Kreuzfahrt, die 6. – Station St. Petersburg

Am Tag davor in einem Land, wo die Russen gehasst werden. Heute aber in Russland, in Russlands europäischster Großstadt.

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Hafenimpressionen

Unser „Rendezvous mit der Geschichte“ führte uns vor allem zurück in die Zeit der Zaren. St. Petersburg erschien uns als eine Stadt voller Paläste, voller Prunk, voller Kirchen, in denen das Blattgold von allen Wänden schimmerte. „Ein richtiges Märchenland“, meinte meine Tochter.

Die morgendliche Besichtigung des Katharinenpalastes war von der Logistik her ein Skandal und mehr eine Karikatur einer Besichtigung als alles andere.
Unser Gang durch die goldenen Säle sollte uns staunendes Entzücken über den Reichtum und den Prunk der vergangenen Zarendynastie entlocken.

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In einem der Räume saßen Restaurateure an Tischen und kümmerten sich nicht um die Touristenscharen, die an ihnen vorbei zogen.

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Die Zarenfamilie wurde uns während dieses Landganges regelrecht vertraut, fast wuchs sie uns ans Herz. Wir wurden in familiäre Details eingeweiht und begannen ihre Sorgen zu teilen. Ihre gesellschaftliche Rolle freilich und das Leben der Bevölkerung unter ihrer Herrschaft wurden mit keinem Wort erwähnt.
Die Stadtrundfahrt am Nachmittag zeigte uns wieder vor allem Paläste, Paläste an Flussufern vor allem, riesige Paläste mit endlosen Fensterreihen und Zimmerfluchten.

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Man bekam den Eindruck, St. Petersburg sei ein einziger Ballsaal gewesen und die Zarenzeit eine Zeit, in der das Leben in Saus und Braus dahinjagte.
Die Zeit nach der Oktoerrevolution wurde mehr oder weniger höflich ausgespart. Heute schien man zufrieden damit, wieder Anschluss gefunden zu haben an die vorherige geschichtliche Epoche und ging so vertraut mit ihr um wie mit der Geschichte der eigenen Großeltern. Mir kam es so vor, als wolle man eine Gesellschaftsordnung rehabilitieren, die Ruhm und Ehre, Glanz und Reichtum für Russland und die eigenen Identität mit dieser Nation bedeutet, egal was sie sonst darstellte und nicht beachtend, dass sie viele Jahrzehnte lang die Leibeigenschaft pflegte und dass in dieser Epoche – vielleicht wie eben heute auch wieder – ganz wenige Reiche vor lauter Reichtum ihre Wände mit Geld tapezieren mussten, während run herum Armut herrschte.
Die Sowjetunion tauchte in den Schilderungen unserer Reiseführerin nur in den Funktionen auf, die die feudalen Gebäude während ihrer Herrschaft hatten einnehmen müssen: Zweckentfremdungen wie z.B. die Unterbringung eines Museums der Oktoberrevolution im Palast einer Primaballerina, die den Bruder des Zaren im Exil heiratete. Heute gehört dieser Palast selbstverständlich wieder den Nachfahren der Primaballerina.
Vor dem Winterpalast standen Stoßstange an Stoßstange Touristenbusse und Souvenierläden.

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Auf dem Panzerkreuzer Aurora flatterte die russische Flagge.
In der Isaak-Kathetrale hing aus der Mitte der Kuppel ein foucaultsches Pendel, das, wie unsere Reiseführerin mit tiefer Verachtung in der Stimme meinte, beweisen sollte, dass es keinen Gott gebe, da sich die Erde um die Sonne drehe und sich nicht alles um die Erde dreht. Heute hängt hoch oben an dieser Stelle in der Kuppel eine weiße Taube als Sinnbild des ewigen Geistes.
Nicht nur der Feudalismus wird den vergangenen „Schrecken des Kommunismus“ deutlich vorgezogen, auch die Aufklärung muss offenbar über die Klinge springen. So kunstbeflissen die Reiseleiterin war, Brecht’s „Und sie bewegt sich doch“ , schien ihr kein Begriff und das Ganze keine Aussage, die etwas mit Geist zu tun haben könnte.

Einmal freilich erwähnte unsere Reiseführerin einen großen Park mit vielen Seen, der für die arbeitende Bevölkerung gebaut worden sei in der Sowjetunion. Sonst spielte die Bevölkerung kaum eine Rolle, weder die in der Zarenzeit noch die heutige. Nur das heutige Durchschnittseinkommen teilte sie uns mit, es war nicht hoch.
Ein Leibeigener wurde noch erwähnt, der das Modell der Isaak-Kathedrale aus einem Block geschnitzt hatte, dafür 10 Jahre seines Lebens brauchte und als Gegenleistung frei gelassen wurde. Und ohne weiteren Kommentar wurde mitgeteilt, dass die Bevölkerung Russlands als kollektive Strafe für ein Attentat auf einen der Zaren mit zusätzlichen Steuern die sogenannte „Blutkirche“ finanzieren musste.

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Sehr bald habe ich aufgehört, den Ausführungen der Reiseleiterin im Bus zuzuhören und brav bei den Fotostopps den Bus zu verlassen. Ich habe intensiv aus dem Busfenster geschaut und versucht, die Atmosphäre dieser Stadt mitzubekommen, normale Leute zu beobachten, die auf den Straßen liefen oder herumstanden, Ansichten dieser Stadt festzuhalten, die für mich sehenswert waren, auch wenn sie weder mit Blattgold noch mit einem berühmten Namen geschmückt waren. Durch das Bussfenster sind mir eine Reihe Schnapschüsse geglückt, die mir im Nachhinein dieses St. Petersburg wieder lebendig machen.

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Eine lebendige Stadt, beschäftigte Menschen, lachende Menschen, ernste Menschen, Paare, alles nicht herausgeputzt, Vieles eher schmuddelig oder grau aber überzeugend in seiner Weite und Größe, mit seinen breiten Flüssen und schmiedeisernen Brückengeländern, seinen hellen Horizonten.

Das Rendevouz mit der Geschichte, das uns geboten wurde, beschränkte sich auf eine Art „Goldenes Blatt“-Tour für die Gesellschaft des Zarenreiches. Und zu meinem Staunen schienen sich alle mit dieser Gesellschaft, die uns nahegebracht wurde, zu identifizieren, die Reiseleiterin aber auch meine Mitreisenden. „Ganz schön aufwendig das Kochen außerhalb der Paläste damals“, hörte ich hinter mir einen Mann zu seiner Frau sagen, „aber damals hatte man ja noch mehr Personal“.
Ich frage mich, ob dieses Paar sich darüber klar war, dass sie damals wohl kaum zur Zarenfamilie vielleicht aber selber zum Personal gehört hätten.

Einen Lenin sahen wir noch stehen….
„Das hätten die sich 1917 damals besser überlegen sollen“, witzelte ein Reiseteilnehmer, „dann stünden sie heute auch besser da die Russen“.
Die kommunistische Phase wurde uns hier schlicht als Phase der Unterdrückung (Enteignung der Palastbesitzer, Mißachtung der Religion) dargestellt. Heute, so verkündete der Werbefilm für St. Petersburg, der auf unsererem Fernseher auf dem Schiff lief, ist diese Stadt endlich befreit.

Die Befreier haben ihre deutlichen Spuren im Stadtbild hinterlassen: kein Konzern, kein Multi, der hier fehlt, der nicht seinen Schriftzug in großen, beherrschenden Lettern dem Stadtbild aufgedrückt hätte.

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