Studenten-Schweinerei

Jena

Heute unterbrechen ein paar Studenten aus dem STURA (Studentenrat; gewähltes Organ der gesamten Studentenschaft der Hochschule) mein Seminar und machen – immerhin ohne mich erst zu fragen – Werbung für die morgige Studentenvollversammlung wegen der drohenden Studiengebühren. Sie haben sich etwas ausgedacht, um die Aufmerksamkeit der StudentInnen zu erringen, etwas Spaßiges, zu spaßig finde ich angesichts der Problemlage: Ein Mensch in einem rosa Schweinchenkostüm tritt vor, ein lustiges Schweinegesicht, kein böser Eber mit langen Hauern. Sie sprechen ihren Text durch ein Megaphon „Es ist eine riesige Schweinerei passiert….“ Aber so, als hätten sie Angst, zu deutlich und zu politisch zu werden, hinterlassen sie dann nur noch eine frühlingsfröhliche Einladungskarte zur Vollversammlung mit der Ankündigung eines open air-Musik-Programms….Dann verschwinden sie wieder.

Keiner im Seminar sagt etwas. Ich hätte vielleicht nicht gleich weiter machen sollen. Ich merke, wie ich sofort überlege, ob von der Vollversammlung auch bei mir Termine betroffen sind. Natürlich die Prüfungsvorbesprechung liegt genau zu dieser Zeit. Aber ich kann ganz beruhigt sein: Die 30 Leute werden sicher alle zur Vorbesprechung kommen. Das ist ihnen bestimmt wichtiger. Jeder macht brav und zielsicher, was für sein Fortkommen nötig und wichtig ist. Wer zugibt, dass er die Herausforderungen und Zumutungen nicht bewältigt, hat schon verloren und wird abgehängt.

Die Studierenden stöhnen ständig unter der zeitlichen und finanziellen Last ihrer Studiensituation. Ich finde, zu Recht. Die wenigsten bekommen Bafög, die meisten müssen arbeiten, um zu überleben. Manche schlafen im Seminar fast ein. Sie haben wieder die ganze Nacht arbeiten müssen. Oder waren sie feiern? Das vielleicht auch. Aber ich glaube ihnen ihren Stress. Trotzdem finden sie es offenbar überhaupt nicht selbstverständlich, sich lautstark dagegen zu wehren. Es ist, als müssten sie sich erst Rechenschaft ablegen darüber, ob ein Protest, ein Aufbegehren überhaupt in den zeitlichen Rahmen des Studiums hineinpasst, ob sie so nicht irgendetwas Wichtiges verpassen könnten.

Ich denke mit einer gewissen Sehnsucht und mit großer Verwunderung an die Humangenetikvorlesungen, die im Frühjahr 1969 zu 80% den Diskussionen um die Notstandsgesetze gewichen sind.

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