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Schöne neue Welt – Unter dem Strich – VI.

Sonntag, Juni 8th, 2008

 

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m.s. Wien

 

An die Nachgeborenen
Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.
An seinem Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Gerappel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.
Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.

 

Heute gehe ich angewidert und tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint. Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich traurig.

Mechthild Seithe

 

 

 

 

 

Wir wollten eine andere Welt, als wir 68 wach wurden und die Augen aufrissen.
Unsere Kämpfe und Bemühungen haben eine Epoche eingeleitet, die sich mit ein paar Jahrzehnten Verzögerung nun gegen uns und gegen die Menschheit richtete:
Der Markt, immer erkannt als der Feind wirklicher Menschlichkeit, aber wie es uns schien, gezähmt durch die Absicherungen und Eindämmungen des Sozialstaates, den wir glaubten mit gestaltet zu haben, dieser Markt übernahm vor etwa 15 Jahren im vollen Umfang die Weltherrschaft.
Als das große Experiment der Menschheit im 20. Jahrhundert, der Versuch einen anderen Weg für die Welt zu wählen als die Allmacht des Marktes, einen Weg, der versuchte, Gerechtigkeit und Menschlichkeit umzusetzen und die Klasse der Besitzenden abzuschaffen, damit alle besser leben könnten, als dieser Versuch einer sozialistischen Gesellschaft kläglich und bitter scheiterte, konnte der Markt endlich frei durchatmen und seine Fesseln sprengen.
Seit dem scheint er nicht mehr zu halten: Alles was Profit bringt, ist in Ordnung, ist notwendig. Egal, was mit den betroffen Menschen passiert, egal was mit den Produkten angerichtet wird, egal, wen es trifft, egal wohin es führt. Selbst die wenigen Versuche, der gegenwärtigen Gesellschaft, die verheerenden Perspektiven der von Menschen eingeleiteten Umweltkatastrophen einzudämmen, führen unter der Regie des Marktes zu noch größeren Katastrophen: U.a. weil die Amerikaner jetzt Biosprit fahren wollen, um die Umwelt zu schonen, bricht in vielen Teilen dieser Erde eine neue Hungerkatastrophe aus.


Man versucht es uns weiszumachen – aber nein, wir leben nicht in einer globalen, einheitlichen Menschheit: sie ist geteilt in arm und reich und sie ist aufgeteilt in die erste Welt, die zu jedem Preis die erste bleiben will, die neuen Industrieländer, die ihrerseits die ersten werden wollen und angesichts ihrer Produktivität und ihrer Menschenmassen es wohl auch schaffen werden und in die dritte Welt, die für all das zahlen soll. Und diese Fronten und Interessengegensätze werden mit Kriegen ausgetragen: Mit Waffen und mit Lebensmittelpreisen, mit Guantanamo und mit der Jagd nach Andersdenkenden.
Und niemand hier in unserem lieben, befriedeten Deutschland nimmt davon Kenntnis. Der Quark wird teuer. Ärgerlich für die Hartz IV Empfängerin, ärgerlich auch für mich. Aber warum sollten gute Nahrungsmittel billig sein? Dass in Südamerika und Taiti die Menschen vor Hunger anfangen, die Läden zu plündern, kommt vielleicht als aufreizendes Foto mal am Rande in der Tagesschau. Aber wen juckt das?
Wenn heute in Deutschland die Arbeit weggenommen wird, freuen sich die Menschen in einem anderen Land, dass dort Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn heute hier die Arbeit weggeht, kann man mitgehen und dann eben in China leben. Alles scheint denkbar. Die Risikogesellschaft macht fast alles möglich. Es gibt kaum noch Grenzen, weder real noch finanzielle noch moralische.
Die Jungen krempeln die Ärmel auf und versuchen in diesem breiten, reißenden Strom zu schwimmen. Viele erreichen irgendwo ein fruchtbares Ufer. Andere werden untergehen.

 

Armut in Deutschland


Mit dem Kapitalismus der 70er und 80er Jahre lebte ich nicht gerade ausgesöhnt aber doch so, dass ich meine Freiheit genießen, mein anders Denken bewahren und dabei gut leben konnte.
Die heutige Welt aber macht mir Angst. Ich fürchte, meine Kinder werden in einer toten, formalistischen, in einer entmenschten Welt leben und sich in einer von brutalen Angriffskriegen geprägten Zeit
über Wasser halten müssen, in der die westliche Welt ihre Überlebenskämpfe ausführt.

Und ich habe Angst, dass sie und all die anderen das gar nicht merken, weil sie es nicht anders kennen und keine Alternative wissen. Und auch keine träumen.
Der Markt ist inzwischen in allem gegenwärtig und gilt als Motor, als Seele jeder Entwicklung.
Der entfesselte Kapitalismus kam von Anfang an daher wie eine Naturgewalt: nationale Grenzen schwanden, die Globalisierung stand ins Haus und die technischen Erfindungen unserer Zeit, die Zeit- und Raum überwindende Technik des Internets, die Computer, die Logistik, die Länder und Kontinente zusammenschrumpfen ließ und schließlich die Gentechnologie ließen sich weder bremsen noch kontrollieren. Sie waren da. Und wie am Beginn der Menschheit die Beherrschung des Feuers alles auf den Kopf gestellt haben dürfte, was bis dahin gegolten hatte, so ist es auch heute. Nichts ist wie vorher. Nichts scheint mehr zu gelten. Bewährte Sicherheiten und moralische Festungen lösen sich auf. Wer sagt, dass die Welt gerecht sein sollte? Wer sagt, dass alle Menschen einen Anspruch haben, in Würde zu leben? Die Ungleichheit zwischen den Menschen ist der Motor für den Fortschritt der Menschheit, sagen statt dessen die Diener und Dienerinnen des Marktes.

Die alte Welt, allen voran die USA versucht längst – nachhaltig – ihre Vormachtstellung und ihren Reichtum in dieser Welt zu sichern, indem sie sich die Zugänge für Rohstoffe unter den Nagel reißt. Wenn es sein muss, durch Krieg, durch Betrug, durch die Unterstützung von Kräften, die die Menschen unterdrücken und auspressen. Und all das wird moralisch verkauft als Kampf gegen den angeblich so teuflischen Terrorismus, als menschliche Geste und Verantwortung dafür, dass die Welt demokratisch, friedlich gestaltet wird. Tatsächlich ist es der Versuch, die Welt so hinzukriegen, wie sie am besten in die eigene Vorstellung passt.

Wenn Sie ehrlich wären würden Sie Klartext reden: “Würdest du nicht auch kämpfen, wenn am Horizont ärgerliche, hungrige, verzweifelte Leute auftauchen, die dir deinen Hof und dein Gut streitig machen könnten? Würdest du nicht auch versuchen, den anderen ihre Schätze wegzunehmen, wenn du keine mehr hast, mit denen du dein bisheriges Leben weiterfinanzieren kannst. Jeder ist sich selber der Nächste. So war es immer. Alles andere ist Geschwätz.“

Fast wäre mir eine Welt lieber, in der die Motive für das so offen ausgesprochen würde. Statt dessen wird die westliche Welt hingestellt als Hort der Menschenwürde, die es überall zu verteidigen gilt: am Hindukusch, in China, im Iran, …..

So wurden alle Kriege begründet seit Menschengedenken. So outet sich der Mensch als Tier, dass seine Teretorien verteidigt ohne Rücksicht auf Verluste. Nur würden Tiere dies nicht präventiv machen sondern erst, wenn sie sich wirklich bedroht fühlen. Aber wozu hat der Mensch seinen Verstand?

Aber würde sein Verstand es nicht auch hergeben, eine Welt zu schaffen, die anders, wie man so schön sagt “menschlich” funktioniert? Hatten wir nicht vor Jahrhunderten schon die Aufklärung? Hatten wir nicht schon genug Bewegungen, Philosophien, Gesellschaftstheorien, die weit über dieser Rudeltheorie standen, die der entfasselte Kapitalismus heute verbreitet – mit  weissgepuderten Pfoten und mit Kreide in der Kehle? Und der die Welt damit paralysiert wie King Kong hinter seiner Mauer das Eingeborenendorf?

Diese neue Welt ist mir fremd, bereitet mir Magenschmerzen, ödet und ekelt mich an.
Ich habe das Gefühl, dass am Ende meines Lebens alle unsere Hoffnungen und Ziele ihrer Erfüllung nicht näher gekommen, sondern ganz weit weggerückt sind.

Vielleicht liegt dieses Gefühl auch einfach nur daran, dass ich mich als “Alte” ausgeliefert fühle, nicht mehr viel machen kann, keinen Einfluss mehr habe, nur noch warne und aufkläre, aber nicht gehört werde.
Es ist um mich zu laut. Es ist nicht mehr meine Welt. Sie gehört den Jungen. Klar. Aber das kann ich durchaus akzeptieren.

Schlimm ist nur: was wir den Jungen da überlassen, ist ein trauriges und bedrohliches Kapitel der Menschengeschichte.

Es ist nicht so, dass alle die Kälte und gesichtslose Härte des entfesselten Kapitalismus bejubeln. Es zeigen sich Gegenreaktion, z.B. eine Welle der Entdeckung religiöser und esoterischer Lebenserfüllung. Es entstehen kleine, in sich geschlossene und brave, keineswegs  aufsässige oder gar revolutionäre Bewegungen, wenigsten im kleinen Raume Menschlichkeit zu verwirklichen.
Auch das konservative und zum Teil faschistische Gedankengut, was sich in unserer Gesellschaft wieder breit macht, die Akzeptanz und Duldung von Gewalt gegen Schwächere aller Arten, diese latente Akzeptanz in der Bevölkerung aber auch in der Politik und z.B. bei der Polizei, diese Gewalt und Kaltschnäuzigkeit scheinen mir  Zeichen dafür, dass die Menschen sehr wohl  reagieren auf diese neue Markt gesteuerte Kälte. Aber das Schlimme ist: Sie reagieren jenseits von Menschlichkeit und allen Errungenschaften der Aufklärung. Der Aufstand gegen die Kälte der turbokapitalistischen Gesellschaft kommt eher von rechts. Aber wir wissen es ja, der Markt konnte mit konservativen und speziell auch mit faschistischen Bewegungen schon immer viel anfangen.
Ich fühle mich umstellt.

Aber ich werde nicht wegsehen. Ich werde meine letzten Jahre auf dieser Welt nicht ohne Blick auf die Realität unserer Gesellschaft leben können. Schweigen wäre das Ende.

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