Die Liebe spielt nicht im Paradies – Unterm Strich – IX.

Nach der Vertreibung aus dem Paradies

Wie könnte ich vergessen,
was wir hatten, was wir waren?
Wie könnte ich die Leichtigkeit
vergessen, die unsere Stimmen trug
und dieses milde Licht, dass keine Schatten kannte?

Dort hinter dieser Dornenheckenschranke,
die uns vom Paradiese trennt,
war alles anders: Unsterblich waren wir.
Unsterblich auch war unsere Liebe
und unerschöpflich, grenzenlos.
Du hast es wirklich schon vergessen?
Du lachst? Wie kannst du lachen!

Mechthild Seithe

 

 

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Ich habe inzwischen doch begriffen, dass auch die Liebe nur vorübergehend die Farbe der untergehenden Sonne annehmen kann und dass bei hellem Tag besehen, Liebe vor allem bedeutet, den anderen zu achten und sich zu bemühen, ihm Achtung zu zeigen. Und ich bin dankbar, dass ich diese Chance noch habe.

Die große Liebe und die große Leidenschaft hatte ich stets nur in meinem Affären, während, vor oder nach meinen Ehen. Aber ihnen traute ich nicht über den Weg.
In meinen jüngeren Jahren habe ich die Männer geheiratet, mit denen mich eine intensive und stabile Freundschaft verband. Ich habe mich nie getraut, mich wirklich richtig zu verlieben. Meine Beziehungen gingen auf Nummer sicher. Und sie scheiterten beide nach vielen Jahren, obwohl ich schon nach nur wenigen Jahren wusste, dass mich diese Beziehungen nicht glücklich machen würden.
Dann später, mit über 50 Jahren, ergriff mich die Liebe so heftig, dass sie mich fast aus der Bahn warf. Ich verlor dabei beinah meinen Verstand und meine Würde. Und wurde trotzdem oder gerade deshalb bitter enttäuscht. Die Verletzung war unglaublich. Ich habe mich nur schwer erholt davon wie von einer lebensbedrohenden Krankheit.

Dann fand ich doch einen Mann, der mich liebte und in den ich mich verlieben konnte. Unsere Paradieszeit war die glücklichste Zeit meines Lebens. Es war meine erste erfüllte Liebe und Leidenschaft, die nicht heimlich standfand, sondern offen unter der Sonne. Wir verstanden uns ohne Sprache. Ja wir machten uns lachend Sorgen, ob es mit uns später nicht zu langweilig werden könnte, weil wir weit und breit keinerlei Meinungsverschiedenheiten oder Anlässe zu Streit oder Mißverständissen sahen. Wir liebten uns mit dem Körper, mit dem Herz und auch mit dem Verstand. Es war tatsächlich ein Art Paradies. Es fehlte nichts. Das Lebensgefühl war zum ersten Mal perfekt. Wir watetem im Glück. Es war wie ein Nach Hause kommen, wie ein Losgesprochen werden von den Sorgen und Lasten des alltäglichen Lebens, es war das, was man als “siebten Himmel” bezeichnet.

Dieser Zustand dauerte drei Monate. Dann spürte ich die ersten Veränderungen. Er war nicht mehr nur und immerfort nur von mir erfüllt, er kümmerte sich wieder um andere Dinge. Ohne dass unsere Liebe und Leidenschaft aufhörte, spürte ich ab da schmerzhaft und mit großer Verlustangst, dass wir auf der harten Erde landeten und uns fernerhin dort zurecht finden mussten. Es gab Krisen. Wir blieben zusammen, aber das ständige Gefühl, Stück für Stück aus dem Paradies gestoßen zu werden, verließ mich nicht mehr.

Er empfand das alles als ganz normal, was mich sehr traurig machte und auch verletzte.

Dennoch blieben wir ein Paar, verstanden uns immer noch leidlich, liebten uns, lebten zusammen, bauten uns ein Haus, pflegten einen Garten und teilten unsere Sorgen und Freuden.
Das Problem, keine Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten und Fremdheiten zwischen uns zu haben, gibt es allerdings schon lange nicht mehr. Wir brauchen jetzt die Worte, wenn wir uns verstehen wollen und nicht immer gelingt es.
Die Leidenschaft ist besänftigt. Alles geht in ruhigen Bahnen. Vielleicht sind wir jetzt einfach doch alt geworden? Oder ist das einfach der Weg aller Leidenschaft? Ein Spruch geistert in meinem Kopf: “Wenn du Glück hast, wird aus einer großen Liebe eine gute Freundschaft.”
Dieser Spruch hat mich früher empört. Heute sehe ich das gelassener.
Wenn man drei Mal geheiratet hat, weiß man, dass man doch immer wieder den gleichen Typ nimmt, dass man immer wieder die gleichen Fehler macht, dass man immer Männer wählt, die auch die gleichen Fehler machen, zu mindest viele, die man schon kennt und an denen man sich schon oft den Kopf eingeschlagen hat.
Und nun?
Noch einmal Paradiesgefühle, wenigstens einen kleinen Nachklang?
Für Affären bin ich zu alt, zu bequem, zu müde. Und eigentlich auch nicht dran interessiert. Natürlich tut es gut, wenn ein jüngerer Mann einem zulächelt, wenn man spürt, da baut sich sogar noch ne Spannung auf. Aber das reicht dann auch.

Ich habe genügend Zeiten der Leidenschaft und des beflügelt Seins genossen. Ich wäre heute zu müde, sie noch einmal erleben zu wollen und ich möchte die Landung auf dem Boden der Realität nicht noch einmal mitmachen mit all ihren Prellungen und Enttäuschungen. Ich bin froh, dass ich sie überstanden habe und begreife, dass es möglich ist, bei Tageslicht den anderen so zu sehen wie er wirklich ist und ihn dennoch gerne zu haben, statt nur in das eigene Gefühl verliebt zu sein.
Und ich weiß inzwischen auch, dass das Paradies wirklich kein normaler Zustand ist und ein Verharren im Paradies ein Zeichen von fehlender Reife sein dürfte, und dass das Bestehen darauf, in paradiesischen Verhältnissen zu verweilen, die Flucht vor der Wirklichkeit ist.
Und ich weiß, dass es Kraft kostet, eine Beziehung lebendig und auch ein bisschen spannend zu halten, und warm und vertraut…. Das geht nicht von alleine, auch dann nicht, wenn man drei Monate zusammen im totalen Paradies gehockt hat bzw. geschwebt ist.
Vielleicht hätte ich schon in meinen früheren Ehen diese Kraft aufbringen sollen und damit auch diese Beziehungen schön und tragfähig gestalten können. Heute denke ich, so schlecht waren sie nicht. Ich aber habe ihnen schließlich keine Chance gegeben. Weil ich auf dem Paradies bestand.

Nun habe ich es gefunden und habe erlebt, dass es doch irgendwann verblasst und dass wir nach ein paar Jahren genauso dastehen wie Leute, die dieses Paradies nicht miteinander erlebt haben. Und auch wir können heute nur mit Anstrengung, mit Phantasie und mit der Bereitschaft, die Beziehung wirklich ernst zu nehmen, aus unserem Zusammenleben etwas Befriedigendes, Glückliches, Verlässliches machen.
So sicher es ist, dass das Paradies nicht von Bestand sein kann, so sehr bin ich heute aber auch davon überzeugt, dass eine Beziehung deswegen nicht automatisch vor den Hund gehen muss.
Diese Investition wäre mir noch wichtig.

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Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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