Der Schacht Mathildenhall und der Krieg

Nächstes Jahr wird mein Vater 90. Da ist eine Feier mit entsprechender Feierrede fällig…

Also habe ich schon mal angefangen zu recherchieren und einen Plan zu machen..

z.B.: Wichtiger Lebensabschnitt: 1947-1950 Heimkehrerheim und später Kinderheim des Caritasverbandes in Mathildenhall, Kreis Diekholzen bei Hildesheim. Dort bin ich geboren und in diesen 2 Lebensjahren haben wir dort auf der alten Schachtanlage gewohnt. Mein Vater hat die Kriegs- und Plünderungsschäden beseitigt und dann kamen ständig neue Heimkehrer, die bei uns wohnten. Das kleine Buch mit den Danksagungen der vielen aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassenen jungen Männer haben wir noch zu Hause, sehr beeindruckend!

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Das Gelände gehörte zu einem alten Kalibergwerk. So wie ich informiert war, wurde es nach Weggang unserer Familie zu einem Behindertenheim. Als ich viele Jahre später, schon als Erwachsene dort einmal spazieren ging, war das Gelände mannshoch umzäunt und von scharfen Hunden bewacht. In Hildesheim konnte mir kein Mensch sagen, was dort in Mathildenhall im Hildesheimer Wald eigentlich los war….

Jetzt frage ich einfach mal das Internet nach Mathildenhall und traue meinen Augen nicht. Ich erfahre lauter neue und befremdende Dinge:
„Im Krieg war Mathildenhall Heeresnebenmunitionsanstalt. Hier arbeiteten vermehrt Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene
Von den Alliierten wurde 1948 die Schachtanlage an die Wintershall AG zurückgegeben. Die Förderung wurde wieder aufgenommen.
Ende 1990 wurde der Förderturm abgerissen. Derzeit werden die Schächte geflutet. Das einige Kilometer vom Schacht entfernte Arbeitslager wurde nach dem Krieg zunächst als Sanatorium genutzt, heute befindet sich dort das Kreiskrankenhaus des Landkreises Hildesheim…“

Kein Wort vom Heimkehrerheim auf der Schachtanlage ….

Ich habe das Gefühl, dass meine ersten Lebensjahre in gewissem Sinne von der Geschichte geschluckt worden sind.

Aber der nächste Rechercheschritt gibt mir den Rest:

Vor kurzem wurde das Pförtnerhäuschen der Schachtanlage Mathildenhall als neues Heim einer Bundeswehr-Reservisten-Kameradschaft eingeweiht.

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Dort habe ich meine ersten Schritte gemacht. Genau da habe ich sprechen gelernt und dem Wind in den Bäumen gelauscht.

Von dem Kriegsheimkehrerheim weiß hier niemand etwas. Aber der Krieg ist jedenfalls wieder angekommen im Schacht Mathildenhall. Es wird geschossen und gefeiert und alle sehen mit sich zufrieden aus auf den Fotos.

Ich weiß nicht, ob ich heute Nacht ruhig schlafen kann.

Über Mrs. Tapir

Perspektive: ungewiss; meine älteste Verwandte wurde 104 Jahre alt, mein Großvater starb mit 54. Beruf: muss noch ein paar Jährchen, werde es aber kaum bis 67 aushalten; obwohl ich mir schon als Schülerin geschworen hatte, nie Lehrerin zu werden, bin ich schließlich doch hier an einer Hochschule gelandet Kinder: ganze drei habe ich groß gekriegt Partner, Liebhaber und Ehemänner; habe diverses hinter mir, zwei mal geschieden, nach Trennungen öfter traurig, noch öfter froh; seit 4 Jahren dritter und hoffentlich letzter Versuch einer glücklichen Ehe Themen: schon immer waren die wichtigsten Themen meines Lebens Literatur, Natur und Menschen. Und obowohl ich eigentlich ein unpolitischer Mensch sein möchte, gelingt mir das auch immer wieder nicht. Ansonsten: Tapire sind Einzelgänger, irgendetwas zwischen Pferd und Schwein, dickfellig aber sensibel, schön im Auge des begnadeten Betrachters, ihre vorn spitz zulaufende Schnauze ermöglicht es ihnen, sich schnell durch das Dickicht südamerikanischer Wälder zu bewegen.
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3 Kommentare zu Der Schacht Mathildenhall und der Krieg

  1. Manfred Urner sagt:

    Ich war mal in dem Kinderheim etwa 1950. Ich möchte gern auf google maps mal die genaue Lage finden. Oder auf einer Karte und auch mal hinfahren. Einfach Erinnerungen haben und sehen wie es jetz dort aussieht. Können Sie mir helfen?
    Manfred Urner

  2. Christmann sagt:

    Sehr geehrter Herr Umer,
    ich bin überrascht etwas aus dieser Richtung zu hören.
    Ich war auch in der Zeit zur Erholung, Gewichtszunahme,von der Caritas auf Matildenhall.Hat aber nichts genutzt, bin heute noch mager, schlank.
    Die Vergangenhaltsbeweltigung hat auch mich erfasst, und wir werden am 11.12.12 eine Wanderung, von Diekholzen nach Matildenhall unternehmen. In der Karte Hildesheim L3924 ist der Punkt noch verzeichnet. Ja, und anschließend werden wir im Söhrer Forsthaus von unseren Kindheitserinnerungen erzählen. Ich hoffe Sie gehören nicht zu den Berliner Kindern, denn die habe ich noch in schlechter Erinnerung.
    Mit den besten Grüßen aus Bortfeld

    Jürgen Christmann

  3. Adrian Brandt sagt:

    An alle ehemaligen Kinder im Heim Mathildenhall,
    ich habe nach meiner Geburt 1955 dort in Mathildenhall
    die ersten Jahre meines Lebens verlebt. Ich habe persönlich keine Erinnerungen daran. Ich besitze aber Bilder die mich und andere Kinder vor dem Heimgebäude (2 Steingebäude nur Parterre mit Gaubendach) wie auch Erwachsene abgebildet zeigen. Diese Abbildung des Gebäudes befindet sich in der 75.jährigen Festschrift des Frauenheim vor Hildeheim, zu dessen Außenstationen Mathildenhall gehörte.
    Wie ich lese, wollen Sie am 11.12.2012 eine Wanderung dorthin unternehmen. Leider kann ich mich da nicht beteiligen. Ich komme aus Kiel und bin noch berufstätig und habe leider keinen Urlaubt mehr für dieses Jahr.
    Mich würde sehr interessieren, ob diese Gebäude noch bestehen?
    Ich wäre so gerne dabei. Mir scheint aber auch die derzeitige dunkle Jahreszeit/Witterung hierzu nicht ganz so
    angenehm. Aber vielleicht lassen Sie mich ja an erfahrenen Informationen der Wanderung- wie auch gemachten Bildern teilhaben. Ich würde mich sehr freuen.
    Bitte Antworten Sie mir.
    Mit freundlichen Grüßen A. Brandt

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