Die junge Generation und der Faschismus

Nun ist meine Jüngste als Aupair in Dublin gelandet. Gestern ist sie geflogen.

Auf dem Weg von Jena nach Berlin haben wir uns sage und schreibe drei mal auf der Autobahn verfahren, weil wir so heftig und intensiv in eine Diskussion verwickelt waren.

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Es ging um den Nationalsozialismus und seine Einschätzung heute. Meine Tochter ist mit Sicherheit nicht irgendwie rechts angehaucht, aber sie vertrat hartnäckig den Standpunkt, dass auch im Faschismus nicht alles nur schlecht und schwarz gewesen sein kann. In der Schule hätte man ihnen so viel und so einhämmernd Schlechtes und Schreckliches erzählt über diese Phase deutscher Geschichte, dass alle nichts mehr davon hören wollten und so was wie Wut darüber entstand, dass man Ihnen ständig diesen Schuldkomplex einreden wollte.

Alles wäre schlecht und böse gewesen im „Dritten Reich“, so sagen alle, ihre Lehrer und ihre Eltern. Aber sie könne sich nicht vorstellen, dass es nicht auch Gutes und Erfreuliches gab damals. Sie sei es Leid, sich schämen zu müssen, eine Deutsche zu sein. Als wären die Engländer, die Spanier, die Russen Engel. Und am meisten stänke ihr, dass meine Generation sofort wie von der Tarantel gestochen in die Luft ginge, wenn man nicht an das Schreckliche der Nazis glaube. Solche Tabus seien ihr verdächtig. Sie wolle die Sachen hinterfragen können und die Dinge von zwei Seiten sehen.

Ich muss gestehen, dass mich diese Diskussion atemlos gemacht hat. Ihre Argumentation stieß zweifellos bei mir auf die Haltung: Aber es war böse!. Man kann nicht die Autobahnen loben und dass alle Arbeit hatten und sagen, „das war doch gut. Na ja, die paar Kzs…“.

Ihre Argumentation erinnert mich an die Rechten, die fordern, doch auf dem Teppich zu bleiben, die die Verbrechen des Faschismus im Alltag der Menschen verschwinden lassen möchten.

Ich sehe bei meiner eigenen Tochter eine Banalisierung und Relativierung des Faschismus und seiner menschenverachtenden Politik, die mich erschrickt, sehe die Haltung: „Ich bleibe cool. Das kann mich gar nicht beeindrucken. Man kann das sicher auch anders sehen.“ bei ihr und muss an Borat denken, der als Volksfestvergnügen ein ganzes Dorf hinter „Juden“ herjagen lässt und das „Ei“ zerfetzt, das die Frau des Juden fallen lässt – und der auch noch erwartet, dass man darüber lachen kann.

Ihre Forderung, alles hinterfragen zu können ist für mich völlig legitim. Dennoch, warum macht es mich nervös, wenn sie so argumentiert? Warum regt es mich auf, wenn man solche für mich eindeutigen Wertungen infrage stellt?

Und was läuft in den Schulen falsch, wenn die Bearbeitung des Themas Faschismus Gegenreaktionen von Überdruss, Langweile, Abwiegelung, Verharmlosung, Abwehr und Widerspruch auslöst?

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