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Juni 2008
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Die Befreiung der Sexualität hat nie wirklich stattgefunden - Unterm Strich - X.

 

Vereinigung

Wir liegen eng umschlungen
Haut an Haut und20031202-erotik1.jpg
Mund an Mund und
Fleisch an Fleisch.
Und Stirn an Stirn.
Dein Auge lächelt.
Ich kann mich sehen
dort in deinem Blick.

Ich sehe glücklich aus.

Wenn ich dann deine warme Hand
an meiner Möse spüre,
und wenn ich deine
dicht behaarte Scham berühre,
und deinen Schwanz,
der mich bereits erwartet hat,
dann fühle ich es wie Gesang
in mir, ein Schluchzen
und ein bitter süßes Sehnen,
das immer süßer wird
und immer wilder,
ein Sog, der mich hinwegspült,
keine andre Wahl erlaubt,
als dass ich der Begierde folge und
atemlos und wie von Sinnen
in diese Schlucht hinunterstürze.
Zu dir.
Ich falle schwerelos hinab
in einen weiten, dunklen Grund,
den immer wieder grelle
Blitze überschütten und der
am Ende dann von Lichtern
gänzlich überströmt
für eine kurze Weile
fast dem Himmel gleicht.

Wenn du dann still
in meinem Leibe ruhst,
so spricht dein Schwanz zu mir
so sanft. Gerührt
empfange ich die Botschaft
und sende voller Zärtlichkeit
an dich zurück, was meine Seele
und jede Faser meines Körpers
sagen will.
Dass ich dich liebe.

A. Menke

 

 

Viele Jahre meines Lebens, immer wieder in langen Phasen zwischen zwei Liebschaften oder auch nach den ersten zwei, drei Jahren einer festen Beziehung war mir Sexualität so entfernt und fremd, dass ich gar nicht glauben konnte, dass sie für andere Menschen wirklich eine reale Kraft ist, die ihr Leben bestimmt.
Und obwohl ich in meinen aktiven Phasen das selber genau so empfand wie alle anderen und meine Sexualität in mir lebte wie ein kleines, gieriges und gleichzeitig sehnsüchtiges Tier, dass ich pflegen und streicheln, ernähren und beruhigen musste, entfielen mir immer wieder für Jahre das Wissen um diese Realität und die Gewissheit der körperlichen Gefühle und Sehnsüchte. In diesen Zeiten betrachtete ich das turtelnde und aufreizende Treiben um mich herum mit Skepsis und der festen Überzeugung, dass sich die ganze Welt in diesem Punkt selber eins in die Tasche lüge. Sexualität war dann für mich ein nicht wirklich existierendes Phänomen, etwas von den anderen Erdachtes, was sie wie ein Spiel betrieben, ohne wirklich einen Ball zu haben.

Doch irgendwann wurde jedesmal mein Sexualtrieb wieder geweckt, meist ja von irgendeiner neuen Liebesbeziehung. Und dann gehörte das sexuelle Empfinden zu meinem Alltag wie das Essen und das Trinken, wie das Atmen müssen, als immer wiederkehrendes, alltägliches und – wenn unerfüllt – recht heftiges Bedürfnis. Und dann verstand ich meine sexuelle Blindheit der langen Zeit davor nicht mehr.
Warum ist das so gewesen? Mein Mann würde sofort meine katholische Erziehung anführen. Vielleicht hat er nicht ganz Unrecht. Empfindlich für Widersprüche und Scheinheiligkeit habe ich als Kind immer wieder darüber nachgegrübelt, wieso etwas, was Sünde und verboten war, etwas, was die heilige Jungfrau Maria wegen der offensichtlichen “Dreckigkeit” von Sexualität einfach mittels des Engels Gabriel übersprang, um Jesus bekommen zu können, wieso genau das dann in einer Ehe auf einmal gut sein sollte, sogar Pflicht, wie ich hörte und von Gott gesegnet. Da stimmte irgend etwas ganz und gar nicht, fand ich schon als Kind. Entweder war Sexualität so natürlich wie das Essen und Trinken und Atmen oder es war ein Hirngespinst, eine schlechte Angewohnheit, ein Laster. Ich entschied mich mit dem Kopf dafür, Sexualität als natürlich anzusehen und den lieben Gott nach Hause zu schicken samt seiner Kirche und seinen angeblich über jede Sexualität erhabenen Priestern, die heimlich uneheliche Kinder in die Welt setzten. Aber fühlen konnte ich sie lange nicht wirklich.

 

Dann kam die sogenannte sexuelle Revolution, die uns befreite von Doppelmoral und einem Leben im Verbotenen, die es ermöglichte, als 20jährige die Pille zu bekommen und den alten “Fluch” freier Sexualität, die ungewollte Schwangerschaft, als biografisches Risiko auszuschließen. Der Weg zur Lust war frei.
Aber der Druck, die Pflicht, der Gruppendruck blieben, sie hatten nur andere Gesichter. Befreit waren wohl möglich die Männer. Ich als Frau erlebte diese Befreiung zwiespältig: Ab jetzt war frau einfach out, wenn sie an Sexualität kein Interesse hatte. Ab jetzt galt es als Qualität, viele und aufregende sexuelle Erfahrungen zu machen, obwohl der “gute Sex” noch gar nicht erfunden war.

 

Wir hatten weder gelernt, dass Sexualität etwas ist, was man lernen muss, noch dass es eine individuelle Ausdrucks- und Erlebnisweise der Sexualität gibt. Wir hatten nicht gelernt, nein zu sagen, wenn wir nicht wollten und ebenfalls nicht, unsere Bedürfnisse zu zeigen und offen auszusprechen. Und ich habe die Zeit in den 68ern verpasst, wo in Frauengruppen die eigene Sexualität in beherzten Entdeckungsreisen zur eigenen Vagina neu begriffen wurde. Damals fand ich das albern und fühlte mich darüber erhaben.
Die sexuelle Welle rollte so dahin. Mir brachte sie leider für etliche Jahre sexuelle Apathie und Angst in meiner ersten Ehe ein, weil ich mich gefangen fühlte im Wissen darum, dass dieses Selbstverständliche verdammt noch mal eben selbstverständlich war und ich mich dem zu beugen hatte. Ich hatte einfach kein Recht dazu, keine Lust zu haben.

Warum ich trotzdem in der Lage war, mit neuen, anderen Lovern sexuelle Lust (wieder-)zu erleben, habe ich lange nicht begriffen.
Meinen ersten Orgasmus erlebte ich erst mit 30, viele Jahre später, als ich endlich gelernt hatte, zu onanieren und zu begreifen, dass es sich um meine Lust handelt und nicht darum, einer anderen Lust zu dienen.
Die Bücher von Shere Hite waren für mich in den späten 70ern wahre Entdeckungen. Endlich sprachen zumindest andere Frauen offen über ihre Sexualität und der Zwang in mir, irgend eine Norm erfüllen zu müssen, ließ deutlich nach. In meiner neuen Frauengruppe befassten wir uns nicht mit unserem Körper aber wir begannen, über Sexualität zu reden und die der Männer zu erforschen. Wir begannen, in der ganzen Angelegenheit eine aktive Position zu beziehen.

 

Die Unterschiede männlichen sexuellen Begehrens und sexueller Aktivität zu denen der Frauen wurden mit immer klarer: Immer glaubten die Männer, durch Sexualität Beziehungsprobleme lösen zu können, während ich meinte, erst sprechen, mich austauschen, mich meiner und seiner Gefühle vergewissern zu müssen, damit ich wieder Lust haben und mit ihm schlafen konnte. Solange es nicht erforderlich war, Probleme zu kommunizieren, klappte die Sexualität gut. Dann aber versiegte sie, weil mir mein Gefühlstau an Konflikten, Unzufriedenheit und Ärger über den Partner den Weg zu einer unbeschwerten gemeinsamen sexuellen Kommunikation verwehrte.
Das ist bis heute so geblieben.

 

053-adam-und-eva.jpg

 

Inzwischen ist Sexualität in der Gesellschaft zu einer allgegenwärtigen Angelegenheit geworden. Etwas zu verschweigen oder die Intimität zu wahren hält kaum mehr jemand für notwendig. (Die romantische Gegenbewegung ist allerdings auch nicht zu übersehen. Bald wird es wieder etwas gelten, als Jungfrau zu heiraten.)
Kaum ein Roman, der heute geschrieben wird, verzichtet auf ausführliche, möglichst drastische und an die Ekel- oder Schmerzgrenze gehende Schilderungen von Sexualität. Gekratzt und gesucht wird nach Tabus, die man noch brechen kann.
Als ich vor ein paar Jahren die Elementarteilchen und von
Michel Houellebecq las, begegnete ich der skurillen Karikatur einer Sexualität, wie ich sie in dieser Gesellschaft immer wieder empfunden habe: eine aus allen menschlichen Zusammenhängen herausgelöste verselbständigte Technik von dauernder und unersättlicher, weil nie wirklicher, auch emotional befriedigter Lust. Und die Lektüre dieser Sex-Szene hatte wenig Anmachendes sondern erzeugte eher Langweile und Ungeduld in mir.
Berührt hat mich aber dabei, dass diese Sexualitätskultur nicht in Gewalt und Unterdrückung mündete, sondern wie ein großes, höfliches Gesellschaftsspiel praktiziert wurde, auf der Basis von Toleranz und Respekt, basierend scheinbar auf einer Vereinbarung, sich gegenseitig instrumentell zur Verfügung zu stellen, um die ständig bestehende Bedürftigkeit zu befriedigen. Gefühle und Empfindlichkeiten hatten dabei keinen Platz, auch keine Eifersucht.
Fast kam es mir so vor, als ließe mich dieser Autor durch einen utopischen Park der Menschheit wandern, in dem die Erfüllung aller Sehnsüchte endlich erlaubt und Scheinheiligkeit und Eitelkeit verbannt schienen. Ein friedliches Bild. Und es irritierte nur ein klein wenig, dass die Menschen sich an jeder Wegbiegung fickten. Eine Art menschliches Paradies, so schien es fast.
Aber immerhin wird bei
Michel Houellebecq die ganze Brüchigkeit dieses scheinbaren Paradieses markiert: Als die körperlich ziemlich anstrengenden Praktiken bei der Protagonistin eine körperliche Verletzung auslösten und sie fortan an den Rollstuhl ketteten, konnte ihr Freund aus dem Zirkel seiner Pseudobefriedigung nicht ausbrechen und ließ sie allein. Und sie, die nichts anderes erwartet hatte, nahm sich das Leben.

Ich teile diese implizite Botschaft:
Sexualität kann, so denke ich, sehr wohl auch Selbstzweck sein, für Männer wie für Frauen, aber wenn dieser Selbstzweck sich ablöst und eine zwischenmenschliche Beziehung, die mehr beinhaltet als sexuelle Befriedigung, nicht zulässt, ist dieses Paradies erbärmlich.
Sexualität ist in unserer Gesellschaft längst zur Ware geworden, deren Qualitätsmerkmale allgemein bekannt und bindend sind: Sexualität ist an Attraktivität, an Schönheit, an bestimmte live style-Merkmale gebunden. Sie ist in ihrer vermarkteten Allgegenwart allmählich ziemlich lästig. Und ich frage mich oft, wer da wirklich bedient wird? Die Wirtschaft natürlich. Aber vielleicht auch viele Männer, deren sexuelle Bedürfnisse offenbar an allen Ecken angestachelt werden. Aber die Frauen? Ihnen wird wieder einmal vorgegeben, wie sie zu sein haben, um selber solche Bedürfnisse auszulösen. Und alles, was man dazu braucht, gibt es natürlich zu kaufen. Doch, ich muss es eingestehen, ab und an gibt es auch mal den Versuch, Frauen als sexuell aktive und fordernde Wesen darzustellen. Aber auch das wird für viele Frauen eher einen Leistungsdruck auslösen als so etwas wie Selbstbewusstsein. An die Männer, die unter Druck stehen, weil sie nicht diese Sexprotzen sind oder sein möchten, wie sie von allen Plakaten heruntergrinsen, wage ich gar nicht zu denken. Ich weiß, dass es sie auch gibt. Aber was solls: Die Scham ist wahrhaftig vorbei, im Guten wie im Schlechten. Aktive und “gute” Sexualität gilt als Muss und als ein Zeichen für Vitalität und Attraktivität. Und genau deshalb ist Sexualität keineswegs befreit und hat so auch wenig Befreiendes.

Und dennoch: Viele Jahre meines Lebens habe ich so empfunden und denke, es wäre schön gewesen, es immer zu wissen:
Sexualität ist nicht alles. Und nicht alles ist durch sie bestimmt. Aber sie gehört zum Leben wie das Essen und Trinken und Atmen. Sie dient vordergründig der menschen Fortpflanzung, so wie die anderen natürlichen Bedürfnisse dazu dienen, das Leben zu erhalten. Aber sie ist ebenfalls Quelle von Lust, von lustvoller Erfahrung des eigenen Körpers und der eigenen Person und gleichzeitig eine wunderbare Chance, diese Lust mit einem anderen Menschen gemeinsam zu erleben.

Und in diesem Sinne hoffe ich, dass Sexualität, meine ganz eigene, die, die ich als lustvoll und befreiend empfinde, mich auch im Alter weiter beglücken wird.

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Bringeschuld Attraktivität - erledigt! - Unterm Strich - VIII.

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vergänglichkeit der schönheit

Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /
Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /

Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand /
Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen /
Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /
Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.

Christian Hofmann von Hofmanswaldau (1616-79)

 

 

 

Die Schönheit ist die Potenz der Frau.

Um sie wird ein furchtbares Gewese gemacht, auch und gerade von uns selbst. Um ihr langsames Verschwinden noch mehr. Irgendwann fängt frau an, jünger aussehen zu wollen. Attraktivität wird anstrengend, wird zum ständigen Leistungsprogramm. Erfolge sind heute freilich viele Jahre noch durch Mühe und Aufwand möglich. Es gibt Zeiten, wo frau sich sogar attraktiver findet als in jungen Jahren, reifer, ausdrucksvoller, erfahrener, wo sie lacht über die glatten, schönen aber puppenhaften Gesichter der Jugend.
Später geht dann der Kampf darum los, doch wenigstens noch so auszusehen wie vor drei Jahren. Auch den kann man gewinnen. Nur sind es jedes Jahre andere drei Jahre. Irgendwann muss sie es sich eingestehen: Sie wird von den wenigsten Männern überhaupt noch zur Kenntnis genommen, von älteren vielleicht, von solchen, die 10 Jahre älter sind als sie. Die Gleichaltrigen würden sich nie mit so alten Weibern abgeben.

 

 

Der Blick in den Spiegel zeigt untrüglich eine ältere Frau. Der Hals und die Hände können am schlechtesten lügen. Auch die Haut, mit 50 vielleicht noch erstaunlich glatt “für dieses Alter”, nimmt sich dann eben mit 60 ihr Recht darauf, zu zeigen, dass sie längst nicht mehr im Dienst ist, im Dienst der gegenseitigen Geschlechteranziehung, der Verpflichtung zur Attraktivität.

Das Auge der Liebe kann all das dennoch mit Freude sehen, kann sehen, was war und das mögen, was ist. Das ist schön und ein Geschenk. Aber ansonsten ist sie so gut wie ausgeschieden aus dem ewigen Reigen. Warum eigentlich auch nicht?
Ich weiß, dass ich nie zu den alten Damen gehören werde, von denen man sagt, dass man noch sieht, dass sie einmal schön waren, auch nicht zu denen, die eine vitale und charmante Ausstrahlung haben. Ich war in meinem Leben viel zu viel traurig, viel zu oft sauer, viel zu sehr enttäuscht. Und nicht die glücklichen Momente finde ich eingegraben in meinen Zügen sondern die anderen. “Warum gucken Sie immer so böse?”, werde ich manchmal gefragt. Ich stelle fest: ich sehe einfach jetzt so aus. Ich bemühe mich zu lächeln, damit man nicht denkt, dass ich böse sei. Aber immer geht das nicht.

 

Noch vor drei, vier Jahren bin ich jedesmal zusammengezuckt, wenn ich mein Gesicht im Spiegel neben dem meiner Tochter gesehen habe. Diese Glätte, diese ungetrübte Schönheit, dieser Lockruf an das Leben! Und ich daneben, müde, ernst, geschafft, mit unerwünschten Falten um den Mund!
Wenn ich mein Gesicht heute im Schaufenster sehe, schaue ich jetzt manchmal sogar neugierig hin, statt vor meinem Anblick zu erschrecken. So also ist das, alt zu werden.
Dass ich für Männer unter 55 unsichtbar zu sein scheine, empfinde ich nicht mehr verletzend, sondern beinahe angenehm. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, ihnen zu gefallen. Ich muss mich nicht mehr vergleichen mit anderen Frauen, mit attraktiven Frauen, schon gar nicht mit jungen Frauen. Ich versuche möglichst frisch und jung zu sein und zwar für mich selber. Ich versuche es, um meiner Freude am Leben Ausdruck zu verleihen und vielleicht für den, der noch sieht, das ich eine Frau bin.

 

Die Frage, wie ich aussehe, interessiert mich inzwischen weniger als die Frage, wie die Welt um mich herum aussieht. Ich bin dankbar, dass meine Augen die Welt noch sehen können, dass ich den Wind noch spüren kann, dass ich noch Musik hören und mit meiner Blockflöte himmlische Klänge erzeugen kann, die so jung klingen, als würde eine 15 Jährige sie erzeugen.

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Die versteinerte Prinzessin

Märchen

Mechthild Seithe

Es war einmal eine Königstochter,

die war sehr schön und alle Leute liebten sie, weil sie immer fröhlich war. Als sie fünf Jahre alt geworden war, verzauberte eine böse Fee sie in eine steinerne Brunnenfigur. Im Schlosshof ihres Vaters sollte sie 50 Jahre lang stehen und erst dann würde sie wieder zum Leben erwachen.

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Blumen am Oderbruch

Die Leute kamen und bestaunten die hübsche, kleine Prinzessin, die dort im Brunnen mit dem steinernen Drachen zu spielen schien.

Das klare Wasser perlte an ihrem steinernen Körper herab und füllte die Brunnenschale, aus der die Menschen sich erquickten, wenn es heiss war. Im Winter war die kleine Prinzessin über und über mit einer Eisschicht bedeckt. Aber sie spürte es kaum. Sie wartete.
Jedoch in all den vielen Jahren und Jahrzehnten kam kein Prinz und kam kein Zauberer, der sie erlösen wollte. Und so blieb sie ein halbes Jahrhundert im Brunnen auf dem Schlosshof stehen. Inzwischen waren der König und seine Frau gestorben und das Königreich gehörte längst einem anderen Herrn. Und die Leute vergaßen allmählich, wer sie war.

Als die 50 Jahre herum waren, merkte die Prinzessin in einer Vollmondnacht, dass sie sich wieder rühren konnte. Vorsichtig bewegte sie ein Glied nach dem anderen und stieg dann langsam von ihrem Sockel im Brunnen herunter. Als sie aber ihr Spiegelbild im Wasser sah, erschrak sie zu Tode. Da erblickte sie kein hübsches, kleines Mädchen, als das sie sich in Erinnerung hatte, dort sah sie eine alte Frau. Nun war sie also wirklich 55 Jahre alt und all die Jahre, die sie in Stein verwandet gewartet hatte, waren verloren. Da setzte sich die Prinzessin an den Brunnenrand und weinte bitterlich. Auf einmal spürte sie, dass sie jemand berührte. Es war der steinerne Drache, mit dem sie all die Jahre zusammen im Brunnen gestanden hatte.
„Bist du auch verzaubert gewesen wie ich?“, fragte sie erstaunt.
„Nein. Aber ich bin beauftragt, dir zu dienen, wenn du wieder lebendig bist. Ich kann dir viele Wünsche erfüllen“, entgegnete der steinerne Drache freundlich.
„Kannst du mich wieder jung machen?“ fragte die Prinzessin hoffnungsvoll.
„Nein, das geht nicht. Du bist wieder lebendig, aber die 50 Jahre sind verflossen und du bist jetzt eine alte Frau. Aber ich könnte dir dazu verhelfen, dass du dich wieder jung fühlst“, bot ihr der Drache an.

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Die Kinder sind wieder fort - Unterm Strich - VII.

 

 

Gedanken an die Tochter
Die Jahre, die ich ganz in deiner Nähe war,
sind längst Vergangenheit.
Die Zeiten, wo ich hätte
meine Tochter trösten können,
sie sind vorbei und sind vielleicht vertan.
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Mir bleibt es nur, zu wünschen und zu hoffen,
dass dir das Leben nicht nur Wunden schlägt
und irgendwann die Liebe dir begegnet und auch bleibt
und zart und so, wie Mütter und Geliebte es nur können
mit sanfter Hand die Tränen dir von deinen Wangen streift.

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Mechthild Seithe

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Mit sechzehn hatte ich beschlossen, keine Kinder zu kriegen. Mit 30 fing ich an, mich nach einer eigenen Familie zu sehnen. Ich hatte den Wunsch, Kindern diese Welt zu zeigen, die Schönheiten und all das, weshalb es sich lohnt, zu leben. Ich hatte die Vorstellung, sie schützen zu können vor dem, was diese Welt an Hässlichkeiten und Brutalitäten zu bieten hat. Zumindest traute ich mir zu, sie widerstandsfähig und stark zu machen.


Viele Jahre meines Lebens war dann Familienzeit. Das Kinderhaben dominierte mein Denken und die Zeit, die mir neben der Arbeit blieb. Es gab viele wunderbare Erfahrungen und Momente in dieser Zeit. Unsere Fotoalben sind voll mit Bildern der drei Kinder.
Neulich habe ich zur Vorbereitung meines 60. Geburtstages Fotos von mir gesucht und festgestellt, dass in all diesen dicken bunten Alben fast keine Bilder von mir sind.

Die Phase meines Lebens, die ich vor allem Mutter sein sollte, habe ich genossen. Sie hat aber auch an meinen Kräften gezehrt.
Die gesellschaftliche Anerkennung, die ich plötzlich abbekam, seit und weil ich nun auch Mutter war, hat mich irritiert. Ich hatte nie das Gefühl, nun endlich ein Ziel erreicht zu haben, eine Erfüllung zu erleben, die mir gefehlt hatte. Ich identifizierte mich weiterhin mit Frauen, die als Frauen und nicht als Mütter ihr Leben meisterten.
Für mich hat das Kinderkriegen nie notwendig zum Leben gehört oder gar zu einem erfüllten Frauenleben.

 

Dennoch habe ich also drei Kinder bekommen und sie inzwischen auch groß gekriegt. Die Ältesten sehe und spreche in großen Abständen, weiß ein wenig von ihrem Leben, aber das Wichtigste weiß ich wahrscheinlich nicht.
Die Jüngste wird im Herbst anfangen zu studieren. Im Vorfeld braucht sie mich noch sehr. Das Große, Neue vor ihr, macht ihr noch ein wenig Angst, sie möchte wie ein Kind gestützt und getröstet werden. Aber ich denke - und hoffe - dass ihr neues Leben sie mitreißen und auch von mir und meinem Rockzipfel fortreißen wird.

Dann wird es auch für sie gelten: Ich bin für meine Kinder nicht mehr alltäglich nötig und auch nicht mehr wirklich wichtig für ihr Alltagsleben (vielleicht noch wichtig im Hintergrund, das schon) und ich bin darüber - ehrlich gesagt - eher erleichtert.
Als ich 43 war und an einer scheußlichen Migräne litt, tröstete mich eine Ärztin mit der Vermutung, dass diese Migräne aus meinem Leben wieder verschwinden könnte, wenn meine Kinder älter sein würden.
So war es. Weit über 24 Jahre lang war mein Leben von den Kindern bestimmt, beeinträchtigt, natürlich auch beglückt, erfüllt…. Als es nun vorbei ging, fand ich wieder zu mir.

Natürlich mache ich mir auch heute Sorgen um sie, bin bedrückt, wenn es ihnen nicht gut geht, freue mich, wenn sie vorbeikommen oder anrufen, wenn ich sie sehe.
Wenn sie mich brauchen, stehe ich auf der Matte, natürlich. Ich bleibe ja ihre Mutter und stehe auch dazu. Und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass ihr Leben erfüllt sein möge.

Aber auch in meinem Leben spielen sie nicht mehr die Hauptrolle. Ich bin längst wieder nicht mehr nur Mutter sondern eine Frau mit einem eigenen Leben.

Irgendwo in mir steckt die Sehnsucht nach einer anderen Beziehung zu meinen Kindern, einer eher freundschaftlichen, einer, die nicht nur auf der Mutter-Kind-Beziehung basiert sondern darauf, dass wir uns gegenseitig wirklich sympatisch sind und uns was zu sagen haben. Vielleicht gibt es sowas. Vielleicht ist das eine Illusion und all die vielen Familienzusammengehörigkeitseuphorien um mich herum beruhen eben doch nur darauf, das Blut dicker ist als Wasser.

Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber ich stelle fest, dass sie wenig mit mir wirklich teilen.. Sie wissen nicht, was mich bewegt. Und wenn ich es ihnen versuche zu sagen, hören sie weg, so wie sie immer weghörten, wenn Mutter was erzählte. In unserer Verbindung war alles darauf ausgerichtet, dass es ihnen gut ging, nicht mir. Ich spüre nicht, dass sie wirklich Interesse an dem Menschen haben, der ich heute bin, an meiner Arbeit, meinen Gedanken, meinen Befürchtungen, an meinem Glück. Wenn sie sagen, dass sie mich lieben, so gilt das der Mutter, die ich für sie war und irgendwo im Hintergrund immer sein werde. Nicht aber mir als Mensch. Für sie bin ich nichts als ihre Mutter. Ihre Mutter und ich, dass ist nicht ganz und gar die selbe Person.
Ich nehme es ihnen nicht übel. Dennoch macht es mich traurig.

 

 

Ich bin in meinem Beruf tagtäglich mit jungen Menschen zusammen. Inzwischen sind meine StudentInnen durchweg im Alter meiner Kinder. Und ich lerne hier junge Menschen kennen, die ich interessant, sympatisch finde, von denen ich mir wünschen würde, dass sie mir vertrauter wären, mit denen ich gerne befreundet sein würde.
Natürlich bin ich Mutter meiner Kinder und würde immer zu ihnen stehen, für sie da sein, wenn sie mich brauchen, aber ob ich wirklich mit ihnen befreundet sein möchte, ich weiß es nicht.
Sicher wären Sie traurig oder eifersüchtig, wenn sie das wüssten.

 

Vielleicht habe ich da was falsch gemacht. Mag sein. Aber es ist nun so wie es ist und ich bin nicht mehr nur das Muttertier und auch nicht das Korn, dass sterben muss, damit das junge Pflänzchen aufgehen kann, ich bin wieder ich.

Enkel habe ich keine, sind auch keine in Sicht. Ich weiß, dass sich dadurch manches ändern kann und könnte. Ich kenne so viele Menschen in meinem Alter, die durch das Erleben des Heranwachsens der nächsten Generation eine Erfüllung in ihrem Leben finden. Ich vermisse es nicht. Wenn es so käme, ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde.

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Schöne neue Welt - Unter dem Strich - VI.

 

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m.s. Wien

 

An die Nachgeborenen
Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich des Wolfes im globalen Pelz.
An seinem Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Gerappel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.
Wir haben versucht, unsere Welt zu verändern.
Darüber sind wir alt geworden.
Diese hier wollten wir verhindern.
Es ist uns nicht gelungen.

 

Heute gehe ich angewidert und tatenlos
ein und aus in der plastikknisternden Welt
des Wolfes. Hofnärrin und müde.
Das Leiden der Menschen sehe ich
auf dem Bildschirm und manchmal
an den Straßenecken. Noch immer
schlägt dann mein Herz die Hände
vors Gesicht und weint. Ihr aber
schreitet achselzuckend mitten durch.
Das macht mich traurig.

Mechthild Seithe

 

 

 

 

 

Wir wollten eine andere Welt, als wir 68 wach wurden und die Augen aufrissen.
Unsere Kämpfe und Bemühungen haben eine Epoche eingeleitet, die sich mit ein paar Jahrzehnten Verzögerung nun gegen uns und gegen die Menschheit richtete:
Der Markt, immer erkannt als der Feind wirklicher Menschlichkeit, aber wie es uns schien, gezähmt durch die Absicherungen und Eindämmungen des Sozialstaates, den wir glaubten mit gestaltet zu haben, dieser Markt übernahm vor etwa 15 Jahren im vollen Umfang die Weltherrschaft.
Als das große Experiment der Menschheit im 20. Jahrhundert, der Versuch einen anderen Weg für die Welt zu wählen als die Allmacht des Marktes, einen Weg, der versuchte, Gerechtigkeit und Menschlichkeit umzusetzen und die Klasse der Besitzenden abzuschaffen, damit alle besser leben könnten, als dieser Versuch einer sozialistischen Gesellschaft kläglich und bitter scheiterte, konnte der Markt endlich frei durchatmen und seine Fesseln sprengen.
Seit dem scheint er nicht mehr zu halten: Alles was Profit bringt, ist in Ordnung, ist notwendig. Egal, was mit den betroffen Menschen passiert, egal was mit den Produkten angerichtet wird, egal, wen es trifft, egal wohin es führt. Selbst die wenigen Versuche, der gegenwärtigen Gesellschaft, die verheerenden Perspektiven der von Menschen eingeleiteten Umweltkatastrophen einzudämmen, führen unter der Regie des Marktes zu noch größeren Katastrophen: U.a. weil die Amerikaner jetzt Biosprit fahren wollen, um die Umwelt zu schonen, bricht in vielen Teilen dieser Erde eine neue Hungerkatastrophe aus.


Man versucht es uns weiszumachen - aber nein, wir leben nicht in einer globalen, einheitlichen Menschheit: sie ist geteilt in arm und reich und sie ist aufgeteilt in die erste Welt, die zu jedem Preis die erste bleiben will, die neuen Industrieländer, die ihrerseits die ersten werden wollen und angesichts ihrer Produktivität und ihrer Menschenmassen es wohl auch schaffen werden und in die dritte Welt, die für all das zahlen soll. Und diese Fronten und Interessengegensätze werden mit Kriegen ausgetragen: Mit Waffen und mit Lebensmittelpreisen, mit Guantanamo und mit der Jagd nach Andersdenkenden.
Und niemand hier in unserem lieben, befriedeten Deutschland nimmt davon Kenntnis. Der Quark wird teuer. Ärgerlich für die Hartz IV Empfängerin, ärgerlich auch für mich. Aber warum sollten gute Nahrungsmittel billig sein? Dass in Südamerika und Taiti die Menschen vor Hunger anfangen, die Läden zu plündern, kommt vielleicht als aufreizendes Foto mal am Rande in der Tagesschau. Aber wen juckt das?
Wenn heute in Deutschland die Arbeit weggenommen wird, freuen sich die Menschen in einem anderen Land, dass dort Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn heute hier die Arbeit weggeht, kann man mitgehen und dann eben in China leben. Alles scheint denkbar. Die Risikogesellschaft macht fast alles möglich. Es gibt kaum noch Grenzen, weder real noch finanzielle noch moralische.
Die Jungen krempeln die Ärmel auf und versuchen in diesem breiten, reißenden Strom zu schwimmen. Viele erreichen irgendwo ein fruchtbares Ufer. Andere werden untergehen.

 

Armut in Deutschland


Mit dem Kapitalismus der 70er und 80er Jahre lebte ich nicht gerade ausgesöhnt aber doch so, dass ich meine Freiheit genießen, mein anders Denken bewahren und dabei gut leben konnte.
Die heutige Welt aber macht mir Angst. Ich fürchte, meine Kinder werden in einer toten, formalistischen, in einer entmenschten Welt leben und sich in einer von brutalen Angriffskriegen geprägten Zeit
über Wasser halten müssen, in der die westliche Welt ihre Überlebenskämpfe ausführt.

Und ich habe Angst, dass sie und all die anderen das gar nicht merken, weil sie es nicht anders kennen und keine Alternative wissen. Und auch keine träumen.
Der Markt ist inzwischen in allem gegenwärtig und gilt als Motor, als Seele jeder Entwicklung.
Der entfesselte Kapitalismus kam von Anfang an daher wie eine Naturgewalt: nationale Grenzen schwanden, die Globalisierung stand ins Haus und die technischen Erfindungen unserer Zeit, die Zeit- und Raum überwindende Technik des Internets, die Computer, die Logistik, die Länder und Kontinente zusammenschrumpfen ließ und schließlich die Gentechnologie ließen sich weder bremsen noch kontrollieren. Sie waren da. Und wie am Beginn der Menschheit die Beherrschung des Feuers alles auf den Kopf gestellt haben dürfte, was bis dahin gegolten hatte, so ist es auch heute. Nichts ist wie vorher. Nichts scheint mehr zu gelten. Bewährte Sicherheiten und moralische Festungen lösen sich auf. Wer sagt, dass die Welt gerecht sein sollte? Wer sagt, dass alle Menschen einen Anspruch haben, in Würde zu leben? Die Ungleichheit zwischen den Menschen ist der Motor für den Fortschritt der Menschheit, sagen statt dessen die Diener und Dienerinnen des Marktes.

Die alte Welt, allen voran die USA versucht längst – nachhaltig – ihre Vormachtstellung und ihren Reichtum in dieser Welt zu sichern, indem sie sich die Zugänge für Rohstoffe unter den Nagel reißt. Wenn es sein muss, durch Krieg, durch Betrug, durch die Unterstützung von Kräften, die die Menschen unterdrücken und auspressen. Und all das wird moralisch verkauft als Kampf gegen den angeblich so teuflischen Terrorismus, als menschliche Geste und Verantwortung dafür, dass die Welt demokratisch, friedlich gestaltet wird. Tatsächlich ist es der Versuch, die Welt so hinzukriegen, wie sie am besten in die eigene Vorstellung passt.

Wenn Sie ehrlich wären würden Sie Klartext reden: “Würdest du nicht auch kämpfen, wenn am Horizont ärgerliche, hungrige, verzweifelte Leute auftauchen, die dir deinen Hof und dein Gut streitig machen könnten? Würdest du nicht auch versuchen, den anderen ihre Schätze wegzunehmen, wenn du keine mehr hast, mit denen du dein bisheriges Leben weiterfinanzieren kannst. Jeder ist sich selber der Nächste. So war es immer. Alles andere ist Geschwätz.“

Fast wäre mir eine Welt lieber, in der die Motive für das so offen ausgesprochen würde. Statt dessen wird die westliche Welt hingestellt als Hort der Menschenwürde, die es überall zu verteidigen gilt: am Hindukusch, in China, im Iran, …..

So wurden alle Kriege begründet seit Menschengedenken. So outet sich der Mensch als Tier, dass seine Teretorien verteidigt ohne Rücksicht auf Verluste. Nur würden Tiere dies nicht präventiv machen sondern erst, wenn sie sich wirklich bedroht fühlen. Aber wozu hat der Mensch seinen Verstand?

Aber würde sein Verstand es nicht auch hergeben, eine Welt zu schaffen, die anders, wie man so schön sagt “menschlich” funktioniert? Hatten wir nicht vor Jahrhunderten schon die Aufklärung? Hatten wir nicht schon genug Bewegungen, Philosophien, Gesellschaftstheorien, die weit über dieser Rudeltheorie standen, die der entfasselte Kapitalismus heute verbreitet - mit  weissgepuderten Pfoten und mit Kreide in der Kehle? Und der die Welt damit paralysiert wie King Kong hinter seiner Mauer das Eingeborenendorf?

Diese neue Welt ist mir fremd, bereitet mir Magenschmerzen, ödet und ekelt mich an.
Ich habe das Gefühl, dass am Ende meines Lebens alle unsere Hoffnungen und Ziele ihrer Erfüllung nicht näher gekommen, sondern ganz weit weggerückt sind.

Vielleicht liegt dieses Gefühl auch einfach nur daran, dass ich mich als “Alte” ausgeliefert fühle, nicht mehr viel machen kann, keinen Einfluss mehr habe, nur noch warne und aufkläre, aber nicht gehört werde.
Es ist um mich zu laut. Es ist nicht mehr meine Welt. Sie gehört den Jungen. Klar. Aber das kann ich durchaus akzeptieren.

Schlimm ist nur: was wir den Jungen da überlassen, ist ein trauriges und bedrohliches Kapitel der Menschengeschichte.

Es ist nicht so, dass alle die Kälte und gesichtslose Härte des entfesselten Kapitalismus bejubeln. Es zeigen sich Gegenreaktion, z.B. eine Welle der Entdeckung religiöser und esoterischer Lebenserfüllung. Es entstehen kleine, in sich geschlossene und brave, keineswegs  aufsässige oder gar revolutionäre Bewegungen, wenigsten im kleinen Raume Menschlichkeit zu verwirklichen.
Auch das konservative und zum Teil faschistische Gedankengut, was sich in unserer Gesellschaft wieder breit macht, die Akzeptanz und Duldung von Gewalt gegen Schwächere aller Arten, diese latente Akzeptanz in der Bevölkerung aber auch in der Politik und z.B. bei der Polizei, diese Gewalt und Kaltschnäuzigkeit scheinen mir  Zeichen dafür, dass die Menschen sehr wohl  reagieren auf diese neue Markt gesteuerte Kälte. Aber das Schlimme ist: Sie reagieren jenseits von Menschlichkeit und allen Errungenschaften der Aufklärung. Der Aufstand gegen die Kälte der turbokapitalistischen Gesellschaft kommt eher von rechts. Aber wir wissen es ja, der Markt konnte mit konservativen und speziell auch mit faschistischen Bewegungen schon immer viel anfangen.
Ich fühle mich umstellt.

Aber ich werde nicht wegsehen. Ich werde meine letzten Jahre auf dieser Welt nicht ohne Blick auf die Realität unserer Gesellschaft leben können. Schweigen wäre das Ende.

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Neues aus Wildnis und Tiefgarage

Fabeln

Mechthild Seithe

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sowas bevölkert mitunter meine Träume

Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber…

Ein Wolf trottete durchs Land und kam an einem Kälberstall vorbei. Die Kälber darin blökten aufgeregt und der Wolf lugte neugierig durchs Fenster.
“Was ist bei euch denn los?”, fragte er und überlegte, ob er es wagen könnte einzusteigen und ein kleines Kalb mit sich fortzureißen.
“Wir diskutieren. Morgen ist Wahl!”, verkündigte ein Kalb stolz.
“Was für eine Wahl?”, fragte der Wolf erstaunt.
“Schlächterwahl!”, sagte das Kalb altklug. „Der Fuchs war hier und hat uns mitgeteilt, dass wir in diesem Jahr den besten Schlächter wählen dürfen. Und der, den wir auswählen, der darf uns dann schlachten.”
“Der Bruder Fuchs ist ein Scherzbold”, grinste der Wolf. Aber als er merkte, dass es die Kälber ernst meinten, fragte er: “Und was muss er können, euer Kandidat?”
“Stark muß er sein und schön”, schwärmte das erste Kalb.
“Viele von uns sind auch dafür, dass es vor allem ein Schlächter mit Tradition sein sollte, einer, der schon unsere Eltern und Großeltern geschlachtet hat. Da weiß man doch, was man hat”, ergänzte ein anderes Kalb.
Der Wolf entschloss sich spontan, zu kandidieren, weil er sich große Chancen ausrechnete.
Aber die Kälber entschieden sich für den Schlächter vom Schlachthof am Dorfanger. Denn dort waren ihre Eltern schon hingegangen, wenn es so weit war. Außerdem blinkte dort neben dem Eingang eine silberne Tafel in der Sonne, auf der stand: “Schlachthof Weißenhagen”. Die gefiel den Kälbern ausnehmend gut. Sie erinnerte an die Zinnen eines Schlosses.
Der Wolf ärgerte sich und verfluchte den Fuchs, der diesen dummen Tieren so viel Entscheidungsfreiheit zugestanden hatte. Der Fuchs aber kannte einen Durchschlupf zum Schlachthof, und fraß er sich dort an den ausgeweideten Gedärmen nach Herzenslust satt.


Die Freiheit der Mütter

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Wildschweinszene aus dem Kurpark in Bad Sassendorf

Ein wilder Eber stand mit hängender Zunge am Zaun und guckte sich die Augen aus nach einer dicken rosa Sau, die hinter dem Zaun in einem Gehege mit ihren Kindern im Schlamm wühlte. weiterlesen

Beratung in der Sozialen Arbeit - eine besondere Heausforderung

 

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Neuerscheinung - für SozialarbeiterInnen und alle Menschen, die andere beraten ……

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… unter anderem, weil die Leute, die hier, im Rahmen Sozialer Arbeit, in die Situation gelangen, beraten zu werden, oft gar nicht so scharf darauf sind.

  • Die Mutter, die Angst hat, dass man ihr vom Jugendamt aus Vorwürfe macht für die Vernachlässigung ihrer Kinder,
  • der Jugendliche, der nach seinem Autoeinbruch zur Jugendgerichtshilfe “zitiert” wird,
  • der ältere Mensch, der das Gespräch mit der zuständigen Sozialarbeiterin lieber meidet wie der Teufel das Weihwasser, weil er weiß, dass sie ihm immer zureden will, dass sich um einen Platz im Heim kümmern soll …

all diese Menschen sind mit Sicherheit erst einmal nicht motiviert, beraten zu werden bzw. in ein Beratungsgespräch mit dem Sozialarbeiter einzusteigen.

Ganz anders ist das in der Psychotherapie, wo in der Regel ein “Leidensdruck” vorliegt, eine Bereitschaft, die Beratung oder Therapie auf sich zu nehmen, über sich zu reflektieren, sich ggf. auch zu verändern.

 

Nun kann ja nicht die Konsequenz sein, dass all diese “Unwilligen” kurzer Hand per Druck oder Überredung zu ihrem Glück gezwungen werden, mit fertigen Lösungen, Verhaltensanweisungen oder Rezepten weitergeschickt werden, ohne dass man sich die Mühe macht, auch diesen Menschen die Chance zu geben, aktiv und im eigenen Interesse an der Lösung ihres Problems beteiligt zu werden.

 

Was also tun?

 

Vor ein paar Tagen ist ein Buch von mir erschienen, dass für diese Problematik einen Weg weist. Ich habe den Ansatz der klientenzentrierten Beratung (im Sinne Rogers) für diese Bedingungen der Sozialen Arbeit weiterentwickelt.

 

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Szene aus einer Rollenspielübung im Rahmen der Übung “Engaging” an unserer FH: eine Sozialarbeitrin versucht einen Vater zu beraten, der empört ist, dass er sein Kind nicht betreuen darf, obwohl die Mutter es nicht mehr haben will ….

 

 

 

 

“Engaging” heißt dieses beraterische Vorgehen, das vor allem eins bezweckt: den Klinenten, also unsere Mutter, den straffälligen Jugendlichen oder den alten Menschen aus den Beispielen oben, an der Lösung ihrer Problemlage aktiv zu beteiligen, sie zu motivieren, sich für sich selber wieder zu engagieren und den Lösungsweg für ihre Probleme mitzuentwickeln.

 

Leicht ist das übrigens nicht. Aber es lohnt sich. Soziale Arbeit, die Menschen nicht zu bestimmten Schritten zwingt, sie nicht anweist, sie nicht mit Rezepten abspeist oder mit Druck durchsetzt, was sie von demjenigen erwartet, diese Soziale Arbeit ist wesentlich humaner, effektiver, nachhaltiger und damit sogar effizienter.

 

Wen’ s interessiert:

Hier die Seite bei Amanzon

 

Frauen-Emanzipation, Schnee von gestern? - Unterm Strich -V.

Schneewittchen
Schneewittchen, zerschlag
deinen gläsernen Sarg,
wie liegst du denn da, blass und kalt.
Würg schnell den vergifteten Apfel heraus,
stoß den Sargdeckel auf mit Gewalt.

Drum zerschlag deinen Sarg nicht
so zart, du bist stark,
und der lange Schlaf ist nun vorbei,
und der lange Schlaf ist nun vorbei.

Auf den Prinz warte nicht,
der den Zauber durchbricht,
sieh zu, dass du fort bist, eh er küsst.
Steig nicht auf sein Ross,
folg ihm nicht auf sein Schloss,
wo du wieder eingeschlossen bist.

 

Gruppe Schneewittchen

 

 

 

 

Als kleines Mädchen habe ich Bücher gelesen, in denen Jungen Abenteuer bestanden. Alles, was mich in der Welt interessierte und reizte, schien den Männern zu gehören.

 

 

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Alle meine Helden waren Männer. Und ich wusste dabei sehr genau, dass ich ein Mädchen war. Ein Junge wollte ich nie sein. Aber ich beschloss, all diese Schätze und Chancen den Männern abzujagen, ihnen die Zähne zu zeigen, ihre Privilegien zu brechen, ihnen ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie den Begriff Mensch und Mann gleichsetzten, um die Ohren zu schlagen.
Wenn mir in meiner Jugend jemand weiß machen wollte, dass Mädchen doch ganz andere, ganz besondere Qualitäten hätten und es deshalb dumm sei, alles zu wollen, was den Männern vorbehalten ist, wurde ich böse. “Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad”, stand bei Anja Meulenbelt und ich liebte diesen Spruch. Ich sehe noch das hilflose Gesicht meines Vaters, als ich ihm diesen Spruch entgegen schleuderte. Er konnte es kaum fassen. In seinen Augen stellte ich offenbar damit die Weltordnung auf den Kopf.

Ich bin weder eine geschlagene noch eine unterdrückte Frau, ich konnte mich selbst verwirklichen und mein eigenes Leben leben. Dennoch war für mich die Frauenbewegung jahrelang die wichtigste und intensivste Bewegung und ich fühlte mich ihr mit einer Intensität zugehörig, wie beinah keiner anderen.
Und auch heute, wo vieles zugegebener Maßen anders geworden ist, wo man fast meinen könnte, dass all meine Mädchenforderungen an unsere Welt erfüllt seinen, auch heute bin ich ab und zu noch immer eine glühende Feministin.

In meinem Psychologiestudium gab es genau so viele Männer wie Frauen. Ich musste mich nicht wirklich mühevoll durchsetzen. Das eigentlich angestrebte Physikstudium hatte ich mir allerdings aus dem Kopf geschlagen, weil ich es mir nicht zutraute, alleine unter lauter Männern zu studieren.
Die Männer, mit denen ich im Laufe meines Lebens befreundet war oder mit denen ich eine Liebesbeziehung eingegangen bin, waren alle Frauen freundlich und keiner hat mich je unterdrückt. Die anderen mieden mich wohl. Schade vielleicht! Eigentlich hätte ich an so einem gerne mal meine Krallen gewetzt.
Ich verdiente später in zwei Ehen das Geld. Ich habe Karriere gemacht und meinem Mann die drei Kinder zu Hause überlassen.

Aber ich habe mich trotzdem immer unterdrückt, zurückgestellt, nicht ernst genug genommen gefühlt als Frau. Es steckte so etwas wie eine Grundverletzung und ein Grundmisstrauen in mir drin. Es war, als könnte ich mich nicht wirklich ernst nehmen, weil ich wusste, dass viele Männer Frauen nach wie vor als Menschen 2. Klasse sahen. Ich wurde im Laufe meiner Frauen bewegten Zeit hoch sensibel für die kleinen Sexismen, die Chauvinismen, die virtuellen Ellenbogen, mit denen sie uns weg schoben und weg schieben, die unverschämte Selbstherrlichkeit, mit der sie im Seminar ihren Unsinn verbreiteten, während die Frauen meist schüchtern oder unsicher schwiegen. Und das ist auch heute so in meinen Seminaren und es ärgert mich stets.

 

 

Die Frauenbewegung erreichte mich eigentlich erst richtig Ende der 70er, Anfang der 80ger Jahre. In der linken Bewegung hatte ich sie vermisst, da war sie immer an den Rand geschoben worden. Der Bericht über ein neues Waschkombinats in einer DDR-Stadt, erlauscht im DDR-Radio in einem Urlaub an der grünen Grenze, empörte mich zutiefst: “Vor allem unseren Genossinnen wird das Kombinat das Leben sehr erleichtern”, sagte der Reporter ohne mit der Wimper zu zucken.  Das hat meiner Sympathie für die DDR damals einen herben Schlag versetzt.

Die Emanzipationsbewegung war für mich die zweite, persönlichere Befreiung nach den 68er Jahren. Auch sie machte mich vor allem lebendig, selbstbewusst und kämpferisch. Und das Solidaritätsgefühl unter Frauen habe ich als wohltuend, als tröstend erlebt. In unseren Gemeinschaften blieben sehr oft auch auf lange Strecken Konkurrenzdruck und heimliche Kämpfe um Posten und Wichtigkeit aus. Im Grunde war die Emanzipationsbewegung für mich eine längst ersehnte Gelegenheit, mich innerlich wirklich nicht nur gleichberechtigt und gleich wichtig zu fühlen, sondern mich auch endlich so verhalten zu können.
“Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand, komm reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand”, dieses und die anderen Lieder der Gruppe Schneewittchen sprachen mir aus der Seele. Wir Frauen stellten die männliche Welt als die richtige und beste und nachahmenswerte in Frage. Wir wurden uns unserer eigenen Stärken bewusst. Nach dem Ablegen der Unterdrückung durch eine autoritäre Gesellschaft war es nun an der Zeit, die Unterdrückung abzulegen die die Gesellschaft, die Männer und wir selber uns antaten. Jetzt war es uns nicht mehr genug, als Frau mitmachen zu dürfen. Jetzt konnten wir selber aktiv sein, nicht nur abgeleitete Macht, Stärke und Kompetenz beweisen, sondern eigene entwickeln, eigene Stärke und Macht, die vielleicht auch gar nicht immer so aus sahen, wie die der Männer. Das war der entscheidende Gedanke, dass nicht das Gleichziehen mit dem Mann uns genau so zu Menschen 1. Klasse machte, sondern dass wir diesen gleichen Wert als Frauen schon in uns trugen.

 

Unter dem Pflaster liegt der Strand
Komm, lass dich nicht erweichen,
bleib hart an deinem Kern,
rutsch nicht in ihre Weichen,
treib dich nicht selbst dir fern.

Unter dem Pflaster,
ja da liegt der Strand,
komm reiß auch du
ein paar Steine aus dem Sand.

Komm lass dir nicht erzählen,
was du zu lassen hast.
Du kannst doch selber wählen,
nur langsam, keine Hast.

Zieh’ die Schuhe aus,
die schon so lang dich drücken.

Lieber barfuß lauf,

aber nicht auf ihren Krücken.

Gruppe Schneewittchen

 

 

Auch diese Bewegung differenzierte sich nach einiger Zeit aus.
Eine Menge Frauen fanden Gefallen daran, auf die Welt der Männer ganz zu verzichten, weil sie als Frauen eine ganz andere Welt für sich erobern könnten. Mit der “neuen Mütterlichkeit” z.B. bewegte sich aus meiner Sicht ein Teil unserer Frauen auf einem Umweg zurück an den Ausgang unseres Marsches. Sie fühlten sich gleich wertvoll wie die Männer, vielleicht sogar wertvoller, aber eben anders - und nicht interessiert daran, mit den Männern die Macht zu teilen. Sie besannen sich auf ihre geheimen und besonderen Kräfte als Frauen, schlossen Männer aus ihren Kreisen aus, machten aus der Weiblichkeit einen Mythos. Und landeten da, wo man mich schon als kleines Mädchen hatte hinkriegen wollen, bei den besonderen und von den Männern angeblich so hoch geachteten Werten und Eigenschaften – und Aufgaben – der Weiblichkeit, und bei der Bereitschaft, den harten und schnöden Kampf in der Welt doch lieber den Männern zu überlassen.
Der  andere Teil unserer Bewegung kämpfte sich tapfer hoch, durch die Reihen der Männer, an den Männern vorbei. Und wir wurden durchaus keine Blaustrümpfe dabei. Es krachte in den Balken der Gesellschaft:
Heute haben Frauen Positionen erobert, heute machen sie sehr viel mehr ihren Mund auf, sie verdienen ihr Geld selber, sie pochen auf ihre Gleichberechtigung, sie erlernen sogenannte männliche Berufe und manchmal bleibt sogar ein Vater nach der Geburt des Kindes zu Hause.

 

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Ich will das nicht bestreiten und schmälern, obwohl dieser Prozess natürlich noch nicht abgeschlossen ist: noch heute sind die meisten Schulleiter Männer, noch heute werden Kliniken meistens von Männern geleitet, noch heute verdienen Frauen für gleiche Arbeit oft weniger, noch heute reden in allen Seminaren und in allen Gesprächsrunden Männer mehr und länger als Frauen, noch heute stürzen Männer ihre älter gewordenen Frauen in Lebenskrisen, weil sie meinen, sich mit 50 eine viel jüngere Frau leisten zu können. Und es werden auch heute noch immer Frauen geschlagen, bedroht, für dumm verkauft, sexuell belästigt und angemacht, – von den Männer, mit denen sie es zu tun haben und auch von unserer Gesellschaft selber, die insgeheim natürlich immer noch eine patriarchialische Gesellschaft ist. ….

Einer dritten Variante von Frauenemanzipation bin ich hier in den Neuen Bundesländern begegnet: Dadurch, dass die sozialistische Gesellschaft die Frauen als Werktätige achtete und einplante, ist hier noch immer sehr oft für Frauen klar, dass sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität vor allem auch durch Arbeit erlangen. Gleichzeitig ist dieses weibliche Selbstverständnis ein abgeleitetes: die Frau erhielt ihren Wert, weil sie in der Gesellschaft an dem Teil des Lebens partizipierte, der traditionell den Männern vorbehalten war. Die Familie, der Haushalt, die Kinder, das war dennoch mehr oder weniger allein ihr Ding. Doppel- und Dreifachbelastungen wurden als normal hingenommen. Ein eigenes, auch gegen die Tradition der patriarchalischen Männergesellschaft (auch im Sozialismus) gerichtetes neues Selbstbewusstsein von Frauen fand ich kaum vor. Der Streit um die weibliche Endung z.B. bei Berufen wurde hier als lächerlich abgetan.  Die Frauen waren stolz darauf Baggerführer oder Lehrer zu sein.

Heute hat sich auch hier ein anderes weibliches Selbstbewusstsein in Grundzügen durchgesetzt. Und die alte gewohnte Selbstverständlichkeit, auch Arbeit und Beruf für sich haben zu wollen, ist noch immer ausgeprägter als im Westen. Und so mache ich mir um die Frage der Frauen zur Zeit weitaus weniger Sorgen als um die Frage der Menschenwürde, Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in der Welt.

Und dennoch: Nicht nur, weil die Geschlechtergleichberechtigung noch nicht überall und bei allen gegriffen hat, finde ich mich manchmal geradezu leidenschaftlich auf der Seite von Frauen. Es ist einfach das warme Gefühl der Solidarität unter Schwestern, das mich grundsätzlich parteilich auf ihre Seite stellt.
Den Männern bieten wir  Kooperation an, aber nicht Solidarität. Und mitunter lieben wir sie.

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