S-Bahn Begegnung

Ich kriege sie nicht mehr aus meinem Kopf.

Wer täglich mit der S-Bahn in Berlin herum fährt, wird sich sicher nicht darüber wundern, denn die Arbeitslosen und HartzIV Empfänger, die zwischendurch zusteigen und dann höflich um eine Geldspende bitten, gehören sicher auf allen Strecken zum Alltag. Die meisten Fahrgäste reagieren nicht, selten aber reagieren sie irgendwie ungehalten. Die ständige Konfrontation mit dem Schicksal der vielen, die es sehr viel schlechter getroffen haben in unserem Land, ist offenbar tolerierte Zeiterscheinung.

Als sie herein kam, war ich von ihren Augen fasziniert. Sie waren klug und gütig. Ihre kleine Rede trug sie selbstbewusst vor, keineswegs bettelnd oder devot. Und neben ihrem sicheren Auftreten war sie gleichzeitig,vorsichtig, behutsam fast sanft zu uns. Sie sprach von ihren unerträglichen Schmerzen und freute sich über die Sonne, die gerade für einen Moment herausgekommen war. Und dann trug sie ein Frühlingsgedicht vor, das sie mit den Worten kommentierte: „Ich schreibe ein bisschen, irgendwas muss man ja machen.“ Ich war berührt. Ihr Blick hatte etwas Vertrautes, wie der Blick einer Freundin.
Ja, so könnte es auch enden, dachte ich schockiert: alt, alleine, mit Schmerzen, die nicht zu bändigen sind, weil die Medikamente und der Arzt so viel kosten, darauf angewiesen, die Mitmenschen um Hilfe zu bitten. So aber, ohne sich irgendetwas dabei zu vergeben, so würde ich es nie können. Ich bewunderte sie und blieb etwas verwirrt zurück, als sie weiter ging und ich ihre sanfte, deutliche Stimme ein paar Sitzreihen weiter erneut hörte. Ich musste den Drang unterdrücken, sie nach ihrem Namen zu fragen, nach ihrem Leben.

Möglicherweise ist das alles nur ihr Betteltrick gewesen. Vielleicht kennen die Leser meines Blogs sie auch. Vielleicht kennt sie schon jeder in Berlin. Sei’s drum. Ich gönne ihr diese Fähigkeiten, andere zu rühren und wünsche ihr viel Erfolg!

Bevor ich dieses Posting losschicke, habe ich man ein wenig recherchiert nach Bettelei in der U-Bahn und bin dabei auf einen interessanten Disput gestoßen.

Ein schönes Beispiel für Meinungsbildung und dafür, wie wichtig es ist, sein Andersdenken nicht zu verschweigen sondern mitzureden: flugs steht keiner mehr zu seinen vorigen Vorurteilen, zu mindest im Chat.

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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