Tschingis Aitmatow, Der Schneeleopard I

Kranich hat mir den neuen Aitmatow geschenkt.

Als meine Freundin neulich versuchte, im Weimarer Theater Karten für die Lesung von Aitmatow zu bekommen, lächelte die Dame am Schalter schon 1 Woche vor der Veranstaltung nachsichtig. Ausverkauft seit Monaten!


Vor 20 Jahren habe ich zu Zeiten von Glasnost und Perestoika auf der Wöchnerinnenstation gelegen und Aitmatows Wölfin gelesen, angetan von der Sensibilität, mit der er diesen Tieren nachempfinden kann , schockiert über die geschilderte Ausbeutung und Schändung der Natur in einem Land, das Sowjetunion hieß und von dem ich so etwas damals nicht erwartet hatte.

Ich liebe den weißen Dampfer und die Dshamilja, die ganz besonders. Im Internet las ich, dass diese Erzählung sozusagen die Examensarbeit von Aitmatow gewesen ist.

Und jetzt also: „Der Schneeleopard“, der neue Roman (2006), der 2007 in deutscher Sprache herausgegeben wurde.

aitmatow-k.jpgIch pflege Bücher zuende zu lesen, erst recht, wenn es Bücher sind von geschätzten Autoren.
Bei diesem Buch muss ich mich ziemlich lange warm lesen, die Geschichte öffnet sich mir bis jetzt kaum, bleibt mir fremd und lässt mich bisher unberührt.

Die Schilderung des verzweifelten, an seinen enttäuschten Liebeshoffnungen und an den Demütigungen der neuen Gesellschaft schwer tragenden Helden, des unabhängigen Journalisten Arsen Samantschin scheint mir bisher wenig überzeugend und dick aufgetragen und fast einwenig hölzern. Vielleicht ist mir auch nur aufgestoßen, dass die Kernliebesszene ausgerechnet am Heidelberger Schloss spielt, was ja für viele Menschen dieser Welt nicht weiter von Bedeutung sein wird, aber für mich als Deutscher fatal unangenehm nach – wenn auch wohl unbeabsichtigtem – Kitsch schmeckt?
Dass Arsen vor allem auch an den Verletzungen und Ausgrenzungen leidet, die ihm das neue Gesellschaftssystem zugefügt hat, das alles zu Ware macht und in dem nur mehr das zählt, was sich verkauft, ist mir schon deutlich geworden. Eine Gesellschaft wird dargestellt, in der nur mehr das Streben nach Reichtum und Macht eine Rolle spielt, in der kulturelle Werte verfallen. Hier scheint der Held keinen Platz mehr zu haben. Er wird zum Paria.
Aber seine Reaktion und seine Art, mit dieser Situation umzugehen, hat für mich etwas Theatralisches und dick Aufgetragenes. Damit geht für mich die Gesellschaftskritik in der Kolportage unter.
Ich bin jetzt schon auf Seite 100 und wundere mich, u.a. auch über die Sprache Aitmatows, die mir merkwürdig roh vorkommt. Außerdem nerven mich die schicksalsschwangeren Andeutungen und Zukunftsandrohungen, die den Text ständig begleiten und wie überflüssige Winke mit dem Zaunpfahl peinlich herumstehen.
Nur in den Abschnitten, in denen es nicht um Arsen sondern um den anderen Helden seines Romans, den von seinem Rudel verstoßenen, alternden Schneeleoparden Dschaa-Bars, geht, erkenne ich meinen Aitmatow überhaupt wieder. Hier kommt dann doch etwas zu mir herüber, spricht mich an und wird für mich lebendig. Dennoch kann ich immer nur wenige Seiten pro Abend lesen. Das Buch hat mich noch nicht gepackt. Aber ich bleibe dran. 

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2 Responses to Tschingis Aitmatow, Der Schneeleopard I

  1. kranich05 sagt:

    Wenns pro Abend immer nur „wenige Zeilen“ sind, wirst Du vermutlich noch eine kleine Weile zu lesen haben ;-).

  2. Mrs. Tapir sagt:

    Hast Recht, ganz so schwer fällt es mir nun auch nicht.
    Außerdem bin ich schon weiter und inzwischen ganz angetan. Werde weiter berichten.

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