Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

Kapitel 6

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

5. Kapitel

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

Kapitel 4

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

Kapitel 3

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

Kapitel 2

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

(Tagebuchaufzeichnungen von 1993 – 1996)

Kapitel 1

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Wenn Leute, die sich gegen Diskriminierung auflehnen, selbst diskriminieren – ohne es zu merken? Was dann?

Anfang des Jahres hat man mir einen herben Schock versetzt.

Ich hatte in der Fachzeitschrift FORUM SOZIAL einen Text gelesen. Ich schätzte diese Fachzeitschrift sehr wegen ihrer guten, aktuellen Artikel und ihrer ungewohnten Kritikfähigkeit und Kritikbereitschaft am Sozialen System und an der eigenen Profession Soziale Arbeit. Der Artikel, den ich las, brachte mich aber auf der Stelle dazu , einen Gegentext zu schreiben.
Es geht um den Artikel „Soziale Arbeit und die Ideologie der Ungleichwertigkeit in Zeiten der Corona-Krise“, veröffentlicht im Forum Sozial 4/2020.Die vier AutorInnen sind durchweg SpezialistInnen zum Thema Diskriminierung.
Was ich vorfand, war für mich ein erschütterndes Beispiel dafür, dass auch Menschen, die sich selbst wissenschaftlich mit Diskriminierung befassen, in der Lage sind, ihrerseits hemmungslos Diskriminierungen zu begehen.

Um es konkret zu machen: Bei dem Text über die Ideologie der Ungleichwertigkeit in Zeiten der Corona-Krise ging es nicht um die insbesondere für sozial benachteiligte BürgerInnen massiven Kollateralschäden und die Zunahme der sozialen Ungleichheit, die durch die sogenannten „Corona-Maßnahmen“ weiter verschärft wurde. Es ging fast ausschließlich um die von den AutorInnen festgestellte Zunahme von Ideologien der Ungleichwertigkeit in rechtsradikalen Kreisen. Diese Tendenz nahmen sie unmittelbar und pauschal an der Gruppe der Gegner der Corona-Maßnahmen wahr.
So unterstellten sie pauschal den „Querdenkern“ Verhaltensweisen und Denkmuster, die sie bei der äußersten Rechten beobachtet hatten. Das heißt, sie steckten alle Corona-Maßnahmen-Gegner schlicht in den rechtsradikalen Sack. Im Umkehrschluss, werten und interpretieren sie dann alle Argumente, die von dieser Widerstandsbewegung geäußert werden, automatisch als rechts und rechtsradikal.
Die VerfasserInnen merkten zwar selbst an, dass es sich, wie sie sich ausdrücken „nicht ausschließlich um antidemokratische Veranstaltungen“ bei den Aktionen der KritikerInnen handelt. Die Tatsache aber, dass rechtsradikale und auch solche Menschen dabei sind, die andere als „Sündenböcke“ verbal angreifen, scheint ihnen als ausreichende Legitimation dafür, die  gesamte KritikerInnen-Szene pauschal und  generell als Gefahr für die Demokratie und als faschistischen Gefahr darzustellen und abzustempeln. Außerdem vermuteten sie frei weg, dass auch diejenigen unter den „Querdenkern“, die bisher nicht rechtes Gedankengut im Herzen bewegten, sehr unreife Persönlichkeiten seien, die sich leicht von den Rechten einfangen lassen.

Für die AutorInnen reichen also die Anwesenheit rechtsradikaler Menschen, die  sich unter die bürgerlichen, friedlich demonstrierenden, natürlich aber empörten Corona-Maßnahmen-GegnerInnen mischen, um anschließend, scheinbar mit bestem Gewissen, Folgendes zu tun:

  • Sie lassen die Mehrheit der Corona-Maßnahmen-Gegner schlicht unter den Teppich fallen und setzen sich nicht ansatzweise mit ihren Argumenten und den von ihnen vorgelegten Fakten auseinander, (Anwälte für Aufklärung 2020;  Stiftung Corona-Ausschuss 2020), ja sie nehmen sie überhaupt nicht zur Kenntnis.
  • Sie stecken die Mehrheit der Corona- Maßnahmen-Gegner in einen Sack mit Rechtsradikalen, Spinnern, Geisteskranken, geistig Unterentwickelten oder, wie sie sagen, „Gruppen mit weniger gefestigtem Weltbild“ .
  • Sie werfen der Mehrheit der Corona- Maßnahmen-Gegner von vorneherein pauschal Sozial-Darwinismus, Entsolidarisierung, Rassismus und sogar Antisemitismus vor bzw. deuten deren Argumente entsprechend um.
  • Sie gehen davon aus, dass sich „die Grenze zwischen gewaltbereiter Neonazi-Szene und gesellschaftlichen Gruppen mit weniger gefestigtem Weltbild immer weiter … vermischen“. Hier wird eine Differenzierung nicht nur nicht vorgenommen. Sie wird offenbar auch nicht für nötig gehalten.
  • Sie beschwören ein Feindbild und beziehen dieses nicht nur auf diejenigen, die ihren Vorwürfen entsprechen, sondern gleich auf alle KritikerInnen der Corona-Maßnahmen und schüren somit die Spaltung unserer Gesellschaft selbst.

Dieses Vorgehen ist absolut undemokratisch.

  • Seit wann gilt nur eine Meinung in unserem Land und die, die diese Meinung nicht teilen, können – ja müssen – diffamiert und angegriffen werden?
  • Seit wann ist ein wissenschaftlicher Diskurs über einen Gegenstand etwas Verbotenes? Die vielen WissenschaftlerInnen (u. a. Prof. Dr. Bhadi, Prof. Dr. Mölling, Prof. Dr. Streek, Prof. Dr. Wodarg), die die Corona-Maßnahmen kritisieren, werden seit Monaten insbesondere von den Medien mehrheitlich diffamiert, diskreditiert und aus dem öffentlichen Meinungsbild so gut wie ausgeschlossen. Es geht nicht darum, ihnen zuzustimmen, sondern darum sie ernst zu nehmen und mit ihnen in einen fairen wissenschaftlichen Meinungsaustausch zu treten.

Somit handelt es sich bei dem von mir hier vorgestellten Text um eine Diskriminierung und Verunglimpfung von kritisch denkenden, sich verantwortlich fühlenden Menschen unserer Gesellschaft. Das Recht für eine solche Diskriminierung leiten sie schlicht aus ihren Vorurteilen ab.
Es scheint wie ein Treppenwitz: VertreterInnen der Profession Soziale Arbeit, die sich vehement gegen jede Diskriminierung wenden, diskriminieren ihrerseits Mitmenschen – ohne die geringste belastbare Wissengrundlage über deren Argumente und Absichten – „in aller Unschuld“ und in Bausch und Bogen. Aber so funktioniert Diskriminierung ja immer.
Dieses Vorgehen ist nun nicht besonders originell.
Leider handelt es sich um eine in der gesamten Bevölkerung derzeit verbreitete, mediengesteuerte Diffamierungskampagne.
Dass sich allerdings Fachleute der Sozialen Arbeit in dieser hemmungslosen Weise daran beteiligen, ist schon erstaunlich.

Mein Gegen-Artikel wurde vom Redakteur des FORUM SOZIAL abgelehnt und nicht veröffentlicht. Damit endete eine Jahre lange gute und einvernehmliche Zusammenarbeit in Fragen der kritischen Sozialen Arbeit, was ich sehr bedauere.

Seine erste Reaktion war noch verhalten positiv gewesen. Er sei ja froh, wenn es zu diesem Artikel Gegenwind gäbe, der ihm auch nicht gefiele. Und bis auf einen Punkt teile er meine Meinung durchaus. Nach längerer Überlegung aber teilte er mir mit, dass er den Artikel nicht veröffentlichen könne. Er verwies auf seine Mutter, der er auf alle Fälle Corona ersparen möchte und von daher meiner Argumentation nicht folgen könne.

Merkwürdig!
Ich bin die letzte, die seiner Mutter Corona wünschen würde und wäre sehr froh gewesen, wenn alte Menschen von der Regierung nicht weggesperrt, sondern wirklich geschützt und gestärkt worden wären.
Aber solche Argumente werden nicht gehört, wenn man in den Verdacht geraten ist, zu den „darwinistischen, menschenverachtenden Querdenkern“ zu gehören. Sehr schade!

Ich denke, dass er ganz einfach Angst hatte, selbst als Querdenker-Sympathisant diskreditiert zu werden.

Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Leserbriefe zu dem besagten Artikel habe ich keine gefunden. Vielleicht gab es keine. Wer weiß?
Gestern flatterte mir eine „Öffentliche Erklärung zur Corona-Politik“ ins Netz, die eine Gruppe von WissenschaftlerInnen herausgebracht hat. Dort finden sich plötzlich alle Kritikpunkte ausnahmslos wieder, die die Widerstandsbewegung, natürlich auch die wesentlichen Gruppierungen unter den Querdenkern die ganze Zeit seit Beginn des vergangenen Jahres vertreten haben. Für sie hatte das allerdings heftige Diskriminierungen, Diffamierungen, Ausgrenzungen, Verfolgungen bis hin zu Ehrverletzungen und bösartigen Verdächtigungen zur Folge und hat sie noch immer.

Ich habe mich gefreut über den Text (hier nachzulesen), frage mich aber, warum erst jetzt, wo sich allgemein eine Lockerung in den Mainstream-Medien breit macht, diese Kritik auf einmal geäußert wird. Ich hoffe, den Autoren ist klar, dass sie nur wiederholen, was vor ihnen schon viele gesagt haben und dafür heftig befeindet und als Schwerverbrecher angesehen wurden. Es wäre nur fair, sich auf ihre „VorgängerInnen“ zu beziehen.

Mich bewegen dabei viele Fragen:

Vielleicht wird die Kritik jetzt nicht mehr so heftig abgelehnt? Und wer rehabilitiert dann die, die wie in meinem Beispiel hemmungslos diskriminierten Menschen? Oder wird es den AutorInnen der neuen Erklärung vielleicht auch so gehen wie den anderen vor ihnen?

Und wie geht es meinem linken Redakteur, wenn er auf einmal die Argumente der Querdenker im Munde von Wissenschaftlern findet, die er hoch schätzt?
Er hat mich auch mal hoch geschätzt.

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Schöne, neue fremde Welt III

zu Teil I

zu Teil II

3. Und dann kam Corona.

Und Corona hat es nun fertiggebracht, uns zu zeigen, wie es doch ohne „Höher, Schneller, Weiter“ auch und besser geht. Trotz der massiven Kollateralschäden werden die Veränderungen gepriesen und begrüßt, die ganz so aussehen, als hätte die Gesellschaft endlich Vernunft angenommen, würde nicht mehr über ihre Möglichkeiten leben, würde die Umwelt schonen, den überflüssigen Stress ablegen, wieder zu sich kommen, wieder an Werte denken, wieder auf den Nächsten achten……
Die Wünsche vieler alternativ denkender Liberaler und auch Linker scheinen sich plötzlich zu erfüllen.
Dass auch Wünsche nach einer Führung, nach strengeren Regeln, nach einer Macht, die durchgreift und einem das Denken abnimmt, dabei in Erfüllung gehen, sehen sie weniger. Tatsächlich aber spricht die Bereitschaft der Massen, auch der intellektuellen Schichten, den immer willkürlicheren und irrationalen „Schutzmaßnahmen“ der Regierung gehorsam und bereitwillig zu folgen, klar dafür, dass eine starke Führung, die uns das Denken und die Verantwortung erspart, bereits angenommen und begrüßt wird.

Viele Menschen, zum Beispiel auch SozialarbeiterInnen, denken, dass nun endlich, nach der Corona-Krise, die Welt und speziell die Soziale Arbeit wieder anders, menschlicher gestaltet werden kann. Sie glauben, dass eine Veränderung eingetreten sei, die auf Dauer den Menschen wieder die Herrschaft über das Leben und die Welt geben könnte.
Ich fürchte, diese Idealisten werden unsanft aufwachen, wenn sich zeigt, dass die Machtverhältnisse geblieben sind und ihre Macht eine andere Sprache spricht als die einer humanistischen Erneuerung. Der alte politische und ökonomische Hintergrund ist bei und nach Corona genauso vorhanden. In vieler Hinsicht ist er sogar seinen Zielen durch Corona nähergekommen: Nicht nur, dass natürlich und bis auf weiteres keinerlei Geld mehr da sein wird – schon gar nicht für Soziales im eigentlichen Sinne. Es setzen sich sehr wohl auch jetzt schon – während Corona – Verschärfungen einer neoliberalen Entwicklung fort:
Die unaufhaltsame, unkontrollierte und unkontrollierbare Digitalisierung und Überwachung, die Distanzierung in der Gesellschaft und z.B. auch in der Sozialen Arbeit, der Bruch in der Gesellschaft zwischen den Reichen und dem Rest und der Bruch zwischen den Abgehängten und den MacherInnen…
Neulich schrieb mir jemand: „Dass Geschäftsleute in allem sofort ein Geschäft wittern und sich darauf stürzen, bedeutet für mich nicht, dass die Maßnahmen in der Pandemiebekämpfung unredlich sind, also zweckgebunden manipuliert werden. Gewinner dieser Art gibt es in jedem “Krieg“. So ist das.“
Die „Geschäftsleute“, die an Corona verdienen und ihre Macht ausbauen, das  sind aber leider keine redlichen Mitbürger und Kaufleute, sondern Milliarden schwere Konzerne, die ihren Profit nicht nur wittern, sondern voraussehend steuern und denen die Folgen ihrer „Geschäfte“ einen Dreck interessieren.

Doch da schimmert Hoffnung am ausgerechnet am kapitalistischen Horizont?
Die immer deutlicher proklamierte Chance eines „Great Reset“ scheint da für so manchen die erwünschte Wende weg vom neoliberalen System zu sein:
Wenn sich Regierungen und große Teile der Wirtschaft plötzlich für Umweltschutz, Bekämpfung von Hunger und Arbeitslosigkeit einsetzen, dann, so glauben viele, sei der Kapitalismus endlich „zur Vernunft“ gekommen.
Aber auch das ist nichts anderes, als eine neue der Strategie des progressiven Neoliberalismus: er verzichtet auf den grenzenlosen Wachstums-Wahn und macht sich selbst zum Vorreiter sogenannter progressiver Bewegungen wie den Umweltschutz, erklärt sich zum Durchsetzer einer Verbesserung unserer Schulen im internationalen Ansehen (durch die Digitalisierung), zum guten Menschenfreund. Er verdient nicht schlecht daran. Man tue nur einen Blick auf die Börsenlage und schaue sich an, wer in der Corona-Krise sein Vermögen vergrößert, ja verdoppelt hat. Aber das ist vermutlich nur ein Nebeneffekt. Der große Reset ist die Strategie, die Weltbevölkerung von dem abzubringen, was man ihr selbst seit Jahrzehnten eingehämmert hat: Dass es immer besser wird, immer schneller wird, immer höher hinausgeht. Genau wie man bisher diese profitfördernde Manipulation hinbekommen hat, genauso glaubt man jetzt, ihrer wieder Herr zu werden und sie aus den Köpfen der Menschen herausschlagen zu können.
Der Kapitalismus sorgt sich um seine Zukunft und schafft sich ein neue, weniger verwöhnte und anspruchsvolle Bevölkerung, mit der er gut weiter existieren kann.
Viele Menschen im Westen sind bereit, ihren verwöhnten und was vor allem die Umwelt betrifft rücksichtslosen Lebensstil zu ändern. Viele Menschen haben längst das Höher, Schneller, Weiter satt. Aber nicht sie selbst sollen die Konsequenzen ziehen und Veränderungen durchsetzen. Das macht man sicherheitshalber lieber von oben und mit gelindem Druck.
Und warum macht er das? Die Antwort ist nicht neu: Weil er Profite braucht und an der Macht bleiben will. Weil er sieht, dass die Welt durch die gegenwärtige neoliberale Strategie vor die Wand gefahren wird und damit auch seine eigene Existenz damit in Gefahr bringt.

Und die Kehrseite dieser Medaille?
Man muss nicht Kassandra heißen, um die folgende Entwicklung klar vorauszusehen:
Der neue Kapitalismus und seine Lobby werden den erzwungenen Wohlstandsverzicht, den die zu erwartende Wirtschaftskrise nach Corona erzwingen wird, im Interesse aller durchstellen. Es wird an allen Enden an Geld fehlen. Aber das vorhandene Geld wird weiter und wahrscheinlich zunehmend ungleich und ungerecht verteilt werden. Und die Menschen werden bereit sein, zu verzichten und dankbar dafür, dass sie überhaupt noch was abkriegen von ihren eingezahlten Steuern. Der Great Reset wird alle Menschen gleich machen, nämlich zu lauter SelbstunternehmerInnen in einer angeblich klassenfreien Welt, in der es keine Arbeitnehmerrechte und keine Arbeitgeberpflichten mehr geben wird. Er wird sich als Saubermann entpuppen, der Andersdenkende mit seinen Todschlag-Argumenten unterdrückt, d.h. sie in die Schranken weist, weil diese Menschen alle anderen anscheinend bedrohen und gefährden. So ist zu befürchten, dass das eigene Denken, das Verlangen der Menschheit, selbst über das eigene Leben und über die Geschicke der Mehrheit der Menschen entscheiden zu können, dass demokratische Rechte und Vorstellungen mit dem Verweis auf die klugen und selbstlos Herrschenden verweigert und mit Fußtritten versehen werden. Der neue Kapitalismus wird Trost spenden und Zuversicht vermitteln mit den alten Mitteln des Konsums und gleichzeitig eine diffuse permanente Angst unter den Menschen aufrechterhalten. Und schließlich erleichtert er die Gewissen durch die Schaffung eines Feindbildes, das von den eigenen Schweinereien so wunderbar ablenkt.

Und das Feindbild ist gefunden. Die Rechten haben dafür doch nicht so gut getaugt. Schließlich sind sie super-system-treu. Es sind die, die da nicht mitmachen wollen, die auf ihrer menschlichen Souveränität bestehen, die den Laden durchschauen. Sie sind nicht einmal links, was ich sehr bedauere. Aber sie sind erst einmal grundsätzlich Vertreter eines Anspruchs der Menschheit auf eine unversklavte und nicht manipulierte Existenz – auch im Kopf.

Ich mag in der Welt, die da auf uns wahrscheinlich zukommt, nicht mehr leben. Muss ich ja auch nicht mehr.
Aber ich mache mir große Sorgen um die Zukunft. Wegen meiner Kinder und meiner Enkelin.
Und wegen all denen, die nicht demnächst aus diesem Irrenhaus verschwinden dürfen.

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Beobachtungen einer Wessi in Ossiland

Von 1993 -1996

Interessiert so etwas überhaupt nach Corona noch? Immerhin war die „Wende“ ein bedeutendes historisches Ereignis vor nicht allzu langer Zeit. Seit Corona hat man ständig das Gefühl, alles, was vor Januar 2020 war, sei schon Ewigkeiten her und nicht mehr relevant.

Ich habe dennoch das Wagnis unternommen, meine authentischen Beobachtungen und Erlebnisse aus dieser Zeit in eine literarische Tagebuchfassung zu transportieren und werde sie der Öffentlichkeit vorstellen.

Diese sehr persönlichen, autobiographischen Tagebuchaufzeichnungen habe ich gemacht, als ich aus beruflichen Gründen 1993 in den Osten nach Jena in Thüringen übersiedelte und versuchte, dort heimisch zu werden. Sicherlich sind meine Erfahrungen vermutlich nicht typisch für eine Wessi, die damals in den Osten ging. Sie sind auch nicht euphorisch. Es sind meine spezifischen Sichtweisen und Erlebnisse in dieser Zeit und an diesem Ort. Dennoch meine ich, dass es lohnt, sie zu bewahren und allen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, mitzuteilen.

Trotz Corona und auch nach 30 Jahren ist das Thema „Wiedervereinigung“ noch nicht erledigt. Da gibt es noch viel zu begreifen und zu tun, denke ich.

Inzwischen lebe ich noch immer im Osten, allerdings mehr im Nordteil, bei Berlin. Diese Ortsveränderung von Jena nach Oranienburg war eine der Folgerungen aus den Erfahrungen jener Zeit.

Das Tagebuch wird voraussichtlich bei epubli veröffentlicht und wird dort käuflich zu erwerben sein.
Für die LeserInnen meines Blogs werde ich sie als wöchentliche Fortsetzungsgeschichte posten.

HIER GEHT ES LOS:

Kapitel 1

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Schöne, neue, fremde Welt II

„Nein, die heutige Welt ist nicht für mich gemacht, ,und ich bin nicht mehr für sie geeignet.
Heißt es nicht, gerade in der letzten Zeit, die Alten würden von unserer Gesellschaft besonders geschützt? Rücksicht wird jedenfalls auf sie keine genommen. Vielleicht war das ja schon immer so. Aber wenn man es dann selbst erlebt, ist es schon ziemlich entwürdigend.“

Mit diesen Worten endete der erste Teil meiner Gedanken zu unserer „schönen, neuen, für mich fremden Welt“.
Aber da ist noch viel mehr als die Erfahrung des Alters. Und das will ich hier nicht verschweigen:
Ein wichtiger Bereich meiner Entfremdungserfahrungen ist die aktuelle politische, gesellschaftliche Entwicklung:

Seit ich nicht mehr ständig mit Studierenden zu tun habe und nicht mehr mit jungen Leuten zusammen Politik mache, entgleitet mir die Welt auch auf der politischen Ebene zusehends.
Doch auch schon in meinen kämpferischen Zeiten vor knapp 10 Jahren gab es die unangenehme Erfahrung, dass mein politisches Wissen und meine politische Vergangenheit veraltet, das heißt, nicht mehr aktuell waren in den Augen der anderen. Ich wurde immer öfter damit konfrontiert, dass man mich für einen „Dinosaurier“ hielt und meinte, ich würde mir zum Beispiel die positive Sicht der Jugendhilfe-Vergangenheit einfach zusammenträumen, so wie es eben alte Menschen tun.
Aber:
So vieles, was früher an Rechten erkämpft und endlich selbstverständlich war, galt nicht mehr. Ja, die Jüngeren konnten sich daran nicht erinnern, leugneten einfach die Fakten und belächelten sie als Traum-Tänzerei. Meine eigene Tochter hielt es zum Beispiel für anmaßend, als Arbeitslose zu fordern, nur solche Job-Angebote zu erhalten, die im erlernten Berufsfeld liegen. Wieso sollte man darauf einen Anspruch haben, fand sie.
Diese Ignoranz und Unkenntnis bezogen sich vor allem auf politische Realitäten der jüngeren Vergangenheit: Niemand konnte und kann noch etwas mit der Arbeiterbewegung anfangen. Als ich in einer AKS-Gruppe von dem Film „Kuhle Wampe“ sprach, lachten alle. Sie hatten noch nie etwas davon gehört. Die Errungenschaften der Arbeiterschaft, die betriebliche Mitbestimmung, der Kündigungsschutz, die Arbeitnehmerrechte… alles seit Beginn des Neoliberalismus zurückgespult – werden von den Heutigen für Märchen gehalten und inzwischen sogar für maßlose und unberechtigte Forderungen.

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