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25.5.2008 von Mrs. Tapir.
Demonstration 1968 vor dem Münsteraner Schloss (Unihauptgebäude)
Als ich vor Jahren bei einer Internetplattform nach meinem neuen Lebenspartner suchte, habe ich von mir geschrieben, ich sei eine 68erin und hätte diese Zeit weder vergessen noch verdrängt. Dieser Hinweis war wichtig.
Es ist 40 Jahre her. Überall wird davon zur Zeit gesprochen. Die Medien ereifern sich. Die Alt68er werden begütigend belächelt, sie werden als die Generation beschimpft, die mit ihrer angeblichen Gewaltbereitschaft und ihrem antiautoritärem Gehabe die nächste Generation versaut habe und schuldig sei an allen Problemen, die die Gesellschaft heute hat. Die 68er Jahre werden mystifiziert und glorifiziert, sie werden verdächtigt, verurteilt, verzerrt und verleumdet.
Es kommt mir so vor, als würden sich heute die an uns rächen wollen, die damals unter dem allgemeinen Gruppenzwang, links, revolutionär, aufrührerisch zu sein, gelitten haben und sich mit ihren schlichten Wünschen nach einer konservativen, “heilen” und für sie unbeschwerten Welt damals um die nötige gesellschaftliche Anerkennung betrogen sahen.
Die heutige Wahrnehmung der 68er Generation in unseren Medien ärgert mich. Es steckt so viel Unwissen, soviel Unverstand aber auch so viel Hass darin.
Deshalb ist es für mich wichtig, etwas zu den 68ern zu sagen.
Es war natürlich die Zeit, in der ich jung war, in der mein Leben wirklich begann, in der ich anfingt, die Welt zu entdecken und mich und meine Kräfte dazu. Ein besonderes Zusammentreffen: mein erstes Studiensemester lag im Jahr 1968.
Benno Ohnesorge war erschossen worden. In Vietnam wurde noch immer gekämpft. Ich war 20 Jahre alt.
Was mir mit der 68er Bewegung da entgegen schlug, war für mich die ganz große Befreiung: alles stand auf dem Prüfstand, alles schrie danach, besser gemacht zu werden, und wir trauten uns genau das zu. Wir ließen nicht nur unsere Kindheit und behütete Jugend hinter uns, sondern auch die Werte unserer Eltern, die Stimmung der Nachkriegszeit, die festgeschriebenen Regeln dazu, wie man zu leben, zu studieren, zu arbeiten und zu lieben hatte. Und dass man diesen Aufbruch als junge Frau genauso intensiv und genauso beteiligt aufgreifen konnte wie die männlichen Kommilitonen, machte die Freude und die Befreiung doppelt so groß!
Politisch war ich eher skeptisch und vorsichtig. Meine geistigen Ziehväter hatten Sartre, Camus, Borchert, Böll und Musil geheißen. Mich für eine Sache so eindeutig und emotional zu engagieren wie die linken MitstudentInnen, mit denen ich bei den Notstandskundgebungen zusammentraf, das wollte ich eigentlich nicht. Es war noch nicht lange her, dass ich mich in kleinen aber konsequenten Schritten aus einer erzreligiösen Katholikin in eine Existenzialistin verwandet hatte. Und ich war verdammt froh darüber.
Deshalb zögerte ich.
Aber allein in diesen Kreisen fand ich kluge, sympathische, lebendige Leute, die sich wie ich für Dichtung und Kunst interessierten, die nicht einfach nur schnell Karriere machen wollten, die wie ich vom Drang erfüllt waren, alles zu verändern und neu zu ordnen.
Als Christin hatte ich mich für Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden und Toleranz engagiert und war dabei unmerklich zu einer Linken geworden. Genau das aber hat es mir dann sehr leicht gemacht, von der katholischen Riege meinen Abschied zu nehmen. Mit Brecht fragte ich eines Tages “Brauche ich einen Gott?” und verneinte diese Frage verblüfft und war frei.
Mit dieser Vorprägung dockte ich nun an die 68er Bewegung an, fand dort zunehmend meine Heimat, meine Freunde, meine Weltanschauung.
Eine gewisse autoritäre, beinahe religiöse Ausstrahlung der damaligen linken Bewegung, die sich mit meinen Bedürfnissen als frisch geschlüpfte Atheistin eigentlich nicht gerade deckte, spürte ich mit Unbehagen aber nahm sie in Kauf.
In den 68ern war es in, alles zu hinterfragen, alles erst einmal auf den Kopf zu stellen, neue Werte zu entwickeln, sich den alten zu verweigern, andere Dinge zu tun als die Generation davor, neue Musik zu hören und zu machen, über alles aber auch alles zu diskutieren, die verrücktesten Ideen zu entwickeln. Neue Formen des Zusammenlebens entstanden. Noch schüchtern meldeten sich auch die Frauen zu Wort. Kinder überließ man nicht mehr öffentlichen Institutionen, sondern versuchte neue Formen der Gemeinschaftserziehung zu entwickeln.
Natürlich waren wir auch nicht gerade sanftmütig. Unsere Aktionen und Proteste waren gegen die autoritären Kräfte gerichtet. Wir wollten uns wehren. Wir wollten unsere Stärke zeigen. Wir wollten auch den braven Bürgern ein wenig Angst machen. Aber ich sage, die 68er waren ein hoch moralischer Haufen. Es gab keine Gewalt gegen Menschen, schon gar keine sinnlose Gewalt. Es gab Gruppendruck. Das schon.Und wir genossen es, dass irgendwelche Studenten der BWL es nötig hatten, sich als links und fortschrittlich zu outen, weil sie sonst von unserer Menge ausgegrenzt und verlacht worden wären.
Gewalt, das war für uns Vietnam und dieses Beispiel galt uns allen als verhasst und Menschen verachtend.
Wir wollten andere Menschen nicht unterdrücken oder ihnen Gewalt antun. Wir wollten sie überzeugen.
Meine größte Gewalttat in diesen Zeiten war es, mit einer Gruppe von Leute den Zaun zum Vorgarten des Bischöflichen Palais nieder getreten und dort auf dem Rasen ein Lagerfeuer inszeniert zu haben. Vorne an der Straße stand unser Schild: “Wir vergesellschaften den Garten des Bischof. Friede den Hütten”, oder so ähnlich.
Tatsächlich kam dann die Polizei mit Schlagstöcken.

Politische Aktivitäten gab es vor allem im Hochschulpolitischen Bereich und in den Aktivitäten im Zusammenhang mit der Heimkritik. In manchen WGs lebte ein weggelaufener Heimzögling und wartete mehr oder weniger vergeblich auf ernsthafte Lebensunterstützung, bekam dafür die Haschpfeife gereicht und wurde mit Worten und Träumen von einer besseren Welt abgefunden.
In meiner Erinnerung gab es nur eine begrenzte Phase lang eine große, alle verbrüdernde Bewegung. Danach differenzierten sich Interessengruppen heraus. Es entstanden die verschiedenen politischen linken Gruppen, die die Gesellschaft verändern wollten, die in Richtung Sozialismus blickten und alle Varianten utopischer und realer Sozialismusmodelle für sich durchdeklinierten. Die Mitbestimmung in den Hochschulgremien war ein weiterer Schwerpunkt, der viele Komillitonen einband.
Ferner wurden im Rahmen der Studentenbewegung vor allem andere Lebens- und Zusammenlebenskulturen entwickelt und umgesetzt.(Eine WG zu gründen war damals eine revolutionäre Tat, heute ist sie ökonomischer Zwang und Normalstatus eines Studierenden.)
Für den größten Teil der Studentenschaft aber war die 68er Bewegung in erster Linie eine Art großes, befreiendes, belebendes Happening, das sich vor allem in der Musikkultur auslebte, bei Woodstock und bei der Hippy-Bewegung landete und alternative Lebensmodelle förderte.
Dann war das Studium aus und wir versuchten in der Welt Fuß zu fassen.
Für einen Teil folgte der lange Marsch durch die Institutionen, für andere kamen die Berufsverbote. Insgesamt aber, so schien es uns, machte die ganze Gesellschaft durch unsere Bewegung einen leichten Linksruck mit, wir hatten, so schien es uns, Erfolge zu verzeichnen. Wir glaubten, in dieser Welt nun als berufstätiger Erwachsener und als Familie wieder aufrecht leben zu können. Der Protest blieb natürlich trotzdem für Jahre ein Teil der Lebenskultur und war auch bitter nötig. Es folgten die großen Demonstrationen in Bonn, die Friedensbewegung, auf der ich dann schon mit meinen kleinen Kindern teilnahm, die AKW Bewegung, die ich nur noch von ferne mit ansah.
“Es hängt ne alte Klampfe an der Wand!”, sangen meine jugendbewegten Eltern nach dem Krieg. Für uns hingen irgendwann die Platten-Cover der Stones an der Wand und die Marx und Engels Bände, die bei jedem Umzug mitgeschleppt wurden, verschwanden irgendwann im Keller.
Abgesehen davon, dass ich noch keine Enkelkinder habe, es war schon kaum möglich, den eigenen Kindern zu vermitteln was damals los war. Für sie waren es sicher Geschichten von anno dazumal.
Vielleicht werden die Enkel oder die Urenkel wieder da anfangen, wo wir irgendwann aufgehört haben….
Was ist geblieben? Offenbar soviel, dass es den Medien und den Konservativen im Lande noch heute die Mühe wert ist, die 68er Generation zu verunglimpfen und für alles Mögliche, was danach kam, verantwortlich zu machen. Die RAF hatte sicher ihre Wurzeln in der 68Bewegung. Aber beide gleich zu setzen ist grundfalsch und ignorant. Genauso kann man sagen, die Frauenbewegung oder auch die Grünen hatten dort ihre Wurzeln - obwohl man davon mitunter nicht mehr viel merkt.
Aber es muss ganz klar gesagt werden, was dort keine Wurzeln hat:
die rechte Bewegung, die Neonazis, die zunehmende Gewalt in unserer Jugend, die Ziel- und Perspektivlosigkeit in der Jugend, der Niedergang der solidarischen Werte, die Zurücknahme der sozialen Absicherung und der politischen Zielsetzung einer Chancengleichheit…….
Das hat sich die Politik selber eingebrockt, indem sie sich in einem vermeintlichen Fortschrittsglauben an die Fersen der Wirtschaft und ihrer Allmacht geheftet hat.
“Wir brauchen wieder mal neue 68er”, seufzen die wenigen meiner Studenten, die sich nicht mit dem blinden und resignierten Hinterherhecheln hinter der neuen flexiblen und effizienten Lebensphilosophie begnügen wollen.
Ich hoffe, dass das nicht bis 2068 dauern wird.
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22.5.2008 von Mrs. Tapir.
Kurzgeschichte
Mechthild Seithe
Alltag: Gewalt in den Schulen
Von der anderen Seite der Kreuzung her kann jeden Moment ihr Bus auftauchen.
Sie sind ihr sofort aufgefallen. Ein ganzes Stück weiter vorne liefen sie quer über die stark befahrene Straße.
Im Gehen knüpft sie den Mantel zu. Es ist doch kühl geworden heute Nachmittag, kühler als sie gedacht hat. Die blasse Bläue des aufgerissenen Oktoberhimmels, der durch die Doppelglasscheiben des Büros so freundlich aussah, hat sie getäuscht. Im Bus wird es wieder warm sein, warm und eng. Sie hat es eilig, die Haltestelle zu erreichen.
Dennoch sind sie ihr gleich aufgefallen. Und jetzt, auf der anderen Straßenseite, stößt sie fast mit ihnen zusammen. Der Kleinste der Drei rempelt sie an. Er schwankt auf sie zu, stößt sie fast um, ohne, dass sie den Grund für sein Verhalten erkennen kann. Für eine Sekunde, länger, als es nötig wäre, sieht sie in seine Augen, sieht in etwas Dunkles und bleibt daran hängen. Sie sieht ein Gespenst. Jemand stürzt auf sie zu, die geöffneten Arme greifen nach ihr. So sieht kein Mensch entgegenkommende Passanten an. Solchen Blicken begegnet man nur in Albträumen! Trotzdem geht sie einfach weiter. Es ist besser, jetzt weiter zu gehen.
Jemand lacht.
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18.5.2008 von Mrs. Tapir.
Heimatlose
Ich bin fast gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
war, im Versteck,
bewegte sich
plötzlich hinter einem Brett
in einem Kasten neben dem Klosett
ohne Beinchen, stumm, fremd und nett
ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an, sah mich lange an.
Sann wohl hin und sann her,
wagte sich dann heran
und fragte mich:
“Wo ist das Meer?”
Ringelnatz
Auch das gehört zu meiner Bilanz:
Ich, von Geburt und danach Jahrzehnte lang Wessi , bin heute im Osten dieser Republik zu Hause und ich bin es gerne.
Irgendwann in der Mitte meines Lebens habe ich mich entschlossen, aus meiner Heimat im Westen in den Osten überzusiedeln.
Das ist jetzt 15 Jahre her.
Irgendwie war das Leben für mich im Westen eintönig und langweilig geworden. Der Wechsel versprach Abenteuer, Pionierarbeit, versprach, dass man noch einmal so richtig durcheinander geschüttelt werden würde, sein Leben würde neu sortieren müssen.
Und mich reizte die Chance, an dem größten soziologischen Experiment unserer Tage selber und unmittelbar teilzunehmen. Ich hatte Sympathie für die Bürger der ehemaligen DDR, glaubte ihnen helfen zu müssen dabei, sich in die neue Gesellschaftsordnung einzuleben, ohne darin unterzugehen.
Es war alles ganz anders.
Die ersten zwei Jahre entsprachen zwar in Etwa meinen Erwartungen. Alles war neu, aufregend, spannend. Dann kam so etwas wie ein Katzenjammer. Man war in den anderen Teil Deutschlands gegangen und dort in einer unglaublichen Fremde angekommen. Es hat Jahre gedauert, dass dieses mich permanent bedrückende Gefühl, in der Fremde zu sein, mich verließ und ich einfach nur da war, wo ich war, ohne alles in Ost und West aufzuteilen.
Ich vermisste in den ersten 5 Jahren meine westliche Heimat, ich vermisste das Selbstbewusste der Menschen, die Offenheit, mit der ich gewohnt war, dass alles ausgesprochen wurde, ich vermisste zu meiner eigenen Verwunderung auch den Komfort, die Bequemlichkeiten, den Reichtum, den Luxus, den Konsum und ich habe mich danach gesehnt, ihn verachten zu können ohne ihn entbehren zu müssen.
Mit den Menschen hier wurde ich selten warm. Sie verschlossen sich für mich in unerwarteten Momenten oder schlossen mich aus. Ich war zu direkt und doch irgendwie auch nicht direkt genug.
Viele Kollegen aus dem Westen sah ich nach 4, 5 Jahren die Segel streichen und zurück in die westliche Heimat gehen. Wenn ich in den Ferien oder auf Dienstreisen durch den Westen kam, atmete ich tief auf und fühlte mich mit einem mal frei, entspannt und gelassen, fand keineswegs alles gut und schön hier im Westen, konnte mich jedoch wieder sorgenfrei über so vieles mokieren oder aufregen, war einfach zu Hause.
Meine Illusion, dass mich hier im Osten irgendwer brauchen würde, war zerplatzt. Mir als Wessi schlugen vor allem Misstrauen und Vorbehalte entgegen. Ich machte eine Phase durch, wo ich mich innerlich ununterbrochen empörte über die Ossis, ihre langsame, gleichgültige Art z.B. bei der Bedienung in Geschäften, ihr vermeintliches Ungeschick, wenn es darum ging, etwas schön, angenehm, ansehnlich zu gestalten. Das Grau der Häuser, die Depressionen zerfallener Fabrikanlagen zogen mich runter. Vor allem eines aber machte mich wütend und empörte mich: die, wie mir schien, unglaublich naive Bereitschaft der Menschen, sich in unser kapitalistisches Gesellschaftssystem zu finden und sich ihm ganz und gar widerstandslos zu unterwerfen.
Und dann haben wir uns allmählich doch an einander gewöhnt.
Eine Urlaubsfahrt nach Neubrandenburg brachte den Durchbruch: Lange fragte ich mich, warum mir in Mecklenburg alles so heimatlich vorkam, obwohl damals in Mecklenburg noch vieles an die alte DDR erinnerte und es eigentlich nichts gab, was mir hätte bekannt vorkommen können. Bis ich begriff was es war: die Ebene, der Horizont, die Sprache, der Menschenschlag. Und ich entdeckte, dass es eben nicht nur Ost-West-Unterschiede gibt sondern ebenso Nord-Süd Unterschiede, die vielleicht für eine geborene Westfälin manchmal noch viel wichtiger sind. Ich versöhnte mich mit dem Osten weil er auch einen Norden hat.
Der Osten wurde so allmählich doch irgendwie ein Teil von mir.
m.s.
Wenn ich im Westen war, fehlte mir nun auf einmal ein Teil meines Lebens. Und dass im Westen niemand die neuen Bundesländer auch nur zur Kenntnis nahm, entfremdete mir die alte Heimat zusehends. Sie kamen mir nun hier alle blind, arrogant und ahnungslos vor und vor allem selbstgerecht.
Für den endgültigen Umschwung war schließlich die Idee eines Kollegen verantwortlich, der mir in meiner Heimatlosigkeit eines Tages riet, in eine möglichst nahe Weststadt zu ziehen und nach Jena zu pendeln. Er macht das seit 15 Jahren: Jena - Bremen - Jena - Bremen …. Und es geht ihm dabei gut.
Ich ging die infrage kommenden westdeutschen Großstädte durch, die nicht mehr als 200 km entfernt waren: Nürnberg, Kassel? Und dann kam mir die entscheidende Idee: Berlin. In Berlin hatte ich den Westen und den Osten in einem und konnte meine West- und Ostsehnsüchte an einem Ort befriedigen. Ich entdeckte Berlin für mich und fühle mich da pudelwohl.
Immer mehr lernte ich dann auch den Nordosten der Neuen Bundesländer kennen und schätzen: hier spricht man wie in dem Land meiner Kindheit, hier ist der Horizont weit und die Welt flach und ohne Grenzen und hier habe ich so vieles lieben gelernt: die Brandenburger Seen, das Tal der Oder, Berlin, Potsdam, Rostock….
Ich genieße es, beide Seiten zu verstehen und wenn sich Ost- und Westdeutsche darüber streiten, ob denn nun die Nord- oder die Ostsee schöner sei, lächele ich in mich hinein und denke, dass ich beide Geheimnisse kenne und genießen kann.
Wenn ich heute alle 14 Tage nach meinem Wochenendaufenthalt in meinem neuen Zuhause Brandenburg wieder von der Autobahn zurück ins Thüringische Saaletal einbiege, bin ich entzückt von dieser Gegend und dieser kleinen Großstadt - im Wissen, hier nicht alt werden zu müssen.
Ich bin also geblieben, zwar in Thüringen nie wirklich warm geworden aber doch inzwischen in Brandenburg heimisch. Vielleicht bin ich jetzt eine Ossi geworden. Ich scheue im Westen heute wie ein Ossi den ganz großen Lärm, das ganz große Gedränge, die Show, die Schaumschlägerei.
Meine Freunde sind zwar fast alle nach wie vor Wessis. Inzwischen habe ich aber auch gute Bekannte im Osten und lebe sogar mit einem Ossi zusammen. Manchmal stimmt es mich traurig, dass ich mit meiner westlichen Sozialisation alleine bin in unserer Beziehung, dass meine Nostalgie ganz andere Töne anschlägt als seine.
Und wenn ich in ein Gespräch gerate, im dem sich ausschließlich Ossis über frühere Zeiten austauschen, fange ich immer noch an, mich einsam zu fühlen.
Dennoch, ich möchte nicht zurück. Es käme mir vor, als wollte ich weiterleben und dabei die Augen verschließen, oder als würde ich mir selber einen Arm abhacken.
Und allmählich versanden die Gräben. Die jungen Menschen sind nur mehr schwer als Ossis oder Wessis zu identifizieren. Wenn ich mich als Wessi oute, sehe ich immer seltener jenes leise “Aha” in den Augen der anderen, bei dem die Türen zuschlagen. Die Situation bleibt jetzt offen. Die Menschen um mich haben an Selbstbewusstsein zugelegt. Das bringt mich ins Gleichgewicht mit ihnen.
Und nun besiegelt mein Ossi-Schicksal auch noch der schnöde Mammon: Ich habe immer lautstark Solidarität mit den Menschen im Osten bekundet, die deutlich weniger Geld für ihre Arbeit kriegen, obwohl der Lebensstandard hier nicht anders ist und die Lebenshaltungskosten sich längst nichts mehr tun. Aber ich hatte auch gut lachen: Ich wurde hier immer als Wessi bezahlt. Dieses Privileg habe ich 15 Jahre lang in Anspruch genommen. Und jetzt stellt sich heraus, meine Rente wird eine Ost-Rente sein.
Hoppla, sowas verbindet uns dann erst richtig!
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11.5.2008 von Mrs. Tapir.
Die Dichterin
So denkt an mich:
Auf eures Herzens Insel
dürstend
und ausweglos
bin ich verbannt
Yosana Akiho
Ich wollte Spuren legen.
Ich habe mein ganzes Leben gehofft, eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Mein ganzes Leben war davon gestimmt. Alles was ich tat und erreichte, war eigentlich nur mein Alltagsleben, eine Art Vorwand, zu leben. Mein “eigentliches Leben”, so dachte ich seit meinem 5. Lebensjahr, sei es, zu schreiben.
Ich habe auch geschrieben, als Kind, als Studentin, mit 40, mit 50…Ich habe es mitunter geschafft, diese Option ernst zu nehmen, mich wirklich anzustrengen, meine Produkte zu zeigen, meine Qualitäten zu schulen…
Von Anfang an war es vermutlich die Hoffnung, Spuren zu hinterlassen, war es der Wunsch, aus der Masse der Menschen herauszuragen, die Sehnsucht auf diese Weise mit der Menschheit kommunizieren zu können, Menschen zu finden, die fühlen wie ich und ihnen meine Sprache zu leihen.
m.s.
Von Anfang an hatte ich Angst davor, einfach unter den Milliarden Menschen meiner Zeit unterzugehen. Die Arroganz, etwas Besonderes sein zu wollen, stärkte mein Selbstbewußtsein, gab mir die Kraft, es mit dem Leben immer weiter aufzunehmen.
Mein wirkliches Leben, das vor allem aus Arbeit und Kinder bestanden hat, schien mir nicht genug an Befriedigung und Kraft abzuwerfen. Ich habe dieses Leben nie besonders wichtig genommen, war nie stolz darauf, empfand es ja sogar als Hinderungsgrund für meine angestrebte Karriere als Dichterin.
Fakt ist, dass meine Spuren, die ich in meinem Beruf zurücklassen werde, sicherlich größer und deutlicher sind, als die, die meine Gedichte und Texte hinterlassen werden.
Wenn man so will, habe ich mein Leben unter einem falschen Vorzeichen gelebt. Das soll nun vorbei sein.
Ich schreibe noch, habe noch Spaß daran, aber ich sehe, dass es in meinem Leben nicht die entscheidende Kraft gewesen ist, nur der entscheidende Traum.
Dennoch:
Dass meine literarische Homepage, die ich seit Jahren betreibe, nur von einer Hand voll Leuten pro Tage eingesehen wird, dass sich nur alle Jubeljahre jemand dazu aufrafft, mal ein Feedback zu geben, dass selbst meine Freunde immer wieder vergessen, dass es diese Homepage gibt und dass ich überhaupt schreibe… all das hat mich oft tief verletzt und traurig gemacht.
Bis ich eines Tages träumte, ich sei eine erfolgreiche Schriftstellerin und müsse nun ständig zu Lesungen fahren, um meinen Bestseller vorzustellen, Abend für Abend Autogramme geben und mich immer weiter vermarkten. Mir graute. Mir wurde übel. Ich wusste, als ich erwachte, dass diese Perspektive für mich eher ein Albtraum als eine Erfüllung sein würde. Was um alles in der Welt hätte ich davon? Absolut nichts als Stress, Druck, Anstrengungen… Das hat mich nachhaltig geheilt.
Aber es wäre schön, Texte zu schreiben, die andere auch berühren. Es ist schön, Texte zu schreiben, die mich selber beglücken. Das sollte genügen.
Und ich werde es weiter tun. Lese es, wer will.
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7.5.2008 von Mrs. Tapir.
Mechthild Seithe
Kurzgeschichte
Der Nebel hatte sich inzwischen fast vollständig verzogen. Sie waren den Burgberg durch einen lichten, noch ganz kahlen Buchenwald hinaufgefahren. Die Sonne kam gerade vorsichtig heraus und warf schwache Schatten mit weichen Konturen. Plötzlich war vor ihnen die Burg aufgetaucht.
Außer ihnen stand zu dieser Vormittagsstunde nur noch ein einziges Auto verloren auf dem Parkplatz an der Burg. Sie stellte den Motor aus und während sie den Schlüssel abzog, ging es ihr plötzlich durch den Kopf, wie sehr sie sich in den vergangenen Monaten so einen Tag wie heute herbeigewünscht hatte. Und nun war alles so einfach, so selbstverständlich, so als könne es gar nicht anders sein. Sie waren zusammen und besuchten an diesem Aprilsamstag irgendein Schloss, einfach weil es Freude machte und weil sie gerne zusammen waren.
Sie stiegen aus, atmeten beide erfreut die noch kühle, frische Luft ein und reckten sich ein wenig. „Es gibt hier einen hübschen Burggarten“, sagte er. Und sie wandten sich dem Eingang dieses Gartens zu, der gleich neben dem Parkplatz lag. Sie stiegen ein paar verwitterte Treppenstufen hinauf, aus deren Ritzen und Fugen überall aprilfrisches Grün von Moos und kleinen Kräutern hervor drängte und traten durch das schmiedeeiserne, schmale Tor. Er liess ihr den Vortritt. Und da stand sie mit einem Mal in einem verwunschnen Garten, hinter dessen dichten Hecken der Frühling bereits begonnen hatte, seinen Zauber auszuschütten. Zwischen hohen, noch blattlosen Bäumen wandten sich schmale, eingefasste Pfade hindurch. Und wo man nur hinsah standen in kleinen Gruppen an den Wegrändern intensiv blaue, weisse und sonnengelbe Frühlingsblumen und leuchteten auf dem braunen, mit Herbstblättern bedeckten Boden. Die Forsythienbüsche verteilten sich wie helle Frühlingsfeuer über die Berg- und Hügellandschaft, in der der Garten angelegt war.
„Hier ist ja schon Frühling!“, sagte sie entzückt und sah ihn strahlend an. „Ich hatte dir doch angekündigt: Wir machen eine Reise in den Frühling!“ Er lächelte und griff nach ihrer Hand.
Sie wehrte sich nicht.
Und während sie nun Hand in Hand kreuz und quer durch die kleinen, verschlungenen Wege des Burggartens schlenderten, spürte sie die altbekannte und so vermisste Wärme in sich aufsteigen. Sie hatte sich so lange danach gesehnt: nach seiner Hand, nach seinem Körper neben ihr, nach seiner Stimme, seinem Gesicht mit den leicht geröteten Wangen und den hellen Augen unter dem schon ein wenig grauen Haarschopf. Sie hatte sich gesehnt und hatte es sich immer wieder aus dem Kopf geschlagen und hatte sich dennoch gesehnt.
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6.5.2008 von Mrs. Tapir.
zum Thema I meiner Bilanz “Unterm Strich ” dieser wunderbare Nachtrag:
Joachim Ringelnatz
Ich habe meinen Soldaten aus Blei
Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
Mir selber ging alle Ehre vorbei,
Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.
Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.
Da würde ich spuken.
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4.5.2008 von Mrs. Tapir.
Radwechsel
Ich sitze am Straßenrand.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?
Bertholt Brecht
Eine Inventur hatte ich vor, eine Analyse all dessen, was da noch ist, was da noch Wert hat, was da noch zählt. Es ist mir wohl kaum gelungen, diesen Prozess hier in meinem Blog deutlich zu machen, obwohl ich doch vorhatte, Inventur zu betreiben, und das so offen, dass alle zusehen können.
Aber sie hat dennoch stattgefunden, langsam, seit Jahren. Sie hat auch im letzten Jahr stattgefunden. Und dieser Tage entdecke ich: Ich habe den Prozess zumindest soweit abgeschlossen, dass ich ein Ergebnis sehe:
Der Prozess begann mit der schmerzhaften Erkenntnis vor etwa 15 Jahren, dass nicht mehr meine Generation es war, die das Heft in der Hand hielt. Ich begann, zum alten Eisen zu gehören. Lange Zeit hat mich diese Erfahrung verletzt und wütend gemacht.
Inzwischen tut es nicht mehr weh. Im Gegenteil, es hat sogar etwas Befreiendes.
Der Prozess bestand vor allem aus Abschieden, aus Abschieden nicht von Träumen – denn denen fühle ich mich näher als vorher – sondern aus Abschieden von der Illusion, wichtig zu sein für diese Welt und von dem Zwang, dies sein zu wollen. Allmählich ist mir der Verzicht geglückt auf den ständigen Willen und Wunsch, immer wieder noch mehr erreichen zu müssen und zu können, besser sein zu wollen, andere zu übertreffen, ihnen das Wasser reichen zu können, genauer, sie zu übertrumpfen, sie zu überragen.
Ich weiß, dass ich dieses Lebensgefühl mit sehr vielen Menschen geteilt habe. Ich bin ein Kind meiner Zeit und nicht bescheiden, zufrieden, dankbar und mit der Wirklichkeit versöhnt, sondern immer bereit, jeden Ehrgeiz mitzumachen, mir jede Anforderung, jede Herausforderung anzuziehen.
Von all dem habe ich in kleinen Schritten mühsam und schmerzhaft, aber inzwischen ein wenig erleichtert, ja fast staunend Abschied genommen und mit der bescheideneren Wirklichkeit Frieden geschlossen.
Ich habe begriffen, dass ich null und nichts davon hätte, wenn ich z.B. noch fünf Fachbücher mehr geschrieben hätte, wenn mein Name täglich in der Zeitung stehen würde, wenn mich viele kennen und sogar bewundern würden. Ich habe mich im Beruf in das gefunden, was ich kann und was ich schaffe und verzichte auf jede weitere Herausforderung, auch wenn die Kollegen um mich herum platzen vor Plänen und Perspektiven, vor Eitelkeit und Arroganz, vor Triumphen und Erfolgen. Macht es alleine, nicht mit mir, nicht mehr!
m.s.
Ich muss nirgends mehr ankommen, muss niemandem noch etwas beweisen, kann es mir leisten, zu zu schauen, zu beobachten, aber auch zu tun und zu genießen, was noch zählt, was noch geht und was noch wert ist, es zu leben. Ich brauche keine Schätze mehr anzuhäufen, keine Leistungen mehr vorzulegen. Ich habe mein Teil getan, um diese Welt dabei zu unterstützen, sich weiter zu drehen.
So reden alte Leute?
Möglich. Ich bin nicht mehr jung. Ich spüre es in allen Knochen und auch mental, dass ich bald 60 Jahre gelebt habe und dass man dabei Federn und Kräfte verliert.
Aber man gewinnt auch dabei, nicht nur körperliche Beschwerden und alle möglichen Behinderungen, sondern auch Einsichten und Erfahrungen und Mut.
Ich bin bescheiden geworden und endlich zufrieden mit meinem Leben.
Vielleicht werde ich keine Spuren hinterlassen. Aber was nutzen die tollsten Spuren dem, der tot ist?
Ich traue mich nun viel mehr als früher, zu tun, was mir beliebt: den Anblick einer Blume zu genießen, einem Gedanken nachzuhängen, die laute und aufdringliche Welt um mich ab und an einfach zu ignorieren, in die andere Richtung zu laufen als in die, die gerade in ist, etwas anders zu machen, als üblich, etwas anderes zu erstreben, als das, was angeblich das Beste ist.
Ich habe Lust, Dinge zu tun, die mir einfach nur Freude bereiten oder auch solche, die meiner Wut endlich Luft machen. Und ich habe Lust, etwas zu tun, das in sich wirklich sinnvoll ist, nicht nur mir dient und mich herausstellt, sondern einfach für sich Sinn macht.
Ich fühle mich jetzt, wo ich die letzte Etappe meiner Reise angetreten habe, mehr als Teil dieser Welt, als ich es je getan habe und gleichzeitig unabhängiger von ihr und den anderen Menschen, als ich es je sein konnte.
Vielleicht dauert diese Etappe noch 20 Jahre, vielleicht nur 20 Tage. Das ändert nichts.
Die Scham ist vorbei, so hieß ein für mich vor vielen Jahren bahnbrechendes Buch. Heute würde ich ergänzen: der Ehrgeiz auch und das Schielen nach dem, was erwartet wird.
Als ich 50 wurde, habe ich leise zu mir gesagt: 50 Jahre hast du mehr oder weniger gemacht, was von dir erwartet wurde, ab jetzt machst du das, was du willst.
Heute sage ich es laut.
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