Rentnergeschichten

Seit ich die Jahre bis zu meiner Rente an einer Hand abzählen kann, sammele ich Rentner-Geschichten. Wie ergeht es älteren Menschen, wenn sie – erwünscht oder unerwünscht – in Rente gehen müssen.

alte-im-cafe-klein.jpg

Es gibt so viele Ratschläge und Tipps zu dieser Frage: mache einfach alles weiter, wie vorher! Gönne Dir erst mal Ferien, bis Du sie satt hast! Suche dir eine neue Aufgabe, damit du dir nicht überflüssig vorkommst! Mach jetzt endlich all das, was du nie hast machen können!…

Wahrscheinlich gilt für jeden Menschen ein anderes Rezept. Auf alle Fälle gibt es RentengewinnerInnen und RentenverliererInnen, stelle ich immer wieder fest.

Da war mein erster Schwiegervater, der Lokführer, der 1 Woche vor seiner Pensionierung an Herzinfarkt starb.

Da war die frühere Sekretärin unseres Jugendamtes, die durch eine glückliche Verfügung in ein Frührentenprogramm geschlüpft war, und die ich ein dreiviertel Jahr nach Rentenbeginn auf der Straße traf: braun, lebendig, jünger als ich sie je gesehen hatte und voller Lebenslust.

Da ist meine Schwägerin, die sich seit Jahren auf die Rente freute, weil ihr Beruf ihr so große Beschwerden in den Beinen bereitet hat und die dann aber Monte lang aus dem Gleichgewicht geriet, erst mittags aus dem Bett kam, ihren Beruf und die KollegInnen vermisste und einfach kraft- und lustlos mitten in ihrer leeren Wohnung herumsaß.

Da ist Marianne, die ich neulich etwa ein Jahr nach ihrer unfreiwilligen Frühverentung wiedersah: Nie war sie so glücklich und so lebendig gewesen! Eine Freundin hatte sie gefragt, ob sie bei einer Laien-Theatertruppe mitmachen wolle, die ihre Stücke in Altersheimenaufführe. Marianne, die selten in ihrem Leben im Theater gewesen war und sich auch nie besonders für Dichtung und Sprache interessiert hatte, sagte promt zu und ist nun glücklich mit ihrer kleinen Truppe interessanter Menschen und ihren spannenden neuen Aufgaben.

Da kann man neidisch werden, denke ich.  Aber allmählich dämmert mir, dass die Sehnsucht danach, endlich nicht mehr regelmäßig zur Arbeit gehen zu müssen, endlich seine eigene Herrin sein zu können, endlich ausruhen zu können, den Alltag genießen, alte Pläne verwirklichen zu können, dass diese Sehnsucht allein nicht trägt, um diese neue Herausforderung glücklich zu bewältigen.

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
Dieser Beitrag wurde unter Alter & Leben, Leute & Geschichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Rentnergeschichten

  1. Wolfgang Pohle sagt:

    Im Mai 2012 gehe ich in den Vorruhestand mit 62 Jahren.
    Ich habe meinen Beruf als Banker über 45 Jahres ausgeführt und mein Beruf war gleichzeitig mein Hobby und Lebenziel.
    Wenn mir jetzt Kollegen sagen, du hast es bald geschafft, werde ich immer sehr stinkig. Keiner versteht mich, dass ich jeden Tag zähle, den ich noch arbeiten darf. Ich habe noch so viel vor und möchte noch viel verändern. Aber realistisch weiß ich, dass alles in der verbleibenden Zeit nicht mehr geht. Ich bin in einem ganz tiefen Loch.
    Allmählich mache ich mir zwar Gedanken, was danach kommt – aber vorstellen kann ich mir überhaupt nicht, den ganzen Tag zu Hause zu sitzen. Momentan arbeite ich 10 – 12 Stunden pro Tag. Der einzige Lichtblick ist, dass ich immer gerne Banker war und nun immer wieder negativ in der Presse dargestellt werde. Das finde ich einfach unfair. Und ich habe eine ganz liebe Frau, die mehr Zeit mit mir verdient.

Schreibe einen Kommentar