Geschichte von Frau M.

die elf Monate trauerte und dann- eines Tages –  wieder groß Silvester feiern wollte

Diese Geschichte fiel mir ein, als mich einige ansprachen wegen der traurigen „Herbst-Kollektion“ in meiner Geschichten-Werkstatt. Nun war der Sommer schon so mies und dann auch noch im Oktober solche traurigen Geschichten!

Recht habt ihr. Der Herbst muss ja nicht traurig sein. Und die traurige Zeit kommt ja auch erst gegen November

Und trotzdem lasse ich nun all die schönen traurigen und traurig schönen Gedichte und Geschichten in der Herbstausgabe meiner Geschichten-Werkstatt stehen und verspreche für das Frühjahr Besserung.

Gehört das Traurige und das Trauern nicht zum Leben? Und wer sagt denn, dass wir ohne Traurigkeit überleben können?

Ich erzähle meinen Studenten immer von Frau M., die mit etwa 35 Jahren ihren Mann verlor. Er war vor zwei Monaten noch ein kerngesunder Mann gewesen und starb dann schnell und unbegreiflich nach kurzer Schreckenszeit. Sie konnte es Monate lang nicht glauben. Sie suchte ihn wie am ersten Tag. Wenn sie abends in  der Küche bügelte, hörte sie ihn nebenan im Wohnzimmer beim Fernsehen. Aber er war nicht da. Er war tot. Und die Erkenntnis riss sie immer wieder in eine große schwarze Trauer zurück. Ihr kleiner Sohn vermisste nicht nur den Vater sondern auch die Mutter, die von ihm kaum noch Notiz nahm. Sie grub sich Monatelang durch tiefschwarze Löcher, ihr Leben hatte jeden Sinn eingebüßt, sie erzählte Woche für Woche, wie sie ihn verloren hatte. Und immer klang es so, als sei es eben erst geschehen. 
Ich ließ sie trauern. Ich verkniff mir Sprüche wie „Aber Frau M. Sie sind doch noch so jung, für Sie fängt das Leben doch gerade erst an“ und den Hinweis auf die lachende Sonne, das wunderbare Sommerwetter, die Menschen, die sie alle noch brauchen würden usf. Ich versucht nur, ihre Trauer zu verstehen und zu akzeptieren. Es war mitunter auch für mich tieftraurig und ich musste aufpassen, dass ich mich nicht ansteckte. Ich war damals selber noch blutjung und hatte eigentlich bis dahin nicht wirklich trauern müssen. Die ungeheuere Trauer dieser Frau ging an meine Grenzen.

Und dann  kam der Tag, etwa nach 11 Monaten, da sagte sie, „Mrs. Tapir, wissen Sie was? Ich finde, wenn die Sonne scheint, da muss man doch auch mal lachen dürfen. Das hätte er mir bestimmt nicht übel genommen.“ Und in der Woche darauf belehrte sie mich: „Wissen Sie, Mrs. Tapir, ich finde, ich bin eigentlich doch noch ziemlich jung, ich kann doch wirklich noch einmal mein Leben neu beginnen, finden Sie nicht auch?“

Ich gestehe, ich war leicht irritiert. Nun hatte ich mich so auf die tintenschwarze Stimmung in meiner Beratung eingestellt. Aber damit schien es auf einmal vorbei zu sein. Und als sie beim dritten Mal sagte: „Wissen Sie was? Ich habe meiner Freundin gesagt, wir sollten alle mal wieder richtig schön Silvester feiern, so richtig groߓ, da musste ich dann doch schon etwas schlucken. Und weil sie das sah, meinte sie aufmunternd zu mir: „Aber Mrs. Tapir, man kann doch nicht immer nur über Probleme nachdenken und Trübsal blasen. Davon werden die Toten nicht lebendig und die Lebenden, die brauchen einen doch schließlich noch. Sie sollten es auch so machen!“

Seit dem  habe ich nicht mehr wirklich Angst vor der Trauer, weder bei anderen Menschen noch bei mir selber. Tatsächlich, ich sollte die Geschichte der Frau M. schreiben und meinen traurigen Texten hinzufügen.

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