Die Welle

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Große Lust hatte ich nicht, mit meiner 20jährigen Tochter in diesen Film zu gehen. Da ich aber erlebt hatte, wie beeindruckt und auch entsetzt sie reagiert hatte, als sie zum ersten Mal in diesem Film war, wie sehr er sie noch lange danach beschäftigt hatte, bin ich gestern also drin gewesen.

http://www.kino-zeit.de/filme/artikel/trailer_8700_di

Mit einem gewissen Vergnügen habe ich festgestellt, dass man mit 60 doch weitaus gelassener und abgebrühter auf so einen Film reagiert als mit 20. Genervt hat mich eigentlich nur die grelle und überlaut vorgeführte Jugendszene als solche, aber geschenkt, der Film soll ja wohl nicht ältere Mütter erfreuen…

Ein Lehrer unternimmt eine Art Selbstversuch in Sachen faschistoide Gruppendynamik, kann das Experiment nicht rechtzeitig stoppen, es bekommt eine für ihn überraschende Eigendynamik und irgendwo gefällt ihm auch seine neue Rolle und die daraus erwachsende Autorität und der pädagogische Erfolg bei seinen Schülern – denn alle sind plötzlich hoch motiviert und begeistert bei der Sache.
www.spielfilm.de/kino/30912/die-welle.html
Der Weg der Gruppe führt über die Erfahrung von Gemeinschaft und Begeisterung für sie zur Erleichterung, endlich nicht mehr im Konkurrenzkampf stehen zu müssen, nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Dann folgt die Bereitschaft, die Verantwortung an den „Führer abzugeben “ und schließlich stellt sich das allgemeine Gefühl in der Gruppe ein, besser, anders, mächtiger zu sein als alle, die nicht zu ihnen gehören. Es wächst die Gewaltbereitschaft nach außen, schließlich ist es ein Leichtes, dieser ziellosen Bewegung ein aus der Luft gegriffenes politisches, faschistisches Ziel unterzujubeln. Der Lehrer Wenger steht am Ende als der Schuldige da, als einer, der zu weit gegangen ist, der seine SchülerInnen zu Gewalt und verführt hat. Letztlich ist er für die Filmemacher aber die mutige Figur, die bereit ist, zu zeigen, was möglich ist in unserer Gesellschaft : der Schoss ist fruchtbar noch….

Eben habe ich mir das Vergnügen gemacht, die im Internet zugängliche Lehrerliteratur zur pädagogischen Einverleibung dieses Filmes zu lesen. Gar nicht so dumme Gedanken sind dabei, aber schon beim Lesen spürt man, das Schule es schaffen wird, auch hier bei Schülern den Ruf auszulösen: „Ach bitte, nicht wieder die Welle, die hängt uns jetzt schon zum Hals raus!“ Die Begeisterung vieler SchülerInnen für den Film und die Art und Deutlichkeit mit der er seine Botschaft klar stellt, ohne zu moralisieren und zu bedrängen, die ich im Internet lese, könnte so wieder kaputt gehen …

Was mich aber selber beunruhigt am Film, an dem Lehrermaterial und an den Reaktionen der Jugendlichen:
Hier wird eine faschistoide Bewegung und Orientierung entlarvt und verpönt, gut, das gelingt, – aber als Alternative dazu wird nur etwas blass und blutleer von der Verteidigung der Demokratie gesprochen. Und wie bitte, sollen die heutigen ziel- und lustlosen Jugendlichen dafür Motivation bekommen? Die Appelle zur Menschlichkeit und zur Demokratie (was immer das auch sein soll) bleiben bloße Appelle, sie haben keinen Inhalt und kein Ziel , sie gehen niemandem wie ein Ruck durch den Körper und das Leben, wie es die Welle konnte. Es gibt im Film auch keinen Versuch, der demonstrierten unterdrückenden Gemeinschaftsideologie etwas entgegen zu stellen , was wirklich Solidarität und Toleranz bedeuten könnte.
Und es gibt außerdem null Ansatz, die gegenwärtige gesellschaftliche Situation infrage zustellen: Man stöhnt über das Konkurrenzdenken, über Egoismus, Nullbockstimmung und Perspektivlosigkeit der Jugend (Zitat: „Wo gegen sollen wir denn eigentlich noch protestieren?“). Aber sie und die Gesellschaft, die sie hervorgerufen hat, werden als gegeben hingenommen. als unveränderbare Phänomene. Der Eindruck wird erweckt, dass unsere Gesellschaft trotz ihrer Probleme eben doch die beste von allen ist, weil sie schließlich demokratisch ist. Und so entsteht die Vorstellung „die Demokratie, die haben wir ja in unserer Gesellschaft. Deshalb müssen wird diese Gesellschaft verteidigen“ (im Zweifel am Hindukusch).

Kritik an der Ungleichheit unserer Gesellschaft, an der Allmacht des Marktes, an der Ausgrenzung von Menschen, an der Unterdrückung der Armen durch die Reichen, die kommt im Film eigentlich nicht vor.
Oder doch: Ganz am Ende findet man sie in der Rede des Lehrers am letzten Tag. Aber hier dient sie ihm als einschleichende aufpeitschende Argumentation, um schließlich bei den Wellemitgliedern die Bereitschaft „zum totalen Krieg“ gegen alle Andersdenkenden herauszufordern.
Linke Gesellschaftskritik in einem Atem mit faschistischem Gebaren und faschistischem Gedankengut also. Dass die Nazis genau das versuchen, ist sicher korrekt beobachtet. Aber dass auch dieser Film linke Argumentationen, menschliche Ideale wie Gerechtigkeit und Chancengleichheit ausschließlich als trojanisches Pferd für rechte Ideologie vorführt und nutzt – das gibt mir gewaltig zu denken.

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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