Kreuzfahrt, die 3. – Die Kreuzschifffahrer

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Unter den über 1000 Reisenden es gab mehrere Mutter-Tochter Paare wie uns.
Eine besondere Gruppe waren die Familien, die mit meist kleineren Kindern reisten (Kinder konnten bis zum 17. Lebensalter umsonst in der elterlichen Kabine sozusagen im 1. Stock untergebracht und mitgenommen werden). Etwa 140 Kinder und Jugendliche tummelten sich auf dem Schiff und wurden offenbar ziemlich gut betreut, aßen mit ihrer Betreuerin weit weg von ihren entlasteten Eltern und jagten ziemlich munter und meist mit einem geduldigen Lächeln der älteren Passagiere bedacht über die Decks, durch die Treppenhäuser und Flure. Einmal wurde ich um ein Stück lakierten Fingernagel gebeten, den drei kleine Mädchen für ihr gerade laufendes Geländespiel brauchten. Überraschender Weise hatte ich sogar eine Schere dabei und sie wurden bei mir fündig und trugen ihre Trophäe in einer Papierserviette davon. Ob „meine“ Gruppe gewonnen hat, habe ich leider nie erfahren.
Die meisten Passagiere aber waren ältere Paare, 55 aufwärts, einige richtig alte und gebrechliche Leute waren auch dabei. Eine kleine Gruppe Frauen reisten mit Freundinnen.
Die KreuzschifffahrerInnen waren nur zum Teil Individualreisende. Es gab drei größere Gruppen, die über eine Tageszeitung zu dieser Kreuzfahrt gekommen waren.

KreuzschiffahrerInnen sind eine eigene Spezies….
Ich habe mich während der Reise immer wieder gefragt, was eigentlich die Leute an der Kreuzschiffahrt reizt.
Sicher ist für viele, wie für mich, das Meer ausschlaggeben, das Erlebnis, einige Tage von allem getrennt zu sein, zwischen den Alltag und einen selber unüberbrückbare Seemeilen zu rücken…. (Aber es gab immerhin 6 Internet-Plätze auf dem Schiff, die aber nur wenig genutzt wurden).

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Aber was bringt die Menschen sonst noch dazu, sich für so viel Geld mit 1000 Leuten in ein Schiff und enge Kabinen zu zwängen und eine so gedrängte Reise auf sich zu nehmen, die einem in nur 8 Tagen das Erleben von vier verschiedenen Ländern und deren Hauptstädten ermöglicht?
Beim Beobachten unserer lieben Mitreisenden schienen uns folgende Motivationslagen ausschlaggebend:

  • Viele finden es offenbar angenehm, so auf die Schnelle Vieles mitzunehmen. Mein Tischnachbar aus Dortmund, der hiermit die 17. Kreuzfahrt absolvierte, erzählte, dass er und seine Frau auch in Kiel aussteigen  und nicht – wie ein Teil der Gruppe nach Norwegen weiterfahren würden. „Norwegen haben wir ja schon letztes Jahr gehabt“, erklärte er mir mit einem bescheidenen Lächeln.
    Die organisierten Landgänge, die 3 „Sehenswürdigkeiten“ in einen Zeitraum von 3 Stunden hineinstecken, die Busfahrten und Fotostopps durchführen, bei denen man dann drei-, viermal aussteigen kann und jeweils 5 Minuten Zeit hat, um ein paar Fotos von irgendeiner Sehenswürdigkeit zu schießen, kommen diesem Bedürfnis offenbar nach. „Als ich mir letzes Jahr dann meine Fotos angeschaut habe, war ich verblüfft, zu sehen, wo wir alles gewesen sind“, erzählt mir eine Mitfünfzigerin im Bus zwischen Hafen von St. Petersburg und der ersten angefahreenen Sehenswürdigkeit, dem Katharinenpalast. sie hatte mit ihrem Mann auch schon mehrere Kreuzfahrten absolviert.
    Wir hatten nach den Landgängen immer ein völlig unwirkliches Gefühl, so als wären wir gar nicht da gewesen, sondern hätten nur einen der Werbekulturfilme angesehen, die den ganzen Tag auf den Fernsehkanälen des Schiffes gezeigt wurden.
    Aber auch wir waren froh, dass uns andere die Organisation und die Logistik abgenommen haben. Beim Versuch in Helsinki, auf eigene Faust ein wenig die Stadt zu erobern, hätten wir beinahe den letzten Einlass an Bord verpasst, weil unsere Taxe im Stau stecken blieb…)
  • Für Viele steht Kreuzfahrt offenbar für Luxus, für das Vergnügen, sich rund herum verwöhnen zu lassen und es sich leisten zu können: So viel und lecker essen, wie man möchte (schließlich hat man dafür auch ganz schön gezahlt), sich verwöhnen lassen beim Bord eigenen Friseur oder bei einer Teilmassage, jeden Abend eine bunte, etwas kitschige aber durchaus unterhaltende Tanz- und Musikshow genießen, die von den 8 Tänzern, 4 Sängern und den 6 Musikern geboten wird, das gepflegte Speisen im Restaurant an weißgedeckten Tischen mit Gedecken, die 4 verschiedene Gabeln und 2 Weingläser bereithieten, mit Kellnern, die einem die steifgestärkte Serviette eigenhändig auf dem Schoß ausbreitetenn und die schockiert den Kopf schüttelten, wenn man bei den gereichten Salatsoßen selber nach dem Löffelchen griff, anstatt diese Aufgabe dem dienstbaren Geistern zu überlassen.
    Und schließlich sind da noch die beiden Abende, an denen Galakleidung gewünscht wurde für den Empfang beim Kapitätn und dem anschließenden Gala-Diner: Plötzlich quoll alles in Anzug und im kleinem oder langem Schwarzen aus den Kabinen  und zeigte, was man so hatte und was man darstellte.
    In den Unterlagen, die das Reiseunternehmen seinen Gästen vor Antritt der Fahrt zusandte, wurde eine Hotline angeboten für den Fall, dass man sich in Sachen Kleidung für den Galaabend unsicher ist….
    So ist denn auch die Qualität dessen, was die Arielle zu bieten hat im Vergleich zu anderen Kreuzfahrtschiffen und anderen Reiseunternehmungen das Hauptthema unter den Reisenden: Was bekommen wir für unser gutes Geld?
  • Natürlich reizt viele auch die Aussicht auf die endlosen Sonnenbäder in kühler Luft, das Faulenzen angesichts einer zahllosen Crew von Leuten, die tagein, tagaus nur darauf bedacht sind, ihnen den Urlaub so schön und so bequem wie möglich zu machen…..
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Für mich waren diese drei Aspekte der Kreuzfahrt nicht so ganz das, was wir uns von einer Reise versprechen. Es war ganz lustig und interessant, so etwas einmal zu erleben. Aber ich werde die nächste Reise und sicher auch die nächste Seereise nicht mehr auf so einem Kreuzfahrtschiff machen:

  • Es war mir insgesamt zu voll. Obwohl das Schiff recht groß war und es viele Abwechslungsmöglichkeiten und differenzierte Raum- und Beschäftigungsangebote gab, konnte man sich eigentlich nie zurückziehen, es sei denn in der eigenen Kabine. Bis auf einsame Rundgänge auf dem Promenadendeck nach Sonnenuntergang war man eigentlich immer unter Leuten, manchmal auch im Gedränge.
  • Das, was ich unter Reisen verstehe, sieht ganz anders aus. Wir haben nicht Länder und deren Bewohner kennengelernt sondern sie bloß angeglotzt, uns selektiv aus ihrer Wirklichkeit einige Spaßfaktoren herausgeklaubt und sind dann – wie im Zoo – zum nächsten Käfig, pardon Land, weitergegangen.
  • Das Bedientwerden fiel mir sehr bald auf den Wecker. Ich fühlte mich regelrecht eingeengt und wir speisten lieber im Bistro, wo wir uns das holen konnten, was wir mochten und es so verspeisen konnten, wie wir Lust hatten. (Und selbst hier räumten Kellner die abgegessenen Teller schneller weg als man gucken konnte, und manchmal auch dann, wenn man noch gar nicht ganz fertig war..). Unser „Zimmermädchen“ machte täglich die Betten und klemmte das Oberbett hinten unter die Matraze und wir durften es jeden Abend wieder mühevoll darunter hervorzerren. Und gegen Abend kam sie erneut und schlug die Tagesdecke für uns zurück.
    Bedient werden kann wirklich lästig werden: Wenn man es genau bedachte, fingen  die Fürsten und Kaiser, die Zaren und Prominenten, von denen wir auf dieser Reise so viel zu hören und zu sehen bekamen, schon an, uns richtig Leid zu tun, weil sie ja auch immerzu bedient wurden und nie ihre eigenen Herren waren….
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