßnahmen andauern, desto eher werden auch gesunde Menschen psychische Leiden entwickeln. Zunehmende Einsamkeit, gesundheitliche Sorgen, Stress und finanzielle Probleme belasten die psychische Gesundheit. In Amerika wird in einem Brief des Psychiatrischen Verbandes an den US-Kongress darauf hingewiesen, dass mehr als ein Drittel der Amerikaner angeben, das Corona-Virus und die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung würden ernsthaft ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.
In Deutschland erforscht das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise. In einer Online-Befragung sollen die psychischen Reaktionen zur Bewältigung der Krise untersucht werden. Die ersten Ergebnisse zeigen: Bereits 37 Prozent der Befragten sorgen sich um ihre seelische Gesundheit. Das ist eine deutliche Verschlechterung gegenüber 2017.

Aber nicht nur unsere Gesundheit ist gefährdet: auch das Bild vom Menschen und der menschlichen Gesellschaft wird verreht

Doch nicht nur krankhafte Entwicklungen sind alarmierend. Die unter dem Diktat des social distancing erzwungenen Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Menschen führen zu einem veränderten Welt- und Menschenbild. Das ist insbesondere mit Blick auf die Kinder, die in dieser veränderten Welt aufwachsen müssen, hoch problematisch.

So können z.B. die Angst, angesteckt zu werden und die Forderung nach social distancing zu nachhaltigen sozialen Veränderungen führen: Es besteht die Gefahr, dass sich Xenophobie, Feindseligkeit gegenüber Fremden aus anderen Kulturen, auch innerhalb der gleichen Kultur etabliert und manche Menschen schneller als bisher ausgegrenzt werden. Erschreckende Beispiele hierfür stellen etwa negative Reaktionen dar, die gesunde über 65-Jährige erhalten, wenn sie sich trotz des Aufrufs, möglichst zu Hause zu bleiben und sich von jemand Jüngerem die Besorgungen erledigen zu lassen, noch selbst auf den Straßen bewegen.
Denunziation wird auf einmal zu einer Tugend. Es sieht für Kinder plötzlich so aus, als sei es gesellschaftlich verantwortungsvoll und wertvoll, andere Menschen zu bespitzeln und zu verraten.
Misstrauen spüren auch Personen, die an COVID-19 erkrankt waren und wieder geheilt wurden. Es gibt Berichte, wie diese von bisherigen Freunden und Bekannten gemieden wurden, nachdem sie, die Krankheit überstanden und nicht mehr als ansteckend geltend, endlich wieder in ihr normales Leben zurückkommen durften.
Trauer um Verstorbene, Besuche in Krankenhäusern, Besuche bei alten Leuten, Kontakte mit den Großeltern, all das sind plötzlich mindestens fragwürdige Ereignisse, die man besser meiden sollte.
Des Weiteren stellt u.a. der Corona-Ausschuss (2020) [2]  im Rahmen der Anhörung von Fachkräften fest, dass im Rahmen der staatlichen Regulierungen von Kindern und Jugendlichen erwartet wird, dass sie die Anweisungen im Zusammenhang mit Corona strikt befolgen. Selbst die Hinterfragung der verordneten Maßnahmen wird ihnen verboten. Dem sozialen Druck und den aufgezwungenen Schuldgefühlen (nach dem Motto: z.B. „Wenn du nicht den Anweisungen folgst, wirst du deine Eltern oder Großeltern zu Tode bringen“) sind Kinder hilflos ausgeliefert. Sie werden in ständiger Furcht gehalten und auf diese Weise gefügig gemacht (ebenda). Die Experten befürchten, dass man die Kinder und Jugendlichen durch das auferlegte Denkverbot zu blindem Gehorsam erzieht

Die Schließungen der Schulen und Kindertagesstätten für mehr als 13 Millionen Minderjährige bedeuten einen massiven Eingriff in das Recht auf Bildung von Heranwachsenden. Die Videoeinsätze, die digitale Notbeschulung und ein gelungenes Home-Schooling erreichen faktisch nur eine begrenzte Gruppe von Elternhäusern und Kindern.
Gleichzeitig aber nimt diese Maßnahme den Kindern und Jugendlichen die für sie lebenswichtige Möglichkeit, täglich Gleichaltrige zu treffen und sich mit ihnen auszutauschenZudem wird seit Corona Schule für Kinder zu einem „lebensgefährlichen Ort“, einem Ort der Gängelung und Angst und der Erschwerung bis hin zur Untersagung sozialer Kontakte.

Vor Corona sind nicht alle gleich. Die vorhandene Ungleichheit nimmt vielmehr weiter zu.

Soziale Belastungen, psychische Traumata, Deprivierung, Gewalterfahrungen, Armutserfahrungen schwächen bekanntermaßen u.a. das menschliche Immunsystem. Menschen aus sozialen Unterschichten werden öfter krank als Menschen aus der Mittelschicht. Dies gilt auch für eine Infektion mit dem Coronavirus.
Die Hauptverlierer der Corona-Krise sind in vieler Hinsicht die sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen und deren Kinder. Wie immer wieder festgestellt, wurden sie während der Krise nicht beachtet und geschützt. Besonders aber für diejenigen, die schon vor Corona von Bildungsbenachteiligung betroffen waren, stellt die augenblickliche Situation … eine Belastungsprobe dar, die zu einer Verschärfung der ohnehin vorhandenen Benachteiligungen beitragen kann. Viele Autoren gehen davon aus, dass die benachteiligten SchülerInnen durch die erzwungene Bildungsexklusion noch weiter in eine bildungsmäßige Unterpriviligiertheit hineinrutschen werden.‘
Die Corona-Krise hat die „Umverteilung von unten nach oben … verstärkt“, so stellt Klundt fest. Noch mehr Kinder und Jugendliche als schon zuvor leben durch Corona in Armut.
Unterstützungen, Anregungen, Ratschläge in den Medien kamen vor allem für die Kinder, Jugendlichen und Eltern der Mittelschicht. Die massiven Folgen der staatlichen Regulierungen für die vulnerablen Teile dieser Gesellschaft wurden dagegen nicht gesehen und nicht beachtet.

Am aller schärfsten aber traf die Krise mit ihren Folgen, die Menschen ganz am Rande der Gesellschaft: Wohnungs- und Obdachlose, Straßenkinder, Drogenabhängige, Geflüchtete in Sammelunterkünften, Menschen, die regelmäßig die Tafeln aufsuchen waren in der Zeit der Corona-Krise ganz allein auf sich angewiesen.

Kann die (digitale) Technik die Folgen von sozialer Distanz und Kontaktsperren kompensieren?

Generell gilt sicherlich: Online-Beziehungen sind besser als keine Beziehungen. Gewisse Konzepte von Nähe können auch über Telefon oder Skype bedient. Aber eine zunehmende Verlagerung menschlicher Kommunikation und Interaktion auf Medien und die noch weit abstraktere digitalisierte Kommunikation kann persönliche Kontakte und lebendige Beziehungen nicht ersetzen und neben den Chancen zeigen sich auch beträchtliche Risiken und Nebenwirkungen.

Was auf Dauer wegfallen wird, ist diejenige Qualität von Kontakt, persönlicher Beziehung und Austausch, die die lebendige, erlebbare und sogar fühlbare Gegenwart des Kommunikationspartners erzeugt. Nicht nur, dass viele Aspekte der analogen Kommunikation nicht mehr bestimmend sind, es fehlen grundsätzlich die emotionalen Zwischentöne, die emotionale Einbettung und Untermauerung von Gesprächen. Die Emotionen bleiben bei den Einzelnen zwar bestehen, werden aber nicht mehr kommunizierbar und damit auch nicht kommuniziert.
Das alles ist nicht nur für den Alltag der Menschen, sondern z.B. auch in der Psychotherapie besonders problematisch. Manche PatientInnen und gesellschaftliche Gruppen sind eh schon sozial isoliert. Statt mit ihnen darauf hinzuarbeiten, wie sie sozial integriert werden könnten, regiert nun die Angst vor sozialen Kontakten, da in ihnen das Ansteckungsrisiko droht, also der Feind, der mich das Leben kosten könnte. Sozialphobien werden verstärkt. Selbst die Psychotherapie, ob Gruppen- oder Einzeltherapie, wird zunehmend auf Fernbeziehungen im digitalen Raum verlagert.
Aber genauso bedeutet es eine massive Erschwernis von Lernprozessen insbesondere bei jüngeren SchülerInnen, kleinen Kindern, aber auch weniger intellektuell geprägten Jugendlichen und Erwachsenen – von alten Menschen ganz zu schweigen.

Es bedarf keiner großen Fantasie, sich auszurechnen, wen diese Folgen und Nachteile am härtesten treffen werden.

 


[1] (Kawohl und Nordt (2020). aargauerzeitung.ch/aargau/kanton-aargau/aargauer-psychiatrie-chefarzt-kawohl-warnt-arbeitslosigkeit-erhoeht-das-suizidrisiko-137742663

[2] Stiftung Corona-Ausschuss 2020 Lage der Kinder 6. Sitzung 31.7.2020


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