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April 2008
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Archive für April 2008

Ich höre

Die anderen hören,

wass du sagst.

Ich aber höre,

was du nichts sagst.

Toyotama Tsuno (übersetzt von M. Hausmann)

Inventur abgeschlossen - was bleibt unterm Strich?

kreuzung-kl.jpg

der gepflasterte und der getretene Weg

Vor einem Jahr habe ich dieses Blog begonnen. Meine Vorstellung war, das Blog dazu zu nutzen, sozusagen vor den Augen der Welt, Bilanz zuziehen, was mein Leben betrifft. Inventur hatte ich angekündigt und alle eingeladen, in mein Glashaus zu kommen und dabei zu sein.

Vielleicht macht man so etwas eigentlich hinter verschlossenen Türen und teilt das Ergebnis im besten Fall den Freunden und dem Lebenspartner mit. Aber ich habe dennoch das Bedürfnis meine Erkenntnisse über mich und die Welt ins Netz zu stellen. Vielleicht knüpft jemand daran an? Vielleicht interessiert es andere, die sich mit ähnlichen Problemen herumgeschlagen haben oder noch herumschlagen? Vielleicht finden andere Menschen es spannend, zu welchen Ergebnissen ich gekommen bin?

Dies ist keine abschließende Inventur. Die Welt geht weiter, auch mein Leben geht weiter, eine Weile zumindest noch. Vielleicht werde ich das eine oder andere in ein paar Jahren anders einschätzen und anders sehen.
Jetzt bin ich an einem Punkt, wo vor mir der Ruhestand liegt. In wenigen Jahren habe ich ein langes und durchaus erfülltes aber auch anstrengendes Berufsleben hinter mir und die Streusandbüchse wird meine einzige Heimat sein. Ich lasse das nicht einfach auf mich zu kommen. Ich habe immer schon ein wenig früh mit der Vorbereitung auf Ereignisse angefangen. Meine Eltern lachten, wenn ich als Kind im Oktober meine Weihnachtsgeschenke gebastelt habe.
Ich werde deswegen vielleicht trotzdem den Schock nicht einfach wegstecken können, den viele erleben, wenn ihr Rentenalter erreicht ist. Aber ich habe eben jetzt und heute das dringende Bedürfnis, die letzten 60 Jahre für mich abzuschließen, mich neu zu definieren und einzurichten in dieser Welt.
Das Ergebnis meiner Inventur wird zeigen, was ich hinter mir lassen kann, was in meinem künftigen Leben noch Platz haben wird, was unterm Strich übrig bleibt, was mir noch wichtig ist und was ich mitnehmen werde in die andere, die späte und letzte Lebensphase.

Meine Gedanken und Überlegungen dazu werde ich nach und nach hier einstellen. Lese sie wer will.

Jeden Sonntag ist Inventurtag.

Partnerin eingetroffen

Kurze Meldung: Zu meiner großen Freude ist die Partnerin unseres Dorfstorches gestern auch eingetroffen. Jetzt stehen beide oben auf dem Nest und putzen sich. Es kann also los gehen.

Immerhin

Langsam war beim Wettlauf Eutychides;

aber zur Mahlzeit lief er. Und wer ihn sah,

sagte: “Eutychides fliegt!”

Lukianos 

Sumpfdotterblume

Wie habe ich diese Wiesen- und Moorblume als Kind geliebt!

sumpfdotter.JPG

Und als wir uns vor zwei Jahren im Garten einen Sumpfteich anlegten, kaufte ich natürlich so eine Blume.
Aber sie kränkelte im ersten Jahr und kränkelte im 2. Jahr vor sich hin. Kaum dass eine Blüte wirklich in aller Schönheit , glänzend gelb aufging. Die Pflanze breitete sich nicht aus, die Blätter wurden braun, die Blüten verfaulen am Stiel.

Und in diesem Frühling, wo unser ganzer Garten seit Januar überschwemmt da steht, wo meine Zwiebeln im Boden verfaulen und die Stauden im Grundwasser ersticken und vertrocknen, da findet Madam es einfach wunderbar:

Kein Virus weit und breit: Sie blüht und wuchert, ihre goldenen Tupfer trösten mich über die Öde der neu aufgeschütteten Erdeflächen hinweg. Wie sagt man? Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall …

Klimakatastrophe im Kleinen

Auf dem Weg zu meiner Streusandbüchse höre ich Radio eine Sendung im Deutschlandfunk über die Perspektiven der Klimaveränderung. Da wird hervorgehoben, dass insbesondere für Brandenburg erwartet wird, dass dort in Zukunft Trockenheit herrscht. Es ginge z.B. darum, gegen Hitze und Trockenheit unempfindliche Pflanzen anzusiedeln….

Im komme im Dunklen an. Unsere Straße ist wegen Unpassierbarkeit gesperrt. Ich tapse durch Pfützen ins Haus. Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, ist mal wieder und immer noch Land unter um unser Haus. Und was nicht ersoffen und verfault ist im Garten haben die Schnecken und die Vögel geholt.

Trockenheit stelle ich mir eigentlich anders vor.

Leben

Dann also
wünschen Sie gar nicht
lange zu leben?
fragte der Arzt.
Mein Herz schwieg.

Iskikawa Tabubaku

Was ist konservativ?

Im Allgemeinen habe ich es nicht besonders gerne, wenn meine StudentInnen mitten im Seminar in heftige Dispute zu zweit verfallen. Ich nehme realistischer Weise an, dass das Thema nicht viel mit meinem Seminar zu tun haben wird. Aber dem ist nicht immer so. In dieser Seminareinheit ging es um die veränderte Kindheit heute, im Vergleich zu früheren Zeiten. Nostalgie brach unter den Studierenden aus, Kopfschütteln über die Bedingungen, die Kinder heute vorfinden. Andere fanden, dass die Kinder heute genau so Kinder sind und glücklich sein können wie früher.
Nach dem Seminar kommt Anja zu mir und man merkt ihr ihre innere Aufregung noch richtig an. Sie habe sich mit ihrer Nachbarin Nadja gestritten: Die hätte die Meinung vertreten, dass in unserer Zeit so vieles wegbrechen würde, was früher gut war, was die Menschen glücklicher machte und ihnen bessere Bedingungen bot, im Leben zurecht zu kommen. Sie aber vertrete den Standpunkt, dass es dumm und albern sei, immer nur dem Gestrigen hinterher zu jammern. Natürlich bringe die neue Zeit neue Herausforderungen mit sich, aber die müsse man eben offensiv und aktiv angehen, statt sich gegen jede Veränderung zu wehren und abzuschotten….

Ein spannendes Thema. Und die Posititionen spalten die ganze Gruppe. Diejenigen, die Verluste konstatieren im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten gelten bei den anderen als Dinosaurier, als konservativ, als Träumer, als lebensuntüchtig und von gestern.
Die anderen haben die Begriffe Zukunft und Moderne auf ihrer Seite und die Realität. Und ich denke, es ist die Mehrheit.
Junge Leute kommen sich albern und simperlich vor, wenn sie die Zukunft und die Gegenwart nicht mit offenen Armen begrüssen und annehmen, sich ihr stellen. Sie trauen sich immer zu, mit ihr klar zu kommen und das Beste daraus machen zu können. Der Blick zurück erscheint ihnen feige und lahm.
Aber ist alles, was die Moderne mit sich bringt, besser? Bedeutet modern automatisch fortschrittlich?
Da hatten wir es früher einfacher.
Als ich studierte war das so und es war klar und eindeutig: Diejenigen, die das Bestehende oder Vergangene erhalten wollten, hielten den gesellschaftlichen Fortschritt auf. Veränderung bedeutete damals immer - davon waren wir überzeugt - eine Veränderung zum Besseren, zu mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit.
Heute ist das ganz sicher so einfach nicht mehr. Wenn mir einer sagt, früher gab es einen besseren Kündigungsschutz und ich bedauere, dass der so nicht mehr besteht, dann stemmt er sich gegen moderne Entwicklungen, die keineswegs, einfach weil sie modern sind und scheinbar der Zukunft geschuldet, fortschrittlich sein müssen.
Wenn mir jemand sagt, heute gibt man sich halt nicht mehr ab mit der Frage, ob alle die gleichen Bildungschancen haben, weil Ungleichheit einfach gesellschaftlicher Normalzustand ist, dann kann ich nur sagen: diesen Verlust gesellschaftlicher Verantwortung empfinde ich als Rückschritt der Menschheit.

Vielleicht ist es unter den heutigen Bedingungen besonders für junge Leute sehr schwer, nicht mit zu schwimmen, mit zu stürmen nach vorne zu den unbegrenzten globalen Chancen einer Gesellschaft, einer Gesellschaft freilich, die mit hohen Risiken droht. Aber wenn man jung ist, dann denkt man stets, ich doch nicht. Risiken treffen höchstens die anderen. Und so schlimm wird’s wohl nicht werden.

Und so kommt es wohl, dass man auch als Professor leicht in den Dinosaurier-Sack gesteckt wird, weil man es sich leisten kann, darauf hinzuweisen, dass nicht alles, was die Moderne mit sich bringt, für die Menschheit bekömmlich ist und sein wird.

Die Welle

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Große Lust hatte ich nicht, mit meiner 20jährigen Tochter in diesen Film zu gehen. Da ich aber erlebt hatte, wie beeindruckt und auch entsetzt sie reagiert hatte, als sie zum ersten Mal in diesem Film war, wie sehr er sie noch lange danach beschäftigt hatte, bin ich gestern also drin gewesen.

http://www.kino-zeit.de/filme/artikel/trailer_8700_di

Mit einem gewissen Vergnügen habe ich festgestellt, dass man mit 60 doch weitaus gelassener und abgebrühter auf so einen Film reagiert als mit 20. Genervt hat mich eigentlich nur die grelle und überlaut vorgeführte Jugendszene als solche, aber geschenkt, der Film soll ja wohl nicht ältere Mütter erfreuen…

Ein Lehrer unternimmt eine Art Selbstversuch in Sachen faschistoide Gruppendynamik, kann das Experiment nicht rechtzeitig stoppen, es bekommt eine für ihn überraschende Eigendynamik und irgendwo gefällt ihm auch seine neue Rolle und die daraus erwachsende Autorität und der pädagogische Erfolg bei seinen Schülern - denn alle sind plötzlich hoch motiviert und begeistert bei der Sache.
www.spielfilm.de/kino/30912/die-welle.html
Der Weg der Gruppe führt über die Erfahrung von Gemeinschaft und Begeisterung für sie zur Erleichterung, endlich nicht mehr im Konkurrenzkampf stehen zu müssen, nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Dann folgt die Bereitschaft, die Verantwortung an den “Führer abzugeben ” und schließlich stellt sich das allgemeine Gefühl in der Gruppe ein, besser, anders, mächtiger zu sein als alle, die nicht zu ihnen gehören. Es wächst die Gewaltbereitschaft nach außen, schließlich ist es ein Leichtes, dieser ziellosen Bewegung ein aus der Luft gegriffenes politisches, faschistisches Ziel unterzujubeln. Der Lehrer Wenger steht am Ende als der Schuldige da, als einer, der zu weit gegangen ist, der seine SchülerInnen zu Gewalt und verführt hat. Letztlich ist er für die Filmemacher aber die mutige Figur, die bereit ist, zu zeigen, was möglich ist in unserer Gesellschaft : der Schoss ist fruchtbar noch….

Eben habe ich mir das Vergnügen gemacht, die im Internet zugängliche Lehrerliteratur zur pädagogischen Einverleibung dieses Filmes zu lesen. Gar nicht so dumme Gedanken sind dabei, aber schon beim Lesen spürt man, das Schule es schaffen wird, auch hier bei Schülern den Ruf auszulösen: “Ach bitte, nicht wieder die Welle, die hängt uns jetzt schon zum Hals raus!” Die Begeisterung vieler SchülerInnen für den Film und die Art und Deutlichkeit mit der er seine Botschaft klar stellt, ohne zu moralisieren und zu bedrängen, die ich im Internet lese, könnte so wieder kaputt gehen …

Was mich aber selber beunruhigt am Film, an dem Lehrermaterial und an den Reaktionen der Jugendlichen:
Hier wird eine faschistoide Bewegung und Orientierung entlarvt und verpönt, gut, das gelingt, - aber als Alternative dazu wird nur etwas blass und blutleer von der Verteidigung der Demokratie gesprochen. Und wie bitte, sollen die heutigen ziel- und lustlosen Jugendlichen dafür Motivation bekommen? Die Appelle zur Menschlichkeit und zur Demokratie (was immer das auch sein soll) bleiben bloße Appelle, sie haben keinen Inhalt und kein Ziel , sie gehen niemandem wie ein Ruck durch den Körper und das Leben, wie es die Welle konnte. Es gibt im Film auch keinen Versuch, der demonstrierten unterdrückenden Gemeinschaftsideologie etwas entgegen zu stellen , was wirklich Solidarität und Toleranz bedeuten könnte.
Und es gibt außerdem null Ansatz, die gegenwärtige gesellschaftliche Situation infrage zustellen: Man stöhnt über das Konkurrenzdenken, über Egoismus, Nullbockstimmung und Perspektivlosigkeit der Jugend (Zitat: “Wo gegen sollen wir denn eigentlich noch protestieren?”). Aber sie und die Gesellschaft, die sie hervorgerufen hat, werden als gegeben hingenommen. als unveränderbare Phänomene. Der Eindruck wird erweckt, dass unsere Gesellschaft trotz ihrer Probleme eben doch die beste von allen ist, weil sie schließlich demokratisch ist. Und so entsteht die Vorstellung “die Demokratie, die haben wir ja in unserer Gesellschaft. Deshalb müssen wird diese Gesellschaft verteidigen” (im Zweifel am Hindukusch).

Kritik an der Ungleichheit unserer Gesellschaft, an der Allmacht des Marktes, an der Ausgrenzung von Menschen, an der Unterdrückung der Armen durch die Reichen, die kommt im Film eigentlich nicht vor.
Oder doch: Ganz am Ende findet man sie in der Rede des Lehrers am letzten Tag. Aber hier dient sie ihm als einschleichende aufpeitschende Argumentation, um schließlich bei den Wellemitgliedern die Bereitschaft “zum totalen Krieg” gegen alle Andersdenkenden herauszufordern.
Linke Gesellschaftskritik in einem Atem mit faschistischem Gebaren und faschistischem Gedankengut also. Dass die Nazis genau das versuchen, ist sicher korrekt beobachtet. Aber dass auch dieser Film linke Argumentationen, menschliche Ideale wie Gerechtigkeit und Chancengleichheit ausschließlich als trojanisches Pferd für rechte Ideologie vorführt und nutzt - das gibt mir gewaltig zu denken.

S-Bahn Begegnung

Ich kriege sie nicht mehr aus meinem Kopf.

Wer täglich mit der S-Bahn in Berlin herum fährt, wird sich sicher nicht darüber wundern, denn die Arbeitslosen und HartzIV Empfänger, die zwischendurch zusteigen und dann höflich um eine Geldspende bitten, gehören sicher auf allen Strecken zum Alltag. Die meisten Fahrgäste reagieren nicht, selten aber reagieren sie irgendwie ungehalten. Die ständige Konfrontation mit dem Schicksal der vielen, die es sehr viel schlechter getroffen haben in unserem Land, ist offenbar tolerierte Zeiterscheinung.

Als sie herein kam, war ich von ihren Augen fasziniert. Sie waren klug und gütig. Ihre kleine Rede trug sie selbstbewusst vor, keineswegs bettelnd oder devot. Und neben ihrem sicheren Auftreten war sie gleichzeitig,vorsichtig, behutsam fast sanft zu uns. Sie sprach von ihren unerträglichen Schmerzen und freute sich über die Sonne, die gerade für einen Moment herausgekommen war. Und dann trug sie ein Frühlingsgedicht vor, das sie mit den Worten kommentierte: “Ich schreibe ein bisschen, irgendwas muss man ja machen.” Ich war berührt. Ihr Blick hatte etwas Vertrautes, wie der Blick einer Freundin.
Ja, so könnte es auch enden, dachte ich schockiert: alt, alleine, mit Schmerzen, die nicht zu bändigen sind, weil die Medikamente und der Arzt so viel kosten, darauf angewiesen, die Mitmenschen um Hilfe zu bitten. So aber, ohne sich irgendetwas dabei zu vergeben, so würde ich es nie können. Ich bewunderte sie und blieb etwas verwirrt zurück, als sie weiter ging und ich ihre sanfte, deutliche Stimme ein paar Sitzreihen weiter erneut hörte. Ich musste den Drang unterdrücken, sie nach ihrem Namen zu fragen, nach ihrem Leben.

Möglicherweise ist das alles nur ihr Betteltrick gewesen. Vielleicht kennen die Leser meines Blogs sie auch. Vielleicht kennt sie schon jeder in Berlin. Sei’s drum. Ich gönne ihr diese Fähigkeiten, andere zu rühren und wünsche ihr viel Erfolg!

Bevor ich dieses Posting losschicke, habe ich man ein wenig recherchiert nach Bettelei in der U-Bahn und bin dabei auf einen interessanten Disput gestoßen.

Ein schönes Beispiel für Meinungsbildung und dafür, wie wichtig es ist, sein Andersdenken nicht zu verschweigen sondern mitzureden: flugs steht keiner mehr zu seinen vorigen Vorurteilen, zu mindest im Chat.