Arme Kinder – arme Gesellschaft!

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Mein Kollege erzählt, in Leipzig und Umland würden 33% aller Kinder von Hartz IV leben müssen. „In Gelsenkirchen sind es 40%“, sage ich und wir sehen beide betreten vor uns hin. Was ist das für eine Gesellschaft? Eine arme Gesellschaft? Wohl kaum. Arm ist sie höchstens in dem Sinne, dass sie einem Leid tun kann, dass so etwas möglich ist.

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Kinderfresserin; Pestsäule aus einem Dorf im Weinviertel bei Wien ;
damals sicher ein Bild, das die überstandene Hungersnot anzeigte;
vielleicht ist es heute mehr als allegorische Darstellung zu sehen:
Gesellschaft frißt ihre Kinder

„In Leipzig gibt es eine Aktion „Weihnachtsgeschenke“ für diese Kinder“, sagt mein Kollege wieter.“Tatsächlich müssen viele der betroffenen Eltern Weihnachten für ihre Kids einfach ausfallen lassen. Und wenn es im Januar dann heißt ‚Bringt euer schönstes Weihnachtsgeschenk mit in die Schule‘, dann bleiben diese Kinder lieber mal zu Hause …. Irgendjemand hat deshalb diese Aktion gestartet: Wenn du in eins der Leipziger Warenhäuser gehst, kann du dir einen der Wunschzettel mit reinnehmen, die solche Kinder verfasst haben und die hier von Helfern an die Bevölkerung weitergegeben werden. Und du kannst dann neben deinen eigenen Einkäufen für einem dieser fremden, armen Kinder den Herzenswunsch erfüllen. 700 solche Weihnachtswunschzettel soll es bisher geben! Und die Leute machen gerne mit“.

Würde ich auch so einen Zettel mitnehmen? Ich denke schon. Warum ist mir dennoch mulmig, als ich diese Geschichte höre?
Weihnachten als Zeiten, wo wir – wenigstens einmal im Jahr – den guten Menschen in uns sprechen lassen? Weihnachten als Zeit, wo uns die Armen einfallen und wir bereit sind, Almosen zu spenden, damit wir ohne schlechtes Gewissen unser Fest feiern können? So was war mir immer verdächtig. Wie der Muttertag, wo die Kinder einmal im Jahr zu ihrem Müttern so sind, wie die sich ihre Kinder das ganze Jahr über wünschen würden?

Aber die Verlogenheit, die in dieser Aktion steckt, die ist es nicht, die mir Bauchweh bereitet.
Ich schäme mich vor allem dafür, in einer reichen Gesellschaft zu leben, die wieder auf das gute Herz der Wohlhabenden setzt statt dafür zu sorgen, dass alle mit guten Chancen heranwachsen und am Wohlstand unserer Gesellschaft teilhaben können.

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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Ein Kommentar zu Arme Kinder – arme Gesellschaft!

  1. Sylvia sagt:

    Hallo,

    mit großem Interesse habe ich einige Ihrer Beiträge gelesen.

    Sicher ist es verlogen, wenn ich nur einmal im Jahr etwas Gutes tue, egal ob es sich hierbei um Muttertag oder Weihnachten handelt. Wer anderen, die Nichts haben, etwas Gutes tun möchte, der kann es auch außerhalb dieser Tage. Das Geschenkte muß vom Herzen kommen!

    Wer seine Eltern nur zum Mutter- oder Vatertag besucht, der liebt sie in meinen Augen auch nicht wirklich. Es sei denn, die Entfernung ist so groß, daß es nicht öfter möglich ist oder er kann es sich einfach finanziell nicht öfter leisten.

    Immer mehr Kinder und Erwachsene werden in Zukunft von Hartz IV leben oder immer mehr erhalten weniger als der sog. Mindestlohn beträgt! Die soziale Ungerechtigkeit wächst!

    Die Angabe der Prozente an Kindern die von Hartz IV leben hinkt leider etwas. Leipzig hat 533.374 Einwohner (Stand Juli 2012) und Gelsenkirchen nur 257.981 (ebenfalls Stand 2012), aber darum geht es nicht, sondern um die soziale Ausgrenzung die die Kinder durch die Armut Ihrer Eltern erfahren. In der Schulklasse werden sie dann Opfer genannt und von den anderen nicht beachtet. So etwas gab es in meiner Schulzeit nicht!

    Mit freundlichen Grüßen von Sylvia aus Leipzig.

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