Gedanken zur kritischen Sozialarbeitsbewegung (2011 bis heute)

Widersprüchliche Antwort auf die Soziale Frage

Soziale Arbeit ist immer eine gesellschaftliche Antwort auf die „Soziale Frage“, in ihren Anfängen in der Zeit der Industrialisierung bis heute.
Soziale Arbeit ist s keine revolutionäre Antwort auf diese Frage. Soziale Arbeit ist  historisch ein Kind der Sozialdemokratie und bildete sozusagen den Gegenpol zur damaligen politischen und sozialistischen (auf Abschaffung der kapitalistischen Gesellschaft orientierten) Arbeiterbewegung.

Ihr Bemühen, die sozialen Probleme der Bevölkerung zu lösen, entwickelte sich  immer im Spannungsfeld und im Widerspruch zwischen Anpassen und Wachrütteln, zwischen Helfen und stark Machen, zwischen dem Versuch, die Menschen mit der Gesellschaft zu versöhnen und dem Wunsch, sie mit den Betroffenen zusammen zu verändern.
Dies zeigt sich an sehr vielen Praxis -Beispielen der Vergangenheit und Gegenwart: Weiterlesen

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Neue Schöne Welt – aus dem Glashaus betrachtet

Schöne neue Welt – Der Name meines Blogs verweist auf einen alten Sciencefiction Roman, den Aldous Huxley 1932 geschrieben hat.
In den 90 Jahren spielte dieser Roman in einer anhaltenden und viele Menschen mitreißenden Diskussion deutscher Philosophen und Sozialwissenschaftler eine große Rolle.
Das Werk gehört zu den einflussreichsten Romanen des 20. Jahrhunderts. Es inspirierte Autoren aller Generationen zu eigenen Zukunftsvisionen.

Kurz zum Inhalt:
Mittels physischer Manipulationen der Embryonen und Föten sowie der anschließenden mentalen Indoktrinierung der Kleinkinder werden die Menschen gemäß der jeweiligen gesellschaftlichen Kaste geprägt, der sie angehören sollen. Die Gesellschaft verfügt über Menschen der Kaste  „Alpha-Plus“ (Führungspositionen) und über Menschen der Kaste „Epsilon-Minus“, die in der Gesellschaft die einfachsten Tätigkeiten verrichten. Dazwischen liegen abgestuft die anderen Kasten.

Huxley schuf eine technisch und psychologisch durchstrukturierte Welt, in der die Menschen über genetische Maßnahmen und Verhaltenstraining in 5 unterschiedliche Kasten eingeteilt werden, die sie weder verlassen wollen noch können.
Es herrscht sozialer Frieden, weil jede Kaste auf ihre Weise befriedigt wird und ein Wunsch, mehr zu sein und anders zu sein, den Menschen gleich nach der Geburt drastisch und für ihr ganzes Leben ausgetrieben wird.
Der Friede wird damit erkauft durch ein System, das nicht nur Ungleichheit und Unrecht duldet, sondern selbst systematisch herstellt.
Es herrscht Wohlergehen und Reichtum in den beiden oberen Klassen, der Rest lebt wesentlich einfacher, ist aber zufrieden.Allen Kasten gemeinsam ist die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung nimmt. Die Regierung jener Welt bilden KontrolleureAlpha-Plus-Menschen, die von der Bevölkerung wie Idole verehrt werden.
1932 konnte Huxley die heute bestehenden genetischen Möglichkeiten der Manipulation von Menschen nicht voraussehen. Er griff nach den Erkenntnissen und Möglichkeiten seiner Zeit.

Das Besondere und für unsere heutige Welt verblüffend Bekannte:
Das Unterdrückungssystem wird nicht per Zwang und körperlicher Gewalt, sondern durch gezielte Manipulation durchgesetzt. Der Totalitarismus der schönen neuen Welt“arbeitet“ nicht mit niederknüppelnder Macht, sondern weit effizienter. Er bringt vielmehr das Volk mittels Propaganda, Medien und manipulativer Erziehung dazu, seine  seine eigene Versklavung zu lieben.
Besonders wirksam dabei sei es, so die Ideologen dieser Schönen neuen Welt, gezielt Informationen zu verbergen: „groß ist die Wahrheit, aber größer, vom praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen der Wahrheit“.
Voraussetzung für das Gelingen dieses Verschweigens ist wirtschaftliche Sicherheit, die aufrechtzuerhalten erste Priorität des totalitären Staates ist.

Die typischen Verhaltensmerkmale der Menschen in der Schönen Neuen Welt kommen einem beinahe so vertraut vor, als spiele der Roman in unserer Gesellschaft:

  • Die gesellschaftlichen Normen fordern von den Bürgern zahlreiche sexuelle Kontakte mit kontinuierlich wechselnden Partnern  die ausschließlich dem Vergnügen dienen sollen. Liebe und emotionale Leidenschaft gefährden nach Meinung der Weltregierung die Stabilität.
  • Kunst und Literatur sind durch das „Fühlkino“ (im Original: Feelies) ersetzt, in dem auch körperliches Empfinden dem Zuschauer physiologisch übertragen wird. Der Handlungsverlauf der gezeigten Stücke ist dabei ohne tiefere Bedeutung, da aufgrund der emotionalen Verarmung der Menschen die Grundlage für einen anspruchsvollen Inhalt fehlt. Die Geschichten sind trivial und gleichförmig auf Action und Erotik ausgelegt.
  • Um größere Gefühlsschwankungen zu vermeiden, die zu negativen Verstimmungen führen können, nehmen die Menschen regelmäßig Soma ein, eine Droge, die stimmungsaufhellend und anregend wirkt und auch als Aphrodisiakum verwendet wird. Anders als Alkohol hat es bei üblicher Dosierung keine Nebenwirkungen und wird synthetisch hergestellt.
  • Bildung beschränkt sich auf eine pragmatische, für die Gemeinschaft nützliche Wissensvermittlung. Humanistische Bildung ist gesellschaftlich nicht gewünscht, da sie den Menschen zum Nachdenken anregt und ihm eine kritischere Sicht auf die Welt ermöglicht. Da es nicht im Interesse der Allgemeinheit ist, den Menschen für die Defekte dieser Gesellschaft zu sensibilisieren, wird jede Bildung, die sich auf kulturelle Überlieferung stützt, unterdrückt. „Geschichte ist Mumpitz“.

 

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An die, die weiterleben

Gedanken von 20o3 – die heute noch immer zutreffen)
I
Ja, sicher, uns geht es gut.
Sogar unsere Armen sind meistens satt.
Die auf der anderen Seite stehen,
sehen uns mit Neid und Hass.

Man sagt euch, ihr müsst verteidigen,
was euer ist. Und warum?
Ich kann die Tür nicht verschließen vor denen,
die Einlass begehren.
Ich kann nicht sagen: Dies hier gehört uns.
Es gehört den Menschen.

Ich kann auch nicht sagen:
unsere Götter sind die besseren,
unsere Sitten sind die richtigen,
unsere Gedanken sind wahrer als ihre.

Rom bleckt mal wieder die Zähne.
Es hat die besseren Waffen
und einen großen Hunger.
Recht hat, wie immer, wer stärker ist:
Im Namen Gottes, der Demokratie und
was sonst noch so einfällt.

Dies ist keine Welt,
die wir euch mit Stolz hinterlassen.
Dies ist das Reich der Wölfe im globalen Pelz.
Am Hof herrscht der allmächtige
Spaß, und das Geklingel der Kassen
füllt die Hirne und Herzen.

II folgt

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AUF EIN NEUES

Nach sieben Jahren nehme ich diesen Blog wieder auf.
Inzwischen ist das Wort „Krieg“ kein abstraktes Wort mehr, sondern harte Realität.Auch sonst ist die Welt nicht besser und nicht unkomplizierter geworden.

Ich, Ms. Tapir, bin seit einigen  Jahren in Rente. Meine aktive Zeit der letzten 5 Jahre in der Kritischen Sozialen Arbeit habe ich vorerst beendet. Noch immer sitze ich im Glashaus und habe so manchen Stein abbekommen. Manche haben Narben hinterlassen.
Aber Glashäuser haben auch einen Vorteil: man kann verdammt viel von dem sehen, was da draußen abgeht: auf der Straße, in den Städten, bei den Ausgestoßenen und denen, die meinen, ihnen gehöre die Welt.
Mal sehen.

 

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Schwerter zu Pflugscharen? – mein Antikriegstagebuch

Panzer zu Hüpfburgen!!!

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Als die Opposition in der DDR mit dem Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ die westlichen Pazifisten und dazu vor allem auch alle Antikommunisten und DDR-Feinde begeisterte, hatte schon damals keiner vor, in Westdeutschland die Produktion und den Verkauf von Waffen ins Ausland einzustellen.
Was wäre, wenn heute „Panzer zu Traktoren“ oder „Bomber zu Sonnensegeln“ gefordert würde?
Galt und gilt der Pazifismus also doch nur für die anderen, für die, denen man das Recht abspricht, ihrerseits mit Waffen zu drohen?
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unser robustes Mandat – mein Antikriegstagebuch

Als unser Von und Zu jüngst das Wort „Krieg“ für salonfähig erklärte – zumindest im umgangssprachlichen Sinn (!) – hoffte mancher, dass nun eine Diskussion losbrechen würde darüber, dass das bestehende Mandat einen Kriegseinsatz nicht abdeckt.

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Aber wir haben es gestern ja gehört: Das bestehende Mandat für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan muss laut Merkel nicht verändert oder erneuert werden. Die Soldaten haben  nach wie vor die Aufgabe, vor allem Brunnen zu bauen und den Afghanen zu zeigen, wie man Krieg macht.
Das haben unsere lieben Politiker gestern ganz schnell hinter sich gebracht. Die SPD hat ihre Argumentation, dass die Bundeswehr gar kein Kriegsmandat hat,  fallen gelassen, Steinmeier war sowieso anderer Meinung als Gabriel. Trittin bezweifelte, dass unsere Soldaten nur in der Defensive bleiben können. Aber ansonsten ist alles in Ordnung. Außer von den LINKEN kein Versuch, diesen unverantwortlichen Kriegseinsatz infrage zu stellen.

Und Frau Merkel erklärte, dass es gerade jetzt, nach den 7 (also nach dem  37., 38., 39., 40., 41., 42., 43.) Toten verantwortungslos sei, sich aus Afghanistan zurückzuziehen. Wem gegenüber eigentlich?
Und schließlich, nachdem jetzt klar ist, dass wir Krieg führen, darf ja schließlich auch auf Zivilisten geschossen werden. Dieser Oberst Klein hat es vorgemacht und er hat Recht bekommen. Er hat alles richtig gemacht. Schließlich ist ja Krieg.
Zugegeben, das ist  alles ziemlich hart für unsere Jungs und Mädels. Sie brauchen natürlich unsere Unterstützung. Es ist deshalb so wichtig, dass sich die Gesellschaft für die traumatisierten Soldaten nach ihrem Afghanistaneinsatz  engagiert, mit psychologischr Hilfe z.B. Sowas braucht man dann eben. Ist ja kein Zuckerschlecken da in Afghanistan. Wir sollten den Jungen, die sich dafür freiwillig gemeldet haben, dankbar sein, dass die das für uns alle tun, nicht wahr! Der Soldat generiert wieder ein Mal zum Helden.
Tatsächlich: Militär, Soldaten, Krieg, das alles wird wieder Normalität, jeden Tag ein bisschen mehr. Gestern Abend gab es einen Tatort, bei dem ganz zufällig ein netter Feldwebel die Rolle des Guten hatte. Soldat sein ist eben ein ganz normaler  Beruf wie andere auch, ein durchaus ehrenvoller. Wir sollten stolz auf diese Männer und Frauen sein.

70% der Bevölkerung wollen zwar ein Ende des Kriegseinsatzes, aber Mutti erklärt ihnen geduldig, dass man nicht einfach so kopflos, so würdelos abhauen darf. Unerledigte Sachen kann man nicht einfach hinwerfen. Es gilt, jetzt durchzuhalten und zusammen zu stehen. „Ihr müsst ihn einfach wollen, diesen absolut notwendigen Krieg!“
Die Rechnung von Frau Merkel scheint aufzugehen. Die Bevölkerung gewöhnt sich daran, wieder mal einer Kriegsnation anzugehören. Das gibt es scheinbar Sachzwänge, die man nicht ändern kann. Oder ist es nicht sogar natürlich, dass wir unsere Interessen mit Waffengewalt am Hindukusch verteidigen, sozusagen ein Naturrecht der Stärkeren? Und schließlich müssen die vielen Waffen, die hergestellt werden, auch mal genutzt und verschlissen werden, nicht wahr!?
Und so denkt nach der Mandatsdebatte gestern mancher dieser 70%, dass er zwar ein Ende des Kriegseinsatzes will, aber dass er da selber vielleicht zu naiv oder auch zu egoistisch an die Sache herangeht. Denn was würde werden, wenn wir dort nicht mehr für Ordnung sorgen? Dann kämen die Talibans und machten uns alle platt.
Also müssen wir sie eben vorher platt machen:
In der sogenannten Taschenkarte der Soldaten, die jeder bei sich trägt,  ist das aktuelle Mandat am Hindukusch  konkret erklärt. Und die Regelungen sind schon im letzten Juni verschärft worden: Die Bundeswehr ist nach eigenen Angaben nun „nicht nur auf die Abwehr eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs beschränkt“. Vielmehr kann sie „im Vorfeld geeignete Maßnahmen ergreifen, um es dazu erst gar nicht kommen zu lassen.

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schon die alten Römer sprachen von „befrieden“ – mein Antikriegstagebuch

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Demonstration für den Frieden in Afghanistan

Man sollte nicht sagen, dass das Erlernen der Lateinischen Sprache sinnlos sei. Mir ist jedenfalls beim Lernen der Vokabeln vor einigen Jaharzehnten eine Kronleuchter aufgegangen – über ide alten Römer und ihre Weltherrschaft und überhaupt, über alle Völker, die etwas mit der Weltherrschaft am Hut haben:

da gibt es die Vokabel „pacare„. Das heißt „befrieden„, kommt von „pax“, „der Friede“. Also geht es darum, den Frieden zu bringen für das fremde Land, um das es dabei geht.

Aber da stand noch eine Bedeutung daneben, die mich anfangs sehr irritiert hat, weil ich nicht verstand, wieso das eine Wort diese beiden für mich widersprüchlichen Bedeutungen haben konnte.
Da stand nämlich auch noch : „unterwerfen„.

Bis ich begriff, dass es Menschen und Weltmächte gab und gibt, die andere unterwerfen und vom Frieden Bringen dabei reden.

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Nicht nur die Freiheit, auch der Friede wird von den Menschen ausgelegt, wie es ihnen passt.

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Pazifismus reaktionär? – mein Antikriegstagebuch

Das gestrige „Ossifizierungsthema“  hat noch etwas Unglaubliches für mich zu Tage gebracht:

Der Historiker Wolffsohn, der diesen Begriff in die Welt gesetzt hat,  bezeichnet es als ein gesellschaftliches Problem und als eine „reaktionäre Entwicklung“, dass es im Westen bei den Mittel- und Oberschichten noch immer zum „guten Ton“ gehöre, zur Bundeswehr auf Distanz zu gehen.
Es ist in seinen Augen  „reaktionär“, die deutsche Militarisierung und Kriegsfreundlichkeit, die sich in unserer Gesellschaft immer mehr breit macht und für die in den Medien unermüdlich geworben wird (so auch mit Hilfe dieses Herren), nicht mit Begeisterung aufzugreifen.
Es ist mir klar, dass diese von ihm beschriebene „Distanz zur Bundeswehr“ nicht gleichzusetzen ist mit einer Ablehnung des neuen militären   Selbstbewußtseins und Selbstverständnisses in Deutschland. Und dennoch ist es wenigstens ein Relikt, dass davon erzählt, dass es im Westen Deutschland in den Nachkriegsjahrzehnten eine mehr als begründete generelle Tendenz gab, von kriegersichen und militärischen Absichten im deutschen Land Abstand zu nehmen. Pazifismus war nicht unbedingt bei allen Leuten  gegeben, aber Pazifisten waren angesehen und akzeptiert und verkörperten das schlechte Gewissen der deutschen Nation. Nun ist er also nur noch eine Art schlechter Angewohnheit und „reaktionär“, was wohl heißen hier soll: eine Haltung, die das deutsche Volk in seiner Bedeutung und Wichtigkeit in dieser Welt behindert und einschränkt.

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„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, wo hab ich das zuletzt gehört? In einer Rede der Bundeskanzlerin, auch nein, nicht wörtlich, sie hat es ein bisschen anders ausgedrückt.

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Ossifizierung? – mein Antikriegstagebuch

Wenn man eine Ablehnung für eine Arbeitsstelle erhält, die nachweislich darauf zurück zuführen ist, dass mann aus dem Osten Deutschlands kommt, kann man sich nicht dagegen wehren. Ossi zu sein ist kein ethnisches Merkmal. So.So.

Heute hören wir von einer Ossifizierung der Bundesewehreinsätze im Ausland. Wessis gibt es fünfmal so viele im Vaterland. Aber die im Ausland eingesetzten Soldaten sind zur Hälfte (erst hieß es 60%, in den nächsten Nachrichten war man auf „fast 50% runtergerudert)  aus dem Osten. „Mehr als jeder dritte der bislang 43 toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stammte aus den neuen Ländern.“  Dabei ist der „Ost-Anteil vor allem bei den unteren Mannschaftsdienstgraden   (zwei Drittel) , während er bei den höheren Stabsoffizieren auf 16% sank. Was lehrt uns das?

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Handelt es sich bei unseren SoldatInnen vielleicht wirklich um „Arbeitslose in Uniform“, denn die Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit für junge Leute ist im Osten nach wie vor viel größer?
Die Bundeswehr stellt sich schließlich zunehmend als Arbeitsmarkt, als Ausbildungschance und als berufliche Chance dar. Eine elegante Lösung zweier Probleme mit einer Klappe.

Andererseits:
Dass Wort „Ossifizierung“, absulut reif für das schönste Wort des Jahres (aber wer weiß, was noch so kommt?),  scheint auch Bedenken und Befürchtungen auszudrücken: Können wir diesen Ossis unsere Freiheit und Sicherheit z.B. am Hindukusch überhaupt anvertrauen? Ist es nicht ein Problem, dass gerade solche Menschen für das deutsche Vaterland ihren Kopf hinhalten?
Aber vielleicht ist das ja gerade geschickt. Kanonenfutter kam schon immer aus den gesellschaftlich niedrigeren Schichten. Auch in der amerikanischen Armee schlagen sich eher die schwarzen GIs persönlich die Köpfe ein, während der weiße Soldat eher an Computern und in Kampfmaschinen sitzt, wo er sein kostbareres Leben besser geschützt glaubt. Und so hat dann wohl auch alles seine Richtigkeit.

Ich denke, wenn hier irgend eine „Fizierung“ im Gange ist, dann eine Infizierung der Bevölkerung mit dem Virus der Akzeptanz fürs Kriege Führen.

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Ich war ein Nachkriegskind – Mein Antikriegstagebuch

Ich bin ein Nachkriegskind.

Trümmer waren in meiner Kindheit Alltag. Wie sie entstanden waren, wusste ich nur vom Höre-Sagen. Der Krieg lag 7 Jahre zurück, als ich anfing in den Trümmern zu spielen, Kachelstücke zu sammeln und Kuckucksnelkensträuße zu pflücken. Das war eine Ewigkeit her für mich Vierjährige.

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 Dresden, die Heimatstadt meiner Mutter, 1945

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Ruhrgebiet, Heimat meines Vaters, 1945

Ich kannte natürlich die Erzählungen: das brennende Dresden meiner Mutter, das Foto aus der Zeitung mit dem Todesengel, die Geschichte, wie kurz vor Kriegsende das Geburtshaus meines Vaters in Gelsenkirchen zerbombt wurde, die schrecklichen Erzählungen meiner Mutter, wie sie – hochschwanger – im Wald bei Bad Lauterberg an den Waldboden gedrückt, die Fliegerbombenalarme überlebte.
Ich kannte auch die Geschichte, wie man mit dem Krieg umgehen muss: Meine hochschwangere Mutter begegnete einem amerikanischen Besatzungssoldaten. Der warf sein Lasso und fing sie ein. Sie blieb stehen, ganz ruhig, streckte ihren Bauch raus, sah ihn streng an. Das Lasso fiel an ihr herab auf den Weg. Sie stieg heraus und der junge Schwarze grinste verlegen und rollte sein Lasso wieder ein. So dachte ich wird  man mit dem Krieg fertig. Dass zu diesem Zeitpunkt gar kein Krieg mehr war, hatte ich dabei übersehen.
Ich hatte lange Zeit Angst vor Uniformen. Meine Eltern – beide im katholischen Widerstand – hatten mir nie so etwas wie Stolz oder Vertrauen in Menschen mit Uniform eingeflößt. Unser braver, dicker Stadtviertelpolizist musste darunter leiden: Als wir ihn auf der anderen Straßenseite sahen, brach ich in furchtbares Gezeter und Angstgeschrei aus. Und alle seine Bemühungen, mich zu beruhigen oder mich freundlich anzusprechen, verstärkten meinen Widerstand. Armer Mann. Aber ich bin noch heute stolz auf mich!Aber im Nachkriegs-Ruhrgebiet boomte das Wirtschaftswunder. Die Trümmer verschwanden allmählich. An den Himmel schrieben silbern glänzende Flugzeuge „Persil bleibt Persil“. Die Welt war voller Tatendrang und Verlockungen.Dennoch, bei jedem Überschallflugzeug konnte ich bis in meine Jugend hinein nicht umhin, mich wie meine Mutter im Wald damals auf den Boden zu werfen. Dabei war gar nicht ich es, die sie damals im Bauch mit dabei gehabt hatte.Überhaupt war meine Mutter ziemlich unbeeindruckt von der damaligen Nachkriegssituation: Von ihr hörte ich immer mal wieder, dass sie den Großen nicht traue. Irgendwann würden die doch wieder Krieg machen und auf einander losschlagen.
Dennoch kam das Wort Krieg in meiner Kindheit mehr als eine Vergangenheitserklärung, und weniger als eine reale Bedrohung vor. Erst als Jugendliche, als ich Borchert für mich entdeckte, die Trümmerliteratur verschlang, als ich den kalten Krieg bis in die Knochen spürte, während auf dem Bildschirm unseres ersten Fernsehgerätes, die Landkarte von Kuba auftauchte und die strategische Situation der Kubakrise erläutert wurde, hatte ich begriffen, dass Krieg nicht mit dem zweiten Weltkrieg aus und vorbei sein würde in meinem Leben.
Der kalte Krieg war in meiner Jugend und während meines Erwachsenwerdens allgegenwärtig. Wir demonstrierten. Wir waren viele. Es hatte mit Vietnam angefangen. Auch da verteidigte die USA ihre Freiheit und Sicherheit an irgendeinem vietnamesischen Hindukusch. Aber da sahen die Augen der Öffentlichkeit plötzlich, was da wirklich passierte. Im eigenen Land und erst Recht in Europa wurde erkannt, was das war: Völkermord und Völkermord auf Raten. Bis heute leiden die Menschen in Nordvietnam an den Folgen der chemischen Waffen.
„Wenn dieser Morgen kommt, in Vietnam, dann wird manch anderes Volk nach seinen Herren sehn. Da bleibt viel Zorn noch übrig.“  So sangen wir in dieser Zeit mit Franz Josef Degenhardt.
Die Welt ist komplizierter, als wir damals hofften. Die Herren und die Damen, die die Kriege brauchen, nutzen das für ihre Interessen.

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