Widerstand der Sozialen Arbeit gegen ihre Neoliberalisierung – nötig? möglich? sinnvoll?

Vortrag, online gehalten am 12.4.2021

für die Hochschule Hannover, University Of Applied Sciences and Arts
Fakultät V

hier der ungekürzte Vortragstext

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Neu erschienen: Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit

Im Juventa-Verlag ist dieser Reader heute neu erschienen. Herausgegeben wurde er von Roland Lutz, Jan Steinhaßen und Johannes Kniffki. Der Untertitel lautet: Neue Perspektiven und Pfade.
Die Texte stehen unter den Kapitelüberschriften:
Coronakrise
Soziale Kosten
Perspektiven und Pfade
Politisierung und Emanzipation.

Im Band ist von mir der Artikel: „Jugendhilfe und Corona – Schicksalsschlag, Kollateralschäden oder Strategie?“ enthalten.

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Mein Comic zum Thema Kriegsende 45

Wie aus dem Unteroffizier Günter Lenz wieder ein Mensch wurde

Diesen Comic habe ich zur Erinnerung an meinen Vater gestaltet, der 1945 in den letzten Tagen vor dem Waffenstillstand von der Front in Tschechien geflohen ist, weil er sonst am darauffolgenden Tag mit Halbwüchsigen, kriegsgeilen Hitlerjungen an die Frontlinie gemusst hätte. Das wäre ein sicheres Todeskommando geworden, denn die versprengte Stellung der Wehrmacht war schwach und ausgelaugt, und die Rote Armee stand schon 30 Kilometer weiter in Stellung.
Außerdem wartete meine Mutter auf ihn. Sie war schwanger und hoffte, dass ihr Mann zur Geburt zurücksein würde.

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Das neue Gesetz der Kinder- und Jugendhilfe steht ins Haus-

hier eine aktuelle Stellungnahme

Der Bundestag wird voraussichtlich am 15/16.4.2021 abschließend über den Gesetzesentwurf zum SGB VIII zu beschließen. Es ist wohl weiterhin geplant, das Gesetz bereits am 7.5.2021 durch den Bundesrat zu bringen.

Über ein neues Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz, das das alte Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz von 1990 ablösen soll, wird seit Jahren diskutiert. Die kritische Sozialarbeit hat vor 4 Jahren erreicht, dass der damalige Entwurf nicht verabschiedet wurde.

Inzwischen gibt es eine vorsichtiger formulierte und gut verpackte Neuauflage, die mit ein paar kleineren Fortschritten winkt und so davon ablenkt, dass hier das letzte der noch nicht neoliberal umformulierten Sozialgesetze, nämlich das KJHG, nun ebenfalls der neoliberalen Doktrin untergeordnet werden soll.

Die politisch Verantwortlichen haben zwar im Vorfeld die großen Verbände teilweise in ihre Überlegungen einbezogen und die Leitungsebenen befragt. Die MitarbeiterInnen – von der Ebene der betroffenen Menschen ganz zu schweigen – wurden nicht einbezogen und werden die Suppe nun auslöffeln müssen.  In einem früheren Beitrag habe ich bereits darüber berichtet.

Das neue Gesetz wird zu massiven Veränderungen führen, so bemerkt Dr. Conen in einem offenen Schreiben. „Lax gesagt: die Jugendhilfe kann sich nach den im Raum stehenden Entwurfsideen festhalten, es wird eine andere Jugendhilfe danach sein (und wir sprechen noch nicht von den Auswirkungen des „Sparzirkus“ nach Corona!!) – und manche Ältere meinen, dass sie froh sind, dann nicht mehr in der Jugendhilfe zu arbeiten.“

Leider ist das gesamte Geschehen um das neue Gesetz in der Öffentlichkeit kaum beachtet worden und hinter den Corona-Aktualitäten verschwunden. Auch sind die denkbaren Konsequenzen bei den Akteuren vor Ort vermutlich noch nicht wirklich angekommen.

Frau Conen und Herr Nodes legen nun die unten abgedruckte Stellungnahme vor, die die wichtigsten Kritik-Punkte m. E. sehr gut auf den Punkt bringt und die Kernpunkte der Bedrohungen durch die bisherigen Gesetzesentwurfs-Ideen pointiert herausarbeitet. Dabei stehen die Folgen im Vordergrund, die die MitarbeiterInnen der Jugendhilfe daran hindern werden, eine fachlich gute Kinder- und Jugendhilfe zu machen. Des Weiteren geht es um die fachlichen und finanziellen Dynamiken, die mit dem Umsetzen der Gesetzesvorhaben entstehen werden.

Die Autorinnen haben ihre Stellungnahme als offenen Brief an die Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie an die StaatssekretärInnen der Länder-Familienministerien formuliert und bitten alle Interessierten, diesen offenen Brief an die entsprechenden (beiliegenden) Adressen zu weiterzusenden.

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Hier die Stellungnahme

Kritische Stellungnahme zum Kinder- und Jugend-Stärkungs-Gesetz
(in den Schlussphase der parlamentarischen Abstimmung und unmittelbar vor der Beschlussfassung)
AutorInnen: Dr. Marie-Luise Conen und Wilfried Nodes

„Seit mittlerweile 12 Jahren beschäftigt die Reform des SGB VIII mit verschiedenen Gesetzentwürfen die Fachwelt. Zunächst als Neuordnung geplant, die vor allem die Hilfen zur Erziehung nicht mehr als Rechtsanspruch definieren und einige ergänzende Veränderungen vornehmen wollte, und von der Fachwelt geschlossen abgelehnt wurde – ist nunmehr ein Gesetzentwurf entstanden, der das Potential hat, die Landschaft der Kinder- und Jugendhilfe vollständig negativ zu verändern und damit Signalwirkung für die professionelle Entwicklung der gesamten Sozialen Arbeit hat.

Vor allem in folgenden Aspekten zeigen sich dabei problematische oder häufig in ihren Konsequenzen nicht zu Ende gedachte Veränderungen:

  • Es wird – auf sehr indirektem Weg – die Möglichkeit geschaffen, bisherige Hilfen zur Erziehung abseits des bisher vorgeschriebenen Hilfeplanverfahrens im „Sozialraum“ zu etablieren. Ein Beispiel: Der neue § 28 (statt dem bisherigen § 20 – Nothilfe) erweitert die Definition der Umstände, die zu einer Festlegung der Anwendung der Hilfen für „Kinder in Notsituationen“ führen. Im Prinzip lassen sich nunmehr auch eine Vielzahl der Familien als solche in Notsituationen definieren, die bisher „Hilfen zur Erziehung“ erhalten. Über den Umweg des § 36a lässt sich damit ein im Sozialraum gesteuertes Hilfesystem abseits von Rechtsansprüchen etablieren. Dies lässt eine den Familien entsprechende Hilfegewährung fraglicher erscheinen. Das auf diese Weise ermöglichte System wird die Mitarbeitenden nicht um die Sorge für das Wohl der Kinder- und Jugendlichen entlasten, wohl aber zu Mehraufwand führen, weil die Hilfeangebote für die so „in den Sozialraum“ geschobenen Familien begrenzt sein werden. In Folge droht die Beauftragung der bisheriger Hilfeformen, wie etwa die Sozialpädagogischen Familienhilfe und anderer aufsuchender Hilfe-Angebote erheblich eingeschränkt zu werden und eher nur noch unter dem Aspekt des „Kinderschutzes“ zu erfolgen. Wir können perspektivisch davon ausgehen, dass das vorgehaltene Angebot der aufsuchenden Hilfen zur Erziehung massiv eingeschränkt wird.
  • Die Verfahren zum Kinderschutz werden in erheblichem Maße durch die Reform weiter bürokratisiert sowie die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe entmündigt. Eine Stärkung des präventiven Kinderschutzes gelingt nicht. Statt die pädagogische Qualität sicher zu stellen und auszubauen (etwa über die Begrenzung der Fallzahlen und Fortbildung), werden formale Vorgaben und wenig sinnhafte Änderungen (beispielsweise in der Arbeit zwischen Familiengerichten sowie Jugendämtern, der „Beteiligung“ von Berufsgeheimnisträger*innen oder der künftig verlangten Rückmeldung der Fachkräfte aus den Jugendämtern an die meldenden Berufsgeheimnisträger*innen) gemacht. Darüber hinaus werden die Fachkräfte in der Fallführung im Kontext von Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung mit einem System der Dokumentation, der Aktenweitergabe, dem Einholen von Stellungnahmen konfrontiert – und dies eben nicht mehr aus pädagogischer Perspektive, sondern mehr aus Gründen der formalen Absicherung bei Vorfällen gegenüber Kindern und Jugendlichen. Da eine Begrenzung der Fallzahl in den Sozialdiensten der Jugendämter auch weiter nicht vorgesehen ist, wird die Arbeit in den Allgemeinen Sozialen Diensten weiter „entpädagogisiert“ – von Raum für eine soziale Diagnostik, die Beteiligung der Adressat*innen und das familiäre Umfeld kann aber bereits heute nicht mehr gesprochen werden. Eine Folge dieser Entwicklung wird die weitere Zunahme von Fremdunterbringungen sein – trotz der zu erwartenden Reduzierung der Plätze durch das „Herauswachsen“ der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen.
  • „Inklusion“ wird im Zuge des Reformprozesses immer wieder als Begriff bemüht. Durch die geplanten Veränderungen werden aber kaum inklusive Ansätze – im Sinne des Konzepts – festgelegt, die gleichzeitig Fort- und Weiterbildungsbedarfe bei den Fachkräften regeln sowie refinanziert sind. Es bedarf wirklicher inklusiver Ansätze! Zunächst wird das Thema „Inklusion“ im Wesentlichen nur als Selbstverpflichtung zum Treffen abschließender Regelungen, die in sieben Jahren weitere gesetzliche Regelungen erfordern, in den Gesetzesentwurf aufgenommen. Des Weiteren werden mit der Übertragung von Inklusionsleistungen in die Jugendhilfe durch das geplante Gesetz ausschließlich die Aufgaben der Sozialen Arbeit ausgeweitet. Offenbleiben aber sowohl die Finanzierung als auch die Klärung der Frage, wie die Fachkräfte für die zusätzlichen Aufgaben qualifiziert werden und wie der damit wachsende Personalbedarf zu decken ist.
  • Die Bedeutung der leiblichen Eltern und der Familie wird zwar einerseits betont, im Konkreten aber insbesondere bei der Unterbringung in Pflegefamilien relativiert. Das Gesetz stärkt zunächst vor allem die Position der Pflegeeltern. Bereits jetzt, angebotsrelevant dann spätestens in sieben Jahren, werden sich die Jugendämter verstärkt mit den Familien mit behinderten Kindern auseinanderzusetzen haben. Viele Expert*innen rechnen damit, dass bisherige Eingliederungsleistungen unter dem Vorzeichen der Kinder- und Jugendhilfe eine erhebliche und berechtigte Ausweitung erfahren werden. Dies, verbunden mit dem Ausbau der Kindertagesbetreuung und dem schulischen Ganztag, wird den Kostendruck auf die Kinder- und Jugendhilfe erheblich erhöhen. Gerade, weil die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Träger bisher noch kaum abzusehen sind.
  • Im Modus des Misstrauens gegenüber ihren Fähigkeiten wird den Fachkräften künftig ein Mehr an Bürokratie und damit ein Weniger an pädagogischen Arbeitsmöglichkeiten – trotz der Zunahme krisenhafter Entwicklungen bei den Adressat*innen in der Corona-Pandemie – zugemutet. Der Gesetzesentwurf macht konkrete Vorschriften zu den Inhaltsbereichen (auch außerhalb des SGB VIII) und zur angemessenen Formen von Beratung, baut Dokumentationsverpflichtungen weiter aus, gibt Verfahrensschritte detailliert vor und bezieht medizinisches Personal aufwändig in die Verfahren ein. Auch hier bleibt der Gesetzentwurf eine Antwort schuldig, wie dies personell und finanziell bei Jugendämtern und Trägern sichergestellt werden kann.
  • Der Gesetzentwurf betont Förderung, Betreuung und Erziehung. Bildung, in der Corona-Pandemie als wichtiges Gut empfunden, wird vernachlässigt. Wichtige Aufgaben in einer durch die Corona-Pandemie veränderten Gesellschaft erfahren in dem Gesetz weder eine Neuregelung noch eine Stärkung: Alle offenen Angebote etwa im Bereich der Jugendsozialarbeit, der Jugendverbandsarbeit, der Jugendbildung, usw. sind dem Gesetzgeber keine Erwähnung wert.

Zunächst wird nicht sofort deutlich, welche neuen Aufgaben und Verfahren kurzfristig von den Jugendämtern umzusetzen sind. Dies dürfte auch die bisherige „Lautlosigkeit“ der Kinder- und Jugendhilfe „vor Ort“ erklären, mit der die Diskussion um dieses Gesetz begleitet wurde. So macht es Sinn, sich die mit dem Gesetz verbundene Dynamik in und mit der kommunalen Praxis zu betrachten. Insgesamt ist das Gesetz zu bewerten als

· Ausdruck eines Steuerungs- und Kontrollbedürfnisses von Politik bezogen auf die Kompetenzen der Jugendhilfe

 · Bemühen, Anschluss an die Lobbyinteressen bestimmter Akteur*innen in der Kinder-und Jugendhilfe abseits der bisherigen Klientel herzustellen

· Versuch, Mitteleinsparungen vor allem im Bereich der Hilfen zur Erziehung in der Praxis der Jugendämter zu ermöglichen In dieser Situation schwindet auch die Bedeutung der wenigen Verbesserungen im Gesetz. Wie etwa ist unter einem System des Kostendrucks die ausreichende personelle Ausstattung von Ombudsstellen und Verfahrenslotsen möglich? Welchen Raum gibt es künftig für die nunmehr ausdrücklich vorgegebene Elternberatung insb. bei Rückführung aus Pflegefamilien? Wer soll die nunmehr zu verstärkende Partizipation von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern begleiten?

Zusammengefasst:

Dort wo es zusätzliche Angebote geben soll, macht das Gesetz keinerlei qualitative und quantitative Vorgaben. Das Mehr an Bürokratie steht einem Mehr an Kostendruck und Konkurrenz der Hilfesysteme und -arten gegenüber. Familien werden in erster Linie als zu „verwaltende“ Problemträger gesehen, denn als Menschen mit zu fördernden und zu stärkenden Kompetenzen. Der Kontrollaspekt und der Kostendruck werden in der Kinder- und Jugendhilfe dramatisch zunehmen. Damit wird das Berufsfeld, insbesondere für die Beschäftigten in den Allgemeinen Sozialen Diensten der Jugendämter und den Hilfen zur Erziehung noch unattraktiver als bisher. In der gegenwärtigen Situation am Ende der Legislatur empfehlen wir die sicher notwendige Reform des Kinder- und Jugendhilferechtes zu Beginn der nächsten Legislatur neu zu beraten. Zumindest sollte der § 28 (statt § 20) nicht beschlossen werden. Ferner sollte der alte § 4 des KKG beibehalten werden – hier besteht keinerlei Veränderungsdruck. Und bezogen auf das Thema Inklusion sollten die finanziellen Konsequenzen durch den Bund bereits jetzt abgesichert werden. Nur so kann vor Ort vermieden werden, dass die notwendigen Ressourcen für Inklusion der Förderung der bisherigen Zielgruppen der Kinder- und Jugendhilfe entnommen werden.“

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Oster-Unruhe

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Corona und die Verhältnismäßigkeit

Allmählich werde ich es müde, über das zu schreiben, was uns zurzeit im Zusammenhang mit der Corona-Situation beschert wird. Immer wieder stoße ich nur auf taube Ohren und auf Menschen, die – obwohl sie inzwischen auch nervös werden angesichts des Durcheinanders und der Widersprüchlichkeiten, die unsere Regierung verzapft – an dem grundsätzlichen Glauben festhalten, wir würden derzeit von einer Pest-ähnlichen Geisel der Natur heimgesucht und dies rechtfertige alle möglichen Kollateralschäden, die man sich nur denken könne.

Ich lasse deshalb einmal einen Kinderarzt ( Dr. Armbrust, Chefarzt der Kinderklinik Neubrandenburg) sprechen, der aus meiner Sicht in hohem Maße vernünftig und nachvollziehbar argumentiert. Er steht voll und ganz auf der Seite der Kinder. Ich wünschte, ich würde solche Stellungnahmen auch aus der Richtung der Jugendhilfe und vor allem aus unseren Jugendämtern hören (von denen ich einmal annahm, sie seien Ämter für das Kinder- und Jugendwohl).

Der Vortrag ist erst eine gute Woche alt und wurde im Netz bereits 350 000 mal angeklickt. Er wurde gehalten bei der Veranstaltung des Kreiselternrates Mecklenburgische Seenplatte am 11. März 2021. Hier das Video der gesamten Veranstaltung, bei der auch SchülerInnen selbst zur Sprache kamen.

Ich zitiere aus den vielen Kommentaren:

„Immer wieder erhellend, wenn sich wahre Experten öffentlich mit den Zahlen beschäftigen, die uns tgl. um die Ohren gehauen werden. Es müssen noch viel mehr werden, die den Mut dazu finden.“

„Auch mein Hausarzt hat mir das so erklärt und das er viele Kollegen hat, die das genauso sehen. Auf meine Frage“ Weshalb machen Sie und ihre Kollegen das den nicht öffentlich?“ antwortete er mir “ Dann würden die mir den Laden schließen !“ Unglaublich was hier abgeht ☹️“

„Ich ziehe meinen Hut vor so viel Ehrlichkeit und Mut,sie zu äußern!! Vielleicht sollten wir uns alle ein Beispiel daran nehmen und uns nicht alles bieten lassen.“

Für mich sagte Dr. Armbrust nicht viel Neues. Aber er bringt die Dinge sußer auf den Punkt. Intreessant ist auch sein Hinweis auf die kognitiven Folgen der derzeitigen „Normalität“ für Kinder. Ich habe schon vor einiger Zeit z.B. über die Folgen dfür die kindliche Entwicklung geschrieben, die dadurch entstehen, dass z.B. die Berührung, eine lebenswichtige Erfahrung, plötzlich negativ konnotiert wird.

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Trauer um Waltraud Kreidl

Gestern erreichte mich die traurige Nachricht: Dr. Waltraud Kreidl ist verstorben. Das ist ein großer Verlust für die kritische Sozialarbeit Östereichs und auch Deutschlands!

Waltraud Kreidl

Ich kenne Waltraud, seit sie auf mein „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ regiert hat. Seit dem standen wir in engem Kontakt und haben z.B. 2012 gemeinsam bei der Armutskonferenz in Salzburg referiert. Sie war eine anregende, hoch engagierte Kollegin, die mir die östereicherische Soziale Arbeit und ihre Probleme in der gegenwärtigen Gesellschaft sehr nah gebracht hat. Ich bin bestürzt, dass sie sich in so „jungen Jahren“ von dieser Welt verabschieden musste.

Die Plattform für kritische Soziale Arbeit in Tirol www.dietermiten.at hat anlässlich ihres Todes folgende Mail verschickt:

„Liebe Unterstützer*innen, liebe Freund*innen der Termiten,   mit großer Trauer und viel Dankbarkeit für alles, was sie in ihrem Leben Gutes getan hat, verabschieden wir uns von unserer lieben Freundin und Termite Dr.in Waltraud Kreidl.
Wie keine andere setzte sie sich bis zuletzt für eine kritische Haltung in der Sozialen Arbeit ein, für die Würde des Menschen, für den Kampf gegen Ausgrenzung
und Marginalisierung und für eine gerechtere Gesellschaft. „

Man kann unserer Profession nur wünschen, dass sie sich insgesamt auf eine kritischere Position gegenüber den herrschenden neoliberalen Regierungen besinnt, bevor alle „alten“ kritischen KollegInnen der Sozialen Arbeit ihre Stimme nicht mehr erheben können.

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Was haben Ditte Menschenkind und Hans Thiersch gemeinsam? Den Blick auf die Lebenswelt

Vom Seminar, das ich leider nicht gehalten habe.

Als ich 1968 anfing mit meinem Psychologiestudium, war ich ein noch relativ unpolitischer Mensch. Das hatte sich in den nächsten Jahren durch die politischen Umwälzungen an den Universitäten geändert. Ich wollte, wie so viele, die Welt verändern.
Unter meinen neuen Freunden und linken GenossInnen galt damals die Soziologie als die Wissenschaft mit der größten politischen Relevanz. Die Psychologie dagegen sah man eher kritisch, nannte sie bürgerlich und hielt nicht viel von ihr.

vor Aldi

Damit konfrontiert, musste ich mir überlegen, wieso ich dennoch Psychologin werden wollte. Ich gab dem Gruppendruck ein wenig nach und wählte Soziologie als Nebenfach. Aber Psychologie, das wurde mir immer klarer, studierte ich deshalb, weil ich die Menschen immer schon als konkrete, handelnde, anfassbare Wesen gesehen habe, und die Soziologie von diesen lebenden Wesen in ihrer Abstraktheit abzusehen schien. Immerhin gab es ja auch die Sozialpsychologie: Ich promovierte über die Veränderungen politischer Einstellungen.
Dabei habe ich nie geglaubt, die Welt mit den Mitteln der Psychologie verändern zu können. Aber politische Veränderungen sind ohne die Veränderungen der Einstellungen der Menschen nicht denkbar.
Ich blieb also meinem Fach treu.

Aber als ich nach dem Studium überlegte, ob ich die Einzelfallarbeit gehen sollte (Erziehungsberatung), waren die damaligen Genossen empört. Nur der GWA-Ansatz schien den politischen Ansprüchen zu genügen. Aber ich sah als Psychologin die Menschen ja auch im Kontext ihrer Lebenswelt und machte mir nichts aus diesen Vorwürfen.

In meiner späteren der Beratungs- und Therapiepraxis allerdings kam ich immer wieder an Grenzen, an denen ich mich allein mit meinem psychologischen Wissen und den entsprechenden Wirkungsmöglichkeiten hilflos fühlte. Die Psychologie griff mir einfach nicht weit genug. Sie blendete zu oft die Wirklichkeit der Menschen in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen aus. Sie hatte auch keine Handlungs-Möglichkeiten, Menschen vor ihrer gesellschaftlichen Umwelt zu schützen oder auch nur ihre gesellschaftliche Situation zu verbessern.

In der ÖTV in Krefeld lernte ich damals Sozialarbeiterinnen kenne. Bis dahin hatte ich mir unter diesem Beruf nichts vorstellen können. Jetzt wurde mir klar, dass die Sozialarbeit an den mir gesteckten Grenzen nicht halt machen musste und es auch nicht tat. Der Mensch und seine Lebenswelt waren für meine Sozialarbeiterinnen eine untrennbare Einheit. Das faszinierte mich.
Eine solche ganzheitliche, persönliche und gleichzeitig gesellschaftspolitische und gesellschaftliche Sicht kannte ich bisher nur aus der Belletristik. Denn hier hatten Menschen immer einerseits ihren konkreten Charakter und ihre eigene Biografie und gleichzeitig ein sie umspannendes und beeinflussendes gesellschaftliches Umfeld. Die Schilderung des Alkoholikers in Dostojewskis „Brüder Karamasoff“, der „Untertan“ von Heinrich Mann… aber am allerbesten „Ditte Menschenkind“ von Andersen Nexö, das sind literarische Gestaltungen, in denen die Schicksale der geschilderten Menschen mit ihrer Lebenswelt total verbunden sind – und das in keiner Weise aufgesetzt, belehrend oder analysierend. Die Schilderung von Ditte z. B. beinhaltet neben der psychologisch genauen und einfühlsamen Darstellung dieser kleinen Person gleichzeitig die Schilderung der sie umgebenden gesellschaftlichen Faktoren, die das Kind und seine Entwicklung beeinflussen und prägen. Beides erscheint als Einheit, als notwendige Einheit und wird lebendig in dem konkreten Kind Ditte.
Ein Fach, eine Profession, ein Beruf, der Menschen in dieser Einheit begreift und behandelt, der machte mich neugierig. Ich begann als Externe – in Abstimmung mit meinem damaligen Arbeitgeber, dem Jugendamt in Wiesbaden – ein Studium der Sozialen Arbeit in Frankfurt am Main. Und ich genoss es in vollen Zügen. Für jemanden, der voll in der Praxis integriert ist, bedeutet es einen Hochgenuss, z.B. einen ganzen Nachmittag über einen konkreten Fall debattieren zu dürfen. Dafür hat man in der Praxis manchmal gerade mal eine Viertelstunde….
Endlich war ich also da angekommen, wo mein Menschenbild zu Hause war.

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Schöne neue fremde Welt – Gedanken einer Frau mit 72

Meistens denke ich, wenn ich auf der Straße ältere Frauen oder Männer sehe: Ach, was sind die alt – und fühle mich selbst noch wie 50, oder 45 oder manchmal auch noch wie 20.
Aber mitunter fühle ich mich auch genauso alt, wie ich bin.
Und dann kommen mir solche Gedanken:

Seit einigen Jahren kenne mich nicht mehr aus. Die Welt, die mich umgibt, wird mir immer fremder.
Der unerbittliche Konsumzwang, die Energie und innere Beteiligung, die von dem verlangt wird, der konsumiert, sind mir zuwider. Ich fühle mich versklavt. Diese Zeitverschwendung, wenn ich mich zwischen 73 Varianten entscheiden muss, wenn ich etwas Einfaches, für mich nicht weiter Wichtiges brauche. Die Leute nennen das: Freiheit. Ich habe das Gefühl, dass man mir meine Zeit, meine Lebenszeit stiehlt.
Gestern hörte ich im Radio von einer Brille, die man aufsetzen kann, damit man die Werbung überall nicht mehr sehen muss. Die Bildschirme um einen sind dadurch dann plötzlich leer. Was für eine Welt, wo aus den Verwerfungen des Geldmachens wieder neue Chancen fürs Geld machen entwickelt werden!
Konsum als Alltagsereignis. „Wir gehen mal shoppen“. Ein Lebensbedürfnis wie Essen und Trinken, wie es scheint.
Und was kaputtgeht, wird nicht repariert. Neukauf ist billiger. Was schon 2 Jahre auf dem Buckel hat ist out und nicht mehr tragbar.

Dazu fühle ich mich ausspioniert. Wenn ich mir bei Ebay etwas angesehen habe, überfällt mich nach wenigen Minuten von allen Seiten Werbung zu dem Produkt, was ich mir ansah. Ich will nicht ständig umzingelt werden von virtuellen Leuten, die mich duzen und mir was verkaufen wollen. Ich ziehe eine übersichtliche, halb leere Webseite diesem Wirrwarr und dieser totalen Distanzlosigkeit vor. 

Es gibt noch viele andere Fremdheiten in dieser schönen, neuen Welt, viele davon hängen mit der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung zusammen:
Die Bedienung meines ersten Handys war für mich auch mit 40 damals schon eine große Herausforderung. Die Verschickung meiner ersten Mail erschien mir wie eine Heldentat. Der intuitive Umgang mit der medialen Elektronik blieb und bleibt mir bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. Was ich kann, versuche ich immer noch spontan auf der kognitiven Ebene zu lösen, auf der ich früher technische Aufgaben lösen konnte: Schalter an, Schalter aus.
Anfangs lernte ich noch sehr bereitwillig und glaubte auch, Schritt halten zu können. Mit dem PC kann ich inzwischen durchaus eine Menge anfangen. Aber sobald nicht das passiert, was ich erwarte, stehe ich im Wald. Meine Kinder fummeln ein wenig herum, sagen, sie hätten auch keine Ahnung, probieren dies und das, und dann ist es gut, dann ist es da. Ich kann verdammt noch mal nicht auf diese Weise kommunizieren, nicht mit Menschen und gar nicht mit Maschinen. 
Die Digitalisierung, die inzwischen erbarmungslos und allgegenwärtig in allen Lebensbereichen um sich greift, bringt mich zur Weißglut und setzt mir zu. Heute kann ich das alles auch nicht mehr umlernen. Ich frage mich, wie die anderen alten Leute es schaffen, die nicht wie ich seit 20 Jahren mit dem PC auf du und du leben. Jeder Fahrkartenkauf, der Versuch, im Hotel an eine Tasse Kaffee aus den Automaten zu kommen, der Besuch der Sauna mit ihrer Eingangselektronik, all das wird für mich zu einer bedrohlichen Herausforderung. Sobald ich dann Stress empfinde, bin ich nicht mehr in der Lage, die Aufgaben zu lösen.
„Aber schauen Sie, das erklärt sich doch von selbst, das steht doch da, das ist doch ganz leicht“, sagt die Frau in der Stadtbücherei, als es mir nicht gelungen war, meine geliehenen Bücher ordnungsgemäß selbst und digital wieder abzugeben. Immer öfter stehe ich vor solchen Aufgaben. Ich verlaufe mich in der Stadt oder verfahre mich und bin dann vor Stress nicht mehr in der Lage, mein Smartphone oder das Navi zu bedienen.

Und ich spüre, ich will das auch nicht mehr können müssen. Und ich habe auch keine Lust, meine Kraft darein zu setzen. Zumal ich Digitalisierung immer als unpersönlich, formal, menschenfeindlich und kalt empfand und auch heute empfinde. Und Coroan hat diese Entwicklung auf eine für mich unerträgliche Weise gesteigert. Aus onlin-Konferenzen steige ich aus, weil ich gar nicht wirklich hineinkomme und das System mich anmahnt, ich hätte mich schon viermal angemeldet.  Besprechungen per Skype mit mehr als zwei anderen Personen empfinde ich als leichten Psychoterror. Alle Welt versucht, als der Not eine Tugend zu machen und die Lobpreisungen der digitalen Möglichkeiten fliegen mir um die Ohren. Nicht mit mir.
Dieses hier scheint nicht mehr meine Welt.

Die anderen, gerade auch Menschen meiner Generation, reisen wie die Wahnsinnigen um und in die Welt. Die große Freiheit, reisen zu können, wohin man nur will –  ich habe keine Lust dazu. Ich erwarte auch gar nicht, ein Land und seine Leute wirklich kennen zu lernen, wenn ich eine Woche dort im Hotel lebe. Und es strengt mich zu sehr an. Ich habe Angst vor den vielen fremden Eindrücken, den fremden Menschen, den fremden Regeln. Als ich meine Tochter in Oslo besuchte und auf dem Flughafen den Ausgang nicht fand, wunderten sich die Freunde, die mich begleiteten. „Aber da steht es doch!“ Da stand so viel. Ich kann oft nicht mehr unterscheiden, was Werbung und was Information ist. Ich fühle mich ausgeliefert und verlassen in einer solchen Welt. Und überfordert, hoffnungslos überfordert. Und wütend.

Andere bemühen sich um Anschluss an die heutigen Erscheinungsformen gesellschaftlichen Lebens. Sie wissen, dass sie auf diese Weise eher jung bleiben bzw. für jung gehalten werden, wie man sagt. Ich merke, dass ich aufgebe, das ich solche Dinge meide, dass ich sie zu hassen beginne und mich abschotten möchte. Das ist wohl wirklich das Alter. Es hat mich also eingeholt.

Und es ist nicht nur das:
Zu dieser Fremdheit führen zugegebener maßen auch meine eigenen, ganz persönlichen Alterungserscheinungen und Erkrankungen. Ich meide Menschenansammlungen, Veranstaltungen, Märkte, Kaufhäuser… und es gibt Gründe dafür: Ich leide zum Beispiel unter Restlesslegs, ich kann nicht mehr schnell und nicht mehr lange laufen, ich habe überall in den Gelenken Arthrose, ich fürchte mich wegen meiner Osteoporose, zu stürzen, ich verliere ständig die Orientierung, ich erkenne Gesichter schlecht wieder bzw. kann sie im Gedächtnis nicht unterscheiden. Ich sehe nicht mehr so gut, wie die andern, höre im Gelärm keine einzelnen Töne mehr heraus, kann Gesprächen in lauten Kneipen nicht mehr folgen….

Nein, die heutige Welt ist nicht für mich gemacht und ich bin nicht mehr für sie geeignet.
Heißt es nicht, gerade in der letzten Zeit, die Alten würden von unserer Gesellschaft besonders geschützt. Rücksicht wird jedenfallls auf sie keine genommen.

Vielleicht war das ja schon immer so. Aber wenn man es dann selbst erlebt, ist es schon ziemlich entwürdigend.

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Meine Dachfirst-Figur

Wie kommt mein Dachfirst-Typ aufs Dach?

Nun habe ich ihn mit viel Liebe und Mühe fertiggebracht: den jungen Mann, der über die Dächer der Siedlung hinaus Ausschau halten soll vom First meines Daches.

Aber bisher habe ich keinen Dachdecker auftreiben können, der ihn da oben anbringen wollte.

Meine Kräfte reichen nur bis aufs Dach meiner Töpferwerkstatt. Damit wird er sich wohl bescheiden müssen.  

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