Das Riesenrad

Erzählung

Mechthild Seithe

Er solle schon vorausgehen. Sie müsse noch ihren Eyeliner nachziehen, hatte sie gesagt.
Als er die Tür des Hotelzimmers hinter sich schloss, war sie plötzlich alleine. Ihr war, als tauche sie für kurze Zeit aus einer drückenden Wassertiefe auf, um Atem zu holen.

Die Heftigkeit des Befreiungsgefühls überraschte sie. Sie stand im Bad, als er hinaus ging. Die Spiegel im schneeweiß gekachelten Raum zeigten ihr ein blasses, fragendes Gesicht, das wohl ihres sein musste. Sie schaltete die Badezimmerlampe aus.
Im Hotelzimmer waren die Betten noch nicht gemacht. Auf dem Nachttisch neben ihrem Kopfende lag der Brief ihrer Tochter, wegen dem sie sich vor dem Einschlafen gestritten hatten: Jetzt fiel es ihr wieder ein. Richtig gestritten hatten sie sich natürlich nicht. Eigentlich hatten sie sich noch nie gestritten. Keiner von ihnen wollte das. Sie hatten beide genug gekämpft in ihrem Leben mit anderen und mit sich selber.
Es war auch gar nichts weiter geschehen. Er hatte sich über ihre Sorgen lustig gemacht. Er fand sie überflüssig. Natürlich waren sie überflüssig, ihre Sorgen. Und dennoch hatten sie diese Sorgen auf einmal überfallen, als sie den Brief las. Und sie hatte ihre Sorgen den ganzen Tag nicht wieder loswerden können.
Natürlich würde ihre Tochter auch diese Enttäuschung verkraften, irgendwann. Aber der Gedanke an das verletzte, kindlich hilflose Gesicht von Jana war ihr wie ein toter Vogel mitten ins Herz gefallen und ließ sie nicht mehr los. Mitten im Wienurlaub hatten sie einmal mehr ihre Mutterreflexe in den Griff bekommen.
Aber wieso verstand er das nicht? Sie konnte nun mal nicht einfach abschalten, vergessen, optimistisch sein. Ihre Urlaubslaune hatte einen hässlichen Knick bekommen. Aber er lachte nur darüber! Selbst als sie richtig böse und dann plötzlich tintentraurig wurde, hatte er die Sache immer weiter auf die leichte Schulter genommen.
Trotzdem wurde kein richtiger Streit daraus. Sie küsste ihn flüchtig, als sie ihm Gute Nacht wünschte. Aber es blieb eine kühle Enttäuschung zurück. Grübelnd und fröstelnd war sie eingeschlafen.

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der-einsame-klein.jpg Der eiserne Mann, Park in Melk

Sie warf einen Blick aus dem kleinen Fenster hinunter in die schmale Straße vor dem Hotel. Auto reihte sich an Auto rechts und links der Fahrbahn, auf der nur mit Mühe zwei Wagen an einander vorbei fahren konnten. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite kamen Menschen aus dem türkischen Gemüseladen. Zwei Häuser weiter stellten Straßenarbeiter Sperrschilder auf. Irgendwo noch weiter hinten, eng eingekeilt, musste auch ihr Wagen stehen. Wie froh waren sie vor vier Tagen gewesen, als sie diesen Stellplatz gefunden und es dann auch noch geschafft hatten, das Auto hineinzuparken! Lachend hatten sie sich in den Armen gelegen. Jetzt also konnten sie sorglos mit ihrem Wienurlaub beginnen.

Damals war ihre Freude noch ungetrübt.
Wie lange schien das her zu sein! Was war inzwischen passiert? War es wirklich dieser dumme Streit? Oder war da ein Eis gebrochen, dass unbemerkt ganz dünn geworden war und bei der ersten Belastung nachgab und den Weg in den Abgrund öffnete?

Der Himmel über den Dächern und den schon bräunlich verfärbten, noch mit ihrer grünen, stacheligen Last behangenen Kastanien war blass blau, von dünnen Federwolken überzogen. Es sah nach Regen aus. Das Wetter hatte also umgeschlagen. Es war schon gestern Nachmittag kalt geworden. Sie hatte ziemlich gefroren in ihrer Sommerjacke.
Sie sollte heute unbedingt ihren Schal umlegen, wenn sie zum Prater fahren werden. Sicher wird wieder dieser kühle Wind wehen, sobald man die Innenstadt mit ihren schützenden großen Bürgerhäusern verlassen haben würde.
Der Prater, der war ihr als Erstes eingefallen, als er vor ein paar Monaten vorschlug, mit ihr nach Wien zu fahren, der Prater und das Riesenrad. ‚Wir werden im Riesenrad sitzen, auf die Stadt hinunterschauen und uns küssen. ‚Wien, Stadt der Liebenden’, dachte sie damals.
Die nächste U-Bahnstation war nicht weit. Sie lag vorne beim Westbahnhof. Von dort aus würden sie nachher wieder aufbrechen. Sie konnte ihn von hier oben sogar sehen, wenn sie sich ein wenig zu weit vorbeugte.
Langsam drehte sie sich vom Fenster weg. Sie musste endlich hinunter gehen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie nun schon hier oben gestanden und hinuntergesehen hatte. Er würde beunruhigt sein, wenn sie nicht bald käme.

Auf dem kahlen, langen Hotelflur begegnete ihr kein Mensch. Im spiegelnden Fahrstuhl fuhr mit ihr ein junges Pärchen ins Erdgeschoß, das kichernd mit sich selber beschäftigt war und von ihrer Anwesenheit keinerlei Notiz nahm. Unten im Foyer lümmelte sich eine japanische Reisegruppe auf ihren großen Koffern und wartete auf irgendetwas. Im Frühstückssaal herrschte noch immer Hochbetrieb.
Sie blickte sich suchend um. Fast alle Plätze waren belegt. Ein kleiner Tisch am Fenster fiel ihr ins Auge, an dem noch niemand saß. Am liebsten wäre sie dort hingegangen und hätte von da weiter aus dem Fenster gesehen. Sie riss sich zusammen. Kurt wartete auf sie. Er würde es seltsam finden, wenn sie sich jetzt alleine an irgendeinen Tisch setzen würde. Und nun sah sie auch Kurt, weiter hinten im Raum. Er winkte sie mit einer seiner großen Gesten zu sich heran. Natürlich würde sie jetzt zu ihm gehen. Sie warf einen kurzen, sehnsüchtigen Blick zu dem kleinen Tisch am Fenster. Dann bahnte sie sich zwischen den essenden Menschen und der Schlage am Büffet hindurch den Weg zu ihm.
Er war nicht alleine. Am Tisch hatte noch ein anderes Paar platz genommen. Sie wusste nicht, ob sie das angenehm oder störend finden sollte. Er aber lächelte ihr entgegen, stand auf und rückte ihr den noch freien Stuhl zurecht.
‚Er müsste nicht so viel Theater machen’, dachte sie mit einem kleinen Unbehagen. Es war sicher lieb gemeint. Aber irgendwie kam ihr sein Verhalten vor den anderen albern vor. Sie grüßte etwas steif in die Runde.
„Du hast lange gebraucht, mein Schatz“, stellte er fest. In seiner Stimme klang kein Vorwurf mit, nur ein kleines Erstaunen.
Sie murmelte etwas von verwischter Wimperntusche und goss sich einen Kaffee ein.
Wieso verhält er sich so unbefangen, ganz so, als sei nichts gewesen gestern Abend, dachte sie verwirrt. War es möglich, dass er den kleinen Vorfall völlig vergessen hatte? Wenn sie ehrlich war, hielt sie es sogar für möglich, dass er ihn nicht einmal bemerkt hatte. Vielleicht sollte sie ihn einfach auch vergessen.
Sie stand auf und ging mit ihrem Teller zum Büffet. Sie war froh, noch einmal fort gehen zu können.

„Heute geht es also zum Prater“, plauderte Kurt munter drauflos, kaum dass sie sich wieder gesetzt hatte.
„Da waren wir gestern auch“, bemerkte der Tischnachbar und lachte seine Partnerin an. Die lächelte auch und legte dann liebevoll ihre Hand auf seinen Oberarm.
Wie von ungefähr flog ein kleines, trauriges Neidgefühl durch ihr Herz, als sie das andere Paar betrachtete. Die beiden mochten etwa in ihrem Altern sein. Aber bestimmt waren auch sie ein frisches Liebespaar. So sah man sich nicht mehr an nach 20 Jahren Ehe. Die beiden waren sicher noch nicht allzu lange zusammen, vielleicht erst seit diesem Frühling, oder seit letztem Jahr, so wie sie und Kurt auch.
Konnte man ihnen auch noch ansehen, dass sie ein Liebespaar waren?
Sie musste unwillkürlich den Mann betrachten, mit dem sie nun seit gut einem Jahr zusammen war. Sie sah ihn neben sich sitzen und lachen. Sie schaute in sein Gesicht und wartete auf das gewohnte Gefühl der Rührung, das sie immer ankam beim Anblick seines schmalen aber doch weichen Mundes, seiner starken, leicht nach links gebogenen Nase. Das Gefühl blieb heute aus und außer der Tatsache, dass sein Dreitagebart jetzt doch besser rasiert werden sollte, fiel ihr nichts bei seinem Anblick ein. Er war noch immer derselbe wie vor wenigen Tagen. Aber war sie es auch? Etwas war von ihr abgefallen. Jemand hatte den Strom abgestellt. Das Zaubergespinst aus goldfarbenen Fäden, das sie so eng verbunden hatte, das ihre Gedanken und Gefühle seit Monaten auf wunderbare Weise miteinander verwoben hatte, es schien mit einem Mal zerrissen und zu einem banalen Bindfaden zusammengeschnurrt. Und die Erkenntnis löste in ihr nicht einmal Verzweiflung aus, nur einen kleinen Schreck, ein Erstaunen, ein trauriges Erstaunen. Wann war das passiert, überlegte sie. Erst gestern Abend? Oder vielleicht doch schon eher? Sie schluckte.
„Geht es dir nicht gut?“ Er hatte ihren Blick bemerkt.
„Doch, doch“, versicherte sie und versuchte zu lächeln.
„Du siehst so traurig aus.“
„Tatsächlich? Warum sollte ich denn traurig sein?“
„Sollen wir besser heute nicht zum Prater fahren?“
„Doch, doch. Es ist schon o. k. Lass uns hinfahren!“
Immerhin waren sie in Wien und das Riesenrad auf dem Prater, das durfte man sich einfach nicht entgehen lassen. Trotz allem.

baumamweg.jpg der Weg in den Winter

Am Himmel zogen inzwischen dunkel gefärbte Wolken über das blasse Blau. Die Windböen, die durch die breite, menschenleere Allee fegten, klatschten ein paar kalte Tropfen in ihr Gesicht. Am Boden klebten große braune und gelb verfärbte Blätter.

Eine ganze Zeit lang waren sie schon nebeneinander her gelaufen, ohne sich zu berühren. Sie hatte demonstrativ ihre Hände tief in die Jackentasche gesteckt. Sie erwartete, er würde seine Jacke um sie beide wickeln und seinen Arm wärmend um ihre Schulter legen, sobald sie ihren Widerstand aufgäbe. Aber so sehr sie es sich wünschte, sie brachte es nicht fertig, ihn zu berühren. Sie konnte es nicht. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen vor Enttäuschung über ihren eigenen Widerwillen. Am liebsten wäre sie irgendwo hineingekrochen, in irgendein Mauseloch, wo sie geborgen und für sich allein dem kalten Tag hätte trotzen können.
Er lief neben ihr her und sah sie ab und zu von der Seite an, sagte aber nichts.
„Du hast ja ganz kalte Hände“, bemerkte er schließlich doch, als er beim Einbiegen von der Straße in die Parkanlage zum Pratereingang ihre Hand genommen hatte.
„Ich finde es heute ziemlich eisig“, bemerkte sie und fühlte sich ertappt.
Sie ließ ihm ihre Hand, zog sie nicht zurück. Aber sie spürte kaum Wärme zu sich herüber fließen.
„Wir sind ja gleich da“, versuchte er sie zu trösten. „Komm, wir gehen etwas schneller, dann wird dir sicher warm!“
Sie nickte stumm. Ihre kalte Hand lag in seiner wie ein toter Gegenstand, der nicht zu ihr gehörte.
‚Was ist los mit mir?’, dachte sie mit einem Anflug von Panik. Es kam ihr so vor, als hätte jemand während eines Wolkenbruches den Regenschirm über ihr zusammengeklappt. Am liebsten wäre sie umgedreht und mit einen Taxi ins Hotel zurück gefahren.

Nur vereinzelte Menschen wagten sich an diesem windigen, kalten Spätherbsttag in den Prater. Nur wenige Schaubuden hatten geöffnet. Hinter der Theke der Schießbude langweilte sich fröstelnd eine junge Frau. Der kleine Platz um das berühmte Riesenrad war beinahe menschenleer. Die aufgedonnerte, vollbusige Dame im Kassenhäuschen wartete mit müdem Gesicht vergebens auf Besucher. Die Gondeln hingen traurig über ihnen, wie gefangen in der feuchten Luft. Es verspürte offenbar niemand Lust, dort oben in der grauen Regenluft herumzukreisen und einen Blick auf das ungemütliche, graue Bild zu werfen, das die Stadt heute bot. Es fror sie beim Anblick der im kalten Himmel festgehaltenen freien Kabinen. Nein, wahrhaftig, heute wollte sie nicht Riesenrad fahren.
Ganz in ihrer Nähe ertönte ein dünnes, mutwilliges Bimmeln, das die Besucher zu einer Rundfahrt in die Praterbahn aufforderte. Die buntbemalten Wagen erinnerten an Kindertage. Es könnte lustig sein, damit über das Pratergelände zu fahren. Beim näheren Hinsehen, zeigte der Lack auf den Waggons schon die untrüglichen Spuren der zu Ende gehenden Saison. Auch die Sitzpolster in den Waggons waren abgenutzt und schmuddelig.
Dennoch stiegen sie in einen der engen Wagenabteile. Auf jeden Fall war das besser, als eine luftige Fahrt im traurigen Riesenrad. Sie setzten sich einander gegenüber, nicht nebeneinander, so wie sie es sonst immer taten. Mit unterdrückter Ungeduld warteten sie jeder für sich auf die Abfahrt. Außer ihnen saß im Zug ein paar Abteile weiter nur noch eine junge Frau, die einen kleinen Jungen auf ihrem Schoß festhielt. Die anderen Waggons blieben leer. Es dauerte Minuten, bis die Bahn endlich anfuhr und dann los ruckelte, wie eine lange, mit bunten Papiergirlanden geschmückte Geburtstagstafel, an der nur ganz wenige Gratulanten Platz genommen hatten.
Im Schleichtempo bummelten der Zug auf seiner festgelegten Route mit ihnen kreuz und quer über den Prater. Nasse Windböen fegten zwischen den Buden hindurch und jagten ungehindert durch das offene Abteil. Von den Metallwänden der Wagen strahlte Kälte ab. Sie zog ihre Jacke enger um sich. Sofort wechselte er auf ihre Seite und sie zu wärmen. Sie lehnte sich bereitwillig und zitternd an ihn und fror dennoch weiter.
Das kleine Gefährt zuckelte vorbei an überdimensionierten, grell bunten Losbuden. Sie kamen an Verkaufswagen vorbei, die über und über mit Lebkuchenherzen behängt waren, auf denen in verschnörkelter, weißer Schrift zuckersüße Liebesschwüre um die Wette schrieen.
Vor den mit rosafarbenen und neongrünen Riesenteddybären prall gefüllten Regalen traten Losverkäufer frierend von einem Bein auf das andere. Die Bahn patschte durch große Pfützen und fuhr mitten durch Berge zusammengewehter Papierfetzen. Das dünne, scharfe Klingeln der kleinen Bahn scheuchte die wenigen Besucher zur Seite, die zwischen den Schaubuden und Karussellen herumirrten.
Schließlich bog der kleine Zug in die zugige Allee ein, von der sie vorhin gekommen waren und fuhr jetzt eine Zeit lang schnurgerade weiter, zwischen den alten Bäumen mit ihren noch belaubten, brauen Kronen hindurch. Die Blätter, die schon am Boden lagen, trieb der Wind vor sich her, schüttete sie hier und da launisch zu Blätterbergen auf, die gleich darauf wieder aufwirbelten und weitergetrieben wurden. Die Fahrt schien endlos. Sie fror immernoch. Der Mann neben ihr versuchte trotzdem, seine gute Laune zu behalten. Es nützte nichts. Weder ihm noch ihr. Vor dem inzwischen gleichmäßig grauen Himmel sahen die Silhouetten der Bäume aus, als hätte sie jemand aus braunem Packpapier ausgeschnitten und auf graue Pappe aufgeklebt.
Als die Bahn endlich wieder am Riesenrad angekommen war, hatte sie das Gefühl, zu Eis erstarrt zu sein. Es tat gut, die Füße wieder bewegen zu können.
„Wir sollten was Warmes trinken“, sagte er vernünftig. „Oder meinst du, wir können doch noch aufs Riesenrad?“
Sie sah hoch. Inzwischen hatte das Riesenrad eine langsame Fahrt aufgenommen. Ganz oben, wo die höchste Gondel in den Himmel ragte, war jetzt die Wolkendecke ein klein wenig aufgerissen und gab einen schmalen Streifen Oktoberblau preis. Vielleicht wäre es da oben jetzt sogar angenehmer als hier unten, mitten auf dem zugigen Platz?
Sie zögerte. Auf einem großen Holzschild, das neben dem Kassenhaus angebracht war, entdeckte sie eine Aufschrift, ein paar in schwungvollen Buchstaben gemalte Zeilen, ein Gedicht, ein schwebendes Zauber- und Liebesgedicht, eine Ode an das Riesenrad. Sie las es verwundert, dieses Stück mondsüchtiger Poesie. „Ingeborg Bachmann“ stand darunter und ein Datum.
Da war diese Frau also eines Tages hier gewesen, und beim Anblick des Riesenrades hatte sie, tief beeindruckt, die Sterne schauen können und den Atem der Liebe gespürt. Es war schon lange her. Aber sie hatte für alle Besucher des Praters diesen kleinen trunkenen Lichtgedanken hier zurückgelassen.
Sie stand und las. Lange. Immer wieder.
Ja, so in Etwa hatte sie es sich vorgestellt, dieses Wien: Ein Liebestraum und mitten darin sie beide, eingetaucht in die Nähe und Wärme des anderen, schwebend auf einer trudelnden, schimmernden Wolke, ergriffen von der Tiefe und Klarheit des Gefühls für einander.
Aber es war nicht so gekommen, Frau Bachmann! Ganz anders war es gekommen: Sie fand sich hier wieder in einer grauen, nassen Stadt, bei unfreundlichen Herbstwinden und mit kalten Händen und kaltem Herzen.
„Was ist nun, wollen wir? Hast du jetzt Lust bekommen?“ Seine Stimme hatte etwas Gezwungenes.
„Nein“, sagte sie. „Mir ist zu kalt. Lass uns gehen.“
„Du hast doch was! Was ist los mit dir?“
Er sah sie an. Besorgt, Irritiert. Ahnungsvoll.
„Ich glaube, ich habe etwas verloren“, sagte sie langsam und sah an ihm vorbei.
Der Regen war stärker geworden.

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die traurige Hase im Emsland

zu meinen Texten 

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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