Humboldt’s Alptraum

Im Radio ist zu hören: Deutschland ist kein Vorreiter bei der Umsetzung des sogenannten Bologna-Prozesses, d.h. der Umwandlung der Studiengänge an den Hochschulen in das internationale System von Bachelor und Master. Das wird angestrebt, um eine größere Vergleichbarkeit der Studieninhalte und der Abschlüsse innerhalb Europas und darüber hinaus zu erreichen.
Das zumindest ist eins der Ziele. Ein anderes ist: Studiengänge effizienter, schneller, kostengünstiger zu gestalten.
Die Notwendigkeit dieser Entwicklung wird nicht mehr hinterfragt. Sie wird einfach vorausgesetzt. Deutschland kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Andere sind viel weiter…
Aber nur etwa die Hälfte der Hochschulen und Fachbereiche in Deutschland hat diese Umwandlung schon vollzogen, wird moniert. Die Gründe? Z.B. wehren sich noch immer die Mediziner dagegen. Man ist der Meinung, dass in einem kürzeren Studium die erforderliche Qualifikation nicht mehr zu vermitteln sei.

Als vor Jahren die Perspektive von Bologna neu auftauchte, wurden auch auf dem Fachbereichstag der Studiengänge Soziale Arbeit massiv kritische Stimmen laut: Es wurde eine Abwertung des Studienganges befürchtet, eine noch stärkere Verschulung des Studiums, eine Unstudierbarkeit für StudentInnen, die neben ihrem Studium arbeiten müssen (weil das Bachalor-Studium weit mehr als ein Fulltime-Job von 40 Stunden die Woche für die Lernenden bedeutet). Man fragte sich, warum das Diplom in Sozialer Arbeit abschaffen, das sich in der Gesellschaft doch gerade erst richtig durchgesetzt hatte und akzeptiert war. Man befürchtete, dass in Zukunft immer mehr auf die wissenschaftliche Reflexion der Sozialen Arbeit verzichtet werden würde zugunsten einer stärkeren Effizienzorientierung und zu ungunsten kritischer und gesellschaftskritischer Grundpositionen.
Mit einem reflektierten, kritischen und auf einen autonomen Aneignungsprozess hin orientierten Studium im Sinne des Humboldtschen Bildungsgedankens, so wurde uns allen damals deutlich, würde diese neue Entwicklung nichts mehr zu tun haben.
Aber unsere „Dinosaurier-Position“ wurde einfach von der Realität überrollt.
An unserem Fachbereich haben wir diesen Prozess also bereits hinter uns. Er kam auf uns zu
wie ein Naturereignis. Erst hieß es noch, wir sollten diskutieren, dann wurde angewiesen, wurden vom Ministerium und der Hochschulleitung Termine gesetzt:
Es wird in Zukunft nicht mehr nach 8 Semestern das Diplom sondern nach 7 Semestern den Bachelor geben. Nach weiteren 3 Semestern kann man den Master of social work ablegen und dann z.B. auch promovieren.
Der Umwandlungsprozess hat sehr viel Arbeit gemacht. Neu ist außer der stärkeren internationalen Orientierung vor allem eine größere Verschulung und eine zeitlich Verkürzung. Natürlich versuchen wir, das Beste aus der Situation zu machen
Aber wie es heut zu tage so ist: Keiner gibt zu, dass diese Verkürzung notwendig auch Qualitätsverluste mit sich bringen wird. Alle behaupten kalt lächelnd, dass die neue Struktur kürzer, sprich billiger und gleichzeitig besser sein wird: Der übliche Blick auf die Effizienz, ohne dass die Frage der Effektivität wirklich ernst genommen wird.
Der Verdacht kommt auf, dass die Verkürzung und das einfach nur fit Machen für die Bedürfnisse der unter ökonomischen Zwängen stehenden Praxis dem besser dienen kann, was von der Sozialen Arbeit zukünftig erwartet wird: die Anpassung der Menschen an die Bedürfnisse des Systems.

Außerdem geht der Bachelor traumtänzerisch an der Wirklichkeit der Studierenden vorbei. Hierzu schreibt Martin Kaul in der taz: taz 15.5.07 Deutscher Bachelor ist kein Masterstück

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