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24.4.2009 von Mrs. Tapir.
Seit vorgestern weiss ich nun, dass ich wirklich eine Palisanderflöte gekauft habe und kein imitiertes Plastikteil.
Sie hat eine wundervolle Maserung, ist natürlich dunkel und wird noch recht schnell heiser. Ich werde sie liebevoll einspielen, mit den alten, leichten, nicht hoch gesetzten Stücken.
Ich habe Sie für 124 Euro bei ebay erstanden, war ganz und gar scharf drauf. Aber als sie kam war sie so merkwürdig leicht und hatte kein Markenzeichen. Aber sie riecht nach Palisanderholz, süß-herb und die Maserung geht durch.
Meine Flötenlehrerin meint, sie sei 100% echt und ihre Tonart eigne sich für melancholische Moll-Stücke besonders.
Ich möchte meiner brasilianischen Schönheit einen eigenen Namen geben, Lyrika fiel mir ein, aber so heißt schon meine neue Tablette gegen Neuralgien. Also was anders. Mal sehen …
Meine schwierige helle, 30 Jahre alte Blockflöte werde ich nicht ausrangieren. Sie klingt eigentlich wunderbar. Ihre Schwierigkeiten – oder besser meine – beim hohen d, beim hohen cis, beim hohen f muss ich überwinden. Zwar könnte ich das Daumenloch überarbeiten lassen. Aber Frau S. hat mir erklärt, dass es lohnt, diese Töne aus ihr herauszulocken. Sie ist eben kein mechanisches, sondern ein eher lebendiges Instrument, mit dem man vorsichtig und behutsam aber deutlich umgehen muss, wie mit einem Pferd, das man reitet.
Flöten ist mir zur Leidenschaft geworden. Ich bin nicht besonders gut, obwohl A. erstaunt war, wie gut ich nach 1 Jahr Unterricht spiele (obwohl ich saumäßig war beim Vorspielen). Aber ich habe bestimmt 6 Jahre mit großen Unterbrechungen vorher schon gespielt, autodidaktisch, weil meine Unterrichtskarriere mit 9 Jahre kläglich endete. Mein Lehrer hat mich damals aus dem Ensemble geworfen: die alte, geerbte Altblockflöte meines Vaters stimmte nicht zu den anderen Flöten und mein Vater sah nicht ein, dass er mir deshalb ein neues Instrument kaufen sollte.
20 Jahre später kaufte ich mir endlich dann selber eine neue, eigene Flöte, meine jetzige, helle Moeck. Die alte meines Vaters habe ich – heute bedauere ich es sehr – leichtsinnig und wahrscheinlich noch im Groll wegen der kindlichen Frustration erst vor wenigen Jahren im Rahmen eines Umzuges weggeworfen.
Seit ich täglich eine Dreiviertel Stunde bis eine Stunde spiele, merke ich, dass ich nicht einfach Noten abspiele, sondern tatsächlich Musik mache. Das ist ein unglaubliches Gefühl, als hätte man Flügel, als eröffne sich eine neue Dimension des Lebens und Erlebens. Leute die wirklich Musik machen werden sicher über diese naive Aussage lächeln. Aber für mich, die ich musikalisch eigentlich eher unterbelichtet bin, ist es eine Offenbarung.
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12.4.2009 von Mrs. Tapir.
Er hat so furchtbar lang gedauert, dieser Winter. Doch jetzt ist der Frühling also wirklich da. Ein unglaubliches Osterwetter!
Meine ganze wunderbare Feiertagsfreude bestand darin, in der warmen Sonne im Garten herumzulaufen, zu sähen, zu wässern, meine neuen Flaschentropf-Einrichtungen auszuprobieren, zu schneiden und zu pikieren, zu setzen und einzupflanzen. Besonders aufregend war es, mit bloßen Händen in der weichen, vorher umgegrabenen Erde zu wühlen, um Daumen dicke Wurzeln eines Hopfen ähnlichen Unkrautes aus dem Boden heraus zu ziehen, die wie unterirdische Wasserleitungen in zwei “Etagen” ein Stück unseres Gartens durchzogen. Ich werde sie in einem Karton trocknen und dann verbrennen. Alles andere ist mir zu riskant.
eine riesige Kiste voll Wurzeln dieser unglaublich vitalen aber unerwünschten Pflanze…
Endlich kann wieder draußen gegessen, geruht, geplaudert, gelesen werden. Der Pool zum Wassertreten ist auch wieder bereit, überall stehen unsere großen Wasserbottiche, randvoll mit Brunnenwasser gefüllt - das Regenfass ist schon lange leer.
die Teichrose entwickelt jeden Tag eine neues Blatt
Noch ist der Garten eigentlich kahl. Aber ich freue mich - wie wohl jeder Gärtner - über jedes neue Blatt, jede grüne Spitze, die aus der Erde kommt, auch über die bestimmt tausend Sämlinge unserer Wunderpflanze, dem Springkraut, die grüne Teppiche bilden und stehen bleiben dürfen, bis der Garten selber und ohne ihren Beitrag grün geworden ist.
In 4 Wochen wird es gar nicht mehr möglich sein, einzelne Pflanzen oder gar Blätter zu beobachten. Und in zwei Monaten besteht der Garten nicht mehr aus einzelnen Beeten und Pflanzen, sondern aus einer Fülle von grünen Flächen und Durchblicken und aus bunten Tupfen, die über all das Grün ausgegossen wurden. Aber bis dahin begrüße ich noch jedes Blatt und jede Blüte einzeln.
Die letzten Blütenstengel aus dem Vorjahr, die uns im kahlen Winter und Vorfrühling wenigstens eine kleine Ahnung vom Sommer vermittelt haben, sind bald nicht mehr nötig.
Gruß aus dem letzten Sommer - bald brauchen wir ihn nicht mehr…
Und in meinem Gartenhaus stehen die pikierten Pflänzchen aufgereiht und werden hoffentlich wachsen und gedeihen, bis sie nach den Eisheiligen raus dürfen: Levkojen, Landnelken, Astern, Strohblumen, Standflieder, Fuchsschwänze, Bechermalven und Löwenmäulchen…..
lauter kleine, frisch pikierte Blütenpflanzen - jetzt müssen sie nur noch wachsen
Andere haben sich größere Projekte vorgenommen. Kranich macht endlich seinen Traum vom Spargelbeet wahr.
Unsere Garten-Arbeitsteilung (Kranich kümmert sich um alles alles was man essen kann, also Gemüse und Obst. Ich sorge für Blumen, Stauden und Sträucher) klappt hervorragend.Ab und zu gibt es kleine Grenzstreitigkeiten um die Frage, ob irgend eein Quadratmeter unseres brandenburgischen Sandbodens zum Gemüsebeet oder schon zum Blumenbeet gehört. Aber letztlich sind unsere Reviere gleich groß und ausgewogen. Mir schmecken die Tomaten under freut sich doch über die Blumen, deren Namen er sich nicht merken kann…
hier entsteht ein Spargelbeet
Mir gelingt es über dem Garten alles zu vergessen: meine Arbeit und was ich alles noch vorbereiten müsste, die Krise und andere Sorgen, sogar manchmal meine Flöte …
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6.4.2009 von Mrs. Tapir.
Seit ich die Jahre bis zu meiner Rente an einer Hand abzählen kann, sammele ich Rentner-Geschichten. Wie ergeht es älteren Menschen, wenn sie - erwünscht oder unerwünscht - in Rente gehen müssen.
Es gibt so viele Ratschläge und Tipps zu dieser Frage: mache einfach alles weiter, wie vorher! Gönne Dir erst mal Ferien, bis Du sie satt hast! Suche dir eine neue Aufgabe, damit du dir nicht überflüssig vorkommst! Mach jetzt endlich all das, was du nie hast machen können!…
Wahrscheinlich gilt für jeden Menschen ein anderes Rezept. Auf alle Fälle gibt es RentengewinnerInnen und RentenverliererInnen, stelle ich immer wieder fest.
Da war mein erster Schwiegervater, der Lokführer, der 1 Woche vor seiner Pensionierung an Herzinfarkt starb.
Da war die frühere Sekretärin unseres Jugendamtes, die durch eine glückliche Verfügung in ein Frührentenprogramm geschlüpft war, und die ich ein dreiviertel Jahr nach Rentenbeginn auf der Straße traf: braun, lebendig, jünger als ich sie je gesehen hatte und voller Lebenslust.
Da ist meine Schwägerin, die sich seit Jahren auf die Rente freute, weil ihr Beruf ihr so große Beschwerden in den Beinen bereitet hat und die dann aber Monte lang aus dem Gleichgewicht geriet, erst mittags aus dem Bett kam, ihren Beruf und die KollegInnen vermisste und einfach kraft- und lustlos mitten in ihrer leeren Wohnung herumsaß.
Da ist Marianne, die ich neulich etwa ein Jahr nach ihrer unfreiwilligen Frühverentung wiedersah: Nie war sie so glücklich und so lebendig gewesen! Eine Freundin hatte sie gefragt, ob sie bei einer Laien-Theatertruppe mitmachen wolle, die ihre Stücke in Altersheimenaufführe. Marianne, die selten in ihrem Leben im Theater gewesen war und sich auch nie besonders für Dichtung und Sprache interessiert hatte, sagte promt zu und ist nun glücklich mit ihrer kleinen Truppe interessanter Menschen und ihren spannenden neuen Aufgaben.
Da kann man neidisch werden, denke ich. Aber allmählich dämmert mir, dass die Sehnsucht danach, endlich nicht mehr regelmäßig zur Arbeit gehen zu müssen, endlich seine eigene Herrin sein zu können, endlich ausruhen zu können, den Alltag genießen, alte Pläne verwirklichen zu können, dass diese Sehnsucht allein nicht trägt, um diese neue Herausforderung glücklich zu bewältigen.
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3.4.2009 von Mrs. Tapir.
Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…
Mittwoch Nachmittag, die Seminare für diese Woche liegen hinter mir. Blick auf vier “freie Tage”, wo ich zu Hause am Schreibtisch arbeiten und vielleicht auch ein bisschen Frühling schnuppern kann. Große Feierabendstimmung breitet sich in mir aus und plötzlich ein Riesenhunger auf Frühling.
Ich entschließe mich spontan, noch in der Stadt Shoppen zu gehen. Mir schwebt ein schwingender, heller Sommerrock vor.
Otto-Eckmann, Frühling
Ich sehe mich im Kaufhaus um. Röcke sind dieses Jahr nicht gerade üppig vertreten. ‘Der dort vielleicht, der auch, der nicht, aber der. Sollte ich mal anprobieren…’
Da spricht mich plötzlich jemand mit meinem Namen von hinten an. Vor mir steht eine meiner Studentinnen, die vor ein paar Stunden noch in meinem Seminar gesessen hat. Sie arbeite hier, schon seit 2 Jahren, neben dem Studium, oft 4 Stunden am Tag und mehr. Als sie im letzten Semester ihr großes Praktikum gemacht hat, musste sie täglich nach 8 Stunden Praktikum noch für 4 Stunden im Kaufhaus arbeiten. Das sei die Härte gewesen. Ich kann es mir vorstellen.
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“Ich habe schon heute morgen gesehen: Sie kaufen bei uns…”, sagt sie. Tatsächlich, ich habe noch immer das neue Shirt an, das farbig leuchtend gestreifte, das ich bei meinem letzten Frühlingshunger vor 14 Tagen aus diesem Laden abgeschleppt habe. Als würde ich ständig nur Klamotten kaufen, denke ich amüsiert. Egal, ich nutze die Gelegenheit und erläutere meiner Studentin meinen neuen Frühlingswunsch: bequem, luftig, fröhlich, fließend, schwingend…. Und sie bringt herbei, was der Laden hergibt, berät in Stil- und Farbfragen und umsorgt mich und mein Shoppingbedürfnis mit höchster Professionalität. Und ich , die eigentlich so ungern Klamotten einkauft wie andere zum Zahnarzt gehen, ich fühle mich aufgehoben wie in Abrahams Schoß und ziehe nach einer guten Stunde mit 2 neuen Röcken und 2 passenden T-Shirts ab.
Und das alles, damit mir auch nächste Woche wieder eine Studentin sagen kann: “Aber Frau S., Sie sehen ja heute aus wie der leibhaftige Frühling!”. Man tut was man kann.
Goethe-Galerie Jena
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