Kreuzfahrt, die 4. – Ostseetourismus

Die Kreuzfahrt war für mich eine Begegnung mit dem heutigen Tourismus…

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Das Temp0 von durchschnittlich 17 Knoten, mit dem die Arielle die Ostsee durchkreuzte, war eine angenehme Reisegeschwindigkeit und es war ein gutes Gefühl, eine Nacht und einen Tag zu brauchen, um das 1. Reiseziel anlaufen zu können.
Anders war es dann mit den Geschwindigkeiten an Land: die Busfahrten ließen oft kaum einen Blick auf das von der Reiseleiterin angekündigte oder beschriebene Objekt zu. Manches erhaschte man nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ab und zu war es möglich, einen Anblick für wenige Minuten zu genießen. Die Atmosphäre der Städte, durch die wir auf diese Weise fuhren, vermittelte sich deshalb nur sehr distanziert und auch nur dann, wenn man es schaffte, all die sogenannten angepriesenen Sehenswürdigkeiten zu vernachlässigen und sich auf das Gesamtbild der Straßen, Plätze und Stadtviertel einzulassen… In Petersburg habe ich das geschafft und einfach dem Straßenleben der Petersburger zu geschaut. (s. Kreuzfahrt, die 6. St. Petersburg).

Bei Fußmärschen war das Tempo zwar langsam, dafür wälzte man sich aber meist eng verkeilt in einer Gruppe von Mitreisenden durch irgendwelche Gebäude oder Altstadtstraßen, die mit anderen Touristengruppen vollgestopft waren und wurde von Blickwinkel zu Aussichtspunkte geschleust.

Einzig die Pferdekutschfahrt durch die Altstadt von Stockholm (s. Kreuzfahrt, die 8. Stockholm) legte ein Tempo vor, das einem ermöglichte, mit Genuss und in angemessener Genauigkeit sowohl Gebäude zu betrachten, den Erläuterungen des Reisebegleiters zu lauschen und gleichzeitig auch noch etwas Atmosphäre zu schnuppern…

Da ich sonst immer individuell reise und dabei auch gern recht kleinschrittig vorgehe, also mir überschaubare geografische Räume vornehme und mir möglischst Zeit lasse, um eine Stadt oder einen Landstrich kennen zu lernen und vielleicht sogar vom Leben der Bewohner eine Ahnung zu bekommen, war diese Art von Tourismus für mich neu. Bisher hatte ich mich immer über diese Gruppen von mit Fotoapparaten bewaffneten Touristen lustig gemacht, jetzt steckte ich selber mittendrin.

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Der Gang durch den Katharinenpalast in St. Petersburg, bei dem unsere Reiseführerin uns immer 5 Schritte weiter durch die wogenden Touristenmassen boxte, die alle wie eine große Hammelherde durch die goldbeladenen Prunkzimmer geschleust wurden (das Bernsteinzimmer, auf das alle so schrecklich scharf waren und das nicht fotografiert werden durfte, konnten wir auf diese Weise ganze 30 Sekunden lang anschauen) und die Fotostopps bei der Stadtrundfahrt, die uns erlaubten, für 5 Minuten den Bus zu verlassen, um irgend eine berühmte Sehenswürdigkeit abzufotografieren – das waren wirklich die größten Hämmer in dieser Hinsicht.

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Warten auf den Einlass in den Katharinenpalast

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Der Bus während eines Fotostopps in St. Petersburg

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Fotostopp vor der „Blutkirche“ in St. Petersburg

Ansonsten blieb die Tatsache, in so kurzer Zeit so viele Länder besucht und so viele große Städte gesehen zu haben, für uns seltsam unwirklich. Man war einfach da, wie hingebeamt, man fiel sozusagen plötzlich und unvermittelt mitten in die Stadt hinein und dann war man auch schon wieder weg und gleich wo anders.
Ich möchte mich meinen Reisezielen eigentlich langsam nähern, die Übergänge von einem zu nächsten Land erfahren und erkennen können, möchte irgendwie spüren, dass ich einen langen Weg zurücklegen musste, um dieses Ziel zu erreichen. Der Seeweg blieb für mich in der Hinsicht doch irreal und als Weg auf ein Ziel hin nicht erfahrbar.

Natürlich ist eine große Oberflächlichkeit beim Kennenlernen von Städten und Ländern bei so wenig zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu vermeiden. Aber ich denke, diese Oberfläcjhlichkeit hat auch System. Und wenn ich den im Werbefilm z.B. für Finnland angebotenen 4 wöchigen Abenteuerurlaub per Kanu buchen würde, bliebe sie trotzdem erhalten. Sie beruht m. E. darauf, dass solche Art von Tourismus keine Annäherung an die Wirklichkeit des fremden Landes und der Menschen in diesem Land bedeutet oder auch nur versucht, sondern nur eine Art „Spaßausbeutung“ der Ressourcen darstellt, die dieses Land bietet: staunenswerte, prunkvolle, berühmte, ginnesbuchreife Bauwerke, Orte, Naturerscheinungen und Anblicke, ggf. günstige Einkäufe und Schnäppchen, typische Souveniers, mit denen man die Tatsache anzeigen und signalisieren kann, dass man dort und dort wirklich gewesen ist, Nutzung der landesspezifischen Naturschönheiten und Naturwildheiten für eigene Abenteuer und Erlebnisse.
Das alles erinnerte mich an die Schneeleopardenjagd der arabischen Prinzen in Aitmatows „Der Schneeleopard“ (s. http://meinglashaus.de/2007/05/17/95/). Und es fallen mir die Touristen ein, die nach dem Tsunami schon wieder die Sonne am Strand genossen, noch während an anderen Küstenstreifen die Leichen weggebracht wurden, – und dies sogar damit begründeten, dass sie diesen Ländern am meisten dadurch helfen würden, dass sie als Touristen nicht wegblieben sondern das Land weiter nutzen würden…
Tourismus als gesellschaftliche Erscheinung, bei der sich Menschen von der Tafel fremder Länder nach ihrem eigenen Geschmack und ihren eigenen Bedürfnissen bedienen und dies dürfen und sogar sollen, weil sie zahlen können.

Ich will den Tourismus nicht verteufeln. Selbst in Stockholm sagte der Reiseführer, der uns auf der Pferdekutsche durch die Altstadt begleitete, dass Stockholm enorm von den vielen Kreuzfahrtschiffen profitiere, die jährlich eine unglaubliche Masse an Touristen an Land spülten …
O.K. wir waren dabei…

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Warteschlangen bei der Rückkehr der Passagiere aufs Schiff

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